Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 38 (21.9.1894)
- Date
- 1894-09-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 730 Dekerrrktzilche WochenkchrM Nr. 38 angesprochen zu werden. Se. Majestät besichtigte die Ausj stellungsobjecte der Firma und bezeugte sein lebhaftes Interesse l durch verschiedene Fragen. Im Zeitalter des Antisemitismus. Die nachfolgenden Berichte werden nicht verfehlen, berechtigtes Aufsehen zu erregen. Hausherren, Mitglieder der vermögenden Classe bestehlen systematisch die Armen! Sie schämen sich nicht, ihre gierigen Finger in die Büchse zu stecken, wo die kargen Bettelpfennige liegen, welche die Wohlthätigkeit für die Bedürftigen zusammengelegl hat. Und nicht von einem vereinzelten Falle ist die Rede. Jahre hindurch und von Vielen wurde diese Schändlichkeit betrieben und die Gewohnheit stumpfte das Gefühl der Scham gänzlich ab. Einer sah ja, daß der Andere es genau ebenso machte. Wer wird so lächerlich prüde sein! Das wäre ja Judenmoral! Die Judenmoral ließ von der Ernte ein Ecklein Acker für die Armen stehen.—Gewisse Wiener Hausherren und gewisse Wiener Armenräthe, die sind nicht so sentimental. Die nehmen, wenn die Anklagen der Hausmeister wahr sind, sogar das Eigenthum der Armen. Wahrlich, wir leben in merkwürdigen Zeitläuften. Die Inden werden der Profitwuth angeklagt. Ihre Spekulationen werden scheel angesehen, alle ihre capitalistischen Bestrebungen, welche doch Geld und Verdienst unter das Volk bringen, behindert. — Der biedere Arier leistet sich das einfacher. Wozu wäre denn die Armenbüchse da. Es ist ja ohnehin meistens Judengeld drinnen. Das muß heraussortirt werden. Voilä tout. Aus dem von antisemitischer Jauche durchdünkten Sumpfboden steigen die sonderbarsten Blasen in die Höhe und Blumen blühen da — Giftpflanzen, Schlingewächse, — welche alle Moral, alle Sittlichkeit in ihrer umschnürenden Umarmung zu ersticken drohen und die Luft mit dem Pesthauch ihrer Miasmen vergiften. In den „Drei-Engel"-Sälen in der Großen Neuoasse fand Sonntag den 16. September 1894 Nachmittags eine sehr zahlreich besuchte Versammlung der Hausbesorger Wiens statt, die einen sehr lebhaften und interessanten Verlaus nahm. Die Hausbesorger nahmen in derselben die Rolle der Ankläger und wußten über das Vorgehen der Hausherren und Armenröthe in dieser Angelegenheit sehr merkwürdige Dinge zu erzählen. Die Versammlung war von den Herren Schatze! und Mayer einb-rufen worden, damit die Wiener Hausbesorger zur Frage der Sammelbüchsen Stellung nähmen. Diese Frage war nämlich im Juni vorigen Jahres durch die Unterschlagung von Armengeldern seitens eines Armenrathes im XVIII. Bezirke acut geworden. Damals hatten sich einzelne Stimmen im Publicum wie in den Zeitungen hören 'affen, welche behaupteten, daß mit den Armengeldern überhaupt nicht immer ehrlich gewirthschaftet werde, und von einer Seite wurde gegen die Hausmeister direct die Beschuldigung erhoben, daß sie einen Theil der mittelst der Sammelbüchse gesammelten Armengelder — einfach stehlen, indem sie die einzelnen Geldstücke trotz der comnnssionellen Sperre aus der Einwurfsöffnung wieder herauszuprakticiren verstünden. Ein Statistiker berechnete den Verlust, den die Armencasse dadurch erleide, in den alten Bezirken allein auf circa 60.000 fl., gleichem als ob jeder der 12.000 Hausbesorger Wiens 5 fl. )m jährlichen Durchschnitte aus der Sammelbüchse entwende. Angesichts dieser schweren Vorwürfe verlangten die Hausbesorger zur Controle des von ihnen gesammelten Geldes beigezogen zu werden. Diese Zumuthung wurde jedoch von den Annenräthen des VI. Bezirkes mit großer Entrüstung ausgenommen — man könne sich doch nicht von den Hausmeistern controliren lassen. Die Versammlung nahm folgenden Verlauf: Nachdem dieselbe über Aufforderung des Einberusers Herrn Schatze l ein aus fünf Personen bestehendes Präsidium mit Herrn Hauser als Vorsitzenden gewählt hatte, erstattete Herr Lambert Mayer das Referat. Er entwickelte in ausführlichster Weise die Vorgeschichte der Frage, wobei er zahlreiche Zeitungsartikel verlas und in schärfster Form gegen den „Kikeriki" Stellung nahm, der die Controle der Hausbesorger lächerlich zu machen versucht hatte; er nannte ihn „ein Witzblatt ohne Witz, das ins vorige Jahrhundert gehöre, und nur Leuten aus dem Mittelalter gefallen könne". In ungemein lebhafter Weise verurtheilte der Redner hierauf jene gewissenlosen Personen, die verkommen genug seien, sich an Armengeldern zu vergreifen;-sie seien schlechter als Einbrecher, ihnen sei mehr als jedes Ehrgefühl, nämlich auch das Mitgefühl abhanden gekommen. Er fordert sodann die Versammlung auf, Vorschläge zu machen, wie der entwürdigenden Stellung der Hausbesorger zu den