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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-10-05 · 40 (5.10.1894) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
40 (5.10.1894)
Date
1894-10-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 764 Vrfferrrktzilrtze Wochenschrift Nr. 40 Verhalten zu erklären? Bon den Freunden der Regierung ist, und zwar wiederholt, nur eine einzige Erklärung vorgebracht, worden:„Dieser Bewegung gegenüber sei die gegenwärtige Regierung und auch jede andere machtlos!" Ob nun diese Ansicht von dem Ministerium selbst wirklich getheilt wird oder nicht — einerlei, sie ist grundfalsch. Gerade umgekehrt liegt die Sache. Die Seuche kann nicht nur bekämpft werden, sondern was an ihr bekämpft werden kann, liegt hauptsächlich in dem Bereiche der Regierung. Nie wird es nämlich gelingen, eine leidenschaftliche Bewegung, welche sich auf die schlechtesten Jnstincte des Menschen stützt und welche von den schlechtesten Menschen geführt wird, durch Vernunftgründe zu besiegen. Was hilft es, zu erklären, daß bei der ganzen Agiiation gegen die Juden der komische Jrrthum unterläuft, den Unterschied zwischen Jud und Christ mit jenem zwischen Besitz und Nichtbesitz zu verwechseln; was hilft es, nachzuweisen, daß die Juden verhältnißmäßig besitzloser sind als die Christen, daß die Armuth unter ihnen ungleich größer ist. Hier kann nur das entschlossene Handeln der Regierung selbst helfen. Wie Kinder nur durch Beispiele erzogen werden, so kann der verführte Theil der Bevölkerung auch nur wieder durch ein maßgebendes, entschiedenes, zwingendes Exempel und Vorbild zur Vernunft zurückgeführt werden. Der Antisemitismus, diese Verschärfung des socialen Kampfes durch konfessionelle Motive und durch Raffenhaß muß den inficirten kleinbürgerlichen Schichten wieder sozusagen „abgewöhnt" werden. Hiezu hat die Regierung die Mittel in ihrer Hand. Das allererste derselben liegt schon in dem entschlossenen klaren Willen der Regierung selbst. Sie muß ihre eigene sehr zweifelhafte Haltung dem Antisemitismus und den Antisemiten gegenüber über Bord werfen. Der ganze Beamtenkörper, welcher ihr untersteht, muß klar sehen, wie das Ministerium sich zu dieser Bewegung stellt. Wenn ein Abgeordneter der Linken, von seinen Wählern gedrängt, eine schüchterne Interpellation stellt, darf keine Beantwortung erfolgen, die — zumindest in den Augen der Antisemiten — mit einer Ermuthigung eine ganz verzweifelte Aehnlichkeit hat. Die Affaire Deckert im Abgeordnetenhause und, in noch ganz frischer Vergangenheit, die Antwort des allerdings gemeinsamen Kriegsministers in der Delegation haben diesen Charakter getragen. Ja noch mehr: Die Minister müssen mit loyaler vornehmer Offenheit, ohne jede ignoble Hinterhältigkeit sich direct gegen diese Verhetzung und für das gleiche Recht aller Bürger aussprechen. Es ist kaum zu ermessen, welch tiefen Eindruck schon diese Erklärung allein auf die ganze Bevölkerung ausüben würde. Aber die Regierung kann, muß noch ganz andere als solche platonische Hebel in Bewegung setzen. Sie muß den Nachwuchs des Beamtenstandes, einerlei, ob im politischen, richterlichen oder technischen Dienst, ergänzen, ohne dem Judenthum des Bewerbers mehr Bedeutung beizulegen, als etwa dem protestantischen Bekenntniß. Die Gewöhnung der Bevölkerung an die Functionirung des jüdischen -Beamten, der tägliche Augenschein seiner tadellosen Amtsführung wird zu allererst und zu allerbest das Vorurtheil, diesen tiefsten Halt des Antisemitismus, langsam und allmälig, aber stetig und unaufhaltsam zerbröckeln. Geht der Staat, geht die Regierung hiebei vielleicht irgend einer Gefahr entgegen? Wir wollen für die Juden nicht einmal jene Zierden und Spitzen des österr. Staatsbeamtenthums reclamiren, welche wie G l a s e r und U n g e r, Staatsrath H o k und Feldzeugmeister Kuhn, Dr. Steinbach und Dr. Joh. Nep. Berger und so viele Andere mit diesen nur durch ihre Provenienz zusammengehängt haben oder hängen. Es ist eine viel bezeichnendere, ungleich beweiskräftigere Thatsache, daß im ganzen Bereiche Oesterreichs noch Keiner, wohlgemerkt Keiner der in den Jahren vor der antisemitischen Aera, 1860—1880, immerhin schon nicht ganz unbedeutend ernannten jüdischen Beamten auch nur eine strafweise Versetzung erlitten hat. Ja wir behaupten noch mehr; wir behaupten, daß die jüdischen Beamten durchwegs eine bezüglich ihrer Fähigkeit ausgezeichnete, bezüglich ihres Charakters tadellose Qualification aufweisen. Aber nicht nur, daß die häufige alltäglich gewordene Erscheinung des jüdischen Richters, des politischen und Berwaltungsbeamten dem Antisemitismus der ganzen Bevölkerung entgegenwirken müßte. Die jüdischen College» werden eine unwillkürliche Einwirkung auch auf die Beamtenschaft selbst ausüben und hiedurch eine Quelle