Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 760 Westrrrelchifche Wochenfttzrtfl Nr. 39 traten ihm aus den Augen. Eine solche Demüthigung wurde ihm noch nie zu theil. Einige Stunden lief er noch ralhlos herum, und als er spät heimkehrte, verbrachte er angekleidet und von schauderhaften Gedanken gefoltert die ganze Nacht. Aber auch Rosenheim suchte vergebens den Schlaf, als Linderung seines tiefempfundenen Schmerzes. Er hatte einen argen Auftritt mit Gietelen gehabt. Sie hatte, trotz des Zornes, mit dem er ihr gedroht, fest erklärt, lieber sterben, als von Herrn v. Bokovski lassen zu wollen. Und der Ton, mit dem sie dieses aussprach, belehrte ihn zur Genüge, daß ihre Liebe zu^diesem nicht die plötzliche Aufwallung eines Augenblickes, sondern eine längst gehegte, tiefempfundene und unumstößliche sei. Er liebte seine Gietele so sehr, und es war ihm ein halb rührendes und halb schmerzliches Gefühl, daß ihr Herz sich einem Manne zugewandt hatte, von welchem ihn, sowohl im Glauben, als in der Lebensstellung eine so große Kluft trennte. Ein heftiges Stöhnen entrang sich seiner Brust, als er seiner einst so schönen und gefeierten, und nun so tiefunglücklichen Schwester gedachte, die eine Beute ihrer Leidenschaft geworden und durch die Mißhandlung ihres Gatten zum Wahnsinn getrieben wurde. Ein heftiges Zittern durchrieselte seinen Körper und heiß drang ihm das Blut zurw Kopfe, bei dem Gedanken, daß ein ähnliches Schicksal vielleicht auch seiner heißgeliebten Tochter bevorstehe. Es war dies ein bedrückendes Gefühl, das ihm das Herz zusammenzuschnüren drohte, wenn er daran dachte, wie hart das Schicksal seine Familie verfolge. Am andern Tage saß v. Bokovski tiefbekümmert in seinem Zimmer. Er wußte, daß er hier länger nicht bleiben könne, aber der Gedanke, Gietele, die er so heiß liebte, nicht mehr sehen zu dürfen, in Verbindung mit all dem vorangegangenen Aufregungen ging über seine Kräfte und wie wahnsinnig rannte der von verletzter Eigenliebe und tiefem Herzenskummer erregte junge Mann aus dem Zimmer und lief im Dorfe herum ohne Ziel. Plötzlich blieb er vor dem Hintergebäude stehen, dessen Thor zufällig offen stand. Er blickte in den Hof desselben und gewahrte durch das Gartengitter die Hinterfront des Schlosses, in welchem Theile das Zimmer Gieteles lag. Unwillkürlich drängte es ihn in den Hof und er stellt sich vor das Gartengitter und blickte auf das Fenster von Gieteles Zimmer, als plötzlich ein gellender Schrei sein Blut zum Stocken brachte. Als er sich umwandte, sah er zu seinem nicht geringen Erstaunen, am Stocke des Hintergebäudes, eine Frau, schrecklich lärmend, und Hilferufe ausstoßend, am Fenstergitter heftig rütteln und allerlei Versuche machen, aus dem Fenster zu springen. Bestürzt eilte v. Bokovski hinauf, umfing entschlossen die rasende Frau mit seinen kräftigen Armen und zog sie von der Fensterbrüstung herab. Er hatte anfangs geglaubt, es mit einer Lebensüberdrüssigen zu thun zu haben. Wie erstaunt war er aber, als ihn die ihm gänzlich unbekannte Frau mit ihren Armen liebevoll umschlang und mit überaus zärtlichen Worten ihn ihrer Liebe versicherte, und ihn beschwor, sie zu ihrem Kinde zu bringen. Indessen durfte der Lärm der Unglücklichen nicht ungehört geblieben sein, denn vom Schlosse eilten viele Diener und zuletzt sogar der Gutsherr selbst ganz entsetzt herbei. Das Weib war seit Jahren ganz harmlos und scheute sogar die Menschen. Es war daher Jedem unbegreiflich, daß bei demselben plötzlich ein Tobausbruch eingetreten sei. Verblüfft blieben aber Alle stehen bei der Scene, die sich ihnen darbot. Herr v. Bokovski stand, sichtlich aufgeregt, noch immer die unglückliche Paierl in seinen Armen haltend, während Letztere ihn stürmisch mit den Armen umklammert hielt, als fürchte sie, man könne ihr ihn entreißen." Als er den Gutsherrn erblickte, wollte er sich entfernen und bemühte sich, aus den Armen der Unglücklichen zu befreien; wobei ihm die Bedienten behilflich sein wollten. Doch diese wehrte sich mit einer solchen Kraft, die man diesem sonst schwachen Weibe kaum zugetraut hätte; dabei schrie sie fortwährend mit erschütternder Stimme: „Ladislaus, Ladislaus, rette mich! " Der Gutsherr ward bei