Geldern, die sie selbst zusammengebettelt haben, ein Ende bereitet werden könne. Es sprachen hierauf mehrere Hausbesorger in schärfster Form. Schon der erste Redner wendet sich entrüstet gegen den öffentlichen Vorwurf, daß die Hausmeister stehlen (Rufe: „Andere stehlen!") und erklärte, wenn ihnen nicht die Controle zugestanden würde, so wollten sie zwar weiter sammeln, aber das Gesammelte auch selbst vertheilen. Der nächste Sprecher, Herr G r u b e r, eröffncte die Reihe der heftigsten Ausfälle gegen einzelne Hausherren und Armenräthe. Er behauptete, daß Hausherren — er könne jeden Augenblick Namen nennen, es seien solche in der Theresiengaffe und Martinsstraße in Währing — das Reinigungsgelo, welches die Parteien bei ihnen für den Hausbesorger zugleich mit dem Miethzins erlegen, nicht vollständig diesen zuführen, daß sie also „von den Geplagtesten aller Geplagten, den Sclaven aller Sciaven, noch ein paar blutige Kreuzer herausschinden" wollen. Nicht minder scharf wendete sich der Redner gegen einzelne Armenräthe. Ec beschuldigte sie unredlichen Gebahrens und vollkommener Pflichtvergeffenheit. Durch fünf Monate sei jetzt bei ihm kein Armenrath gewesen, um die gesammelten Gelder in Empfang zu nehmen; oft dauerte es drei Vierteljahre. (Ein Ruf: „Bei mir war schon zwei Jahre Keiner!") Die Stelle eines Armenrathes sei eine Ehrenstelle, darum sollen, sie auch nur Ehrenmänner bekleiden. Seit einem halben Jahre habe ein großer Theil von Währing überhaupt keinen Armenrath, und die Armen seien dort in Verzweiflung, da sie in Folge dessen zu keiner Unterstützung kommen könnten; wie soll das erst im Winter werden?! Dieser Theil von Währing sei jener Hänsercomplex, der einerseits von der Alsbach- und Martinsstraße, andererseits von der Czermak- und Theresiengaffe begrenzt werde. In ähnlicher Weise sprach noch eine Anzahl von Rednern, und als einer die Aufforderung an seine Genossen richtete, überhaupt das Sammeln einzustellen, so wurde dieser Vorschlag mit Bravorufen ausgenommen. Einer erzählte eine Geschichte von einem Armenräthe, der sich weigerte, die Gelder zu übernehmen, „weil er sich doch nur die Finger mit dem Kreuzerzählen schmutzig machen würde" und der Herr S a t r a c i l berichtete von einem seither verstorbenen Hausherrn in der Gumpendorferstraße (er nannte den Namen), der die Armenbüchse auf den Tisch stellen ließ, wenn die Parteien Zins zahlten, dieselbe dann in sein Zimmer trug und mittelst eines Schlüssels, den er noch von seiner früheren Thätigkeit als Armenralh besaß, aufsperrte, um den Inhalt an Silbermünzen auszuleeren und dafür halbe Kreuzer und Vier-Kreuzer-Stücke hineinzugeben. Dies habe dem Redner das Dienstmädchen, dasein„Neffe" desHausherrngewesen sei, selbst erzählt; das Mädchen lebe noch und könne es bezeugen. Auch der Inspektor eines Hanfes in der Neustiftgaffe lasse sich die Sammelbüchse in seine Wohnung bringen- — ob er noch lebe, weiß Redner nicht — und dann seien auch lauter halbe Kreuzer darin, das Uebrige werde in Wein versoffen. In diesem Tone ging es weiter, und die Versammlung begleitete die einzelnen Geschichten mit lauten Pfuirufen. Dann folgten die Schlußworte des Referenten und einiger Redner, in welchen zur Selbsthilfe und lebhafter Agitation für. ^ie Wahrung oer Standesehre gerathen wurde. Die Versammlung ermächtigte das Präsidium, als Fünfer-Comite die Angelegenheit energisch zu betreiben. Vom Jahrmarkt des Lebens. Reiseschriftsteller und Musiker. Einer unserer Leser hatte die Freundlichkeit, für uns eir-e Notiz des in Troppau erscheinenden, „Opaäskv Tydennik“ zu übersetzen (Nummer vom 12. d. M.), welche auf die Wahrheitsliebe und Gründlichkeit des B erg an i-Blattes wieder ein interessantes Streiflicht wirft. „Unsere böhmische dramatische Musik bahnt sich immer weiter ihren Siegesweg in die weite Welt. Neben Smetan a'gefiel auch B l od ek ungemein mit seiner einactigen Oper „Im Brunnen" (v studni), welche vor Kurzem in Wien (im Theater an der Wien) zur Aufführung gelangt ist. Die Wiener Zeitungen sind hinsichtlich derselben des Lobes voll. Die „Neue Freie Presse" äußert sich hierüber, daß diese Oper eigentlich in die Hofoper gehöre und das „Fremdenblatt" hebt insbeso: ders die Schönheit des „Intermezzo" derselben hervor. Nur die deutschnationalen Zeitungen, die „Deutsche Zeitung" und das „Deutsche Volksblatt" fanden an derselben keinen Gefallen. Nach dem „Deutsch en Volksblatt" hat Blodek jenes Intermezzo von Mascagni abgeschrieben und unverdientermaßen sei er (Blodek) herausgerufen worden, so daß er viermal auf der Bühne danken mußte. Inzwischen schläft der armeBlodek schon mehr als zwanzig Jahre den Todesschlaf, und als er diese Oper componirte, lag Mascagni noch nicht einmal in