Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 748 Vesterredtztptze Wmtzrnptzrifl Nr. 39 ruf, mit welchem die antisemitische Partei nach ihrer Organisirung in's Feld zog, der Ruf: „Nieder mit der Corruption!" Corruption und Semitismus stellte sie als identisch hin; jeder Jude war käuflich und jeder käufliche Lump wurde zum Juden oder Judenstämmling gestempelt. So gewann man die Massen für den Antisemitismus durch die schlaue Speculation auf ein in der Volksseele schlummerndes tief-ethisches Gefühl. Als der Ritter Sr. Georg wurde Schönerer gefeiert, als Drachentobter trat noch Ernst V e r g a n i mit seinem „Deutschen Volksblatt" hervor, und als Lueger, Liechtenstein und Geßmann gegen die Ausbeutung des christlichen Volkes zu donnern begannen, da war es dieselbe, nur um etliche Töne höher gestimmte Walze, mit der sie den johlenden Beifall der Menge erzielten. Aber nur zu bald zeigte es sich, daß der Kampf gegen die angeblich jüdische Corruption nur dazu diente, die unverfälschte, arisch-antisemitische Corruption zu verschleiern. Man führte an der Front einen Scheinangriff aus, pm hinten desto ungestörter einbrechen zu können, man rief: „Haltet den Dieb!" und stahl dabei selber! Als Ernst Vergani dem heißen Boden des Gerichtssaales nicht länger ausweichen konnte, da stellte es sich heraus, daß der Ruf: „Nieder mit der Corruption!" nur eine Geschäftsparole und der Antisemitismus nur lucrative Speculation ist. Mit einem flammenden Brandmal auf der Stirne verließ der publicistische Herold der Anticorruptionsarmee den Sitz des Anklägers und nach ihm erfuhr Dr. Lueger in dem berüchtigten Beuschl- Processe dasselbe Schicksal. Der Proceß gegen den ehemaligen Beamten der Versicherungs-Gesellschaft „Phönix", Hermann Edgar Gei der, hat nun volle Klarheit darüber gebracht, wie tief die antisemitische Partei, welche oorgab, die Gesellschaft vom Schmutze der Corruption reinigen zu wollen, selber im Schmutze watet. Es hat sich gezeigt, daß sie mit ihrer Reinigungsarbeit bei sich selber anfangen müßte, und daß, wenn sie dieselbe gründlich bewerkstelligen wollte, von ihr nichts mehr übrig bliebe. Der Revolver im Parlament. Vor zwei Jahren eröffneten die antisemitischen Abgeordneten im Parlamente eine große Action gegen das österreichische Versicherungswesen. Der Sturmlauf war in einem hiesigen Wochenblatte angekündigt worden, welches notorische Beziehungen zu den Häuptern der christlich-socialen Partei unterhielt. In einer Interpellation des Abgeordneten Dr. Geßmann wurden gegen die Versicherungs-Gesellschaft „Phönix" die schwersten Anschuldigungen vorgebracht und zugleich gegen den Leiter des Versicherungs-Departements im Ministerium des Innern, Hofrath Kaan, der Vorwurf erhoben, daß er sein hohes Amt mißbraucht und von jener Gesellschaft Vestechungsgelder angenommen habe. Die vom Minister des Innern eingeleitete Untersuchung ergab die volle Grundlosigkeit dieses Vorwurfes, c.ber Hofrath Kaan, einer der pflichtgetreuesten und tüchtigsten Beamten, wurde durch jene bübische Verleumdung in den Wahnsinn und in den Tod getrieben. Es war dies dieselbe Manier, welche seinerzeit Dr. Lueger gegen den Staatsbahn-Präsidenten FML. Freiherrn von Scudier und später gegen den Oberbeamten der Donau-Dampfschifffahrts-Gesellschaft Ritter von Etienne, dessen tragisches Ende noch in frischer Erinnerung ist, angewendet hatte. Makellose Ehrenmänner wurden öffentlich unter dem Schutze der Immunität als Betrüger gebrandmarkt, ohne ihre geschändete Ehre vertheidigen zu können. In gleicher Werse trat zu Beginn dieses Jahres der antisemitische Abgeordnete Kaiser gegen die „KiunioDe Adriatica“ mit einer Interpellation auf, welche von tendenziösen Unwahrheiten strotzte und zu der bekannten „Affaire Pollitzer" Veranlassung gab. In all' diesen Fällen jauchzte die antisemitische Meute den Helden zu, welche so furchtlos und kühn gegen den Corruptionsdrachen zu Felde zogen. Wer zweifelte dar n, daß die Herren Lueger, Geßmann und Kaiser nur von den edelsten Motiven, von der selbstlosesten Liebe zu dem