Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 39 VryrnedMche Wochenschrift Seite 757 Erzählung sofort für eine perfide Lüge erklären; übrigens bezweifeln wir schon, daß Näprstek jemals einen Cnrort überhaupt aufgesucht hatte." Soweit die wörtliche Uebersetzung der „Närodni Listy". — Wir staunen, aber nachdem das „Deutsche Volksblatt" das Organ der Herren Liechtenstein, Lueger, Schneidern ist, wieso es dennoch kommt, daß die Herren Bräznovsky, Baschaty u. s. w. mit den Antisemiten eine Hand sind! N ä p r st e k war im wahrsten Sinne des Wortes ein Freidenker, allgemein geachtete Perösnlichkeit auch von Seite der Juden — wiewohl derselbe kein ausgesprochener Freund derselben war — aber sicher ist, würde Jeder so denken, wie der verstorbene, ehrenhafte Charakter Näprstek, wäre allerdings der Antisemitismus längst ausgerottet. Die Herren Jungczechen mögen sich dies vom „Deutschen Bolksblatt" gut merken. Marienbad, 18. September. Vor einigen Tagen zur Nachcur hier angelangt, war ich aufs Peinlichste berührt, auf einem der belebtesten Plätze (bei der Waldquelle) im Auslagkasten des Photographen E. Pflanz mehrere antisemitische, beziehungsweise antipolnisch-jüdische Photographien ausgehängt zu finden und zwar: 1. Bild (darstellend 3 polnische Inden und einen Knaben) darunter: „Waldidylle", Marienbad. 2. Bild: (darstellend 3 polnische Juden und einen Knaben) darunter: „Hob' m'r bezolt 5 Gülden sor de Curtax, Nü — werd m'r trinken üm 10 Gulden." 3. Bild: (darstellend 3 polnische Juden am Coupefenster eines Eisenbahnwaggons mit der Aufschrift: „Directer Waggon Marienbad- Tarnopol" darunter: „Fahr'n m'r zu de Kalle, Ba'm Kreuzbrunn iverd m'r alle." Unter jedem Bilde noch die Worte: „Nachdruck wird gesetzlich verfolgt". Abgesehen, daß ein jeder Curort international und interkonfessionell sein soll, so hätte schon der geschäftliche Standpunkt Herrn E. Pflanz — das ist der Photograph — veranlassen sollen, derartige Photographien nicht auszuhängen, da von den hiesigen jüdischen Curgästen mindestens die Hälfte aus Galizien und Rußland stammt. Wir bezweifeln nicht, daß die löbl. Curcommission oder das hiesige Bürgermeisteramt die Macht besitzt, die Schaustellung derartiger aufreizender und Aerger erregender Photographien zu inhibiren. Bag-Beese. (Tempeleinweihung.) Die hiesige israelitische Gemeinde feierte am 16. d. M. die Einweihung ihres neuen Tempels, den sie an Stelle des vor etwa einem Jahrhundert errichteten Gotteshauses mit beträchtlichen Kosten in modernem Styl erbauen ließ. Der größte Theil der Nachkommen jener angesehenen Familien, welche den alten Tempel errichteten, ist zwar schon vor längerer Zeit nach der Hauptstadt übersiedelt, doch haben sich alle mit bedeutenden Beiträgen an den Baukosten des neuen Tempels betheiligt. Der Act der Einweihung verlief in feierlicher Weise, wobei das prächtig geschmückte Gotteshaus von zahlreichen Gästen erfüllt war; u. A. waren auch die Budapester Bauunternehmer Mar cell und Oed öu, Neuschloß, Samuel Kitseer und Leopold Stadler anwesend. Die Feier wurde mit dem Absingen mehrerer Psalmen eröffnet, worauf Bezirksrabbiner Danzig die Festrede hielt, welche tiefen Eindruck machte. Schließlich fand ein animirtes Bankett statt, bei welcher Gelegenheit auch die Armen des Ortes mit Geschenken bedacht, und außerdcm von zahlreichen Gästen namhafte Spenden zu wohlthätigem Zwecke gemacht wurden. Szenitz. (Einweihungsfest.) Sonntag den 9. d. M. fand in Szenitz eine erhebende Feier statt. An diesem Tage nämlich wurde die neu creirte israel. Volksschule ihrer Bestimmung übergeben. Nachmittags 2 Uhr versammelte sich der Schulstuhl in den den modernsten Anforderungen entsprechenden Schullocalitäten, wos lbst die Schuljugend mit ihren Lehrern schon versammelt war. In Vertretung des wegen eines Trauerfalles abwesenden Schulpräses hielt Herr Dr. Sigmund Grünfeld eine der Gelegenheit angepaßte ungarische und deutsche Ansprache, welche von einem der Herren Lehrer erwidert wurde. Hierauf gingen die Schulkinder und die versammelten Herren in die zu diesem Behufe prachtvoll decorirte Synagoge, woselbst die eigentliche Feier stattfand. Nach dem Einleitungsgebete und nach Absingen des „Szözat“ bestieg Rabbiner Marmor stein die Kanzel und hielt die Festrede, ein wahres Meisterwerk der Rhetorik. Raummangel gestattet es uns nicht, die Rede zu veröffentlichen. Der