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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-10-12 · 41 (12.10.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
41 (12.10.1894)
Date
1894-10-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 786 DeklerreiiMche WochenschrM Nr. 41 Was sonst das Verhalten der eingewanderten Juden j betrifft, so weist die mitgetheilte Verbrecheistalistik nach, daß! bei ihnen ein Verbrecher auf 1081 Seelen kommt, bei der Gesammtbevölkerung Londons einer auf 993. Der Bericht bemerkt dazu. „Dies bestätigt die von Kennern der ein gewanderten Juden wiederholt ausgesprochene Ansicht, daß sie im Allgemeinen ein friedliches, den Gesetzen gehorsames Völkchen sind." Jntereffant ist es auch, daß wohl viele jüdische Mädchen in den Werkstätten arbeiten, aber äußerst wenig verheiratete. Die jüdische Gattin bleibt auch in den ärmlichsten Verhältnissen im häuslichen Kreise. Die Vortheile und Nachtheile der jüdischen Einwanderung zusammenfassend, schließt der Bericht, ohne bestimmte Anträge zu stellen mit der Hervorhebung von zwei zu berücksichtigenden Umständen: 1. Man darf die Einwanderer nicht blos als mit den heimischen Arbeitern concurrirende Producenten betrachten, sondern bedenken, daß sie auch Consumenten sind, welche anderen Arbeitern Gelegenheit zu lohnender Production geben. 2. Der Zustand der Einwanderer bei ihrer Ankunft ist keine genügende Grundlage zur Beantwortung der Frage, ob sie später einen unerwünschten Zuwachs der Bevölkerung bilden werden oder nicht. L. Me Nereption der Juden vor dem ungar. Magnaten hause. Die ungarische Magnatentafel hat in ihrer Sitzung vom 8. Oktober 1894 den Gesetzentwurf über die R e c e p t i o n der Inden mit 109 gegen 103 Stimmen a b g e l e h n t. Alle katholischen und orthodoxen Prälaten stimmten mit Nein; die protestantischen Würdenträger Ja, Graf Franz Zichy Nein, die Fürsten Batthyany-Strattmann und Julius Odescalchi Ja, Palffy Nein, Graf Alexander Apponyi Ja, Graf Aurel Dessewffy Nein, Graf Paul Festetics Nein, Graf Ladislaus Hunyady Nein, Graf Nadasdy Ja, Graf Josef Zichy Nein (Heiterkeit), Alle Zichys Nein. Von den liberalen Baronen fehlten die meisten. Graf Elemer Batthyany Nein. Von den Ernannten fast Alle Ja, mit Ausnahme FML. Mariassy's, Luczenbacher fehlte auch heute. Baron Nyary Ja, Graf Szecsen Nein, Graf Emerich Szechenyi jnn. Nein. Um 1 Uhr verkündete der Präsident das Resultat der Abstimmung, wonach die Vorlage mit 109 gegen 103 Stimmen abgelehnt sei. Worin besteht eigentlich diese „Reception der Inden", welche durch ein Gesetz vollzogen werden sollte? Bürgerlich und politisch sind die Juden in Ungarn den Bekennern der anderen Confessionen gleichgestellt und gleichberechtigt. In religiöser Beziehung entbehren sie jedoch dieser Gleichstellung und Gleichberechtigung. Einem Juden ist es gestattet, zu irgend einer der christlichen Confessionen überzutreten; ein Christ jedoch darf nicht zum Judenthume übertreten, denn dieses gehört nichr zu den in Ungarn gesetzlich „recipirten" religiösen Bekenntnissen. Diese Reception sollte nicht vollzogen werden. Die Majorität der Magnatentafel hat sich dagegen ausgesprochen und zwar aus einem dogmatischen Grunde. Das Sacrament der Taufe ist ein unaustilgbares. Diese dogmatische Anschauung hatte der Staat in Ungarn zu der seinigen gemacht, indem er den Uebertritt vom Christenthum zum Judenthum gesetzlich untersagte. Dem Principe der Glaubens- und Gewissensfreiheit aller Staatsbürger entsprechend sollte nun endlich der Zwang, den bisher der Staat in dieser Beziehung ausgeübt hat, beseitigt werden. Die Magnatsntafel jedoch hat befunden, daß der Zwang fortbestehen und auch fernerhin vom Staate ausgeübt werden solle. Praktisch hat die Sache keine Bedeutung. Das Judenthum ist keine proselytenmachende Religion. Das Judenthum besitzt auch keine kirchlichen Institutionen, keinen Clerus, keine religiösen Orden. Der Uebertritt zum Judenthum bietet übrigens nirgends irgend welche Vortheile und ist in vielen Ländern sogar mit Nachtheilen und Opfern verbunden. Ohne die zwingendsten Gründe tritt also Niemand zum Judenthum über. Wer sich dazu aus innerstem Gewissensdrange entschließt, der wird auch das Martyrium nicht scheuen und daher bereit sein, das Land zu verlassen, in welchem dieser Uebertritt verboten ist, um in ein Land zu ziehen, wo er sich ungehindert zum Judenthum bekennen darf. Menschennaturen solcher Art, die mit ihrem ganzen Sinn in dem religiösen Empfinden aufgehen, sind selten. Es muß hervorgehoben werden, daß die Debatte über die Reception der Juden im ungarischen Magnatenhause durch keine einzige Kundgebung des Antisemitismus