Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 40 (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Sk. 40 Vrsterredtztschr Wmtzrnptzrifl Seite 765 mes zu bringen, zur Aufstellung und ehrlichen Durchführun g oh n e reservatio mentalis. Die Erfüllung dieser Aufgabe ist eine Lebensfrage, — nicht für uns Juden, wir Juden werden voraussichtlich noch mehr als eine Partei überleben — sondern für die liberale Partei selbst. Denn wenn sie dem „gleichen Rechte", dem innersten Inhalte des liberalen Gedankens, nicht mehr dienen will, was wäre sie dann anderes als die pure blanke Classenvertretung der Bourgeoisie? Und zwar eine Classenvertretung ärgster Art! Denn sie gäbe auf der einen Seite aus selbstsüchtigen Gründen einen werthvollen Theil ihrer Classe selbst, den jüdischen Bourgeois, preis, während sie auf der anderen Seite sich hartnäckig gegen eine nachhaltige Auffrischung unseres Parlamentarismus, gegen eine wirkliche und wirksame Ausdehnung des Wahlrechtes auf jene Classen stemmt, die heute nur auf den guten Willen der gegenwärtigen Parlamentarier angewiesen sind. Und wie soll dieser heute unvertretene vierte Stand an die Aufrichtigkeit unserer liberalen Parlamentarier glauben, wenn er sieht, daß diese Herren bereit sind, die jüdischen Wähler, Wähler fämmtlich ihrer Partei, Wähler, die — politisch — Fleisch von ihrem Fleisch und Bein von ihrem! Bein sind, zu opfern, wennsiesich weigern, das Ministerium zu einer Wendung zu bewegen. Daß die Partei heute nicht die Macht dazu hat, das werden wir so lange nicht glauben, als sie nicht den Beweis geliefert hat, es ehrlich und redlich angestrebt zu haben. Wir bestreiten, daß sie hiezu auch nur einen ernsten Versuch gemacht hat. Nüchternen Leuten liefert man den Beweis durch dunkle, geheimnißvoll lhuende Andeutungen nicht. Die Herren haben die Macht und den Einfluß. Und wenn sie denselben für das Recht der Juden nicht einsetzen wollen, so liegt die Ursache nicht an dem Widerstande der Regierung, nicht an der Unmöglichkeit, diese zum Nachgeben zu bewegen, sondern ganz wo anders. Sie liegt höchst wahrscheinlich an der Besorgniß der Parteileitung, nicht vor den Polen, nicht vor den Clericalen, nicht vor der rechten, sondern — vor der linken Seite des Hauses. Die Parteileitung hegt eben Besorgniß nicht nur vor vielen Zweifelhaften in der engeren eigenen Partei; die Angst ist noch ungleich größer vor jenem Häuflein Antisemiten deutsch-nationaler Couleur, welche einen selbstständigen Club bilden. Und wodurch verdienen die Vertreter dieser politischen Spielart im Parlamente von der deutsch-liberalen Partei diese Rücksicht? Vielleicht durch ihre Zahl? Sie sind nicht mehr als 14, fallen also numerisch nicht ins Gewicht. Oder ist vielleicht ihr Anhang in der Bevölkerung größer, als der Club im Hause vermuthen ließe? Noch weniger. Diese Partei hat in Oesterreich nur einen geringen Boden. In Wien haben für den Candidaten derselben bei der jüngsten Reichsrathswahl von 8000 Wählern des I. Wahlbezirkes rund 70 gestimmt. Außerhalb Wiens finden sich die Anhänger derselben nur in einigen wenigen Wahlbezirken Deutsch-Böhmens und Schlesiens, Kärntens und Steiermarks. Wenn die Zahl der Anhänger ihnen keine Wichtigkeit verleiht, gewährt sie ihnen die persönliche Größe der Führer? Diese kleinen Größen, die man nur mit der kurzen Elle ihrer Heimat, der sogenannten „böhmischen Elle", messen kann? Oder haben sich vielleicht die Herren Dr. Bareuther und Dr. Steinwender resp. deren Partei um die liberale Partei Verdienste erworben, welche die Letztere zu Dankbarkeit, zu diesem Gegendienste, wenn auch auf Kosten unserer Knochen, verpflichtet? Vielleicht haben sie auch, wie die jüdische Wählerschaft, die Liberalen durch 50 Jahre opfervoll, aufopfernd unter stützt? Nein, diese deutsch-nationale Partei ist, so lange sie besteht, der liberalen Partei noch jedesmal, wenn sie in Gefahr war, in den Rücken gefallen; sie war den Liberalen eine gefährlichere Feindin, als die Czechen; sie hat sich immer gegen die Deutschen mit Alt- und Jungczechen, mit Christlich-Socialen und Christlich-Clericalen verbunden, sie hat der deutschen Sache mehr Schaden zugefügt, als alle anderen Nationen zusammen. Und diesen Leuten zuliebe, gegen die liberale Partei gleicherweise perfid als Freund wie als Feind, soll uns dieselbe liberale Partei opfern wollen? Uns, die Freunde, die Verbündeten, die Mitcoalirten einschlachten zum Fraß für ihre eigenen Feinde, ihre Gegner?! Wir wollen unS aber überhaupt und gar nicht schlachten lasten, nicht für die Deutsch-Nationalen, nicht für die Deutsch- Liberalen — weder für