Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 41 (12.10.1894)
- Date
- 1894-10-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 784 DrstevveiWfchr WmtzrnsthMk Nr. 41 Haupt in diesen Jahren 12.607 beziehungsweise 7538 und 7721 Juden in England eintraftn. Auffallend ist es, daß sich unter diesen durchschnittlich bei achtzehn Percent Kinder befanden, während bei nichtjüdischen Einwanderern nicht mehr als sechs bis sieben Percent Kinder waren. Von den Eingewanderten verblieb, wie bereits erwähnt, der größte Theil in London, wo die Zahl der ansässig gebliebenen russisch-polnischen Juden i. I. 189 t beinahe 27.000 betrug, unter einer Gesammtzahl von circa 80.000 Juden überhaupt. Nennenswerthe Zahlen finden wir außerdem nur noch in L e e d s (4500) und Manchester (5000). In der Hauptstadt waren es wieder besondere Stadttheile im Osten (Whitechapel, St. George’s in The East und Mile End Old Town), welche von den Eingewanderten bevorzugt und gewissermaßen zu einem freiwilligen Ghetto gemacht wurden. Es datirt diese Vorliebe aus der ersten Zeit der Wiederzulassung der Juden im siebzehnten Jahrhundert. Ob ihnen damals dort der Aufenthalt angewiesen wurde oder ob sie ihn freiwillig wählten, weiß man nicht; aber es ist begreiflich, daß die Neuankommenden sich an die alte Gemeinde ihrer Glaubensgenossen anschlossen. Sie fanden dort häufig Verwandte unter den früher Angekommenen und, wie der Bericht hervorhebt, ihre Synagoge die „Chewras", die jüdischen Wohlthätigkeitsinstitute, darunter die große Freischule, welche den Schülern Kleidung und theilweise auch Kost gab, sowie die Verkaufsstellen für „Koscherfleisch" und die jüdische Volksküche. Außerdem sind auch in diesen Stadttheilen die Gewerbe und Industrien concentrirt, in welchen die neuen Ankömmlinge am leichtesten Verwendung finden können. Es ist begreiflich, daß gegen diese centralisirend wirkenden Kräfte alle Bemühungen, durch Zerstreuung die Anglisirung der Neuankömmlinge zu befördern, vorderhand nur geringen Erfolg hatten. So finden sich denn von deren .Gesammtzahl nur ungefähr 1200 in der City und in Westminster. Bewachten wir nun die Lage und Beschäftigung der Eingewanderten so finden wir, daß die meisten mit geringen Mitteln oder ganz mittellos eintrafen, aber bestrebt waren, durch eigene Arbeit sich sortzubringen. Unterstützung beanspruchten und erhielten sie nur von ihren Glaubensgenossen und auch für diese war die Last keine große. Die Ausgaben für Unterstützung machten 1893 4‘/2 Schilling per Kopf der jüdischen Bevölkerung von 80.000 Seelen aus, während die Gesammtbevölkerung Londons 4% Schilling per Kopf auf Armenunterstützung verwendet. Zu den Gewerben, in denen die Eingewanderten am meisten beschäftigt sind, gehören die Schneiderei (im Jahre 1891 in London 6185, worunter 1581 Frauen), Schustergewerbe (1763, worunter 39 Frauen), Mützenmacherei und Kürschnerei (815, worunter 210 Frauen), Tischlerei 690, Baugewerbe (299), Bäcker, Fleischer u. dgl. 298. Ingenieure und Metallarbeiter gab es 61, Friseure 167, Cigarrenmacher 364 (worunter 113 Frauen), Uhrmacher 133, Matrosen 69, Kaufleute und Handlungsdiener 540, Hausirer 198, Buchdrucker oder Setzer 54 u. s. w. Im Ganzen waren von 23.666 Personen 12.100 in Gewerbe und Handel beschäftigt, bei400 (darunter 350 Frauen^ waren Dienstboten, bei 9500 (Kinder und verheiratete Frauen) hatten keine bestimmte Beschäftigung und 125 scheinen Rentiers gewesen zu sein (lives by own means). Auffallend ist die Zahl von 740 männlichen und 744 weiblichen Gelehrten (? — scholars) und noch merkwürdiger, daß kein einziger der Eingewanderten im Schankgewerbe beschäftigt war. Ungefähr im gleichen Verhältnisse war die Betheiligung der 5000 Juden in Manchester an den verschiedenen Erwerbszweigen. Doch waren hier 113 im Baugewerbe beschäftigt und gab es keine Seeleute. In ganz England war von den erwachsenen jüdischpolnischen Einwanderern mehr als