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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-09-28 · 39 (28.9.1894) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
39 (28.9.1894)
Date
1894-09-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 746 Vestrrvetchiptzr Wochrnschrtfl Nr. 39 ihnen nicht schon die allergewöhnlichste Parteiklugheit die Verkehrtheit des Weges, den sie die Partei hier gehen lassen? Was ist dieser Antisemitismus an sich? Nichts als ein Product des rein thierischen Rasseninstinctes — ein wahres Hundegefühl. Theilt nun vielleicht Fürst Windischgrätz, dieser durchaus vornehme Cavalier, oder Graf Schönborn, ein Mann, wie es allgemein heißt, von durchaus gerechtem Sinn, dieses edle Gefühl der Herren Schneider und Gregorig? Und wenn die beiden Minister, wie wir überzeugt sind, von diesen Männern genau so denken wie wir, warum wendet das Ministerium nicht die Macht des Staates an, um den Fortschritt dieser Berthierung in der Bevölkerung aufzuhalten, warum erschlägt sie nicht den Antisemitismus wie jeden anderen tollen Hund, warum hält sie ihn nur gleichsam an der noch dazu sehr langen Kette? Ganz einfach, weil das jetzige Ministerium in dem Punkte nur die Tactik Taasfe's fortsetzt. War vielleicht der edle Graf ein Antisemit? Gewiß nicht! Aber er hatte in dem Antisemitismus ein ausgezeichnetes Werkzeug gefunden, um den Liberalen die Mandate zu stehlen. Und was wird nach dem Auseinanderfallen der Coalition die ihr folgende Regierung thun? Wieder nichts Anderes, als den Antisemitismus von der Kette los und auf die Liberalen, auf die er dressirt ist, gehen lassen. Was ist unter diesen Umständen die gebotenste Politik von Seite der liberalen Partei, heute, wo ihr bester Mann im Ministerium sitzt, wo man sie haben muß, wo ohne sie keine Majorität zu haben ist. Offenbar gar keine, andere, als jener künftigen Regierung heute schon diese gefährliche Waffe aus der Hand zu schlagen und zu zerbrechen. Sie muß ihre ganze Macht, ihren ganzen Einfluß aufbieten und das heutige Ministerium zwingen, die ganze Regierungsgewalt gegen den Antisemitismus zu gebrauchen. Welches ist nun das Motiv, daß die Vertreter der liberalen Partei im Ministerium diese klare Politik nicht befolgen, daß sie ruhig zusehen, wie der Antisemitismus von der heutigen Regierung gleichsam für den künftigen Gebrauch aufs Eis gestellt wird? Hat vielleicht die Regierung nicht die Mittel, um denselben zu unterdrücken oder zumindest zu dämpfen? Oder steckt da für Herrn v. Pl e n er ein anderer tiefster Grund, der ihn abhält, gegen die Antisemiten vorzugehen? — Nein, der Regierung fehlen diese Mittel nicht, und seine Excellenz hat einen positiven Grund für diese seine'Passivität. Weder das Eine, noch das Andere ist zweifelhaft. Zweifelhaft ist nur, ob es uns weiter gestattet sein wird, diese Mittel der Regierung, diesen Grund des Herrn v. Plener mit Offenheit darzulegen. Als Tacitus die Geschichte seiner Zeit schrieb, stellte er wie zur Entschuldigung dessen, was er verschweigen mußte, den Satz hin: „Lara t empor um felicitas, ubi sentire quid velis, et quid sentis dicere licet.“ „Die glückliche Zeit ist sehr selten, in welcher Du, was Du will st fühlen und was Du fühl st, sagen darfst." In gleicher Weise werden wir hier unsere Darlegung nur fortsetzen können, wenn der Herr Staatsanwalt nicht uns inzwischen greifbar bewiesen haben wird, daß auch Oesterreich von dieser glücklichen Zeit himmelweit entfernt ist. (Fortsetzung, Artikel 2: Das „Coalitions-Ministermm" in der nächsten Nummer.) Ehrengräber. („Grabreden". Vom Oberrabbiner Dr. M. Güdemann, Wien, Holder 1894.) Auf der jüdischen Abtheilung des großen Wiener Leichenfeldes gibt es keine sogenannten „Ehrengräber". Die maßgebenden Personen ließen sich hiebei von richtigen Erwägungen leiten. Nicht das Ehrengrab machte den Ehrenmann, sondern der Ehren mann das Ehren grab. Die Stätte, wo ein großer oder guter Mensch ruht, i st ein Ehrengrab. Jeder muß selber dafür Sorge tragen, daß er einst eines erhält — durch lautere Lebensführung, durch Herzensfrömmigkeit, Milde und Gerechtigkeit. Dann ist es