unzweifelhafte Feinde noch für zweifelhaft gewordene Freunde. Ob getauft oder ungetauft, wir h a b e n! ein Anrecht auf eine politische, auf eine ehrenhafte sociale Existenz. Und sind wir von oer Partei, für die wir uns bisher freiwillig geopfert haben, verlassen, so erwächst für uns die Pflicht und das Recht, selbst für uns zu denken und zu handeln, uns mit unseren Mitteln zu vertheidigen. Wir denken aber hier, für unseren Theil, nicht an jenes Gebiet, auf welchem sich die Thätigkeit der „Abwehr-Vereine" gegen den Antisemitismus bewegt. So anerkennungs- und dankenswerth auch dieselbe ist — der Schlüssel zu irgend einer actuellen Wendung kann, und zwar für eine ziemlich lange Gegenwart, auf diesem Wegen ich t gefunden werden. Der Antisemitismus ist, um einen Ausdruck der großen Kaiserin zu gebrauchen, ein „Politicum". Die actuelle Politik ist es, welche die Judenfrage so gefährlich für uns gestaltet hat, und darum kann, so begrenzt auch der politische Wirkungskreis der Juden sein mag, irgend ein Erfolg wieder nur auf diesem Felde gesucht werden. Die erste Voraussetzung für eine solche politische Abwehr besteht nun selbstverständlich darin, daß wir für unser weiteres politisches Verhalten eine selbstständige politische Tactik ausstellen. Sie ist klar, aber der Moment, sie darzulegen, zu entwickeln, ist noch nicht voll gekommen. Wir wollen die Loyalität üben usgne aä Lnem und nur der unerbittlichen Nothwendigkeit folgen. Ein halbes Jahrhundert haben wir Juden Schulter an Schulter mit der liberalen Partei auf dem politischen Kampsplatze gekämpft. Wir betrachten uns Alle heute noch zu ihr gehörig. Eine Trennung droht, nicht weil wir, sondern weil die Parteileitung den Liberalismus, wenn nicht verlassen, so doch zumindest auf unbestimmbare Zeit sistiren will. Darauf wollen wir uns als nüchterne praktische Politiker nicht einlassen. Wir bekämpfen diese Sistirung. Vielleicht nur vom Standpunkte des Juden aus? Ganz und gar nichj! Allerdings, dieser Standpunkt ist uns gewaltsam aufgedrängt worden, er war nie der unferige. Aber diese Sistirung muß ebenso und durchaus der Linken selbst den gewissen Tod bringen. Noch jede politische Partei, die ihre Grundsätze aufgegeben, ist verschwunden. Und das ist nicht nur recht und billig, sondern auch nur natürlich. Die Gegner ziehen den Nutzen aus jeder einzelnen solchen, der Schwäche abgerungenen Concession, die eigene Anhängerschaft verwirrt man, zerstreut man, löset man auf. Wir können noch immer nicht die Hoffnung aufgeben, daß eine bessere Einsicht diese Parteileitung zur Betätigung der alten freisinnigen Traditionen zurückführen wird. Die Haltung derP artet nun zn den Vorlagen der Regierung auf weitere Beschränkung, janahezuA ufhebungderGe werbefrei h e i t, auf die Einführung desBefähigungs- Nachweises für den Handel, wird noch in dieserReichsrathssessionhierüberentscheiden. Diese Gesetze bedeuten zwar für die ganze Bevölkerung die wirthschaftliche Reaction, für uns Juden aber die ärgste sociale Repression. Nur wer das sociale Ghetto selbst noch gekannt hat, in dem wir uns vor dem Jahre 1848 befunden haben, nur wer mit den Worten der Bibel sagen kann: „ich bin der Mann, der das Elend gesehen", kann es wagen, die Wirkung solcher Gesetze voraussehen zu wollen. Wohin steuern diese Gesetze? Die christlichen Handwerker weigern sich heute schon, einen „Judenbuben" in die Lehre zu nehmen. Wird man einen jüdischen Meister endlich gefunden haben, so werden dann die Genossenschaften dem bei einem jüdischen Meister Ausgelernten Prügel vor die Füße werfen. Wir werden also nicht „Handwerkern". Wir sollen aber auch nicht „handeln" — dafür werden Befähigungsnachweis, Handelsgremium und Hausirgesetz sorgen. Also, in Gottes Namen, wenn der Junge gefcheidt genug ist, „Studieren"! Aber w a s sollen diese Studierten werden, wenn sie durch den namern» elansus von der Advocatur durch ungesetzliche Praxis der Amts-Chess von der ganzen Beamten-Carriöre ausgesperrt sind. Ja, hilf Himmel, wo sollen unsere Söhne ihren redlichen Erwerb, wo — last not least — wir für unsere Töchter die Gatten finden, die sie redlich ernähren?! Wir appelliren in letzter Stunde an die bessere Einsicht, an das Gewissen aller Mitglieder der liberalen Partei — zählt sie doch zahlreiche Männer, die unsere persönliche Hochachtung im vollsten Maße verdienen. Soll es denn Männern von Charakter wirklich so schwer fallen, dieSchwäche, dieKraftlosigkeit zu überwinden, stark zu bleiben gegenüber einer Strömung nnd gegenüber Männern, die sie im Grunde des Herzens, die einen wie die anderen, von H erzen verachten? Wir wollen diese Hoff-