Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 38 (21.9.1894)
- Date
- 1894-09-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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B*üi, jraaäaiaBMsakac tzm&s* Nr. 38 Vrstrrreichiptze Wochenschrift Seite 735 Scene bei einer Controlversammlung. Von höchst vertrauenswürdiger Seite wird uns über eine Scene berichtet, die sich bei der letzten, vom 3. bis 15. Sep- , tember d. I. dauernden Waffenübungs-Periode der Reservisten j der Sanitätstruppe zugetragen hat. Die Scene zeigt, daß der Geist der confessionellen Unduldsamkeit, der unser ganzes öffent- > liches Leben vergiftet, auch in den Reihen unserer Armee Ein-! gang zu finden droht, in welche er nie sollte einziehen dürfen.! Die zur Waffenübung eingerückten Reservisten der Sani- ' tätstruppe, welche am 15. d. M. beurlaubt wurden, standen am 14. d. M., Nachmittags, auf einem Gange des Garnisonsspitals Nr. 1 in Reih und Glied zur Controlversammlung aufgestellt. Bei derselben intervenirten der active Sanitäts-Lieutenant Wenzel Krcma und der Lieutenant in der Reserve Phil.-Dr. Kasimir Ritter von Twardowski. Die Reservisten wurden namentlich anfgerufen und jeder Einzelne um die Angabe seiner Vorbildung, seines Berufes und der Art seiner militärischen Verwendung befragt. Die ganze Procedur war in kurzer Zeit beendet und nur die Einvernahme eines Reservisten, Namens Moses Baron nahm längere Zeit in Anspruch. Als nämlich nach geschehenem Aufrufe der Reserve-Sanitätssoldat Moses Baron vortrat, entspann sich zwischen ihm und den beiden inspicirenden Officieren folgender Dialog: Lieutenant Wenzel Krcma: Sie heißen Moses Baron? — R eservist: Jawohl. Lieutenant Krcma (im jüdisch-polnischen Jargon): Also ein Moses! Haben Sie eine Schule besucht? — Reservist Baron: Nein! Lieutenant i. d. R. v. Twardowski: Aber einen Cheider (polnisch-jüdische Schule) haben Sie doch besucht? Lieutenant Krcma (im Jargon): War Ihr Vater auch ein Baron? — Reservist schweigt. Lieutenant Krcma: Was ist Ihr Vater? — Reservist: Kaufmann. Lieutenant Krcma: Woher sind Sie? — Reservist: Von Tarnow. Lieutenant Krcma (im jüdischen Jargon): Was für einen Beruf haben' Sie? — Reservist: Ich bin Kaufmann. Lieutenant Krcma: Also Kofmann sind Sie. Womit handeln Sie? ,— Reservist: Mit Bettwaaren. Ich bin Bettwaaren-Arbeiter. Lieutenant Krcma (im spöttischen Tone und im jüdischpolnischen Jargon): Haben Sie sich schon ein Hans erworben? — Reservist: Nein. Lieutenant Krcma (imnier im Jargon): Wie viel tausend Gulden haben Sie schon in der Sparcassa? — Reservist: Gar nichts. Lieutenant Krcma: Was sind Sie für ein Kofmann, wenn Sie nicht einmal ein paar Tausend Gulden erhandelt haben? Haben Sie vielleicht das Geld in Säckeln versteckt? — — Reserv ist lächelt verlegen. Lieutenant i. d. R. Dr. Ritter v. Twardowski (ebenfalls im Jargon): Was braucht er das Geld versteckt zu haben? Er gibt es lieber unter die Leut auf zwölf Perzent. Lieutenant Krcma (im Jargon): Haben Sie eine Frau? — Reservist Baron: Jawohl. Lieutenant Krcma: Ist sie schön? — Reservist lächelt verlegen. Und nun folgte noch eine Reihe von Fragen des Lieutenants Krcma an den Reservisten Moses Baron, die dessen engstes Familienleben betreffen und die ob ihres Inhaltes sich der Wiedergabe entziehen. Dieser ganzen Scene wohnten zahlreiche Reservisten bei, die gleichfalls mit dem Reservisten Baron in den Saal gerufen worden waren. Dieselben begleiteten das etwas eigenthümliche, gewiß in den Rahmen einer Controlversammlung gehörige Verhör, welches die obgenannten zwei Officiere mit dem Reservisten Baron aufnahmen, mit stiller Heiterkeit und sichtlichem Vergnügen. Wir glauben wohl, daß derartige Vorkommnisse von jedem gerecht und billig Denkenden auf das Entschiedenste bedauert werden müssen. Die Armee muß von allen nationalen und confessionellen Reibungen entschied! n bewahrt bleiben. Im Verbände derselben darf es nur Soldaten geben und darf die Confession eines Soldaten nicht die Ursache zur Verhöhnung desselben sein. Es wird seitens der Vorgesetzten Militärbehörde gewiß nicht geduldet werden, daß einzelne Angehörige des Heeres nur ihrer Confession wegen zurückgesetzt werden. In den Reihen des Heeres dürfen die Lehren eines