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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-09-21 · 38 (21.9.1894) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
38 (21.9.1894)
Date
1894-09-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 728 Vesterredhtptze Mochrnfchrtfl Nr. 38 nen die Leiden des jüdischen Kindes. In seine junge Seele prägt sich's tief ein, daß mit zweierlei Maaß gemessen wird und der ersten Ungerechtigkeit, die es zu erdulden hat, begegnet es in der Schule. — Brauchen wir die Vorgänge an der Universität noch ausführlich zu berühren? Sie sind in'frischem Gedächtnis;. Und dann treten sie hinaus in's öffentliche Leben, die antisemitischen Juristen, die antisemitischen Beamten, die antisemitischen Aerzte, die antisemitischen Priester! Kann ein Antisemit gerecht richten? Ist im Antisemitismus nicht schon die Ungerechtigkeit selbst ausgedrückt? Und der antisemitische Arzt? Der Antisemitismus ist der stricte Gegensatz aller Humanität und der ärztliche Beruf fordert opferfreudigste Ausübung selbstloser, hingehendster, humanitärer Tätigkeit. Da klaffen Widersprüche auf, die unüberbrückbar sind. Der antisemitische Hetzpnester ist das Zerrbild des wahren, gotterfüllten Priesterthums. Ein umgekehrter Bileam, flucht er, wo er segnen sollte. So streut der Antisemitismus seine greulichen Saat in immer weiteren Würfen, in immer tiefer gezogene Furchen aus. Sie schießt denn auch üppig in die Halme . . . Nun aber ist begründete Hoffnung, daß solch schmachvollem, verwerflichem Treiben endlich ein dröhnend „Bis hieher und nicht weiter!" zugerufen werde. Der Jude soll nicht mehr vogelsrei sein, seine Beschwerden sind gehört worden und von dem Throne des erhabenen Monarchen kommt die verheißungsvolle Kunde. Tausende haben sich an diesen Worten erquickt, ungezählte Herzen haben sie aus tiefer Bekümmerniß aufgewePt und mit neuer Hoffnungsfreude für die Zukunft erfüllt. Die Heiligthümer der Menschheit, welche unsere Väter mit Gefahr ihres Lebens durch die Jahrhunderte getragen und rein bewahrt haben, die unseren Stolz und unseren Ruhm ausmachen, sollen nicht mehr ungestraft gehöhnt und besudelt werden dürfen. Diese wahrsten und eigentlichsten „ckoeuweuts humains“, welche den Glauben an einen einzigen und einigen Gott durch ungezählte Geschlechter bis auf das heutige gebracht haben, werden nicht mehr von frevelhaften Commentatoren in lästerndem Sinne verzerrt und verhöhnt werden. Wir schöpfen neue Hoffnung, neuen Lebensmuth, neue Lebensfreude aus den Worten des gerechtesten und gütigsten Fürsten. Vor seinem Thryne findet der Nothschrei des Geknechteten, des ungerecht und grausam Bedrückten Gehör. Mögen auch die antisemitischen Zeilungshelden insgesammt und ohne Ausnahme di? Worte Sr. Majestät unterschlagen, — aus der Welt zu schaffen vermögen sie sie ja doch nicht. Sie wurden gesprochen und bleib en gesprochen, sie Hallen wieder und wirken fort, sie verwehen nicht im Wind und die Zukunft wird die Erlösung bringen, so wie sie es uns verheißen. Wir bauen mit selfensester Zuversicht auf sie und am nächsten Sabbath werden in allen jüdischen Gotteshäusern des weiten Reiches, in allen Landessprachen sich innige Gebote emporschwingen zum Könige, der da über den Königen thronet und in heißen Segenswünschen für ihren gekrönten, obersten L chutz- und Schirmherrn werden sich alle Israeliten der Monarchie vereinigen, in Segenswünschen für Ihn, dessen gr o ßge sinn tem Herzen die Religion seines Volkes keine Scheidewand bietet, für Ihn, der Gnade und Schutz den Juden mit seinem erhabenen Kaiserworte verbürgt hat! Der Herr erhalte ihn und sein erlauchtes Haus, er schirme und behüte ihn und segne ihn mit seinem reichsten Segen. Amen. Der wohlthättge, eiserne Mann. „In den letzten Tagen wurde im Wiener Stadtrathe über die zahlreichen Vereinen zu bewilligenden Subventionen berathen. Im vergangenen Jahre hat die Commune den Betrag von fl. 134.000 für Subventionen aufgewendet und im kommenden Jahre dürfte dieser Betrag eine bedeutende Erhöhung erfahren. In