Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 38 (21.9.1894)
- Date
- 1894-09-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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«»-y:_ Nr. 38 Vochrnfchrifl Orsterrrichifchr Seite 733 einzuräümen. Bor dem Attentat hatte der Hausbesitzer Drohbriefe erhalten. Das citirte Blatt schreibt: Was sagen die Befürworter von Ausnahmegesetzen gegen die A nar ch ist en zu diesen Antisemit e it der That? Wir verwahren uns freilich dagegen, als wären nun Ausnahmegesetze gegen die Antisemiten anzustreben. Aber die völlige Gleichheit in der Aeußerung „der That" verdient sicherlich Beachtung. Ein antisemitischer Steuereinnehmer. Man schreibt uns aus N e u n k i r ch e n, 14. Sept.: Der Neunkirchner Steuereinnehmer Josef Eissert wurde gestern Nachmittags wegen Unterschlagung von Steuergeldern in bisher constutirter Höhe von 1900 fl. verhaftet und dem Bezirksgerichte Neunkirchen eingeliefert. — Eissert, der allem möglichen Sport huldigte, ist insbesondere in Touristenkreisen eine bekannte Persönlichkeit. Es war schon lange kein Gehei'mniß in Neunkirchen, daß es so über kurz oder lang mit diesem Herrn enden müsse, weil Eissert schon seit längerer Z^it die schmutzigsten Schulden contrahirte, um nur Geld zu erhalten. Die hiesigen Geschäftsleute werden ihrer Mehrzabl nach in Mitleidenschaft gezogen — darunter ein Tabaktrafikant mit 40 fl. und ein armer Kräutler mit 48 fl. — Die Entdeckung erfolgte anläßlich der Amtsübernahme des neu hierher versetzten Steueramts-Controlors S ch i r m b e ck, welcher Eist e r t kannte und infolge dessen sehr vorsichtig zu Werke ging. Bemerkenswerth ist, daß Steuereinnehmer Josef Eissert einer der eifrigsten Agitatoren der antisemitischen Partei in Neunkirchen war. Eissert ist verheiratet und Vater von fünf Kindern. Er bekleidete bis jetzt die Obmannsstelle in der Section „Oestliches Schneeberggebiet" des Oesterreichischen Touristen-Clubs und war eine in Touristenkreisen bekannte Persönlichkeit. Ein antisemitischer Armenrath. Die „Währinger Bürgerwehr" brachte zur Kenntniß, daß der antisemitische Armenrath H o l z b a u e r im XVIII. Bezirke die Armengelder nicht abgeführt habe. Auf Grund dieses hat Herr Magistratsrath Trabauer denselben vorgeladen, um sich Aufklärung zu verschaffen. Holzbauer ersetzte den fehlenden Betrag und legte sein Mandat nieder. Franz Holzbauer war Schriftführer des Vereines „Christliche Familie", welcher durch seine brutale Hetze qegen jüdische Kaufleute berüchtigt ist. Holzbauer war auch Obmann des Wallfahrtvereines „Maria Loretto" und hat gelegentlich einer Wallfahrt nach S o l l e n a u 20 Gulden „profitirt"; bei einer Wallfahrt Prag—Pribram versuchte er die Bahnverwaltung um acht Fahrkarten arisch zu beschummeln. Der Jrrthum wurde entdeckt und Herr Holzbauer mußte auf der Polizeistube des Bahnhofes Ühr und Ringe als Pfand zurücklaffen. Er pflegte aus der Vereinscasie immer häufiger zu borgen, bis man ihn vor die Thüre setzte. Der „Loretto-Verein" hat den Obmann Holzbauer sowohl als Obmann, als auch als Mitglied ausgestoßen; dies kümmert aber den Mann blutwenig, er glaubt noch immer, sich als Obmann qeriren zu können und die Vereinsschlüffel nicht abgeben zu müssen. Das Wiener Consistorkum ist^genau unterrichtet von diesen Vorgängen und sah sich endlich gezwungen, dem Vereine bis auf Weiteres jede Wallfahrtsaction zu untersagen. Nun ging er zum Verein „Christliche Familie" und predigte in Versammlungen, das Volk solle sich nicht von Juden beschwindeln lassen. Ein Berufsgenosse des Herrn Vergani. Der antisemitische Redacte ur Dr. Joses Orlowski steht seit 17.September 1894 vor den Kraka uer Geschwornen. Er war ein Aniicorruplionist wie Ernst Vergani und ermahnte die Juden unablässig, sich zu bessern, bis er von dem Geschick ereilt worden, auf der Anklagebank vor dem Strafrichter sich verantworten zu müssen — wegen Betrug und Wechselfälschung. Josef Orlowski war ein Anticorruptionist und für seine edlen Bestrebungen gelang es ihm von Einigen, namentlich von dem Grundbesitzer Adam Ostaszewski ein Accept über 6000 fl. und vom Grafen Adalbert Dzieduszycki eines über 1000 fl. zu erhalten. Allein diese Unterstützungen reichten nicht hin für die Bedürfnisse des Herrn Orlowski. Seit dem'Jahre 1889 wurde Orlowski mir Wechselklagen und Executionen verfolgt, indem