Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 40 (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 770 Drsterrelchifchr WschenfchM Nr. 40 mannfchafts-Commiffärs Herrn E i g e l bald ein rasches Ende, allein dieselben geheimen Agitatoren, welche die Hetze arrangirten, wollten einen noch teuflischeren Plan ausführen — die Blutbeschuldigung hier zu verewigen. Auf dem Grabe der aus der Elbe aufgefischten Leiche des aller Wahrscheinlichkeit nach durch Selbstmord geendeten Mädchens, das als Object der Bluthetze diente, wurde eine Gedenktafel mit folgender Inschrift angebracht: „Hier ruht Maria Havlin, gestorben eines martervollen Todes vor den jüdischen Osterfeiertagen. Gott möge es denen vergelten." Die Lumpenbande, welche den Aberglauben beim Volke erhalten wolle und die Blutlüge erdichtet habe, hat sich solcher Art „glaubwürdige" Zeugnisse für die Blutlüge schaffen, eine neue „Heilige" und „Märtyrerin" sichern wollen. Mit solchen und ähnlichen Mitteln hat man ja im Mittelalter für die Blutlüge gearbeitet. Durch solche Mittel ermöglichte man die gegen den Willen erleuchteter Päpste durchgesetzte Heiligsprechung eines der frühesten „Opfer" des „Ritualmordes" des Knaben Simon von Trient. Ein weiteres Mittel zur Verewigung der Blutlüge waren die Chroniken, die aus Böswilligkeit oder in heiliger Einfalt derlei Geschichten erzählten. Noch mehr aber thaten darin die bildlichen Darstellungen dieser Lüge, wie z. B. die in der Kirche des Wallfahrtsortes Kalwarya in Galizien. Welch' ein satanischer Hochgedanke war es also, das Grab der Maria Havlin in Kolin mit der obenbezeichneten Gedenktafel zu „schmücken!" Ist doch damit für die Conservirung der Lüge auf die spätesten Generationen hinaus vorgesorgt. Wenn einmal auch nur ein Bruchstück dieser Gedenktafel unterder längst verfallenen Friedhofsmauer oder beim Umschaufeln der alten Gräber gefunden wird: Welch' ein unwiderlegliches Argument für die Wahrheit der Blutlüge, mag bis dahin die Aufklärung noch so verbreitet sein. Aber der so höllisch schön ausgedachte Plan wurde zu Nichte gemacht. Auf die Intervention des Dr. P o d v i n e c, Obmann der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde, und dessen Stellvertreters des Fabriks-Directors Herrn Julius Kraus, mußte über Auftrag des obbenannten k. k. Bezirkshauptmannschafts-Commiffärs Herrn Eigel besagte Gedenktafel entfernt werden. Es wäre zu wünschen, daß uns Juden der Muth zu solcher Intervention auch bei allen anderen noch vorhandenen Gedenkzeichen der Blutlüge beseelte und daß die Behörden dabei mit eben solcher Energie vorgingen, wie die hiesige in der in Rede stehenden Affaire. Allerdings ist die Lüge in den antisemitischen Hetzblättern nicht todt zu machen, aber dieser allein gegenüber könnten wir getrost in die Zukunft sehen, wenn zugleich die vorurtheilslose und wahrheitsliebende Presse bei jedesmaligem Auftauchen dieser Lüge den Kampf gegen dieselbe aufnimmt, die Personen illustrirt, die sie zu ihren Zwecken erfinden und die Mittel beleuchtet, wodurch sie seit Jahrhunderten erhalten wird. Das Todtschweigen dieser Lüge seitens der Presse ist daher nicht das rechte Mittel, sie zu unterdrücken, umgekehrt, die Blutlüge muß, so oft sie sich zeigt, beim Schopfe gefaßt und durch die weiteste Oeffentlichkeit geschleift werden, so daß sie nur mit Schmutz und Hohn bedeckt der Nachwelt überliefert wird und die judenfeindliche Ueberlieferung zu Schanden macht. In diesem Sinne soll auch die in Rede stehende Gedenktafelaffaire in Kolin in die Oeffentlichkeit gebracht werden. H. P- Ein Erzbischof über de» Antisemitismus. Der Erzbischof von Gnesen-Posen, Doctor von Stablewski. sagte in einer Unterredung mit dem Correspondenten der „N. Fr. Pr.": „Der Socialismus, denn wir so lange glücklich von uns ferngehalten haben, klopft vernehmlich an unsere Thore, und wir erkennen ihn wohl, -auch wenn er sich in das häßliche Gewand des Antisemitismus hüllt, der überall nur ein Geschäft und ein Vorwand für selbstische Sonderzwecke ist." Wieder Einer! Aus Lüderb ach in Hessen kommt die Kunde von der Verhaftung des Pfarrers, welche von dem Staatsanwalt aus Cassel in Begleitung eines Gendarmen selbst bewirkt wurde. Das „Eisenacher Tgbl." erfährt hierzu, daß die Verhaftung mit der dieser Tage erfolgten Entbindung eines Mädchens, welches zu Ostern erst confirmirt worden ist, im Zusammenhang stehe. — Zu der Verhaftung des Pfarrers im Dorfe Lüderbach, Kreis Esch Wege, die im ganzen Curhessen und Nachbargebiet großes Aufsehen erregt, ist noch mitzutheilen, daß das dem Geistlichen zur Last gelegte schwere Verbrechen von ihm zur Zeit