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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-09-14 · 37 (14.9.1894) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
37 (14.9.1894)
Date
1894-09-14
Page
– (sequence 19)
Language
German
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j-Jksc -ms- Nr- 87 VeAerredMttze WochenfttzrM Seite 725 Der Graf, dem seine Eltern frühzeitig gestorben waren, war unvermählt,- widmete sich dem Soldatenstande und lag damals als Oberst in Warschau. Es war ihm daher lieb, daß ihm Rosenheim das Gut, welches, da es schlecht verwaltet wurde, wenig eintrug, abkaufte. Es geschah dieses freilich auf fremden Namen, da damals den Juden Güter zu erwerben, nicht erlaubt war. Rosenheim verstand es, die Ertragfähigkeit des wirthschaftlich so herabgekommenen Gutes durch unermüdliche Sorgfalt und gute Bewirthschaftung so emporzubringen, daß es in der ganzen Gegend als Must rwirthschaft galt. Bei alldem lebte er in patriarchalischer Einfachheit, und im besten Einvernehmen mit ßen Ortsbewohnern, die ihn wegen seiner herablassenden Leutseligkeit und Humanität allgemein verehrten. Sein größtes Glück aber bildete seine Familie. Es waren dies die süßesten Stunden seines Lebens, die er, nach rastloser Arbeit, in ihrer Mitte verbringen konnte. Seine Gattin vergötterte ihn und war ihm die würdige Genossin seines Lebens. Seine beiden Kinder, Paierl und Rüben, waren sein ganzer Stolz, und er war sehr bemüht, namentlich ersterer, die sich durch große Schönbeit und besondere Talente auszeichnete, eine angemessene Erziehung angedeihen zu lassen. Paierl wurde daher schon in ihrer frühesten Jugend von einer tüchtigen Erzieherin in allen Gegenständen unterrichtet und zeigte bei jeder Gelegenheit eine solche Auffassungsgabe, die überall Bewunderung erregte. Rosenheim konnte sich nicht mit dem Gedanken vertraut machen, das ihm so eng ans Herz gewachsene Kind einst von sich lassen zu müssen, und verlobte daher dann das zur Jungfrau herangewachsene Mädchen trotz der glänzenden Anträge, die ihm von allen Seiten gemacht wurden, an seinen Neffen, der ein armer, aber braver „Lernbocher" war. „Ich habe es gottlob nicht nöthig, meinte er, auf einen reichen Eidam zu reflectiren; die Hauptsache ist, daß mein Herzenstöchterl bei mir bleibt!" Mein Schwiegersohn soll für sich und seine Bücher leben, für alles Andere werde ich selbst schon sorgen. Paierl war damit zufrieden; sie liebte ihre Eltern sehr und in ihrem Herzen war noch kein Trieb, der wärmere Gefühle für einen Mann geoffenbart hatte. Es war ihr daher gleichgiltig, wen ihr ihr Vater zum Gatten bestimme; der Gedanke allein, bei ihren geliebten Eltern bleiben zu können, machte sie schon glücklich. So lebte die biedere Familie glücklich und zufrieden. Eines Tages saß Rosenheim in seinem Arbeitszimmer, da wurde ihm von seinem Diener eine Karte mit dem Bedeuten überreicht, daß der Ueberreicher derselben ihn zu sprechen wünsche. Rosenheim warf einen Blick auf die Karte und erschrack. „Ladislaus Orlovski", sprach er vor sich hin, und sann eine Weile nach. „Ich wüßte nicht, daß noch ein Graf Orlovski existire", murmelte er vor sich hin. In diesem Gedankengange wurde er durch das rasche Eintreten eines vornehm gekleideten, hübschen jungen Mannes unterbrochen. Derselbe mochte etwa 25 Jahre alt sein. Schwarzes Haar umrahmte sein edelgeschnittenes Antlitz, und ein dichter Schnurrbart bedeckte seine Oberlippe. Sein ganzes Auftreten verrieth sofort den Aristokraten und machte auf den Gutsherrn einen äußerst imponirenden Eindruck. Der Fremde stellte sich dem überraschten Rosenheim als Sohn des Grafen Orlovski vor, dem die Sehnsucht, das Stammgut und die Gruft seiner Ahnen zu sehen, hergeführt habe. Auf die Bemerkung des Gutsherrn, daß seines Wissens nach der Oberst Orlovski bei dem Aufstande in Warschau gefallen sei, erzählte der junge Mann, daß sein Vater, der sich an der Spitze seines Regimentes an der polnischen Revolution betheiligte, nach Niederwerfung derselben sich nach Paris geflüchtet hatte und daselbst geheiratet habe. Er selbst, sei in Paris erzogen worden. Nachdem aber seine Eltern vor einigen Jahren gestorben, habe er sich gesehnt, die Heimat derselben kennen zu lernen. Rosenheim lud ihn ein, im Schlosse zu wohnen, und bat ihn, sich in Sastava ganz nach