Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 39 (28.9.1894)
- Date
- 1894-09-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 39 Oesterrektzifchr Wochenschrift Seite 747 Ein Hauch tiefer Empfindung durchweht alle seine Reden. Es hieße dem Ruf und Ruhm dieses Kanzelredners nahe treten, wenn wir lange bei dem Umstande verweilen wollten, daß sich Gü bemann's Reden weitabvon der breitgetretenen Heerstraße der Gewöhnlichkeit, des geschäftsmäßig abfertigenden Schlendrians, der Schablone bewegen. Wir möchten diese leider viel geübte Methode die expeditive nennen. Die Herren, welche sich ihrer bedienen, haben entschieden ihren Beruf verfehlt, der sie auf die k. k. Postämter hinweist, denen sie als flinke Briefkartirer die ersprießlichsten Dienste leisten könnten. Und erst die liebe Schablone! Das alte Trauergeschirr mit den geknickten oratorischen Straußfedernbüscheln! Die Kärrner und Tagewerker der Beredsamkeit mögen sich genügen lassen — die Namen zu interpoliren und dem edelmuthdurchdränkten Normaltodten ein paar äußere Merkmale anzuschminken. Die Könige bauen anders. Güdemann entwirft fein umrissene und zart schattirte Charakterbilder, wahre Kabinetstücke, vollendete Kunstwerke von frappantester, lebensvollster Aehnlichkeit. Er schmeichelt nicht — deshalb behält das Lob, wo er es spendet, auch seinen Werth; wohlfeilen Superlativen geht er aus dem Wege — darum wirkt aber auch sein Superlativ kräftig als höchster Lichtpunkt. Weise und sparsam vertheilt er Helle und Schatten. Wer erinnert sich nicht, Leichenreden angehört zu haben, die wie eine blutige Persiflage auf den Todten klangen, wie eine vernichtende Anklage. Welch' schneidende Ironie liegt darin, wenn gerade diejenigen Tugenden mit vollsten Backen gepriesen werden, welche der Aermste am wenigsten besessen!- Bewunderungswürdig ist die zwanglos freie Art, wie Gü de m a n n das Bibelwort heranzieht und einflicht — eigenartig geistreich, oft tiefpoetisch, seine Auslegung und Nutzanwendung. Der ungeschickte Prediger verdreht, verrenkt und fälscht das Wort Gottes, wie er es eben braucht, er knetet es sich gewaltsam für die Bedürfnisse des Augenblicks zurecht, er preßt es zusammen oder zerrt es auseinander. Er hetzt es durch hundert Retorten und präsentirt das Destillat seinen Hörern als Geist! Wahre Taschenspielertrucs und Escamotagen werden mit dem Heiligsten vorgenommen. Wo man soeben etwas gesehen hat, ist — Nichts, und aus der rückwärtigen Tasche zieht der Redner das Aquarium mit den Goldfischen unter allgemeiner Verblüffung mit edler Geberde hervor.... Einige Beispiele mögen zeigen, wie ein Güdemann die heilige Schrift auslegt. Aus der Rede auf den Freiheitsmann Fi sch h o f: „In der Geschichte von der Befreiung Israels aus Egypten, berichtet die heilige Schrift, daß Gott die siebzig Aeltesten des Volkes aufforderte, zu Pharao zu gehen und dieEntlassungdesVolkes von ihm zuheischen. Es fanden sich aber nur Mos es und Aron bei PH arao ein. Unsere alten Lehrer fragen deshalb: „Wo waren denn die siebzig Aeltesten geblieben?" Und sie antworteten: „Sie hatten sich einer nach dem andern davon geschlichen". So ist es immer gewesen, wenn es sich darum handelte, di e S a ch e der Freiheit zu v e rtret e n." Aus der Rede auf Adelheid v. G o l d s ch m i d t (1883): „Noch einmal verlangte sie, diesen Sommer in den Bergen zu weilen. Mit vollen Zügen schlürfte sie die Luft der Höhen, als ob sie fühlte, daß sie bald zu lichten Höhen berufen würde. Nun hat sie sich dahin aufgeschwungen. Wie ihre Laufbahn begann, so endet sie. Der Herr hat zu ihr gesprochen: „Verlasse Haus und Heimat und ziehe in die Ferne!" Auf diese schlichten Worte aus dem' Wochenabschnitte ist die ergreifende Rede aufgebaut. Die Charakteristiken, welche