Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 40 (5.10.1894)
- Date
- 1894-10-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sr. 40. Wien, 5. Orkober 1894. Jahrgang XI. Crnkrslorgsn für dir gefsmmten Interessen des Iudenthums. S. K. PoysparcaWen-Amk Clearingverkehr Nr. 810.976. I Led«tion und Administration: Wien Franr Josefs-Nuai Nr. 3. Telephon-Nr. 6535. Herausgeber: Rrichsraths-Avgrordneter Dr. Kloch. M—4» Erscheint jeden Freitag. -4- M Man sbonnirt bri allen Postanstallrn des In- und.Auslandes. $ Srrugsxrri» für Srstrrrrirh: Halbjährig 4 fl. — 8 Är. Einzelexemplare 25 kr. Mr'» Ausland: halbjährig L fl. — 10 Kr. ganzjährig 10 „ — 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 fr. * Inhalt. Leitartikel : Die Coalition und die Juden. — Die Juden in der österreichischen Strafrechtspflege. — Die russischen Juden in London. — Nochmals die Antisemiten honoris causa Clieser und David Münzer aus Drohobycz. — Vom Jahrmarkt oes Lebens. — Eine antisemitischer Polizei-Commissär. — Die Verfassung der Bereinigten Staaten von Nordamerika. — Zur Frage der Leimenverbrennung. — Palästinensiischer Hilfsverein „Lemaan Zion".— Korrespondenzen: Wien, Brünn. Kolomea, Lemberg, Rzeszow, Prag, Budapest, Groningen, Marburg. — Vermischtes: Wien, Brünn, Proßnitz, Brüx, Prag, Vukovar, Rad.nitz, Berlin, Elbing, Dessau, Constantinopel. — Feuilleton: Der gordische Knoten. — Literatur. — Briejkasten. — Aufruf. —Inserate. Den geehrten Gönnern und Freunden, welche anlässlich des Jahreswechsels freundlichst unser gedacht haben, erwidern wir vom Herzen die frohen Grüsse und wünschen denselben nrntD'nttTin Die Redaction der „Sesterreichischen ^ATocKcnscKrift“ DR- BLOCH •" Eeicharaths-Abgeordneter. Die Coalition und die Juden. Von S i g m u n d M a y e r. 2. Das Ministerium Windischgrätz. „Grundsätze, Freunde, Principien Sind's, die den Staatsmann fi'lhren, Sie geben Haltung, hält man sie, Und lassen sich ignoriren." Grillparzer. Als Fürst Talleyrand, unmittelbar nach der Juli- Revolution von Louis Philipp zu seinem Gesandten ernannt, in der Pairskammer den Eid auf die „revidirte Charte" leistete, wendete sich der greise Diplomat lächelnd zum König: „Hoffentlich, Sire, die letzte, die ich beschwöre." Talleyrand hatte allerdings im Laufe von zwanzig Jahren auf mehr als ein Dutzend Staatsverfassungen „geschworen". Aber ist diese Gleichgiltigkeit speciell gegen den Eid auf die Verfassung eine Eigenschaft, die wir vielleicht nur bei den cynischen Diplomaten der Revolutionszeit beobachten können? Ganz und gar nicht. Im Gegentheile ist es eine unbestreitbare Thatsachr, daß dieselben Männer, welche im bürgerlichen Leben einen Eid heilig halten, in ihrer staatlichen Thatigkeit auch nicht einmal annähernd die gleichen Scrupeln hegen und beobachten. Das Beispiel der Göttinger Sieben, welche seinerzeit lieber ihre Stellung aufgaben, als daß sie den auf die Verfassung geleisteten Eid gebrochen hätten, ist immer ein sehr seltenes geblieben. Wir kennen in Deutschland kein zweites Beispiel und auch in unserem Reiche nur ein einziges, jenes des seinerzeitigen Staatsanwaltes Chlumetzky, des gegenwärtigen verehrten Präsidentendes Abgeordnetenhauses, gegenüber dem Sistirungs-Minister Belcredi. Und, was