Rabbiner schloß mit einem Gebete. Mit dem Absingen des Hymnasz war die schöne Feier zu Ende. Die Schuljugend begab sich zurück in die Schule und der Unterricht begann. Eingeschrieben wurden 87 Zöglinge, welche von 2 Lehrern und von einer Jndustrielehrerin unterrichtet werden. Stratzburg, 6. September. Die kürzlich gemeldete Ernennung des Bibliothekars Dr. Landauer zum Honorarprofessor in der philosophischen Facultät der Universität Straßbürg ist, wie die „Allgemeine Zeitung" schreibt, darum besonders bemerkensmerth, weil es sich dabei um eine eigene Professur für rabbinische Literatur, in erster Linie für Talmud, handelt. Theologen, Philologen und Historikern ist damit die Möglichkeit geboten, zum Verständniß des Talmuds zu gelangen; auch sind allgemein verständliche Vorlesungen über ihn in Aussicht genommen. Köln a. Rh. (Ein Parteitag der rheinischen Antisemiten.) Lauter Jubel herrschte in der vorigen Woche am Ufer des Niederrheins und in gehobener Festesstimmung zeigte sich die schöne Gartenstadt Düsseldorf. Aus allen Rheingauen waren sie gekommen, die theuren Söhne Germanias, die auserlesene Schaar der Antisemiten, um frisch und fröhlich nach alter Sitte zu zechen, die ehrwürdigen Kneiptugenden zu Pflegen und das liebe Vaterland zu retten. So ein antisemitischer Provinzial-Parteitag ist immer ein historisch merkwürdiger, vaterländischer Tag, und die biederen Bier- und Weinwirthe verkünden noch Jahre nachher seinen Ruhm. Die Leuchten der deutschen Nation, Liebermann von Sonnenberg, Dr. König und Raab, glänzten an diesem antisemitischpatriotisch.nationalen Feste und verliehen ihm eine besondere Bedeutung. Die patentirten Nationalhelden ließen einander hochleben und redeten, vom Rheinweine beseelt, mit einem Pathos, daß es einen Stein rühren könnte. An die Männer und Frauen, an Alt und Jung, an alle Stände und Berufsarten richteten sie ihre herrlichen Worte, die natürlich einen dankbaren Boden fanden und mit Begeisterung ausgenommen wurden. Freilich, die rheinischen Antisemiten selbst hielten ihr Schweigen für Gold und bewahrten ihre Geistesschätze für die nächsten Carnevalssitzungen. Jetzt ließen sie die fremden Herren für sich reden, denn in Gegenwart solcher Größen geziemt es dem schlichten Manne, zu schweigen und sein Haupt in Demuth zu beugen. Üeber den geheimnißvollen Verhandlungen dieser edlen Patrioten ruht ein tiefer Schleier, wer vermag ihn zu lüften? Die hochwichtigen Beschlüsse, von denen das Wohl und Wehe des Vaterlandes abhängt, sind nur den Eingeweihten und den vom Volke dazu Auserkorenen bekannt. Ja. die antisemitischen Wahrheiten sind so zarter Natur, daß sie den Hauch der Oeffentlichkeit ohne Schaden nicht vertragen können, daß sie wie die edlen Gebilde der Phantasie von der rauhen Kritik verscheucht werden. Will man daher im Kampfe für den Antisemitismus vor allen Unannehmlichkeiten der bösen Gegner geschützt sein, so ist die Vorsicht eine notwendige Tugend, und man muß die Thüren fest schließen, damit der jüdische Geist nicht auch in die antisemitische Versammlung dringt. Dieses Mal waren die Herren in Düsseldorf sehr behutsam, denn nicht einmal die Namen der muthigen Herren, die das Glück hatten, in den Vorstand hineingewählt zu werden, wurden uns verrathen. Nun, wir sind nicht neugierig und haben so viel Zutrauen zu diesen edlen Volksführern, daß wir überzeugt sind, sie können nur im echt antisemitischen Geiste wirken und nur solche Dinge schaffen, die ihrer würdig sind. Einen geradezu überwältigenden Eindruck machte der öffentliche Theil dieses Parteitages. Es wollte der Tischreden gar kein Ende nehmen, die Führer feierten sich gegenseitig in rührenden Worten und lobten dann in gütiger Weise die lieben Düsseldorfer, die doch bis jetzt gar wenig für die edle Bewegung gethan haben. Auch die städtische Tonhalle ist plötzlich zu unverdienten Ehren gelangt. Der Rittersaal hat zum ersten Mal die vortrefflichen nationalen Helden beherbergt und ist so zur Stätte des reinen Idealismus geworden. Doctor König eröffnete den Reigen der Vorträge und wandte sich in bewegten Worten an die deutschen Frauen, die er in seiner allumfassenden Menschenliebe ermahnte, die Ideale des Antisemitismus zu pflegen, bei Juden nicht zu kaufen und nur antisemitische Zeitungen zu lesen. Wir hegen die zuversichtliche Hoffnung, daß sich die Düsseldorfer Damen dank-