gegen ihn mehr als 80 Processe anhängig waren, bei denen es sich um einen Betrag von ungefähr 60.000 fl. handelte. Die Anklage behauptet, daß die gesammten Schulden des Orlowski mehr als 200.000 fl. betragen, zu deren Tilgung er gar keine Fonds besitzt. In welcher Weise er sich zu oelfen wußte, ergibt sich aus der Thatsache, daß er angeklagt wird des Verbrechens des Betruges, begangen durch Fälschung der Unterschrift des Grafen Adalbert Dzieduszycki auf den zwei Wechseln zu 700 und 550 fl., sowie durch listige Herauslockung eines Wechsels des genannten Grafen über 700 fl., und des Verbrechens der Veruntreuung, indem er einen von Ostaszewski eihaltenen Wechsel über 3000 fl. vorenthalten und sich angeeignet hatte, endlich auch des Vergehens der leichtsinnigen Crida, indem seine angemeldeten Passiven 160.544 sl. betragen, während die Activeu 2632 fl. ausmachen. Den Vorsitz bei der aus sechs Tage anberaumten Verhandlung führt Landesgerichtsrath Stabelski. Die Anklage vertritt Staatsanwalt D o l i ns k i, als Vertheidiger fungirt Dr. A b l a m o w i c z. Die Wiener Antisemitenblätter wie „Deutsches Volksblatt", „Reichspost", „Ostdeutsche Rundschau", „Deutsche Zeitung", „Weltblatt" u. s. w. melden von diesem interessanten P ocesse mit keinem Worte. Was die „Reichspost" nicht erzählt. Wozu in die Ferne schweifen, sind die Schwindler doch so nah! Das „Wr. Tagblatt" erzählt in seiner Nummer 251 v. 13. d. M. folgende Geschichte einer Leibrente: „Herr Friedrich G ratz er, XVI., Neinhartsgasse Nr. 13, ersten Stock, Thür 8 wohnhaft, war vom Jahre 1872 bis 1887 fast ununterbrochen als Beamter bei der Neuen Wiener Tramway-Gesellschaft beschäftigt und wurde dann über sein Ersuchen entlassen Im folgenden Jahre erhielt er eine Elbschaft von 4000 fl. ausgefolgt, auf welche er volle 33 Jahre hatte warten müssen, da seine seit dem Jahre 1856 vei schollene Mutter erst nach dreißig Jahren für tobt erklärt und er erst dann erbberechtigt wurde. Kurz nachdem Herr Gr atz er die Erbschaft angetrcten hatte, machte er die Bekanntschaft des Pfarrers U. in einem Dorfe Niederösterreichs. Der Pfarrer b r a u ch te d ri n ge n d Geld, um ein von ihm verfaßtes Werk: „Die Heilslehre der katholischen Kirche", herausgeben zu können. Pfarrer 11. wußte nun Herrn Gr atz er zu veranlassen, daß dieser ihm den größten Theil seines Vermögens, 2700 fl., gegen eine Art Leibrente übergab, und stellte Herrn Gr atze r eine Urkunde aus, in der er sich verpflichtete, Herrn Gr atz er für das unverzinsliche Darlehen ein im Winter heizbares Zimmer, Frühstück, bürgerliche Hausmannskost zu Mittag, Wein nur an Sonn- und Feiertagen, Jausen kasfee, Nachtmahl, Wäschereinigung, Bedienung und Pflege in vorübergehenden Krankheiten zu bieten. Arzt und Apotheke, Schuster- und Schneider-Rechnungen sollten nach dem Vertrage Herrn Gratzer selbst zur Last fallen. Zur Deckung im Falle des Ablebens des Pfarrers waren Lebensversicherungspolizzen in der Höhe des Leibrentenbetrages bestimmt. Als Pfarrer U. eine Landpfarre zugetheilt erhielt, besorgte Herr Gr atz eiunentgeltlich die schriftlichen, pfarrämtlichen Arbeiten. Zwei I hre ^ing Alles ganz g'att; plötzlich wurde im Jahre 1892 Pfarrer U. wegen Schulden seines Amtes entsetzt und als provisorischer Religionslehrer in Wien angestellt. Nun begannen für Herrn Gratzer schwere Tage. Der damals fünfzigjährige Mann war außer Stande, eine Stellung zu erlangen, und war nun dem Elend und der Noch preisgegeben. U., der selbst mit Entbehrung kämpfte, konnte seine Verpflichtungen nicht einhalten. Nun wendete sich Herr Gratzer an das Consistorium und schilderte seine verzweifelte Lage. Er erhielt vom Consistorium folgenden abschlägigen Bescheid: „Euer Wohlgeboren! Sende Ihnen im Aufträge Seiner Eminenz die Beilagen Ihrer Eingabe hiermit zurück, bedauernd, daß das fürsterzbischöfliche Ordinariat nicht in der Lag? ist, augenblicklich in der Sache etwas zu veranlassen. Herr U. wurde ohnehin nur deswegen in Verwendung noch genommen, damit die Gläubiger nach und nach von seinem Gehalte noch etwas bekommen können. Das sürsterzbischöfliche Ordinariat ist über die Eeldgebahrnngen des Herrn U. erst in Kenntniß gesetzt worden, als es schon zu spät war. Hätten dieGläubiger, bevor sielt. Geld gegeben haben, sich beim f ü r st e r z b i s ch ö f l i ch e n Ordinariate a n g e s r a g t,