Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 39 «>. - - aiipi Jh uw ■ i j, iyj. - - Mvltzensttzrift VrflAMtrtztptzr Seite 755 Haft und der von Nr. 448, dessen Adresse ich nicht angeben kann, da ich seine Karte dem löblichen k. u. k. Polizeicommissariate hinterlegte und baten mich, den Burschen freizulassen. Ich sah mich nun gezwungen, der Gewalt zu weichen, bei welcher Gelegenheit sich der Fiakerbesitzer Nr. 354 mit ironischem Lächeln äußerte: „Saujuden, dreckige, bleibts zu Hause, kommts nicht nach Wien, mir brauchen euch nicht." Diese Worte versetzten mich in Aufregung, so daß ich mich eiligst zur nächstgelegenen Wachstube begab, um mit Hilfe einer Assistenz die Namen dieser zwei sauberen Herren abzuverlangen. Als ich nunmehr in Begleitung eines Sicherheitswachorganes, dessen Benehmen vollstes Lob verdient und ich auch diesem Herrn Nr. 2378 den gebührenden Verdienst zolle, zum Fiakerstandplatze kam, fuhr Herr Guder in rasendem Tempo davon, um sich der Adressenabgabe zu entziehen. Wir blieben eine Weile am Standplatze stehen, da kam der Fiakereigenthümer Nr. 448 an uns heran und nachdem ich demselben das Benehmen seines Collegen schilderte, sagte er: „Saujudenbua, er hat Recht, er hätte dir noch zwei Watschen abihauen sollen!" Dabei nahm er drohende Stellung gegen mich ein und verdanke ich es wirklich dem oberwähnten Sicherheitswachmann, welcher durch strammes Einschreiten verhinderte, die drohende Stellung in That übergehen zu lassen, indem er den Fiakerbesitzer mit Kraftanstrengüng festhielt. Sonst hätte es mir factisch passiren können, daß ich obendrein mit einigen Ohrfeigen tractirt worden wäre, um mich für die Folge nicht zu trauen, von den uns durch die hohe Gesetzgebung verliehenen Rechten Gebrauch zu machen, sondern vielmehr für solches Tractement sich noch schönstens zu bedanken. Später retournirte Herr Guder mit seinem Gefährte, wo dann ihm der Wachmann seine Adresse abverlangte. Es fällt nunmehr die Frage auf, wo bleibt die so sehr berühmte Wiener Fiakergemüthlichkeit, welche als musterhaftes Beispiel den Provinzlern dieses Gewerbes dienen sollte? Sind diese zwei Herren blos eine Ausnahme dieses Verbandes? Behandeln sie auf diese Weise die Gleichberechtigung ihrer Mitbürger in unserem friedlichen, constitutionellen Staate, oder wollen sie auf solche Weise einen ^Schandfleck der Wiener Fiakergemüthlichkeit auflegen und ihren treuen Anhang an den verehrten Antisemitismus kundgeben, um diesem lieben Mitmenschenvereine durch eine derartige Handlungsweise die Krone aufzusetzen? Ich würde an diese zwei Herren, auf diesen Vorfall bezugnehmend, die Anfrage richten, warum es Ihnen angenehm ist, einem Cavalier, jüdischer Abstammung, bei dessen Borübergehen an ihrem Gefährte den Höflichkeitsgruß mit den Worten begleitend: „bitte schön, gnädiger Herr, fahr' mir", zuzuweuden. In diesem Momente ist es diesen Herren des löblichen Antisemitenverbandes, scheint es, ganz einerlei, ob sie Juden oder Antisemiten sind und dieser Vorgang eben liefert den Beweis, daß ein Antisemitenanhänger, um jüdisches Geld zu bekommen, auch sich zu einer Heuchelei H»rne herbeiläßt. Als Zeugen dieser Seene figuriren die Herren Franz P a l l i g a, Hernals, Kalzgasse 47 und Rudolf Beer, Theateragentur-Besitzer, I., Friedrichstraße 2, die sich des empörenden Vorganges wegen freiwillig zur Zeugenschaft anboten. Indem ich mir erlaube, Ihnen meinen tiefergebensten Dank für die Veröffentlichung dieser Zeilen abzustatten, zeichne mit vorzüglichster Hochachtung David Soffer, Geschäftsmann Men, H, Darwingasse Nr. 33. Das alte Jerusalem« Ueber die in der letzten Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift" erwähnte Ausstellung schreibt das „Wiener Tagblatt": Ern ganz eigenartiges Kunstwerk wird gegenwärtig im Hause Nr. 89 der Oberen Donaustraße gezeigt. Ein polnischer Künstler, Franz Stiegler, aus der Schule Matejko's, hat das alte Jerusalem, wie es vor der Zerstörung bestand, in ungemein mühsamer und kunstvoller Holzschnitzerei nachgebildet. Achtunddreißig Jahre soll Stiegler an diesem Werke gearbeitet haben. Ueber Jerusalem, die Stadt, die allen drei monotheistischen Religionen heilig ist, besteht auch in topographischer Beziehung eine sehr umfangreiche Literatur und sind zahlreiche Versuche gemacht worden, das Bild der Stadt vor der Zerstörung wiederherzustellen. Stiegler nun hat nach langwierigen Studien die Stadt, getreu den Angaben des Josephus, und zwar nach der im Vatican befindlichen Handschrift construirt, der eigenthümliche Charakter der steil ansteigenden Bergstadt mit den engenGäßchen, in