von den beiden K ö n i gswarter, Vater und Sohn, von Friedrich v. Schey, Eduard Thorsch, Map v. Springer, Eduard Wiener v. Welten entworfen werden, sind von bleibendem Werthe. Kein siemder Zug stört das Gemälde. Schlichte Wahrhaftigkeit ist dieser kleinen Galerie von Finanzmännern gemeinsam. Jeder ist für sich, Jeder nur sich selbst ähnlich. Güdemann ist wahrlich nicht der Mann, der dem Geldsack seine Reverenz erzeigt. Steifen Nackens geht er an ihm vorüber. In der schönen Rede auf Julie Ladenburg (1874) kennzeichnet er seinen Standpunkt mit eleganter rednerischer Wendung und am schärfsten: „Sie überkam gleichsam schon als Erbe jenes herrliche Gut, dessen Pflege ihre Lebensaufgabe war — die echte Frauenwürde. Aber es war nicht das einzige Erbe, das ihr zugefallen war. Gott hatte sie auch wirklich ausgestattet mit jenen Gütern, die wir die vergänglichen nennen, als wollte er sie prüfen, au f w elches Erbe sie nun den größeren Werth legen, welchem sie die größere Sorgfalt zu wenden würde. Sie wissen, wie sie aus dieser Prüfung hervorgegangen ist." Der Rede auf den großen Freiheitsmann haben wir schon gedacht und müssen nur bedauern, daß die Knappheit des zugemessenen Raumes es verwehrt, sie in größerem Auszuge den Lesern dieser Blätter vorzulegen. Ihr reiht sich als ebenbürtig und gleichwürdig an die auf Ignaz Kuranda und Dr. I a q u e s. Die Rede auf Salomon Sülze r, den Großmeister des synagogalen Gesanges, Ist ein Meisterstück für sich. Die beiden Reden, welche Iellinek's gesegnetem und ruhmreichem Angedenken gewidmet sind, halten sich auf der Höhe ihrer Aufgabe. Erschütternde, mächtig an's Herz greifende Töne findet die Beredsamkeit G ü d e m a n n's an der Bahre der Bettina Freifrau von Rothschild und an der des allzufrüh der Wissenschaft entrissenen Fleisch l-M a r x o w. Mit feinem Takt und gewandt umschifft er Klippen, an denen Andere rühmlos gescheitert wären. Fleischl- M a r p o w war Morphinist. Eine traurige Thatsache, weder zu negiren noch zu ignoriren; unter seinen Händen löst sich das heikle Thema in eitel Poesie auf — wird ein Glanzpunkt der Rede: „Nun ist denn der Erlöser von selbst gekommen, und zum erstenmal nach langen Jahren ist es kein künstlich erzeugter Schlaf, der seine Augen deckt, sondern ein natürlicher, aber es ist ein Todesschlaf." Eine parallele Stelle in der Rede auf Minna Gomp erz: „— — nicht verbittert und vergrämt, wie es ja nicht ungewöhnlich ist bei Frauen, die der männlichen Stütze entbehren, sondern stets heiter und lebensfroh-" Ein ominöses, herbes Wort, auf Aller Lippen schwebend, ist glücklich eliminirt. In derRede auf Josef Ritter von Wertheimer (1887) begegnen wir den bedeutungsvollen Worten: „DasJudenthum ist bekanntlich eine der bestverleumdeten Erscheinungen in der Geschichte der Menschheit. Um aber zu erfahren, daß man noch mehr Verleumdungen erleiden und aushalten kann, mußte die israelitische Allianz gegründet werden. Sie ist in diesem Betrachte d a s In d ent h u m d e s I u d e n t h u m s geworden..." So bietet dieses merkwürdige Büchlein aus jedem Blatte Anregung über Anregung. Man mag es von welchem Standpunkt immer betrachten, stets zeigt es sich als Vollreife, süße Frucht eines in sich gefesteten und abgeschlossenen Geistes, als das Werk eines Mannes, in dem Talent und Charakter zur schönsten, harmonischesten Einheit verschmolzen erscheinen. Wir reihen diese Trauerreden den gepriesensten Mustern der Gattung als zumindest ebenbürtig an. tu. Das Strafgericht. (Zum Proeetz Hermann Gelder.) Tief hinein in jene Cloaken, aus welchen die Duellen der antisemitischen Verleumdung rieseln, leuchtet der Proceß, welcher zu Beginn dieser Woche vor dem Wiener Landesgerichte durchgeführt wurde. Es war der erste und wirksamste Schlacht-