armen ausgebeuteten „christlichen Volke" geleitet waren? In den antisemitischen Versammlungen wurden ihnen stürmische Ovationen bereitet und sie sonnten sich in dem Ruhme unantastbarer Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit. Und nun? Der Proceß Geider hat diese Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit grell beleuchtet. Es stellte sich heraus, daß die antisemitischen Abgeordneten nur die Werkzeuge eines elenden Erpressers, eines ganz gemeinen Revolvermannes waren, der sich für seine Entlassung aus dem Dienste an der Gesellschaft auf diese Weise rächen und eine Anstellung oder ein hohes Schweiggeld herauspressen wollte. In öffentlicher Gerichtsverhandlung wurde festgestellt, daß die Interpellation Kais er und die Rede des Abgeordneten Geßmann nicht auf eigenen Informationen beruhten, sondern daß sie von Hermann Edgar Geider verfaßt und genau nach seinem Concepte vorgelesen wurden. Abgeordnete im Parlamente verlesen Interpellationen, welche ein Geider verfaßt hat! Abgeordnete im Parlamente halten Reden, welche ein Geider geschrieben hat! Ein für das Zuchthaus reifer Mensch sammelt Material gegen die Gesellschaft die ihn entlassen hat, er beruft sich auf seine Verbindung mit den Führern der antisemitischen Partei und droht mit der parlamentarischen Verwerthung dieses Materiales, wenn seine Ansprüche nicht befriedigt werden. Und diese Drohung ist keine leere. Der Abgeordnete Geßmann nimmt sich thatsächlich dieses Zuchthaußcandidaten eifrig an. Er gibt ihm eine Empfehlungskarte an den Herausgeber eines Wochenblattes, der es mit einem „alten Bekannten des Phönix" übernimmt, für Geider eine Abfertigungssumme bei der Gesellschaft herauszu—vermitteln. Die Verhandlungen ziehen sich in die Länge und siehe da! Eines Tages erhalten dieselben einen gewaltigen Nachdruck dadurch, daß der Abgeordnete Geßmann das ihm übergebene Material thatsächlich zu einer geharnischten Interpellation verwerthet. Jetzt endlich ist die Gesellschaft mürbe! Sie zahlt und die Gestalt des Abgeordneten Geßmann erstrahlt im Hellen Lichte der Volksfreundlichkeit. Die Gerichtsverhandlung hat Manches im Dunkel gelassen, was für die Charakteristik der antisemitischen Partei und Führer von großem Interesse gewesen wäre. Der Präsident hat die Nolle, welche der Abgeordnete Geßmann in dieser Angelegenheit spielte, nicht in Discussion ziehen lassen. Wir aber, die wir nicht der Disciplinargewalt des Präsidenten unterstehen, dürfen über den Mißbrauch der Immunität, der von den antisemitischen Abgeordneten seit Jahren durch Angriffe auf die Privatehre und haltlose Verleumdungen geübt wird, unseren tiefsten Abscheu aussprechen. Der Antisemitismus hat cs glücklich soweit gebracht, daß ein erbärmlicher Revolverjournalist, wenn ihm die Erpressung durch das geschriebene Wort nicht gelingt, den Revolver von der parlamentarischen Tribüne herab gegen seine Opfer spannen kann! Antisemitische Beamte. Die Persönlichkeit des Herrn Hermann Edgar Geider beansprucht in diesem Processe vielleicht das geringste Interesse^ aber auch sie verdient eine Beleuchtung des Typus der antisemitischen Beamten. Hermann Edgar Geider hat an der Gesellschaft, deren Brod er aß, in der nichtswürdigsten Weise gehandelt. ~ Er hat seine Stellung dazu benützt, um Material zum Angriff gegen dieselbe zu sammeln und das Zeugenverhör hat die. keineswegs überraschende Thatsache ergeben, daß ihm dieses Material von seinen gleichfalls antisemitischen Beamtencouegen zugetragen wurde. Wir sagen: keineswegs überraschend, denn es wiederholt sich hier nur eine Erscheinung, die wir hundertfältig beobachtet haben und noch täglich beobachten können. Antisemitische Beamte finden sich fast bei allen unseren großen Transportunternehmungen, Credit- und Assecuranz-Jnstituten, die von angeblich jüdischem Gelde erhalten werden Wir erinnern an die antisemitischen Beamten der Donau - Dampfschiffahrtsge sellschaft, an die Beamten der Süd- und Staatsbahn, welche die Geschäftsgeheimnisse der Anstalten den antisemitischen Hetzblättern ausliefertcn, um