denen nie mehr als zwei Menschen nebeneinander gehen konnten, mit den zahllosen Stiegen als Verbindung zwischen den einzelnen Bauten und vor Allem mit den zahllosen Kuppeln, welche der Stadt von Fernedas Ansehen geben, als ob sie von einer einzigen mächtigen Kuppel überdacht wäre — Alles das kommt in der Nachbildung vortrefflich zur Geltung, und aus der richtigen Entfernung, mit den entsprechenden Gläsern betrachtet, wirkt das Bild ungemein lebendig. Mit großer Gewissenhaftigkeit sind alle Details ausgearbeitet und alle historischen Orte zumindest angedeutet. Man sieht hier unter Anderem den Königspalast, die Häuser des Kaiphas und Annas, das römische Consulat; besonders auffallend ist der Herodes-Palast mit seinen drei großen Thürmen. In der sogenannten Mariastadt sind die prächtigen Salomonischen Bauten und der Tempel mit seinen zahllosen Nebengebäuden von besonderem Interesse. Die Gestalten der Bibel werden beim Anblicke dieses Werkes im Beschauer wieder wachgerufen und alle Erinnerungen aus dem Buch der Bücher werden aufs Neue in ihm lebendig. Die jüdische akademische Lesehalle. Vor Kurzem sind die Statuten der jüdischen akademischen Lesehalle von der Statthalterei genehmigt worden. Mit der Einreichung der Statuten ist von den jüdischen Studenten ein bedeutungsvoller Schritt gethan worden; es ziemt sich, uns darüber klar zu sein. Was damit geschehen ist, läßt sich ganz kurz in den Worten aussprechen: „Wir vertrauen nicht mehr auf die Hilfe Anderer, wir wollen selbst für uns arbeite n". Es ist dies wahrhaftig keine Ueberhebung von unserer Seite, kein Berzichtleistenw ollen auf jede nichtjüdische Hilfe — es ist ganz einfach die Erkenntniß, daß uns Andere nicht helfen wollen oder nicht Helsen können. Für uns hat es des Verzweiflungsruses des Herrn Baron Leitenberger nicht bedurft, wir haben schon früher gewußt, daß wir von der Regierung nichts zu erwarten haben, ob nun damit die Regierung im engeren Sinne gemeint ist, oder die Gesammtheit aller derer, welche regieren, oder wenn man lieber will, führen. Es hat lange gedauert, bis wir das eingesehen haben; Schuld daran mag nicht wenig der Einfluß gehabt haben, den die von unseren maßgebenderen Glaubens- und Stammesgenoffen uns „unreifen" Studenten gepredigten Lehren auf uns ausgeübt haben. Wir gelten nämlich erst dann für „reif", wenn wir ihre Ansichten vollinhaltlich acceptiren. So haben wir mit ihnen all ihre gethanen Fehler getheilt, haben uns für sie jederzeit und überall eingesetzt, trotzdem wir manchmal ihre Dummheit und Verbohrtheit einsehen mußten, bis uns die Verhältnisse an der Wiener Universität gebieterisch zur Umkehr drängten. Wir mußten einsehen, daß wir uns nicht auf Andere verlassen dursten, daß uns der schönste Leitartikel der „Neuen Freien Presse", die lebhafteste, offiziell zurSchau getragene Sympathie der sogenannten — sit venia verbo — Liberalen und daß uns auch die blutigsten Beschimpfungen, die man auf die Antisemiten häufte, nichts Helsen, daß wir selbst unsere Interessen wahrnehmen müssen. Wir — d. h. leider noch nicht alle jüdische Studenten, aber doch die imposante Majorität derselben. Wir wollen, da uns vorläufig kein anderes Mittel zu Gebote steht, durch einen gut organisirten Verein unsere Bestrebungen realisiren. Wir werden uns gegenseitig in unserer wissenschaftlichen Arbeit zu fördern suchen, wir werden unsere angefeindete Stellung an der Universität durch festes Zusammenhalten zu stärken suchen, wir werden Angriffen unserer Gegner stets mit Ernst und Würde, aber auch mit aller Entschiedenheit, ohne Rücksicht darauf, ob wir persönlich dadurch leiden müssen, entgegentreten. Ihre Drohungen schrecken uns nicht, ihren Übergriffen und Vergewaltigungen wollen wir energisch wehren. So werden wir uns von den anderen Studenten nicht trennen, sondern als festgeschlossene, einheitlich disciplinirte Masse das durchsetzen, was dem Einzelnen verwehrt oder ganz unmöglich gemacht wurde — die Antheilnahme an den geistigen Leben der Universität und darüber hinaus, an dem unserer Zeit. Durch diese ruhige und unentwegte Theilnahme an den Universitätsleben und zwar aus eigener Kraft, ohne Bitte um die Unterstützung Anderer, ohne Furcht vor einer beschämenden Ablehnung ihrerseits, werden wir den Nichtjuden gewiß nähergebracht, als jetzt, wo man sich ihnen, oft mit Hintansetzung seiner Ueberzeugung und seines Ehrgefühles, ausdrängt, sich ängstlich hüten muß, ihnen ja nicht zu mißfallen, aus Furcht, von ihnen n'cht gerade in feiner, dafür aber in „leider" nicht mißzuverstehender Weise abgeschüttelt zu werden. Wir haben