Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 40 (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 780 Vrsterreichiptzr Ivvchrnptzrtst Jh. 40 Ist es deshalb, weil seinem der Erlöser der christlichen Welt entstammt? Ist es deshalb, weil er mir seinem Beispiele lehrt, wie man sein Volk und seinen Glauben liebt? Ist es deshalb, weil er als Mensch nicht fehlerfrei ist? Wer selbst ohne Sünden, werfe den. ersten Stein auf ihn. DerJude wird geschlagen, das stimmt, aber den Juden erschlägt man nicht. Tausende von Jahren wanderter auf derWelt, ohne Boden unter seinenFüßen, ohne Dach über seinem Haupte, wie ein welkes Blatt, das der Sturm jagt. Tausende von Jahren bildet er einen Gegenstand der Unterdrückung, Verfolgung und Erniedrigung, es gibt weder körperliche noch moralische Schläge, von denen ihn die grausame Menschheit verschont hätte, und doch steht er aufrecht und ungebrochen, treu seinem Gotte, anhänglich seinen Brüdern, und erwartet mit Geduld und Hoffnung eine bessere Zukunft und seinen Erlöser. Nun will der Verfasser des Werkes die Lösung des gordischen Knotens durch die Liebe erreichen. Derselbe Advocat, dem ein edles Christenmädchen in wahrer. Liebe gewogen ist, war bereits zur Taufe gestimmt — denn er betrachtete solche als eine Formsache — sonst nichts. Doch der Vorgang mit dem Grafen Czolowski hat ihn eines Besseren belehrt, die Form würde an der Sache selbst nichts ändern. Hören wir nun, was er sagt — nach dem Duell mit dem Grafen Czolowski, mit welchem sich ein braver Edelmann an Stelle des Advocaten Ratmann geschlagen. R a t m a n : Ja unmöglich. Die Ohrfeige, die aus meinen Wangen haftet, wurde durch das Blut Deines Vaters nicht weggewischt, sie klebt und brennt mich für mein ganzes Leben. Den Juden darf man schlagen und ohrfeigen, aber dem Juden ist es nicht gestattet, sich zu vertheidigen und sich Genugthuung zu verschaffen. In seiner Umgebung findet sich hie und da ein edles Wesen, das sich seiner erbarmt und ihn vertheidigt, aber das ändert ebenso an der Sache nichts — wie ein Brosamen, den man einen Armen reicht, das allgemeine Elend nicht beseitigt. Deinem Vater bin ich zu ewigem Danke verpflichtet, aber die Welt erfüllt mich mit Bitterkeit. Dem Menschen gebühren Rechte, aber kein Almosen. Er muß das Recht besitzen, sich selbst zu vertheidigen, aber nicht um Vertheidigung bei andern zu betteln. Sophie: Sollte eine Beleidigung von so einem Menschen wie Czolowski Dich so weit berühren, daß sie unser beider Leben im Stande wäre zu vernichten? R a t m a n : Wenn die Ohrfeige nur von Czolowski versetzt wäre, würde sie mich nicht so tief gekränkt haben, aber Czolowsky war nur das Werkzeug, der Henker, der Vollstrecker der Intentionen der Allgemeinheit. Czolowski würde nicht gewagt habeih die Hand gegen mich zu erheben, wenn hinter ihm nicht die Gesellschaft gestanden, die die That gut heißt und ihr Beifall klatscht. Die Ohrfeige eines Czolowski ist keine vereinzelte Handlung, sondern eine gemeinschaftliche, die, wenn auch in weniger brutaler Weise, sich auf jedem Schritt wiederholt, und wenn auch in der Form verschieden, doch im Wesen die gleiche bleibt. Sophie: Die Erniedrigung, der die Juden ausgesetzt sind, kann unmöglich eine Persönlichkeit wie Du bist berühren, der doch umso viel das Allgemeine überragt. Ratman: Du irrst, die Begriffe: der Jude und das Jüdische sind so aneinander verwachsen und verflochten, daß jeder Jude verantwortlich ist für die Fehler des ganzen Stammes — ebenso wird der ganze Stamm für alle Fehler, Vergehen, Verbrechen und sogar für die Lächerlichkeiten eines Einzelnen verantwortlich gemacht. In der ganzen Welt gibt es keine Solidarität, die einerseits so wie die Juden zusammenkittet und wiederum so zum Fluche für die Gesammtheit und für jeden Juden im Besondern geworden, wie eben diese Solidarität. Sophie: Indem Du das Judenthum abgestreift, so hast Du die Solidarität zerrissen. R a t m a n: Aber wo. Sogar in der vierten Generation wird sie meine Kinder verfolgen. Ich zerreiße die Solidarität, aber die