Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 758 Vrflerreichlsrhr wmtzrnkchrifl Nr. 39 bar zeigen und bald ein König-Kaffeekränzchen gründen werden, in dem nur L ieb erm ann'sche Lieder declamirt, Kö n ig'sche Artikel gelesen und auf echt teutonische Art geklatscht werden darf. Als diese Worte König's verklungen waren, erhob sich der Hamburger Barde Raab, der in seiner äußeren Gestalt das edle Princip „Macht geht vor Recht" verkörpert, zu einer unkräftigen Ansprache. Er versicherte auf Ehre, daß er keinen Religionshaß kennt und daß kein Fanatismus in seinen edlen Herzen Platz findet, ja er würde sogar einem Juden in der Gefahr beistehen. Wir zweifeln durchaus nicht an der Aufrichtigkeit dieser Worte, denn die braven Antisemiten haben ja stets nach diesem echt menschlichen Grundsatz gehandelt, aber wir müssen gestehen, wir möchten keinem Juden rathen, in dieElbezu springen und daraufzu warten,daßHerr Ra a b ihn herausziehe. Solche Experimente sind — immerhin sehr gefährlich. Daß Herr Raab als von Gott berufener Tugendwächter den Juden in rücksichtsvoller Weise auf die Hände schlagen will, das wird ihm sicherlich Niemand verdenken, wir können aber nicht dafür garantiren. daß die Juden bei dieser ethischen Procedur stillhalten werden. Deutsch-socialreformatorisch-antisemitischwillHerrRaab sein und das wird wohl stimmen. Das Epitheton ist zwar etwas hölzernschwerfällig-ungeschickt-duselig, kernig-deutsch ist es gerade nicht, aber es klingt erschreckend für die Menge, und man kann sich alles Mögliche und Unmögliche darunter denken, wenn man es nicht vorzieht, im Dienste des Judenhasses überhaupt nicht zu denken. Herr Raab will alles in der Welt bis auf die Strümpfe und Stiefel nationalisiren, das sociale und moralische Elend aus den deutschen Landen bannen und die Verjudung des Reiches bekämpfen. Wie? Das ist sein Geheimniß, düs er der staunenden Welt schon zur rechten Stunde verkünden wird. Wie gut er es mit dem deutschen Volke meint und wie sehr das allgemeine Wohl aller Antisemiten chm am Herzen liegt, dos wird die Geschichte der antisemitischen Bewegung mit goldenen Lettern verzeichnen. Nun ergriff Herr Liebermann v. Sonnenberg, der eigentliche Held des Tages, das Wort zu seiner Paradeleistung. Er legitimirte sich zunächst als Pathe des Düsseldorfer antisemitischen Vereines, wozu wir ihm sowohl wie dem löblichen Verein nachträglich gratuliren. In weihevoller Stunde gedachte er dann aller Väter des Antisemitismus, der in der Erde ruhenden wie der noch auf Erden wandelnden, er feierte alle Geistesinvaliden, die die antisemitischen Schlachten geschlagen haben, und sicherte ihnen ein ruhmvolles Denkmal im antisemitischen Zukunstsstaat. Der Redner wird dann elegisch und schildert in trüben Farben das tragische Geschick des armen Vaterlandes und entrollte vor den Augen seiner Zuhörer das schreckliche Bild des Elends, das sich in der Auswanderung zeigt. Selbstredend sind die Juden allein schuld daran, denn die alten glücklichen Germanen, die die Judennoth noch nicht kannten, wanderten niemals nach Amerika aus. Die Literatur, die Presse, die Industrie, das Geschäftsleben — Alles wird durch die Juden zu Grunde gerichtet, daher sollten alle Stände sich sobald als möglich der national-antisemitischen Bewegung anschließen, in der allein sie Heil und Rettung finden können. Nun wendet sich der begeisterte Redner allen Ernstes an die deutschen Frauen, daß sie ihr Geld nicht zum Juden tragen sollen. „Fluch — so ruft er mit Donnerstimme — Demjenigen, der den unrechtmäßigen Mammon in den Händen des Judenthums vermehren hilft! (Stürmischer Beifall.) Möchten unsere deutschen Frauen und Jungfrauen sich bewußt sein der Pflichten, die ihnen aus dem deutschen Namen und Geiste erwachsen!" Hoffentlich waren keine nervösen Frauen im Saale, sonst würden wir ein Unglück befürchten. Zum frohen Abschied aber wurden noch einige Stunden der Gemüthlichkeit gewidmet, man trank und sang und trennte sich mit dem glücklichen Bewußtsein, der Sache der Gesammtheit große Dienste geleistet zu haben. Lieb' Vaterland, du kannst ruhig sein, denn deine wahren Retter sind nah und die antisemitischen Herren halten die Wacht am Rhein. F. 8. NermWes. Wien. (Eine Trauung), bei der Bräutigam Und Braut nur mit großer Mühe das „Ja" hervorbringen konnten, wurde gestern in dem Tempel in der Seitenstettengasse vollzogen. Sowohl der Bräutigam, ein junger Maler O., als auch die Braut sind taubstumm. Der Trauung wohnte ein sehr zahlreiches