uns noch viel auffallender erscheinen muß, selbst diejenigen Staatsmänner, welche der Verfassung in toto gegenüber eine wirklich ernste Auffassung ihres Eides bekunden, finden es mit ihrem Gewissen nur zu oft ganz merkwürdig gut vereinbar, wenn die einzelnen Bestimmungen derselben durch die Praxis der ihnen unterstehenden Behörden außer Kraft gesetzt werden; namentlich dann, wenn die hierdurch in ihrem Rechte Geschädigten nicht Macht und Mittel haben, sich zu wehren. Verbürgt das sanctionirte, von allen Beamten beschworene Staatsgrundgesetz den Juden die Gleichstellung vor dem Gesetze oder nicht? Erklärt dasselbe Staatsgrundgesetz nicht ausdrücklich, daß die öffentlichen Aemter allen Bürgern, ohne Unterschied der Confession, in gleicher Weise zugänglich sein müssen, oder bestimmt es das nicht? De^ gegen war .ige Justizminister hat es — hiefür zollen wir ihn. die volle Anerkennung — für gerecht gefunden, zumindest jene vereinzelten jüdischen Gerichtsbeamten, welche nun einmal seinerzeit in diese Laufbahn ausgenommen worden sind, nicht ungerechter Weise in ihrem Avancement zu schädigen, und hat dementsprechend erst jüngst einige charakteristische Beförderungen eintreten lassen. Aber sind die Juden nicht heute factisch von dem Eintritte in den staatspolitischen, den richterlichen, ja selbst in den technischen Dienst bei den durch den Staat betriebenen Bahnen ausgeschlossen? — ausgeschlossen einzig und allein aus dem durch die Verfassung verpönten Grunde, daß sie nicht getauft sind, ein Grund, der von einzelnen Chefs den Aspiranten gar nicht verheimlicht wird! Diese Thatsachen, diese Verletzungen der beschworenen Verfassung sind sie den Ministern vielleicht unbekannt? und wenn sie ihnen bekannt sind, dulden sie nicht dieselben, unterstützen sie sie nicht durch ihre Jndulgenz? Wir verkennen nicht, daß unser gegenwärtiges Ministerium in vielen Stücken bemüht ist, der Hauptaufgabe des Staates gerecht zu werden. Dasselbe gestattet keine Uebergriffe der Czechen gegen die Deutschen und umgekehrt. Dasselbe glaubt weiter — allerdings nach seiner Auffassung und nach seiner Meinung — sich verpflichtet, das Bürgerthum gegen die An- und Uebergriffe der Socialisten zu schützen und schützt auch dasselbe. Nur vor den Rechten und Interessen einer einzigen Claffe von Staatsbürgern, den Juden, hält diese Bethätigung ausgleichender Gerechtigkeit und Unparteilichkeit des Ministeriums entschlossen still. Diese Juden sind zwar unter allen Volkstheilen die schwächsten, sie haben mehr gelitten als alle anderen Classen, sie sind zu allen Zeiten das durch den Neid und die Leidenschaften fanatisirter Bolksmaffen gefährdetste Object gewesen, sie bedürfen am meisten, am ehesten des Schutzes — „thut nichts, der Jude wird verbrannt" — auch unter diesem Ministerium. T a a f f e hatte den Juden gegenüber noch eine „Politik", er warb um sie mit „Hafer und Peitsche", das Ministerium Windischgrätz hat für sie weder das Eine noch das Andere — unter dieser Regierung find sie nach dem Ausspruche Menger's im Reichsrathe einfach „vogelfrei". Keiner der Minister gehört nun der antisemitischen Partei an, keiner von ihnen, welcher nicht ein Mann von Ehre und Gewissen wäre! Wie ist es nun möglich, dieses