ihm aber auch sicher und gewiß auf unserem jüdischen „guten Ort", viel sicherer und gewisser, als wenn Gevatter Schneider und Handschuhmacher sich in öffentlicher Gemeinderathssitzung zu Todtenrichtern über Staatsmänner, Künstler, Dichter und Gelehrte zankend aufwersen, um das Ehrengrab zu beschließen oder zu verwerfen. Eine Gruppe solcher jüdischer Ehrengräber hat nun in den jüngsten Tagen frischen Schmuck erhalten; ein kunsterfahrener Gärtner hat die duftig zarten Blüthcn, mit denen er sie voreinst geschmückt, liebevoll erneuert — die Blüthen seines reichen Geistesfrühlings hat er über sie ausgestreut und die Blumengewinde seiner regen Phantasie um sie geschlungen. Eine lange Reihe edler Todten! In das Gefühl des Schmerzes, sie verloren, mischt sich das erhebende Bewußtsein, sie besessen zu haben. Fischhos — Kurand a — Jagu es! Dürfen wir nicht mit berechtigtem Stolze auf sie Hinweisen als die Unseren?! Ein antiker Charakter, zog F i s ch h o s in schlichter Größe durch dieses Leben. Der Journalist und Parlamentarier Kuranda, der langjährige Vorsteher der Gemeinde, welche Fülle von Begabung vereinigte, welch seltene Aufopferung für das öffentliche Wohl bewährte er! Der jüngst verblichene Jaqu es stand den Beiden nicht nach in der Liede zum Vaterlande in der Gesinnungstüchtigkeit und Hingebung an die freiheitlichen Ideale. — Jonas K ö n ig s w ar t er's kernige Gestalt führt eine Gruppe von Männern, denen der Reichthum nur Mittel zum Zwecke war und der Zweck hieß — Wohlthun! — Iellinek und S u lzer! Wertheimer! Fleischl! Preist man sie nicht, wenn man sie nennt?! Machen die Namen nicht die Grabschrift entbehrlich?! Ein Zug von edlen jüdischen Frauen schließt sich an, aus denen Bettina Rothschild wie ein Heller Stern herausleuchtet. . . Jüdische Männer und jüdische Frauen waren sie Alle. Keine A u ch-Juden und keine N o ch-Juden, sondern voll und ganz dem Väterglauben zugethan mit ganzer Seele und mit ganzem Herzen. Wir sind stolz auf sie und haben ein Rechtes zu sein und danken es dem Manne, welcher die Erinnerung an sie ausgefrischt und die leuchtenden Vorbilder einem jüngeren Geschlechte mahnend in's Gedächtniß gerufen hat. G ü d e m a n n's schlichtes Heftlein wiegt in seiner Anspruchslosigkeit Bände wortreicher Rede-Ergüsse auf. Hier wird kein schwächlicher, dürftiger Kern durch alle erdenklichen Künste und Raffinements auf eine rein äußerliche Wirkung hin präparirt. Es sind „redliche" Reden. Entkleidete man „unredliche" Reden ihres ornamentalen Aufputzes, ihres decorativen Theaterslitters, prüft man sie auf ihren inneren Werth und Gehalt hin, so zeigt es sich, daß bombastisches Pathos und hohle Declamationen unser Urtheil gefälscht und getrübt haben. Wohl donnerte ein Katarakt von Worten zu Thal, aber es war — einem Katarakt ist das nie übel zu nehmen — nur Wasser. „Worte — Worte — Worte!" seufzt der melancholische Dänenprinz... Der Meister darf es wagen, seine Gedanken in edler, schmuckloser Einfachheit zu bieten, auf oratorischen Schimmervornehm verzichtend. Güdemann bringt, was er zu sagen hat — und er h a t etwas zu sagen — stets auf die einfachste Formel, weil „viele Worte oft den Eindruck zurücklassen, daß wenig zu sagen bleibt." Er orchestrirt einfach, wie Alle, deren geistigem Ohre Melodien in reicher Fülle zuströmen. Er hat nicht nöthig, großen Aufwand zu treiben, um — seine Armuth zuverstecken. Einundzwanzig Grabreden, — in den letzten fünfundzwanzig Jahren auf hervorragende Menschen gehalten — widmet er, sie vereinigend, dem Andenken der verewigten Gattin — ein sinnig-tiefsinniges Todtenopfer, des Spenders, wie der Verblichenen in gleichem Maße würdig. Ein feiner Zug, von jener edlen Schamhaftigkeit der Seele zeugend, wie sie selten geworden in unseren rüden Zeiten, daß eben d i e Worte, welche der trostlose Gatte an der Bahre der ihm schmerzlichst Entrissenen gesprochen, sich in diesem Buche nicht finden. „Es waren Worte, welche der Schmerz, Dich für immer verlieren zu müssen, mir eingab oder vielmehr auspreßte, mehr diesen, als Dich zu schildern, geeignet".

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