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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-10-12 · 41 (12.10.1894) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
41 (12.10.1894)
Date
1894-10-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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fk'h. - Nr. 41 Vrsterreichifchr WochenfchrV versinkt nie in die Charakterschwäche, in die sonst der professionelle Bettler verfällt." „Er nimmt die Unterstützung an, die er bekommen kann, aber er gibt deshalb sein Bestreben nicht auf, etwas zu verdienen. . . Wie ein hinreichendes Einkommen ihn nicht abhält, sich nach Unterstützung umzusehen, so hält ihn die Empfangnahme von Almosen nicht ab, nach Erwerb zu suchen. In der That betrachtet er mitunter die Unterstützung durch den jüdischen Hilssverein (Jewish Board of Guardians) einfach als ein Mittel, seine Lage zu verbessern" . .. „Aber er verliert seltener als der christliche Arme die Fähigkeit, sich selbst zu helfen." Außer dem erwähnten, im Jahre 1859 gegründeten Hilfsverein und in gemeinsamer Thätigkeit mit diesem nahm sich auch das speciell zur Unterstützung der aus Rußland Vertriebenen gebildete Comite (Russo - Jewish Gomittee) ihrer an. Beide sorgten vorzüglich für die Neuangekommenen durch Almosen und Darlehen, suchten ihnen Beschäftigung zu verschaffen, ihre Auswanderung oder wenn thunlich, die Heimkehr zu befördern und durch Freischulen zu ihrer Anglisirung beizutragen. So wurden von ihnen 1891 über 2000, in den Jahren 1892 und 1893 je 2500 Personen aus London entfernt. Auch haben sie behufs rascherer Angltsirung über 400 Knaben als Lehrlinge bei verschiedenen Handwerkern außerhalb der von Juden bewohnten Stadttheile untergebracht, davon 135 bei Tischlern, Tapezierern und Holzarbeitern, 35 bei Ingenieuren und Metallarbeitern, 45 bei Schuhmachern, 24 bei Schneidern, 27 im Baugewerbe, 48 bei Buchdruckern und Lithographen, 20 bei Lederarbeitern. Höchst wohlthätige Einrichtungen sind auch das 1886 errichtete Asyl, in welchem die Neuangekommenen für je höchstens 14 Tage gratis Wohnung und Kost finden, und das „Mädchenheim" (Homo for Jewish girls). Der Agent des Frauenvereines begibt sich auf jedes ankommende Emigrantenschiff und bringt die alleinstehenden Mädchen in das Home, wo sie so lange bleiben, bis die Familie aufgefunden wird, der sie angehören oder bis sie einen Erwerb finden. Im letzteren Falle bezahlen sie gewöhnlich dem Home die Kosten ihres Aufenthaltes. Ist die Lage aller Vertriebenen an und für sich eine traurige, so erscheinen uns diese armen Mädchen doppelt bemitleidenswerth. In wenigen Zeilen des Registers des Mädchenheims ist manchmal eine ganze traurige Familiengeschichte enthalten, manchmal ein Beispiel erfolgreichen Kampfes um's Dasein gegeben. So z. B. :>ir. 48: „Keine Bekannten gefunden, blieb drei Tage im Heim und ging dann in Dienst, hatte zehn Mark mitgebracht, ersetzte dann die Kosten". Nr. 129: „Eltern nach Sibirien verbannt, blieb ein halbes Jahr im Home, etablirte sich dann als Kleidermacherin und prosperirt". Nr. 121. „Als Dienstbote untergebrachl, ersetzte dem Home die Kosten und ist bemüht, die Reisekosten nach Amerika zusammenzusparen" u. s. w. Die von beiden Vereinen errichteten Abendschulen für Erwachsene wurden im Winter durchschnittlich von 500 Schülern besucht, die große jüdische Freischule in Bell Lane wurde im Jahre 1893 von 3582 Kindern besucht, von denen 1358 außerhalb Englands geboren waren; von 1628 waren die Väter Ausländer. Außerdem besuchten 2490 außerhalb Englands geborene Judenkinder und 3848 jüdische Kinder von Nichtengländern die allgemeinen Volksschulen. In der jüdischen Schule bekommen die Kinder gratis Kleidung und zum Theil auch die Kost, weshalb auch der Zudrang zu ihr ein ungeheurer ist. Ganz erstaunlich sind aber die Resultate in dieser Schule: „Die Kinder treten als Polen oder Russen in die Schule ein und verlassen sie oft als vollkommene Engländer. Aehnliche Erfolge zeigen sich bei den die andern Schulen besuchenden Kindern. Nur klagen die Lehrer, daß die Kinder durch den Gebrauch einer fremden Sprache zu Hause