Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 40 (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 40 Vrsterreichischr WochrnschrM Sette 767 Ziffer, die bei der Volkszählung von 1891 heraus kam, viel zu niedrig angesetzt, und er rechnet für das Ostend Londons heute mindestens 35.000 jüdische Zuwanderer. Die statistische Tafel des Handelsamts gibt die Beschäftigung dieser Leute bis ins Kleinste an. Die übergroße Mehrheit ist im Handwerk und in der Industrie thätig, ein paar Dutzend auch als Zimmerleute, Matrosen, Kellner rc. Die Einzelzahlen können übergangen werden; dagegen ist hervorzuheben, daß ungefähr 60 Percent sämmtlicher russisch-polnischer Juden in der Bekleidungsindustrie beschäftigt sind. Diese Concentration der Juden in dem einen Gewerbe hat sich aus verschiedenen Ursachen herausgebildet. In ihrer Unkenntniß der englischen Sprache und Verhältnisse wenden sich die jüdischen Einwanderer zunächst an jüdische Arbeitgeber, die eben hauptsächlich der Bekleidungsindustrie angehören. Sodann thun sie es, um den Sabbath feiern zu können; die englischen Fabrik-Acte befreien die Werkstätten, die hauptsächlich jüdische Arbeiter beschäftigen, von der Sonntagsruhe, damit die Angestellten nicht zwei Tage in der Woche feiern müssen. In London geht die Redensart um, daß der eingewanderte Jade entweder ein Ausbeuter oder ein Ausgebeuteter sei. Diese Ansicht hört neuerdings auf, völlig zuzutreffen. Eine ganz sonderbare Gährung unter den russisch-polnischen Juden , macht sich bemerkbar, ein Drang nach der Cultur, den auch der amtliche Bericht der Regierung hervorhebt. Daß diese Bewegung zunächst in socialistischer, theilweise auch anarchistischer Richtung geht, kann sie dem Zuschauer natürlich nicht sympathisch machen, braucht uns ferner Stehende aber nicht näher zu kümmern. Der Anblick der seltsamen Mauserung dieser ärmsten und elendesten aller Menschen ist an und für sich interessant. Eine Reihe von plötzlich ausgebrochenen und energisch durchgeführten jüdischen Strikes hat in den letzten Jahren fast durchgehends höhere Löhne, kürzere Arbeitszeit und gesündere Arbeitsräume zur Folge gehabt. Eine der sichtbarsten Wirkungen der jüdischen Einwanderung ist der für unsere betreffende Industrie so verhängnißvoll gewordene Aufschwung der Londoner Confection. Früher war London auf die Berliner Mantelindustrie angewiesen. Erft seitdem sich die russischen Juden dieser Branche bemächtigten, wurde England in Stand gesetzt, der deutschen Concurrenz die Spitze zu bieten. Der Bericht des Handelsamtes sagt darüber: Sie (die jüdischeil Werkstätten) liefern für große Handlungs- Häuser in der City Mäntel, die bisher hauptsächlich von Deutschland iinportirt wurden .... Im Vergleich zu den englischen Arbeiterinnen in der Hausindustrie führen sie eine bessere Art der Arbeitsorganisation und ein besseres Product ein. Nach Mittheilungen von dre; Londoner Firmen eröffnen sie die Aussicht auf erfolgreiche Concurren in Deutschland." 3 Das wäre denn ja eine wundersame Verschlingung von Ursachen und Wirkungen. Weil Pobedonoszew die Juden aus Rußland vertreibt, müssen unsere deutschen Bekleidungsarbeiter einem harten Wirthschaftskampfe entgegensehen, in dem sie vielleicht unterliegen werden. Die russisch-polnischen jüdischen Einwanderer haben ziemlich schnell angefangen, ihre unglaublich verkümmerte „Cultur", mit der sie ihre orientalische Heimat verlassen haben, gegen Art und Sitte des neuen Wohnortes einzutauschen. Reben mehreren englischen Abendschulen für Erwachsene wirken die Freischulen für Juden, die von etwa 8500 Kindern besucht werden. Die Lehrer dieser Schulen richten ihre ganze Energie darauf, den Kindern die englische Sprache beizubringen, und ihre Bemühungen werden von Erfolg gekrönt. Im Parlamentsbericht heißt es an dieser Stelle: „Beim Eintritt in die Schule sind die Kinder Russen und Polen, und beim Verlassen sind sie oft kaum von den englischen Kindern zu unterscheiden." Eigentliche „Paupers", Leute also, die jede Energie zur Selbsthilfe verloren haben und im Arbeitshause oder ausschließlich von Armenunterstützung leben, gibt es unter den Einwanderern fast gar nicht. Rach dem erwähnten Parlamentsbericht bilden die russischen und polnischen Juden im Oftend Londons 18 Percent der Bevölkerung, nehmen aber am Pauperismus nur mit 0 67 Percent theil. Ebenso gering ist ihr Antheil am Verbrechen; im Jahre 1891 saßen 31 Juden im Gefängniß. Es macht einen tragikomischen Eindruck, wenn man hört, daß sich diese verelendet-jüdischen Einwanderer zu einer Gruppe unter dem stolzen Namen „Ritter der Freiheit" zusammengeschlossen und daß die Socialdemokraten unter Ihnen eine „Gruppe Vorwärts" gebildet haben. Nach dem in diesem Falle allerdings nicht unverdächtigen Zeugniß Beer's ist die Beobachtung zu machen, daß die intelligenten jüdischen Arbeiter Socialdemokraten werden, während die Unwissenden zum Theil fanatische Orthodoxe sind. Die Agitation gegen die jüdischen Einwanderer wird wohl erfolglos bleiben. Der Parlamentsbericht faßt sein Urtheil dahin zusammen, daß diese russisch-polnischen Juden „im Ganzen eine friedliche gesetzestreue Gesellschaft sind." Nochmals die Antisemiten öonoris osuss Elieser und David Münzer aus Drohobyrz. Der Hof- und Gerichtsadvocat Herr Dr. Friedrich Clbogen hegt bekanntlich für uns galizische Juden keine besondere Vorliebe und seine öffentlichen Anklagen und Angriffe, welche er wiederholt in den gelesensten Wiener Blättern gegen die galizische Judenschaft, loszulassen beliebte, sind noch in Aller Erinnerung. Umsomehr freut es uns, daß auch er seine Ausnahmsjuden hat, Ausnahmsexemplare aus Galizien, die er seines Schutzes für würdig erachtet, deren angegriffene „Ehre" er gegen die „Oesterreichische Wochenschrift" zu wahren unternimmt. Von der Moral der galizischen Juden hält Herr Dr. Friedrich Elbogen sehr wenig und mit der ganzen Gewalt seiner stylistischcn Begabung sucht er die „Tarnopoler Moral" der öffentlichen Verachtung preisgegeben. Allein Elieser und David Münzer sind aus Drohobycz und nicht aus Tarnopol. Im Aufträge dieses edlen Brüderpaares sendet uns Herr Dr. Elbogen nachstehende Berichtigung: Als Rechtsanwalt der Firma Münzer & Comp, und des Herrn David Münzer, ersuche ich Sie unter Berufung auf § 19 des Preßgesetzes um Aufnahme nachstehender Berichtigung: In Nr. 37 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 14. September 1894 erschien auf Seite 711 ein Artikel unter der Ueberschrift: „Nochmals die Antisemiten honoris causa Elieser und David Münzer aus Drohobycz", der eine Reihe von Unrichtigkeiten enthält: * Es ist unwahr, daß meine Clienten Antisemiten sind, ebenso unwahr, daß dieselben an irgend eine antisemitische Buchhandlung in Köln Circulare geschickt haben. Wahr ist vielmehr, daß im Jahre 1893 in Köln ein anonymes Pasquill in hunderttausend Exemplaren an Pfarrer, Lehrer, Landgemeinden rc. ausgeschickt wurde, mit dem Hetzrufe: „Hütet euch vor dem Ankäufe von Sensen bei österreichischen, insbesondere galizischen Firmen!" — wobei gegen die von mir vertretene Firma ein Schmähschreiben erschien. Dieses Flugblatt war unterzeichnet: „Rheinisches Sensen-Versandthaus" ohne nähere Beifügung einer Firma. Es ist unwahr, daß der Vater meiner Clienten Maier Münzer wegen Crida oder sonst eines Delictes sich in sechsmonatlicher Haft befand. Wahr ist vielmehr, daß der Vater meiner, Clienten Herr Maier Münzer infolge der im Jahre 1880 eingetretenen allgemeinen Ueberschwemmung der Borislawer Erdwachsbergwerke sein bedeutendes Vermögen gleich vielen anderen Grubenbesitzern verloren hatte und, von Alexander Schorr wegen eines Darlehens verfolgt, mit Urtheil des k. k. Kreisgerichtes von S amb or, ckcko. 11. Juni 1884, Z. 8634 in allen Punkten einstimmig freigesprochen wurde. Es ist vollständig unwahr, daß das allgemeine Krankenhaus zur Eintreibung der schuldigen Kosten im Wege des Drohobyczer Magistrates Schritte unternehmen mußte?v j