Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 756 Vestrrreichischr Wochenschrtfl Nr. 39 nichts mehr zu fürchten, im Gegentheil, mit unseren Ansichten nur zu hoffen. Wir verbinden, was getrennt ist, wir gliedern als große Theile an, was als zerstückeltes, formloses Ding keine Möglichkeit hätte, sich anzuschließcn. An unsere Glaubensgenossen wird es sein, unsere Politik zu fördern. w. GürreMnäeriLm. Wien, 19. September. (Ovation für Hofrath Isidor Neumann.) Heute um die Mittagszeit wurde Universitätsprofessor Neu mann durch eine Abordnung der klinischen Aerzte und Schüler anläßlich der ihm zutheil gewordenen Verleihung des Hofrathstitels beglückwünscht. In seiner Ansprache hob der klinische Assistent Dr. Rille hervor, daß die Huld des Monarchen allenthalben aufrichtige Freude erregt habe, am meisten aber in den Herzen der Schüler, die in dem Gefeierten das Muster eines gewissenhaften Lehrers, Arztes und Menschenfreundes verehren. Krems. (Einwei h ung d es neuen Tempels.) Nach heißem Bemühen, nach unzähligen Widerwärtigkeiten ist es der Kremser isr. Cultusgemeinde gelungen, ein eigenes Gotteshaus zu erbauen. Dasselbe ist ein im deutschen Renaissancestyl gehaltenes Gebäude. Ein schmucker Bau, dessen Außenseite ein mächtiger Giebel krönt, enthält derselbe außer dem Mittelschiff zwei Seitenschiffe, eine Mittel- und zwei Seitengalerien mit zusammen 220 Sitzen für Männer und Frauen. Das Bauwerk, von drei Seiten freistehend, mit drei Facaden, hat sammt innerer Einrichtung kaum 25.000 Gulden gekostet und ist in nicht ganz fünf Monaten fertiqgestellt worden. Das Innere ist architektonisch reich gegliedert; die Estrade, ganz aus Holz und in Farben getont, macht einen würdevollen Eindruck. Gestern fand nun unter außerordentlicher Betheiligung sowohl der Kremser Behörden, als auch zahlreicher Festtheilnehmer aus Wien die feierliche Weihe des Tempels statt. Es waren erschienen: Statthaltereirath Bezirkshauptmann Jungwirth mit sämmtlichen Beamten der Bezirkshauptmannschaft, Kceisgerichts-Präsident Vogel mit sämmtlichen Beamten, der Oberst des in Krems stationirten Regiments v. Heß mit zahlreichen Stabs- und Oberofficieren, Bürgermeister Dr. H e y n em a n n, Gymnasialdirector B a r a n, Realschuldirector Dr. Ehrenberger, der Director des Pädagogiums Eduard Sacher und Bürgerschuldin ctor Pfeiler. Die Cultusgemeinde W ien war vertreten durch Landesschulrath Dr. Gustav Kohn, Wilhelm v. Guttmann und Secretär Doctor Lieben. Vor der eigentlichen Tempelfeier betrat Architekt Max Fleischer die Estrade und betonte, daß eine feierliche Schlußsteinlegung, wie sie usuell sei, wenn Bauleute ein Werk vollenden, aus örtlichen Gründen unterbleiben mußte. Hierauf gab er den Gefühlen innigster Dankbarkeit Ausdruck für den Kaiser, durch dessen Gnade die Juden Gotteshäuser bauen und ihren Cultus frei üben können. Er dankte Allen, die das Werk vollenden halfen, und schloß mit den Worten, daß das Haus eine Stätte der Gottes- Verehrung, ein Lehrhaus allgemeiner Menschenliebe sein und bleiben möge. Nachdem hierauf die Gesetzesrollen unter Chorgesang und Harmoniumbegleitung in den Tempel getragen und in die Bundeslade eingestellt waren, wurde ein Psalm gesungen und das ewige Licht angezündet, worauf Oberrabbiner Dr. Güdemann aus Wien die Festrede hielt. Nachdem er zu Beginn derselben betonte, daß dieses Gotteshaus seine Existenz der Standhaftigkeit, einer Tugend des jüdischen Volkes, verdanke, gab er in kurzen Zügen einen historischen Ueberblick über die Juden in der Stadt Krems und über die Verfolgungen, die sie im Mittelalter hier zu erdulden batten. „Aber dauernd hatte die,Prüfung niemals angehalten, und auch heute sei endlich die Morgenröthe angebrochen. Dies verdanken die Juden eben ihrer Standhaftigkeit, jener Standhaftigkeit, wie sie sich in denDienst Gottes stellt, der an keinem Raum und an keine Zeit gebunden'ist,zum Unterschiede vom Gottesdienste, der ans Gotteshaus gebunden ist. Mit dem Gotteshause allein genüge man nicht der religiösen Pflicht, man unterschätzt damit das Gotteshaus und unterschätzt die Religion. Ueberall muß man Gott dienen; für den Dienst Gottes ist die Menschheit, ist die Welt gerade groß genug. Aus dieser erhabenen Anschauung haben die Väter die Standhaftigkeit geschöpft. Der Gottesdienst ist anregend