einer Sitzung des Stadtraihes reserirte Dr. v. Billing über einen Theil dieser Subventionen im Betrage von fl. 29.000." Von diesen ansehnlichen Summen, welche die größte Gemeinde der Monarchie und eine der größten der Welt Humanitären Instituten widmete, fließt auch nicht ein Heller in den Säckel einer jüdischen Wohlthätigkeitsanstalt. Arme, jüdische Mitbürger, welche der Unterstützung bedürfen, scheint es also nach dem Urtheile Hochweiser und wohlmögender Stadtväter überhaupt nicht zu geben. Für jüdische Arme, für jüdische Kranke, für jüdische Handwerker existirt der Stadtsäckel überhaupt nicht, d. h. er existirt wohl, wenn es gilt, ihn — zu füllen. Nur mit Ansprüchen an ihn, und mögen sie noch so berechtigter Natur sein, mögen die Juden fern bleiben. Man gesteht ihnen im Nachhause alle Pflichten zu und fordert deren rigorose Erfüllung — sonst kommt gleich der Einleger mit der Executionsbollelte — aber mit ihre n Rechten und A n s p rü ch e n an die öffentliche Wohlthätigkeit — da weist man sie zurück — oder nicht einmal das — man ignorirt sie ganz einfach, was ja noch bequemer und empfehlenswerther, weil geräuschloser ist. In Balassa-Gyarmat hat Kaiser Franz Josef auf die Huldigung einer Deputation der israelitischen Cultusgemeinde die goldenen Worte gesprochen: „In Meinem Herzen bildet der Unterschied der Religion Meinen Völkern gegenüber keine Scheidewand." An diesen kaiserlichen Worten ist nichts zu deuteln. In der Wiener Gemeinderathsstübe herrscht aber nicht der Geist des Kaiser F r a n z I o s e f I,, sondern jene niedrige Gesinnung, welche in den Juden blos das S t e u e r o b j e c t sieht. Wir wollen jetzt nicht den boshaften Statistiker spielen und mit den ohnehin bekannten Zahlen aufwarten, wie viele Juden in Wien ihre drückend hohen Steuern zahlen, aber den Hinweis können wir uns doch nicht ganz auf jene großen Summen versagen, welche jüdische Wohlthätigkeit, jüdische Milde und jüdische Großherzigkeit den Armen der Stadt Wien seit ungezählten Dccennien gespendet haben und mit vollem Herzen noch immer weiter spenden .... Die Dankbarkeit ist doch eine herrliche Sache. Und die Gerechtigkeit auch. Nicht wahr, ihr Herren? — Der Referent des Stadtrathes, Herr Dr. v. Billing, äußerte sich in einer Privatunterredung, welche die oben berührten, sehr wunden Punkte behandelt, ungefähr wie folgt: „Ja, wenn die jüdischen Vereine nicht bittlich einschreiten, dann können wir ihnen nichts bewilligen. Hätten sie angesucht, so wäre sicher das Et forderliche geschehen". Eine wohlfeile Ausrede. Wenn irgend ein jüdischer Wohlthätigkeitsverein es gewagt hätte, sein Bittgesuch auf den Tisch des Bürgermeisters niederzulegen, so wäre die Helle Antisemitendebalte schon losgegangen, der Talmud sogleich einer sachlichen Besprechung von Seite des Herrn Pfaidlers Greg orig unterzogen worden und Jedliczka und Steiner hätten die obligate Begleitung mit den Fäusten auf die Pulte getrommelt! Man erinnert sich noch genau der lieblichen Debatte über die Talmud-Thoraschule in der Leopoldstadt. Um 200 Gulden handelte sich's damals im Ganzen. Eine Summe, die wahrlich des Redeschwalles nicht lohnte, der sich damals sprudelnd ergoß. Endlich wurde sie — Triumph! — bewilligt. Aber der Verein verzichtete auf die unter solch sonderbaren begleitenden Umständen geübte Wohlthätigkeit und wandte sich an die Glaubensgenossen, den löblichen Gcmeinderath sich selbst überlassend. Seitdem wird derselbe von jüdischen Instituten nicht mehr behelligt. Es ist auch von diesen nicht zu verlangen, sich den gröbsten und gemeinsten Insulten von Seiten gewisser Herren auszusetzen. An unsere Religionsgenoffen ergehe aber dafür die dringliche Mahnung, bei Spenden vornehmlich auf jüdische Anstalten Rücksicht zu nehmen, da dieselben viel und Schweres zu leisten haben und auf keinerlei werkthätige Mithilfe von Seite des Gemeinderathes der Stadt Wien rechnen dürfen. — .Wir glauben diese Betrachtung nicht sinniger beschließen zu können als mit dem Bericht über die

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