ein Drittel im Schneid er- :, 2515 Männerim Schustergewerbe, 1481 als Tischler und Tapezierer, 567 (?) als Seeleute beschäftigt. Auch mag hier erwähnt werden, daß nach englischem Gesetze in den Werkstätten und Handlungen, in denen nur Juden beschäftigt sind, die Arbeit am Sonntag gestattet ist. Trotzdem fast alle Einwanderer sich der Arbeit zuwendeten, gab es doch ziemlich viel Armuth unter ihnen. Die Ursche derselben waren zumeist Krankheit und vorübergehender Mangel an Beschäftigung; häufig waren auch die Fälle, in denen von ihren Ehemännern, respective Vätern verlassene Frauen und Kinder in Noth geriethen. Auch das Spiel brachte Manchen zur Verarmung. Dagegen, hebt der Bericht hervor, kamen die bei den Engländern häufigsten Ursachen der Verarmung — Trunksucht und Müßiggang —bei den Juden fast gar nicht vor. „Was sie ferner über Wasser erhält, ist ihre geistige Elasticität. Sie ertragen viel leichter als der Engländer und ohne die bei diesem oft dadurch verursachte Demoralisation den Uebergang von hohen Löhnen zu niederen und umgekehrt. Wo der Engländer eher verhungert als den Lohn sich kürzen zu lassen, schmiegt sich der Jude den Umständen an und arbeitet für den Lohn, den er kriegen kann. Und geht es in einer Branche schon gar nicht, so wirft er sich mit Leichtigkeit auf eine andere. Der Pantoffelmacher macht im Frühjahr- Stiefel, der Schneider wird im Herbst Hausirer! Und wenn er schon gar keine Beschäftigung findet,-fährt der Bericht fort, verbringt er seine Mußestunden mit dem Talmud oder sonstiger jüdischer Literatur." In nächster Nachbarschaft von Booth Street in Whitechapel haben sie ihre Chewra oder Club und die kleine Synagoge, welche den ganzen -Tag zugänglich ist, was bei den meisten „Chewras" sonst nicht der Fall ist. Tritt eine Stockung im Schneidergewerbe ein, da füllen die ärmsten der fremden Juden die Chewra und disputiren eifrig über den Talmud, während einer von ihnen auf erhöhtem Platze in der Mitte des Zimmers einen Vortrag hält. Dieses Doppelleben des Juden, die Concentrirung der einen Hälfte seines Geistes auf den Gelderwerb, der andern auf die Geschichte und Literatur seines Stammes muß man verstehen, um seine Stellung in der industriellen Welt zu begreifen. Dadurch ist er im Stande, dem Leben Interesse abzugewinnen und auszuharren (enabled to survise and find an interest in life) unter Umständen, welche einem englischen Arbeiter unerträglich wären. Die Neigung des Juden zum Spiel ist schon erwähnt worden; der Bericht zeige aber noch, wie dies auf die Wahl seiner Beschäftigung einwirkt. Er zieht es vor, als selbstständiger kleiner Meister zu arbeiten und nicht in einem großen Etablissement als Arbeiter mit festem Lohn; er möchte aber eine Chance zum Emporkommen haben, die günstigen Conjuncturen ausnützen können; und dafür hat er die beste Gelegenheit in der kleinen billigen Bekleidungsindustrie. Es ist also nicht Unlust zu mechanischer Arbeit (not by any means indisposee to handicraft), welche ihn dieser Branche vorzüglich zutreibt. So schlägt er sich schlecht und recht durch, ist bald oben bald unten und derselbe Jude wird im Laufe weniger Jahre von dem englischen Concurrenten bald als Bettler verachtet, bald als Geldprotz gehaßt. „Der fremde Jude wird entweder ausgebeutet oder ist Ausbeuter" (either a sweatee or a sweater), sagte ein Mitglied eines Gewerbes, in dem die Juden starke Concurrenz machen, dem Berichterstatter. Dieser aber meint, beides sei übertrieben, und findet, daß der jüdische Unternehmer tüchtige Arbeiter den billigen und minder guten vorzieht. Deshalb gibt es auch keine eigentlichen Berufsarmen oder, wie der Bericht sagt, „panper in the strict legal sense of the term" unter den Eingewanderten. Es ist nicht die Rücksicht auf die nicht „koschere" Kost allein oder andere Bedenken, welche den armer. Juden abhalten, das öffentliche Armenhaus aufzusuchen. Aber er verliert nie die gerstige Energie,