Welt zerreißt sie mit mir nicht. Wegen seiner Religion den Juden zu verfolgen, wäre zu wenig Grund, deshalb hat man die Rasse erfunden. Die Schultern des Juden waren zu schmal, um alle Prügel aus-‘ zufangen, deshalb hat man sie ausgedehnt und ihn zum Semiten gemacht — nun ist auch mehr Platz vorhanden, wo die vergifteten Pfeile einbohren. Meinen eigenen Rücken halte ich hin, aber ausdehnen durch Nachkommenschaft will ich ihn nicht. Ja, die Last will ich selbst tragen, aber Dich will ich nicht mit anketten und Dich Demüthigungen aussetzen, die Deiner harren, wenn Du dabei bleibst, die Gefährtin eines Verdammten zu sein. Sophie: Ich bin bereit, Dein Schicksal zu theilen und auf mich die Hälfte Deiner Last zu nehmen. Ratman: Ich glaube Dir, doch kann ich nichtmitDirüber einstimmen. Ich dachte, daß, indem ich mir die Errungenschaften der Civilisation angeeignet habe, indem ich im Geiste der christlichen Liebe gehandelt, habe ich auch schon das Recht, zur neuen Gesellschaft mich mitzählen zu dürfen. Zu derjenigen Gesellschaft, in deren Mitte ich geborem und erzogen wurde, die meinen Geist und mein Herz herangebildet — der Gesellschaft, die mir Arbeit und Brot gibt und die ich wie meine eigene liebe. Es schien mir, daß ich mit dieser Gesellschaft zusammengeschmolzen und daß ich einen Bestandtheil derselben bilde, der sich vom Ganzen nicht trennen läßt — ohne dessen Organismus zu beschädigen. Es schien mir, als ob ich schon unter den Meinigen, als ob ich schon bei mir zu Hause wäre, daß mir gestattet ist, Diejenige zu lieben, die mein Herz erkoren, daß mir gestattet ist, von einer glücklichen Zukunft zu träumen, in welcher ich vereint wäre mit Derjenigen, mit deren Seele ich übereinstimme, daß mich nichts mehr von meiner neuen geliebten Familie trennt. Leider war es nur ein schöner Traum. Die Ohrfeige Czolowski's weckte mich aus diesem Traume, verjagte mich aus diesem Paradiese und zeigte uns die ganze Tiefe des Abgrundes, die mich von derjenigen Gesellschaft trennt, die ich schon als die meinige anerkannte, erinnerte mich, wer ich bin und stieß mich zurück dahin, von wo ich herauskommen wollte und wo zu bleiben ich verpflichtet bin. Schreckliches Erwachen. Sophie: Von dieser GeisteShöhe, zu der Du erklommen, solltest Du nicht mehr herabsteigen. Ratman: Ich gehe nicht nach rückwärts, aber auch nicht nach vorwärts. Was ist damit gethan, daß ich jene Geisteshöhe erklommen, auf welcher Dein gefälliger Blick mich sieht. Wen habe ich damit zufriedengestellt? Habe ich damit ein sociales Programm erfüllt? Habe ich ein von der Allgemeinheit ersehntes Ziel erreicht? Der Jude in seiner Niedrigkeit ist Gegenstand des Unwillens wegen seiner Unwissenheit, seiner Vorurtheile und seines Elends. Der Jude in höherer Stellung erregt den gleichen Unwillen wegen seiner Intelligenz, Aufklärung und seines Reichthums. Die Arbeit eines Juden, sein Wissen, Talent, seine Philantropie ist nicht im Stande, dem Ungeheuer den Kopf abzureißen, im Gegentheil, reist und steigert noch den Unwillen. Die Werke seiner Hand und seines Geistes werden nicht als - Schenkungen, die der Menschheit Schätze bereichern, angesehen, sondern als Danaergeschenke betrachtet. Der Unwille ist so allgemein, die Luft so von ihm geschwängert, daß er sogar selbst manche von uns angesteckt, daß sie Juden, ihren Glaubensgenossen, ausweichen und sich ihrer schämen. Sophie: Verlasse nun diesen verhexten Kreis — sowie Du bereits beschlossen. Ratman: Es gibt keinen Ausweg. Der Jude, der den Glauben seiner Väter abgeschworen, ist ein Wesen, das zwischen Himmel und Erde schwebt, er hat den Boden unter den Füßen verloren und zu den Wolken kann er nicht gelangen; verstoßen von Denjenigen, die er verlassen, wird er nicht von denen ausgenommen, zu denen er gegangen. Ich sehe keinen Ausgang, aus dem Wirrsaal, der gegenwärtig die Geister beherrscht, ich sehe keine Lösung. Es ist ein gordischer Knoten, der weder zu entwirren noch zu durchhauen ist. Für den im Geistesnebel Irrenden, der getragen von schäumenden Wellen, ohne Leitstern,