verstopfen, welche, leise rinnend und nicht gewollt, nichts destoweniger dieser Bewegung eine nicht gering zu schätzende Unterstützung zu gewähren droht. Wir würden kaum dieses subtile Thema berührt haben, wenn wir uns nicht auf einen in dieser Materie . autorativen Vorgänger berufen könnten. Der niederösterreichische Statthaller nämlich, Graf Kielmanns egg, hat jüngst über die jetzige Richtung eines nicht kleinen Theiles unserer studirenden Jugend sehr entschieden den Stab gebrochen; er hat aber nichtsdestoweniger unter Einem seine Hoffnung auf den wohlthätigen Einfluß von Reife und Erfahrung imAmte selbst gesetzt. So ganz und ohneweiters können wir diese Erwartung nicht theilen. Allen Respect vor unserem jetzigen Beamtenstand, welcher durch Unbefangenheit und Unparteilichkeit seinem Stande und unserem Lande zur Ehre gereicht. Aber speciell aus den antisemitischen Studenten, die der Statthalter hier im Auge gehabt, Studenten, welche — es liegt das nothwendig in der ganzen Richtung — unsere Classiker nicht mehr lesen, keine Philosophie und keine Geschichte mehr mit Ernst studiren, denen jede Idealität abhanden gekommen ist, gehen nicht leicht Männer hervor, im Stande, einzig durch eigene sittliche Kraft der Strömung, welcher sie am Familien- und am Stammtische, im eigenen und Kaffeehause, in der Zeitungs- und sonstigen Lectüre begegnen, zu widerstehen. Und wenn der Beamte diesen Imponderabilien, ohne selbst sich dessen bewußt zu sein, auf sein Denken und Fühlen Eingang gewährt hat, ist denn dann diese eingesogene Sympathie oder Antipathie ein Etwas, das derselbe bei dem Eintritte in das Bureau sofort zugleich mit feinem Ueberzieher an den Nagel hängen kann? Wir müssen gegen jede etwaige mißverständliche Auslegung des. von uns Gesagten entschieden protestiren. Bewußt wird kein österreichischer Richter, kein politischer Beamter anders als nach seinem besten Wissen und Gewissen Recht sprechen. Aber es ist die Frage, ob es nicht bei sehr vielen von diesen jüngsten unter den Beamten einer maßgebenden Anregung von Außen bedürfen wird, um dieselben zur Aufmerksamkeit auf sich selbst anzuregen. Wir wollen nicht mißverstanden werden. Wir denken hier durchaus nicht an ein expresses Monitum, an eine directe Aufforderung von Seite der Regierung. Einer solchen bedarf es ganz und gar nicht. Sie läge schon in ganz wirksamer Weise darin, wenn das Ministerium durch die Aufnahme der Juden als Praktikanten sowohl bei den Gerichten als den verschiedenen Verwaltungsbehörden zeigt, daß die oberste Staatsleitung den jüdischen Beamten dem christlichen gleichwerthig hält, wenn der christliche Beamte durch die vor seinem Auge liegende Thätigkeit des jüdischen Amtscollegen selber zu der Ueberzeugung gelangt, daß das Ministerium hiebei nur der Wahrheit und dem Rechte die Ehre gibt — wenn er überhaupt sieht, wir sprechen das trocken aus, daß die ihm Vorgesetzte oberste Behörde selbst zu einer Wendung gelangt ist. Sollen wir vielleicht auch noch darüber ^reden müssen, daß die Organe der Regierung nicht mehr ruhig zuhören dürfen, wenn gegen die Juden, und zwar nicht blos im Wirthshause, zu Mord und Todschlag ausgefordert wird? Hätte Pfarrer Deckert gegen die Protestanten, ja gegen die Zigeuner auch nur einen kleinen Theil der Reden Vorbringen dürfen, die er gegen die Juden losgelassen? Gewiß nicht! Hier muß zu allererst Abhilfe geschaffen werden. Die Bevölkerung muß vor Allem durch die Achtung, welche die Regierung für den Nebenmenschen bekundet, zu der gleichen Achtung erzogen werden. Allerdings wird eine solche Wendung in der obersten Region nicht den Antisemitismus selbst sofort aus der Welt schaffen; sie kann die tiefste, wenn auch i^rlhümliche Quelle desselben: den Gegensatz Zwischen Klein- und Großbürgerthum, nicht verstopfen; wohl aber wird sie den Jrrthum, für diese nun einmal bestehende sociale Kluft speciell diese Juden verantwortlich zu machen, Jud und Christ mit Arm und Reich zu verwechseln, aufhören lassen. Sie wird die heute dem Antisemitismus verfallenen Volkstheile wieder an den Gedanken gewöhnen, daß sie mit den Juden gleichsam Mitbesitzer eines und desselben Hauses sind, daß sie sich nicht mehr Recht anmaßen dürfen als diese, daß sie gezwungen sind, mit ihnen in der Atmosphäre gleichen Rechtes zu leben. Es wird allgemach dann ein Zustand eintreten wie jener der 60er Jahre, vor der antisemitischen Bewegung. Wir werden dann wieder, nach einem Versäumniß von anderthalb Decennien auf jenen Weg der Annäherung gelangen, auf welchem wir uns damals unzweifelhaft befunden haben. Diese Rückkehr zur normalen Entwicklung muß das Programm der Regierung in der Judenfrage werden und die Hauptaufgabe der „liberalen Partei", ist es, die Regierung zur Aufstellung dieses Program-

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