Gefallen einzurichten und so lange zu bleiben, als es ihm gefalle. Der Graf dankte und fühlte sich schon am ersten Tage so wohl, wie er sich im fremden Lande noch nie gefühlt habe. Sogleich fiel ihm die hervorragende Schönheit und die ungewöhnliche Bildung Paierl's auf. Er konnte es gar nicht begreifen, daß dieses holde Kind die Tochter dieses einfachen, bildungslosen Landjuden sein könne, und fühlte sich jeden Tag mehr von ihrem züchtigen Wesen angezogen und bestrickt. Es war anfangs seine Absicht, einen kurzen Aufenthalt in dem Orte, wo seine Ahnen Jahrhunderte ihren ständigen Wohnsitz hatten, zu nehmen. Nun hatte es ihm Paierl angethan und er mußte sein Vorhaben von Tag zu Tag aufschieben. Mit leidenschaftlichen Blicken verfolgte er ihre liebliche Gestalt und fachte dadurch die Liebe in seiner Brust zu immer höherer Gluth an. Paierl kam dem Grasen, der als lieber Gast bei ihren Eltern weilte, freundlich entgegen. Später aber flößte ihr die hohe Bildung und die Ritterlichkeit des jungen Mannes so viel Bewunderung ein, daß auch sie ihn leidenschaftlich zu lieben begann. Mit Schrecken dachte sie ihres Verlobten und schauderte bei dem Gedanken, einem anderen Manne angehören zu müssen. Rosenheim und seine Frau, die den jungen Grafen achteten, erblickten in dem überaus ehrerbietigen Entgegenkommen desselben gegen sie und besonders gegen ihre Tochter, nichts Außergewöhnliches, vielmehr bei Cavalicren Selbstverständliches. Indessen mochte der Gras gefühlt haben, daß er nicht länger bleiben konnte, da er gefürchtet, daß durch seine immer aufgeschobene Abreise und zunehmende Leidenschaft feine Gefühle für Paierl verrathen werden könnten; da er wußte, daß auf legalem Wege er die Hand derselben mit Zustimmung ihrer Eltern nicht erreichen werde, verließ er bald Sastava. Mit Paierl aber blieb er, wie es sich später herausstellte, in heimlicher Correspondenz. Indessen rückte der festgesetzte Tag der Vermählung mit ihrem Vetter immer näher heran. Mit Paierl ging eine schreckliche Veränderung vor. Ihre Augen waren geröthet, der Blick fieberisch, scheu; die Züge schlaff, wie bei Einem, den manche Nacht Ruhe und Schlaf geflohen. Ihre tiefbekümmerten Eltern konnten sichs nicht deuten, und nur auf Ausspruch des zu Rathe gezogenen, alten Landarztes, der dies für ein vorübergehendes geringfügiges Leiden erklärte, ließen sie es zu, daß die Hochzeit an dem bereits festgesetzten Tage stattsinde. Am Vorabende der Vermählung hatte sich eine zahlreiche, aus Verwandten und Bekannten bestehende Gesellschaft eingefunden, und es herrschte bei der reichbesetzten Tafel die fröhlichste Stimmung. Paierl hatte den ganzen Tag in Herzensangst verbracht, und vergebens versucht, ihr gequältes Herz durch Gebete zu erleichtern. Nun faß sie bleich und abgespannt neben ihrem Bräutigam -sie schien zerstreut, und ihre Gedanken mochten weit in die Ferne schweifen, denn sie gab ihrem Bräutigam, auf seine an sie zärtlich gerichteten Worte nur halbe Antworten. Beklemmend legte sich die Ahnung eines bevorstehenden, seit Langem mit banger Furcht erwarteten Ereignisses auf ihre Brust. Da drückte ihr ihr vertrautes Dienstmädchen im Vorbeigehen einen Brief in die Hand mit solcher Geschicklichkeit, daß es selbst der neben ihr sitzende Bräutigam nicht bemerkt halte. Einige Worte der Entschuldigung zu demselben stammelnd, verließ sie unbemerkt den Saal und eilte auf ihr Zimmer. Als sie mit eilender Hast die wenigen Zeilen des Briefes durch las, brach sie mit einem gellenden Schrei ohnmächtig zusammen. Mitten im Tumult, der im Saale herrschte, hatte man den Abgang der Braut nicht sogleich bemerkt. Indessen siel ihre Abwesenheit doch bald aus. Die bestürzten Eltern eilten besorgt auf ihr Zimmer und fanden dasselbe leer; alle Kästen und Schränke offen und durcheinandergeworsen und aus dem Fußboden lag ein Brief mit folgendem Inhalte: „Theuerste Paierl! Auf dem Kreuzwege unter der Mühte erwartet Dich mein Wagen; eile sofort in die Arme Deines Dich mit heißer Sehnsucht erwartenden Ladislaus." „Was die unglücklichen Eltern bei diesen Zeilen empfui.ten haben mögen", sagte Reb Awrom, nach einer laugen Pause, läßt sich schwer schildern. Frau Rosenheim fiel aus einer Ohnmacht in die andere und starb nach wenigen Tagen am Herzkrampf.

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