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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-09-14 · 37 (14.9.1894) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
37 (14.9.1894)
Date
1894-09-14
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 724 Drstrrredhifchr Wochenfchrist dh. 37 Anfangs glaubte ich, daß dasselbe als Magazin für Getreidevorräthe diene, doch bald bemerkte ich seitwärts vor einem Fenster des Stockes, eine menschliche Gestalt, die hinauszublicken schien. Ich stellte mich auf einem kleinen Hügel, der sich hinter der ziemlich hohen Mauer befand, die dieses ganze Gebäude umgab, um dieselbe näher zu betrachten. Es war dies eine kleine, schmächtige Dame mit freundlichen Zügen und gebleichten Haaren, die auf den ersten Blick wie eine Greisin aussah, bei genauerer Prüfung aber einige und vierzig Jahre alt sein mochte. Ihr Gesicht war edel geformt, aber ungemein bleich und krankhaft und trug Spuren von tiefem Gram. Sie stand ganz still vor dem Fenster und starrte theilnahmslos vor sich hin. Nichts schien für Sie zu existiren; ihre Augen waren glanzlos, gleichsam als wären sie aus Glas. Nur zuweilen flogen ihre Augen mit einem blöden, scheuen Ausdruck nach dem Vordergebäude hinüber. Ich war ergriffen bei dem Anblicke dieser offenbar sehr unglücklichen Frau, und eine ungewöhnliche Theilnahme für dieselbe wurde in mir wach; denn bei meinen späteren Spaziergängen, führte es mich unwillkürlich stets an dem Hintergebäude vorbei, und ich konnte es dann nie unterlassen, einen mitleidigen Blick auf das Fenster zu werfen. Einmal, als ich von meinem Spaziergange, später als gewöhnlich, an demselben vorbeiging, bemerkte ich die Bewohnerin dieses Hauses, mit einem Wafferkruge in der Hand, der etwa 50 Schritte entfernten Quelle zuschreiten. Ein Gefühl ungewöhnlicher Neugierde, der ich nicht zu widerstehen vermochte, dieses räthselhafte Gebäude näher zu kennen, bemächtigte sich meiner. Rasch schlüpfte ich in den von Unkraut wuchernden Hof. Still und öde lag das Schloß da und etwas Geheimnißvolles schwebte um dasselbe; als ich durch den langen Corridor schritt, wehte es wie geisterhaft. Ich gewahrte bald, daß dieses seltsame Weib die einzige Bewohnerin dieses düsteren Gebäudes sei, denn überall, wohin ich blicken mochte, gähnte mir eine ungewöhnliche Oede entgegen, die mit dieser Unglücklichen erstaunlich zu harmoniren schien. ' Äls ich über die Stiege, die zum ersten Stockwerke führte, stieg, gewahrte ich, daß die Thür desZimmers, aus dessen Fenster die Frau herauszublicken pflegte, offen war, und konnte mich nicht enthalten, dasselbe zu betreten. Es war ein kleines, heimliches Gemach, das mit seinen schlichten Möbeln und den altmodischen Schränken und Commoden einen auffallenden Gegensatz zu der kostbaren Einrichtung der Gemächer im Vordergebäude bildete. In einer Fensternische stand ein kleiner Schreibtisch, auf welchem ein schönes Buch im Goldschnittband aufgeschlagen lag. — Ich war begierig zu wissen, was diese blöde Frau lesen mochte, und blätterte darin. Zu meinem nicht geringen Erstaunen, erblickte ich am Titelblatte desselben die Aufschrift „Gebetbuch für Katholiken". Auf der anderen Seite stand, von einer kräftigen, ausgebildeten Handschrift herrührend, folgende Widmung: „Meiner lieben und theueren Olga zum Andenken an unsere am 15. Februar 18 . . stattgefundene Vermählung, von ihrem sie innigst liebenden: Ladislaus." Betroffen starrte ich auf diese Zeilen, und meine Neugierde stieg umsomehr aufs Höchste, als man im Schlosse ein peinliches Stillschweigen über die Bewohnerin des Hiirtergebäudes beobachtete. „Wer war dieses Weib und in welchem Verhältnisse stand sie zu dem Schloßherrn, fragte ich mich selbst!" Es ward mir klar, daß eine geheimnißvolle Beziehung hier obwalten müsse; doch ich mußte mich beeilen, aus dem Schlosse zu kommen, da ich nicht überrascht werden wollte. Es war schon ziemlich dunkel, als ich mein Zimmer aufsuchte. Ich zündete die Lampe an, und versuchte in einem Buche zu lesen; aber vergebens. Immer und immer tauchte wieder die merkwürdige Frau und das Gebetbuch in meinem erregten Geiste auf. Ein Gefühl unsäglicher Einsamkeit überkam mich, ich beschloß auszugehen. Es schlug neun Uhr. Der Abend war kalt und