uud stilles Publicum bei, denn ein großer Theil desselben bestand gleichfalls aus — Taubstummen. Wien. (Ernennung.) Der Minister für Cultus und Unterricht hat den Professor an der Landes-Unterrealschule in Römerstadt, Arnold Kornfeld, zum wirklichen Lehrer an der Staatsrealschule in Troppau ernannt. Wien. Bezirks - Anschuß der inneren Stadt Ludwig . W ald stein feiert am 4. Oktober 1894 sein 25jähriges Dienstjubiläum als Beamter der Nordbahn. W a l d st e i n ist der Sohn des bekannten, von der weiland Kaiserin. K a r o l i n a Augusta 1842 von München nach Wien berufenen baierischen Hof-Optikers, späteren mehrfach ausgezeichneten Wiener Bürgers, Jacob Wald ft ein, gestorben 1876. Wald st ein absolvirte in Wien die Studien und wirkte bereits 1859 im patriotischen Hilfsverein für die Verwundeten des italienischen Feldzuges. 1864 veranstaltete Wald stein mit Carl Höflmayr und Ferd. v. M a n n s a i für die Verwundeten des schleswig-holsteinischen Krieges eine Redoute in der Hofburg, aus deren überaus reichem Erlös die Erzherzog Albrecht-Jnvaliden-Stiftung hervorging. Diese Redoute war die bisher einzige, welcher der Kaiser und sämmtliche Erzherzoge beiwohnten. Mai 1866, zufällig in Leipzig anwesend, hielt W a l d st e i n über Wunsch des damaligen Rector magnificus Prof. Wnttke in der vom Stadtrath Prof. Biedermann über Ordre B i s m a r ck's einberufenen Volksversammlung zu Gunsten einer Neutralitätserklärung Sachsens eine wirksame Rede, wobei er die Anklagen gegen Oesterreich erfolgreich widerlegte und die Verwerfung der Biedermann'schcn Resolution erzielte. Unter Anszischung der Bismarckianer seitens der Leipziger Bürger und Studenten schloß die vieltausendköpfige Versammlung im Leipziger Schützenhaus mit der Absingung der österreichischen Volkshtzmne. Während — und nach dem Kriege 1866 wirkte W a l d st e i n in vielen . patriotischen Vereinen, besonders im sächsischen Hospital, welches im hiesigen Theresiannm untergebracht war. woselbst er auch für die Verwundeten, sowie für die Cholera- und Typhuskranken die Correspondenz in ihre Heimat besorgte. 1873 gehörte Waldstein mit^Her b st jun.. H as ner jun.. H erb e ck jun. rc. der „Jungenherren - Deputation" au, welche' der Erzherzogin Gisela und dem Prinzen Leopold v. Ba'iern anläßlich ihrer Vermälftung die Huldigung der Jugend Wiens darbrachte. Im selben Jahre sungirte W a l d st e i n als Secretär des WienerBürgerfrauen-Comites. welches den Kaiser anläßlich seines 25jährigen Regierungs-Jubiläums eine Beglückwunschadreffe überreichte. 1881 constituirte W a l d st e i n, um einen faux pas des damaligen Gemeinderathes wett zu machen, ein großes Bürgercomite, welches den Kronprinzen Rudolf anläßlich seiner Vermählung einen Prachtschreibpult mit einem gemalten Künfileralbnm (gemalter Festzug aller Gewerbe Wiens) mit mehreren 100.000 Unterschriften als Hochreitsaeschenk der Wiener Bürger überreichte. Als Eisenbahner ist W a l d st e i n Verfasser des populär gewordenen Wiener Generalfahrplanes und Gründer des heute blühenden und maßgebenden Clubs der österreichischen Eisenbahnbeamten in Wien. 1871 wurde Waldstein einstimmig zum Ehrenmitglied des Wiener Eisenbahn- und Dampfschifffahrts-Beamtenvereines ernannt. Politisch wirkte W a l d st e i n im bürgerlich-demokratischen Wiener Wäblerverein der inneren Stadt, in welchem er unter dem Obmann Gemeinderath Victor Silber er nahezu zwölf Jahre das Schriftfnhreramt bekleidete. Am 4. Oitober 1869 trat Wald stein unter Hofrath Baron Eichler in die Dienste der Nordbahn. Wien. Unser geschätzter Mitarbeiter Herr Ed. Beer bat einen schweren Verlust erlitten. Sein Vater, Herr Johann Beer, ist am 21. September, 2 Uhr Morgens, in seinem 95. Lebensjahre sanft verschieden. Der Heimgegangene entstammt einer alten jüdischen Gelehrtenfamilie und erfreute sich wegen seiner vielen persönlichen Vorzüge und seines edlen Charakters allgemeiner Sympathien. Das Leichenbegängniß fand Sonntag am 23. d. M. in Proßnitz statt. Wien. Fräulein Vera Pollak, Tochter des Herausgebers der „Oesterreichisch-ungarischen Gasthaus-Zeitung" hat sich mit Herrn Max Gottlieb, dem Sohne des Vorstehers der Czernowitzer Gastwirthe-Genossenschaft verlobt. Baden. (Auszeichnungen.) Unter den bei der Hauptübung der I. freiw. Feuerwehr am 16. d. Mts. für lange Dienstjahre und aufopfernde Werke, in Form der Überreichung von Diplomen, ausgezeichneten Feuerwehrmännern befinden sich von hiesigen jüdischen Glaubensgenossen die Herren Sigmund und