in ihren Fortschritten gehemmt werden." Die zweite Generation der Eingewanderten nimmt noch mehr englischen Charakter an. Viele derselben assimiliren sich Seite 785 ganz den englischen Juden und verlassen die bisher bevorzugten östlichen Stadttheile. „Bei manchen bewirkt der schnelle Uebergang von despotischer Regierung und Polizeiaufsicht zu englischer Freiheit einen vollständigen Bruch mit allen ihren alten gesellschaftlichen und religiösen Anschauungen." „Allerseits wird die fortschrittliche Natur des fremden Juden anerkannt und der frohe Eifer, mit dem die „Grünen" sich Entbehrungen unterziehen in der Hoffnung, ihre Lage zu verbessern." „Unzweifelhaft sind es nicht die ökonomischen Verhältnisse allein, welche den russtschen oder polnischen Juden nach England locken; eine große Anziehungskraft üben auch die persönliche Freiheit und der Abgang aller lästigen Beschränkungen aus. Aber, wie dem auch sei — die überwiegende Mehrzahl der Eingewanderten zieht ihre neue Heimat der alten vor." Fragen wir nun, ob auch die neue Heimat mit den Einwanderern zufrieden ist, so geben uns auch hierüber die Berichte eine unparteiische Antwort. Wie sie in der Vorrede erklären, nur die ReMate der Untersuchung geben zu wollen, ohne irgendwelche Vorschläge zu machen; wie sie, von den Charaklereigenthümlichkeiten derJuden sprechend, es ablehnen, darauf einzugehen, ob diese Rasseeigenschaften die Folge der socialen Verhältnisse sind, ebenso begnügen sie sich am Schluffe mit Zusammenfassung der günstigen und ungünstigen Umstände, es den Lesern, respective dem Parlament überlassend, sich eine selbstständige Ansicht zu bilden. Für die nichtjüdischen Concurrenten in Gewerbe und Industrie ist selbstverständlich der Einfluß der eingewanderten Juden auf Löhne und Preise das Wichtigste. In dieser Beziehung ergeben die Berichte folgendes Resultat: Im Schusterhandwerk sind die Löhne für feinere Arbeit etwas gestiegen, die ordinärere Arbeit liefernden Juden haben also den befferen Arbeitern jedenfalls nicht geschadet. In manchen Branchen dieses Handwerks zeigt sich eine gewisse Theilung der Arbeit. Der geschicktere englische Arbeiter arbeitet für eine Classe von Abnehmern, der minder geschickte Jude für eine andere; ein Uebergreifen von einem Gebiet in das andere findet gar nicht oder nur in geringem Maße statt. In beiden Classen ist die Production stark gestiegen, und die englischen Arbeiter haben in neuester Zeit eine Lohnerhöhung durchgesetzt. „Wie sehr man auch die Leiden der ausgebeuteten Juden (evils of sweating) dieser Branche in ihrem Interesse bedauern mag, die englischen Arbeiter können sich weder über directe noch über indirecte Concurrenz beklagen." — „Dierussischen Juden in London produciren größtentheils ordinäre Stiesel und Schuhe, welche unter den gegenwärtigen Verhältnissen von den englischen Arbeitern nicht geliefert werden könnten und deren Production ohne die Juden in London nicht vor sich gehen würde und daher in die Provinz oder ins Ausland verlegt werden müßte. Dies wird auch dadurch bestätigt, daß die Ausfuhr dieser Gattung Schuhwaaren in den letzten 6 Jahren um mehr als fünfzig Percent gestiegen ist." „Die Juden als billige anspruchslose, für kleine Werkstätten besonders geeignete fleißige Arbeiter haben wenigstens für eine Zeit die Vernichtung des kleinen Handwerks durch d ie gr o ße Mas ch inen industr i e aufgeh a l t e n." „In der Mäntelfabrikation haben die Juden ein besseres System der Organisation und bessere Arbeit eingeführt und eine erfolgreiche Concurrenz mit Deutschland angebahnt." „Bei alledem ist der jüdische Arbeiter bei seinem englischen Collegen nicht beliebt. Man wirft ihm vor, daß er kein Gefühl für Standeswürde habe, sich wenig um die allgemeinen Einrichtungen des Handwerks kümmere und sich in kein bindende Uebereinkunft für dessen Verbesserung einlassen wolle." Wir unsererseits begreifen es sehr wohl, warum der bedrückte und vertriebene Jude sich seiner Würde nicht bewußt rst und sich im Andenken an die russische Polizei in keine bindenden Vereinbarungen einlassen will.

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