traurig, und der Wind ächzte um die Strohdächer der Häuser, als ich vor der Schenke des Arendators, die mitten im Dorfe der Kirche gegenüber lag, stand. Hinten im Hofraume derselben, befand sich eine ziemlich große Hütte, die früher als Scheune gedient haben mochte und später als Wohnung und Schule zugleich für den Melamed hergerichtet wurde. Dieselbe war sehr ärmlich und dürftig eingerichtet. In der Mitte stand ein langer, eichener Tisch und auf beiden Seiten desselben ebensolche Bänke, wie man sie in den polnischen Wirthshäusern zu finden pflegte. Ein Bett und ein altes Sofa bildeten die ganze Einrichtung der Schulwohnung. Reb Awrom lag auf dem Sofa und rauchte aus einer langen Pfeife, als ich in seine Wohnung trat. Er war augenscheinlich vergnügt, mich zu sehen, und bat mich, neben ihm Platz zu nehmen. Wir knüpften ein gleichgiltiges Gespräch an, sprachen über dies und jenes; natürlich auch vom Schlosse. Ich konnte mich bei dieser Gelegenheit nicht enthalten, ihm mitzutheilen, wie mich das Schicksal der Bewohnerin des Hintergebäudes intereffire, und von meiner heimlichen Anwesenheit und den Wahrnehmungen im Zimmer dieser merkwürdigen Frau. Ueber das Antlitz des Melamed flog eine düstere Wolke, seine Züge nahmen einen traurigen Ausdruck an, und mit seiner Hand strich er seine dichtbefurchte Stirne,, als wollte er einen bösen Traum verscheuchen; und indem. er den Kopf hin und her mißbilligend bewegte, sagte er: „Sie haben, junger Freund, nicht gut gethan, daß Sie das Hintergebäude und überhaupt das Gemach der-Bewohnerin desselben betreten haben, und Herr Nosenheim würde es Ihnen übel nehmen, wenn er es erfahren würde. Das Hintergebäude war ursprünglich, wie Sie wohl bemerkt haben dürften, mit dem Vordergebäude verbunden, ist aber später absichtlich getrennt worden, damit jede Verbindung dieser Häuser aufhöre. Auch, ist es Jedem vom Hofgesinde bekannt, daß dieser Theil des Schlosses nicht betreten werden darf, und daß es der Gutsherr überhaupt nicht gerne hört, wenn man von der Bewohnerin desselben spricht. Uebrigens interessirt sich Niemand im Dorfe für dieselbe. Man weiß, daß es die irrsinnige Schwester des Gutsherrn sei, die dort haust, und findet es begreiflich, daß eine-solche Person abgesondert wohnen müsse. Diese Eröffnung befriedigte mich durchaus nicht, und ich konnte es nicht unterlassen, meinem Freunde zu bemerken, daß ich nicht glauben könne, daß bei einem solchen harmlosen Weibe eine derartige kerkerhafte Abgeschlossenheit nöthig wäre, und daß übrigens das peinliche Stillschweigen der Schloßbewohner gegen dasselbe, sowie ihr Gebetbuch mit der sonderbaren Widmung in mir die Ueberzeugung wachgerufen habe, daß dieses Ganze einen ernsteren Hintergrund haben müsse. Reb Awrom sah mich erstaunt an; wahrscheinlich hatte er bei mir diesen Scharfsinn nicht erwartet, und indem seine Züge einen träumerischen Ansdruck annahmen, sprach er nach einer Pause: „Es ist freilich wahr, daß sich an diese Unglückliche ein dunkles Ereigniß knüpft, obzwar ich selbst nicht Zeuge desselben war, vielmehr es zufällig von der alten Wirthschafterin des verstorbenen Vaters des Gutsherrn, die auch die Einzige ist, welche diese Unglückliche zeitweise bei sich duldet, erfahren habe". Aber ich glaubte Ihnen bereits bemerkt zu haben, daß Herr Rosenheim äußerst ungehalten sein dürfte, wenn er erfahren sollte, daß Jemand von dem Unglücke, das einen dunklen Schatten auf seine Familie wirft, Kenntniß habe. Auf meine wiederholten Bitten, und nachdem ich ihm gelobt hatte, weder durch Wort noch durch Miene zu verrathen, daß ich eingeweiht sei, ließ sich endlich Reb Awrom herbei, mir die Geschichte der Unglücklichen im Hintergebäude zu erzählen. „Der Vater Rosenheims", begann der Melamed, nachdem er seine Pfeife, die inzwischen erloschen war, wieder angebrannt, „war nicht aus dieser, sondern wohnte früher in der Hussatyner Gegend, an der russischen Grenze, und war Arendator auf dem Stammgute des Grafen Orlovski, in Sastava; der übrigens noch mehrere Güter in Russisch-Polen besaß. Da Rosenheim nebstbei auch einen bedeutenden Flachshandel betrieb, gelang es ihm, durch Fleiß und Sparsamkeit nach und nach ein großes Vermögen zu erwerben.

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