Liechtenstein, Schneider undLuegerund die Manieren dieser Leute keinen Eingang finden. ^orresMäenren. Wien. (Bon den jüdischen Studenten.) Es wird noch erinnerlich sein, welcher Unwille die jüdische Studentenschaft anläßlich der in der Nothnagel - Affaire ihren Höhepunkt erreichenden, antisemitischen Skandalmacherei erfaßt hat, wie, die jüdischen Studenten plötzlich unter der Führung der „Kadimah" wie ein Mann diesem immer unerträglicher werdenden Terrorismus der „arischen" Jugend entgegentraten. Es war einer jener wenigen Fälle, der die jüdischen Studenten ohne Rücksicht auf abweichende Parteistellung zu gemeinsamen Borgehen vereint sah. Damals wurde von der „Kadimah" die Gründung einer jüdischen, akademischen Lesehalle im Verein mit den Delegirten der jüdischen Studenten aus Böhmen, Ungarn, Galizien rc. berathen und beschlossen. Die „Kadimah" reichte die Statuten ein und dieser Tage wurde Herr Doctor A. H. Reich als Proponent von der Genehmigung de> selben verständigt. Gleichzeitig wurden auch die Statuten eines jüdisch-nationalen Vereines „Gamala" von der Statthalterei genehmigt. Im nächsten Semester (October-April) werden also drei jüdisch-nationale Vereine an der Wiener Universität sein und eine jüdische Lesehalle, welch letztere alle jüdischen Studenten ohne Rücksicht auf ihre Parteistellung vereinigen wird. Die Vereine sind: Die jüdisch-nationale Verbindung „Kadimah" (Schlagzwang), der Akademische Verein „Unitas" (Schlagzwang), der akademische Verein „Gamala" (ohne Schlagzwang) und die Jüdische akademische Lesehalle. Hoffen wir, daß es den Vereinen gelingen wird, die jüdische Studentenschaft zu sammeln und sie zu gemeinsamer wissenschaftlicher Arbeit und zum gemeinsamen Kampf für das Judenthum zu stärken. _VV. Wien. (Z u den D e m o n st r a ti o n e n g e gen H ofrath Nothnagel.) Wie man sich noch erinnern wird, hat der akademische Senat seinerzeit auf Grund der wegen der Demonstrationen an der Klinik des Professors Nothnagel eingeleiteten Untersuchung auch über die zwei der fortschrittlichen Studentenpartei augehörigen M».diciner Benedict und Schoen die Strafe der Relegirung von der Wiener Universität für die Dauer eines Jahres verhängt. Die genannten Studenten brachten gegen diesen Senatsbeschluß den Recurs beim Unterrichtsministerium ein. Nun ist dieser Recurs in beiden Fällen abschlägig beschieden worden. Die genannten Hochschüler wollen während der beiden nächsten Semester an der Prager Universität studiren. — Hofrath Vogl, dessen bevorstehende Pensionirung wir meldeten, soll schon im nächsten Semester durch den Doceuten Dr. Pasch kis substituirt werden. Wien. Man schreibt uns aus Zlin in Mähren: Gestern am 10 d. M. war. Fürsterzbischof Dr. Theodor Kohn aus Anlaß der goldenen Hochzeit seiner Eltern in seinem Geburtsorte Bresnitz bei Zlin in Mähren. Unter Anderen empfing er auch eine Deputation der im Bethause zu Zlin vereinigten Judenschaft, welche aus dem patriarchalischen Greise Herrn Salomon L. Meisel. dessen Schwiegersohn Herrn S. Wasser mann, den Herren Max und Ferd inand Schindler bestand. Letzterer hielt die Begrüßungsansprache, in welcher es hieß .... „Weit mehr als ein Menschenalter leben die Juden der hiesigen Umgebung, die zum Theile auch in demselben Orte geboren sind, in Friede und Eintracht mit der christlichen Bevölkerung. Wir begrüßen es als ein Glück, daß Euer fürsterzbischöfliche Gnaden, der als Friedensfürst waltet, ein Sohn dieser unserer engsten Heimat ist, und wir erblicken darin eine weitere Bürgschaft des fortdauernden Friedens der Consessionen." Se. Eminenz antwortete sehr huldreich, dankte der Deputation und spendete seinen Segen Allen denen, in deren Namen die Deputation erschienen ist. Man schreibt uns aus Balassa-Gyarrrrat. In Angelegenheit der aufsehenerregenden Aenderung der Reihenfolge betreffs der Judendeputation hatte der Berichterstatter des „Neuen Pester Journals" eine Unterredung mit dem Minister des Innern Hieran ymi. Vorher hatte der Berichterstatter in derselben Angelegenheit den Leiter der Cabinetskanzlei Hosrath König besucht, dessen überaus reservirte Antwort aber mehr ein diplomatisches Schweigen zu neunen war. Umso freimüthiger war die Aeußerung des Ministers H i e r o n y m i auf die Frage, ob der