diesem Ausrufe todtenbleich geworden. Eine dunkle Ahnung beschlich sein aufgeregtes Gemüth. Seine Augen starr auf das Gesicht Bokovski's heftend, glaubte er jetzt in demselben Züge zu entdecken, die ihm früher an ihm gar nicht ausgefallen waren und die in seinem Geiste Bilder hervorriefen, welche sein Gemüth mächtig bewegten. Inzwischen war bei der Unglücklichen eine allmälige Ruhe und Abspannung eingetreten. Sie war sanft in den Armen des jungen Mannes eingeschlafen; gleichsam, als fühle sie sich in seinen Armen ganz sicher. Die blasse Farbe ihrer Wangen rötheten sich und ein mildes Lächeln verklärte ihr kummervolles Gesicht. Der Schweiß aber, der von ihrer heißen Stirne herabperlte, konnte als Beweis gelten, wie mächtig erregt diese Frau gewesen sein mußte. Sanft legte sie v. Bokovski auf das Bett, und man konnte aus seinem schönen Gesichte die Rührung lesen, die er mit dieser Unglücklichen empfand. Da trat plötzlich der Gutsherr, der höchst aufgeregt zu sein schien, auf ihn zu und bat ihn, ihm in ein Nebenzimmer zu folgen. „Ist Ihnen nicht ausgefallen, mein Herr", sagte er mit bebenden Lippen, „daß meine unglückliche Schwester in Ihnen einen gewissen Ladislaus zu vermeinen glaubte?" „Ladislaus war der Vorname meines seligen Vaters, äußerte v. Bokovski". „Doch nicht Ladislaus Oclovski" schrie auf's Aeußerste erregt, Rosenheim. „Derselbe" antwortete der junge Mann und sah den Gutsherrn erstaunt und überrascht zugleich an. Der Gutsherr stand wie versteinert da. Eine peinliche Panse entstand, während welcher Beide sich starr und wortlos ansahen; Jeder von ihnen von anderen Gedanken erfüllt. „Wie kommt es aber, nahm Nosenheim wieder das Wort, nachdem er sich ein wenig erholt hatte, daß Sie nicht den Namen Orlovski führen?" „Mein Vater", erwiderte der junge Mann und ein schwerer Seufzer entrang sich dabei seiner Brust, „dem sein Weib, meine Mutter, verlassen hatte, erschoß sich aus Lebensüberdruß. Ich selbst war damals ein schwaches, kaum zweijähriges Kind, und so nahm sich meiner mein Pathe, ein wenig begüterter Edelmann namens Bokovski an, adoplirte mich und entriß mich so meiner Hilflosigkeit. Derselbe starb vor einigen Jahren und hinterließ mir sein bescheidenes Vermögen; ich führe daher dessen Namen. Die weitere Unterredung, die zwischen dem Gutsherrn und Herrn v. Bokovski stattfand, habe ich nie erfahren können. Nur soviel habe ich zu bemerken geglaubt, daß sowohl der junge Mann als der Gutsherr versöhnt und zufrieden von einander schieden und daß in Folge dessen die Wolke, die sich über die Famile Rosenheim zusammenzuziehen drohte, sich zu verflüchtigen begann und das Glück wieder einkehrte. * * * In den Siebziger-Jahren machte in Czernowitz das Uebertreten eines jungen Polen zum Judenthum großes Aufsehen, daß es aber Bokovski, der Held unserer Erzählung und dann der glückliche Gatte Gietele Rosenheims war, davon wußten nur wenig Eingeweihte. Der Traum des Reservisten. Von D m u ch a l s k i. „Wie schön ist es, Soldat zu sein!" hat ein poetisch veranlagter Schwärmer ausgerüfen, und es mag seine Richtigkeit haben, jedoch nur bei jenem jungen Himmelsstürmer, der sich am 18. August im Spiegel der Festhalle in der k. und k. Militär- Akademie zu Wr.-Neustadt zum ersten Male in der schmucken Uniform eines Husarenlieutenants besehen hat. — Nicht so beim Reservisten Lazar Kornfeld, der auf 28 Tage zu den Waffenübungen einberufen wurde, gerade zur Zeit, wo er zu Hause unentbehrlich war, denn die Einberufung traf ihn Anfangs September, also vor Rosch Haschono, und er war nicht blos Schames in der großen Synagoge zu D.. sondern auch der beste Baal Tokea im Orte. Wenn irgendwo ein Schofar versagte, und gar Niemand im Stande war, demselben auch nur einen einzigen Ton zu entlocken, wurde Lazar geholt, und er absolvirte mit einer bewundernswerthen Virtuosität sogar die „Scheloschim Kaulaus" in einem Athem, ohne abzusetzen oder zu stocken. Lazar war als Sohn guter Eltern ein „Lernkind" und würde es gewiß zum Rabbiner in irgend einer orthodoxen Gemeinde gebracht haben, wenn er weniger kräftig gebaut und nicht ein Recke von Gestalt gewesen wäre. — Diese bei einem „Lernkind" seltenen Vorzüge haben die Assent-Commission bei