des Confirmanden-Unterrichts im Anfang dieses Jahres an einer erst dreizehn Jahre alten, frühzeitig entwickelten Confirmandin begangen worden und nicht ohne Folgen geblieben ist. In Folge erhobener Anzeige seitens der Eltern begab sich der Staatsanwalt vom Landgericht zu Cassel persönlich nach Lüderbach und bewirkte unter Beihilfe des Gendarmen die Festnahme des verbrecherischen Geistlichen. (Verhaftung eine; Oberin.) Wie „Piccolo" aus Neapel meldet, wurde daselbst die Priorin des St. Josef- und Theresien-Hospitales, Schwester Maria Theresia Ferrante, unter der Anklage verhaftet, in dem Erziehungsinstitute des Klosters unerhörte Orgien geduldet zu haben. Ersatz des Christenthmns. Der Rassenantisemitismus muß vom Anti-Judenthum npthwendig zum Anti-Christenthum führen. Nach Dühring kann ein. ehrlicher Christ nicht Antisemit sein. Die Dühringianer suchen nun eifrig nach einer „neuen" Religion. Wie diese aussehen soll, ist den Herren ziemlich unklar. Ein Blatt weiß es schon. Die „Ostdeutsche Rundschau" schrieb jüngst: „In der „Ostdeutschen Rundschau" vom 26. August 1894 war die Thatsache verzeichnet, daß die Judenschaft Pistyans zur Erbauung einer christlichen Kirche auch etwas beiträgt. Ich finde dies nicht so erschreckend, theilweise sogar selbstverständlich. Warum soll ein christlicher Jude nicht auch sein Scherslein zur Erbauung einer christlichen Kirche beitragen? Kann er ja doch sogar Bischof werden! Solche Erscheinungen zeigen eben, daß Neuhebraismus und Althebraismus, wie Dühring die Beziehungen zwischen Christenthum und Judenthum ganz treffend bezeichnet, sich ganz gut vertragen und daß man auf dem Wege des „Christlichen" den Juden nicht beizukommen vermag. Unsere „christlichen" — Antisemiten sind eben auch keine Religionsantisemiten, denn wenn der Jude sich laufen läßt, so sind sie mit ihrer Weisheit zu Ende; sie sind größtentheil s Geschäftsantisemiten. Der Ban einer Kirche wird den Juden kein Greuel sein; ich habe sogar einen Juden gesehen, welcher in Ermanglung eines Tempels in der katholischen Kirche der andächtigste Besucher war. Also nicht Kirche oder Tempel, sondern deutsches Volksbewußtseiu. Wie sagt doch unser größter Denker der Gegenwart? „Ich habe in allen Angelegenheiten gefunden, daß man sich den Juden gegenüber meist im Verkauf befindet, im Verkauf nämlich nach dene Mustergeschäfte von Judas. Das hat mich denn zur Untersuchung getrieben, wie der Aufklärung für die Juden eine Aufklärung über die Juden zu folgen habe." Und an einer anderen Stelle: „Das Empfinden und Vorstellen eines Volkes kann weiter reichen und richtiger ausfassen als das eines anderen, gerade wie bessere und schlechtere Augen verschieden sehen. Auch hier hat also die neuere europäische Welt einen Beruf, und das nordische Leben kann hier nach Saiten ausgreifen, die aus der Claviatur des Menschheitsgemüthes noch nie angeschlagen wurden." Also greifen wir aus nach diesen Saiten! Der unverfälschte deutsche Volkscharakter ist für sich selbst schon eine Religion. Tacitus." Der Antisemitismus in der Schule. Von verschiedenen Seiten kommen uns Klagen darüber zu, daß an Volks-, Bürger- und Mittelschulen einzelne Lehrer und Professoren ihrer Abneigung gegen jüdische Schüler während des Unterrichtes in mannigfachen Formen, durch Gesten, Grimassen, Jüdeln, hämische Bemerkungen, Spötteleien über Namen und Beruf des Vaters rc. Ausdruck geben. Eine der traurigsten und unheilvollsten Wirkungen, welche der Antisemitismus hervorgebracht hat, ist die Verrohung eines Theiles der Lehrerschaft und die Herabwürdigung ihres erhabenen Berufes. Welche sittliche Verkomrnenheit prägt sich doch in dieser öffentlichen, vor den Mitschülern erfolgenden Verhöhnung eines Kindes wegen seines Glaubens aus, welche Niedertracht bekundet es doch, wenn ein Lehrer vor dem Kinde sich über dessen Eltern lustig macht! Und solche Gemeinheiten geschehen straflos, weil die Eltern in der Regel aus Rücksicht auf das Fortkommen der Kinder es unterlassen, sich bei den Vorgesetzten zu beschweren. Eine Abhilfe ist unter solchen Umständen schwer zu treffen, zumal ja auch die Schulaufsichtsbehörden nicht gewillt sind, sich mit dem Geiste, der heute unsere ganze Gesetzgebung und Verwaltung durchdriugt, in Widerspruch zu setzen. Im Landesschulrathe und im Bezirksschulrathe sitzen zwar auch Vertreter der jüdischen Confession, aber diese Herren sind ganz und gar machtlos nnd haben auch das Bewußtsein der Machtlosigkeit. Kauft nur bei Christen. Vor dem Strafrichter in Hernals hatte sich am 26. September 1894 der Gastwirth Josef Rotier wegen Gefährdung der körperlichen Sicherheit auf