entwürdigt wurde. Die Gelegenheit dazu war vorhanden, allein je clericaler ein Redner war, desto mehr bemühte er sich, dem Vorwurfe zu begegnen, daß seine ablehnende Haltung im Antisemitismus wurzle. Noch niemals vielleicht wurden die Juden von den Ultramontanen und Clericaleu mit einer solchen Fülle von Lob und Anerkennung überschüitet, wie das gestern in der ungarischen Magnatentafel der Fall gewesen ist. Der Führer der ultramontanen Partei, Graf Ferdinand Zichy, that sich in dieser Beziehung besonders hervor. Er überfloß förmlich von „Verehrung und Sympathie für seine jüdischen Mitbürger". Auch der Obersthofmarscholl, Graf Anton Szecsen, der wieder in der Magnatentafel erschienen war, um seinen oppositionelle!: Standpunkt gegen das Cabinet W ekerle zu motiviren, erklärte sich ausdrücklich als der entschiedenste Gegner aller antisemitischen Bestrebungen, um nicht in den Verdacht zu gerathen, daß man als „Antisemit" gegen den Gesetzentwurf stimme. „Etwas weniger Liebe für die Juden und dafür etwas mehr Gerechtigkeit!" rief der Justizminister Szylagyi diesem Herrn treffend zu. Wie sehr auch das ablehnende Votum der ungarischen Magnatentafel vom Standpunkte der liberalen Principien zu bedauern ist, so muß doch die Thatsache anerkannt werden, daß in Ungarn der Antisemitismus aufgehört hat. parlamentsfähig zu sein, daß dort die Gifttriebe des Antisemitismus verdorrt sind, daß der Antisemitismus sich nicht mehr auf die politische Tribüne wagen darf. Nachstehend der Bericht über die Versammlung: Präsident Kronhüter Josef v. S z l a v y eröffnet die Sitzung des Magnatenbauses um 10 Uhr Vormittags. Als Schriftführer fungiren: G a l l, G y u l a i, Baron Rudnyansky. Bon Seite der Regierung sind anwesend: Minister-Präsident Wekerl^e und die Minister S z i l a g y i, Baron E ö t v ö s, Graf Andrassy, H i e r o n y m i, Baron Fejervary, Josipovich. Auf der Tagesordnung steht die Vorlage über die israelitische Religion. Schriftführer G a l l verliest den Ausschuß-Bericht. Paul Szontagh. Excellenz, Herr Präsident und Kronhüter! Hohes Haus! Würde mich nichts Anderes zur Annahme dieses Gesetzentwurfes aneifern, so wäre es schon das unabänderliche und unantastbare Princip des Humanismus und der ewigen Gerechtigkeit. Allein, ich würde noch viele andere Argumente hiefür finden. Im Besonderen scheint Ungarns Judenschaft an der Annahme dieses Gesetzentwurfes festzuhalten, sie erachtet daher denselben für sich als nützlich; jener Stamm, der sich am meisten dem ungarischen Element affimilirt hat. Ueberdies ist es der Judenschaft in Ungarn niemals eingefallen, einen Staat im Staate bilden zu wollen. Wenn — wie gesagt — nicht schon diese Thatsachen mich zur Annahme des Gesetzentwurfes aneifern würden, würde ich doch genug andere Argumente dafür finden. Das hohe Haus wolle mir gestatten, daß ich vom Niveau des hohen Pathos herabsteige und hiezu eine gewisse Berechtigung in Anspruch nehme; denn jene Berathungs-Ordnung, welche ich in diesem hohen Hause wahrzunehmen Gelegenheit hatte, berechtigt auch mich vielleicht, ein Argument für die Annahme dieses Gesetzentwurfes wenn nicht als hochtönende ewige Wahrheit, so doch aus dem Gesichtspunkte des Humanismus vorzubringen. Als Johann Kemeny, einst Fürst von Siebenbürgen, nach Wien kam, um für seinen Herrn, für Gabriel Bethlen, im Hause Habsburg-Lothringen eine Gemalin zu suchen, wo er richtig einen Korb bekam, da begegnete er häufig dem Cardinal Peter Pazman, Erzbischof von Gran, der ihm — wie in Kemeny's Memoiren zu lesen — Folgendes sagte: „Mein lieber Herr Vetter! Ein Glück, daß in Siebenbürgen ein nationaler Fürst zu floriren scheint; denn wenn dies einmal aufhören wird, dann wird man hier in Wien den siebenbürgischen Herren und Prälaten hinter den Kragen speien." So sprach der Cardinal. Nun will ich die Analogie aufstellen und sagen: Fürwahr, es ist ein Glück, daß in der österreichisch-ungarischen Monarchie die Juden — wie Einige behaupten — einen so großen Einfluß haben, daß sich schon die Nothwendigkeit zeigt, sie gesellschaftlich zu verschmelzen — darüber herrscht aber kein Zweifel, daß dies in finanzieller Hinsicht nothwendig ist —; daß sie also in gewisser Hinsicht schon eine gewisse Macht erlangt haben; denn wenn die reactionäre oder sagen wir die neuere Richtung überhand nimmt und wir durch Verwerfung dieses Gesetzentwurfes wieder um einen Schritt zurückfallen, dann werden wir auch sagen können: wenn die neue Richtung einmal über die Sache der Juden den Sieg davonträgt, dann wird man alsbald auch den Lutheranern und Calvinern auf den Kragen speien, wie der Cardinal sagte.

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