und anspornend für den Dienst Gottes." Zum Schluffe seiner fesselnden Ausführungen ermahnte der Redner zum Frieden und zur Eintracht. Noch stand die andächtige Menge unter dem mächtigen Eindrücke dieser Ausführungen, als die rauschenden Accorde eines Psalmes erklangen. Hieraus hielt der Rabbiner von Krems, Dr. Weiß, die Weiherede und sprach das Kaisergebet, worauf von sämmtlichen Anwesenden die Volkshymne gesungen wurde, womit die Feier ihren Abschluß fand. Nachmittags fand ein Festessen statt, das einen sehr animirten Verlauf nahm und bei welchem ernste und heitere Trinksprüche zur Erhöhung der Festesstimmung beitrugen. Boskolvitz, 21. September. (Von der Jsraelitengemeinde. — Ein Jubiläum.) Da gegen die jüngst erfolgte Wahl in den israelitischen Gemeindeausschuß von keiner Seite ein Protest überreicht wurde, so berief Alterspräsident Samuel Baron die neugewählte Vertretung behufs ihrer Constituirung zusammen. Zum Bürgermeister wurde Daniel Eisler, zu Gemeinderäthen wurden Emil Ungar, Albert Basch, Daniel W a s s e r t ri l l in g und Georg Ti ch o gewählt. Der seinerzeitige Gemeinderath Emanuel Basch zeigte der Versammlung schriftlich an, daß er auf jede Wahl in den engeren Vorstand verzichte. Es ist nun die Aufgabe der neuen Vertretung, mit Fleiß und Ruhe auf dem Gebiete des Gemeinwesens zu schaffen, durch weise Sparsamkeit im Gemeindehaushalte die so hohen Umlagen zu reduciren, sowie die drückenden Consumsteuern abzuschaffen. Auch ist zu hoffen, daß die neugewählten Vertreter der hiesigen deutschen Volksschule ihre wohlwollende Fürsorge widmen und in dieser Beziehung alle Mittel bewilligen werden, welche zum gedeihlichen Aufschwünge des Volksschulwesens nothwendig sind. — Am Samstag beging Abraham Schulz, Schuldirector in Pension, in voller Rüstigkeit seinen 79. Geburtstag. Aus diesem Anlasse kamen diesem verdienstvollen Schulmanne von der hiesigen Bevölkerung, sowie auch aus der Ferne Glückwünsche zu. Prag, 19. September. (Für israelitische Recruten.) Auf das Ansuchen des Prager Gemeinde- und k. k. Landwehr-Rabbiners hat das 8. k. und k. Corps-Commando über Ermächtigung des k. u. k. Reichs-Kriegsministeriums dto. Wien 14. September d. I. ll. Nr. 6751 unter dem 17. September d. I. in dem Corps-Commando-Befehl Nr. 58 verlautbart, daß in sinngemäßer Anwendung des § 485 des Dienstreglements I. Theil aus Anlaß des auf den 1. und 2. Oktober dieses Jahres fallenden Neujahrsfestes der Israeliten die Rccruteu des k. n. k. Heeres israelitischer Confession aus dem ihm unterstehenden Bereiche ausnahmsweise erst auf den 3. October einzuberufen sind. Prag, 23. September. „Nüro dni Li sty" schreiben in Nummer 255: „In der Verleumdung des Andenkens NLprstek's erhielt der clericale „6ech" einen würdigen Bundesgenossen im Herrn Vergani's antisemitischen Volksblatte. Dieses ausgezeichnete Blatt entdeckte endlich, daß Vojta Naprstek ursprünglich — Jude war. Die Herren Antisemiten haben überhaupt die bewunderungswürdige Eigenschaft, daß sie Jedermann, der ihnen nicht nach Geschmack ist, den „jüdischen" Ursprung beweisen wollen. Gambeita, Mazzini, Garibaldi rc. waren alle laut tiefen genealogischen, antisemitischen Erprobungen — Juden. Diesem Schicksale entging auch nicht Vojta Naprstek —ein Mann, der mit seinen persönlichen Eigenschaften und seinem ganzen Wirken nach im entgegengesetzten Lager stand, was wir Judengruppe nennen würden. Nun, was schadet's, befindet sich derselbe wenigstens in guter Gesellschaft und uns fällt es gar nicht ein, den Blödsinn des Blattes des Herrn Vergant bekehren zu wollen, von welchem zufälligerweise die deutschliberale Opposition behauptet, daß er selbst jüdisch-polnischen Ursprungs ist und ursprünglich „Wergon" hieß. „Uns ist es allerdings gleichgiltig, ob es wahr ist oder nicht, allein gleichgiltig können uns die nichtswürdigen Erzählungen oder das Gerede nicht sein, was dieses Blatt zur Verleumdung Nüprstek's Andenken bringt, nach welcher derselbe in einem Bade gerügt worden sein soll vom Grafen Oswald Thun — vom Vater des gegenwärtigen Oswald Thun — daß er (Mprstek) die Deutschen schändlich tadelte. Wer nur ein wenig den verewigten NLprstek kannte, seine gesellschaftliche Noblesse gegen jede andere Nationalität, anderseits sein stolzes und festes National-Bewußtfein, wird die