Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 37 (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 37 Constantinopel. (Auszeichnung.) Der bekannte Bankier Aron Efendi Leon erhielt von S. M. dem Sultan den Rang eines Uta I. Classe, mit welchem der Titel „Excellenz" verbunden ist. „Jm Hinterhaus." Erzählung von M. Büßgang, Falkenau. Nachdruck verboten. I. Es sind bereits 25 Jahre her, seitdem ich auf der Jeschibah zu Decs als Bachur weilte. Mein Vater, der ein gar frommer Jude war, schickte mich hin, indem er sich der festen Hoffnung hingab, daß ich einst als gefeierter Rabbi, oder meiner Gelehrsamkeit halber wenigstens als Schwiegersohn eines begüterten Mannes heimkehren werde. Daß es ihm aber unmöglich war. auch nur halbwegs, mir die Mittel zu verschaffen, um wenigstens mit vom trockenen Brot gesättigten Magen meinen Studien obliegen zu können, daran dachte der gute Mann nicht. Wozu denn auch? „Haben doch auch andere blutarme Leute ihre Söhne hingeschickt, die jetzt gefeierte Gelehrte sind, dachte er." Und so wanderte ich denn, nachdem mir meine besorgte Mutter mein Bündel geschnürt und mich mit einenNothpfennig versehen hatte, von den Segenswünschen meines Vaters begleitet, nach Decs. Fast 3 Jahre hatte ich daselbst in Sorge um das Nöthigste und eifrigst in den heiligen Schriften forschend mein Leben gefristet, als ein Ereigniß eintrat, welches meine Lage ganz anders gestalten sollte. An jedem Samstag, war ich nämlich bei dem reichen Kaufmanne Herrn Hirsch Gold zu Tische geladen, außerdem erhielt ich noch ein kleines Taschengeld von demselben, weil ich mit dessen Sohn, der ebenfalls Bachur war, das täglich Gelernte wiederb ölte. Eines Tages erzählte er mir, daß ihm ein Verwandter, der Gutsbesitzer in Galizien sei, gebeten habe, ihm einen tüchtigen Bachur für seine Kinder zu schicken, und frug mich, ob ich" entschlossen wäre, diese einträgliche Stelle anznnehmen. Ich könne ja, meinte er, nach einem Jahre, mit Mittel verseben, sorglos dann meine Studien wieder aufnehmen. Ich war hocherfreut von diesem Anerbieten. Durch steten Mangel und Nahrungssorgen war ich körperlich herabgekommen, so daß mir die physischen Kräfte fehlten, um weiter lernen zu können, und so betrachtete ich dies als eine Fügung Gottes und nahm den Posten, der mir Erholung und die Mittel zu weiteren Studien bot, bereitwillig an. Es war ein klarer, stiller Herbsttag, als ich in „Benevice", dem Gute des Herrn Rüben Rosenheim eintraf. Ein wohlgepflegter Weg, zwischen blühenden Linden und fruchtreichen Obstbäumen führte zum Herrenhause. Als ich mich dem Parke näherte, der dasselbe umgab, bemerkte ich dort einen stattlichen, kräftigen Mann, von etwa 40 Jahren, der die landesübliche, jüdische Tracht, in tadellosester Sauberkeit trug. — Auf meine Frage, ob ich den Gutsherrn sprechen könne, musterte mich derselbe mit einem langen, prüfenden Blicke und frug mich dann im freundlichen Tone, ob ich der erwartete Bachur sei, was ich bejahte. Hierauf lud er mich ein, ins Haus zu gehen, und es ward mir bald klar, daß ich den Herrn selbst vor mir hatte. Ich übergab ihm dann das mir mitgegebene Schreiben, und nachdem er dasselbe gelesen, konnte ich aus feinen erhellten Zügen erkennen, daß ich ihm in demselben gut empfohlen wurde. Nachdem ich mich durch Speise und Trank ein wenig gestärkt hatte, führte mir Herr Rosenheim meine Zöglinge zu. Es waren dies 2 Knaben im Alter von 7 und 9 Jahren, und stellte mich ihnen als ihren Erzieher vor, wobei er ihnen einschärfte, recht brav und folgsam zu sein. Während er mir noch Einiges, die Erziehung betreffend, mittheilte, trat plötzlich ein bildhübsches, etwa 17 Jahre altes Mädchen aus dem anstoßenden Zimmer mit freundlichem Gruße ein. Ich war wie geblendet von dieser holden Erscheinung, so daß ich wie geistesabwesend sie eine Secunde anstarrte und die Fragen meines Herrn fast überhörte. Seite 723 Der Gutsherr hatte den Eindruck bemerkt, den seine schöne Tochter auf mich gemacht hatte, und indem er sie sanft zu sich zog und zärtlich küßte, sagte er: „Sie werden auch meine Gietele täglich zwei Stunden im Deutschen unterrichten." „Ich will aber," fügte er betonend bei, „daß sie nur correct schreiben und lesen lernt, sonst nichts." Ich bin Witwer und kann sie bei der Wirtschaft nicht entbehren; ich habe sie daher zu einer guten Wirthin erzogen. Ich wunderte mich gar nicht, daß das bereits zur Jungfrau herangewachsene Mädchen noch nicht deutsch schreiben konnte, da ich die Antipathie vieler Juden für alles profane Wissen von früherher kannte. Nachdem mir mein Zimmer angewiesen wurde, begab ich mich in dasselbe, um von der weiten Reise auszuruhen. Anfangs lebte ich zufrieden und glücklich mit meinem Berufe. Da ich aber außer den paar täglichen Unterrichtsstunden nichts Anderes zu thun hatte, so hätte mich das ewige Einerlei und die Oede des Dorfes, ohne jeglichen geselligen Verkehr, fast verzweifelt gemacht, wenn es mir nicht gelungen wäre, einen Freund in dem Melamed (Talmudlehrer) des Dorfes zu finden. Reb Awrom, wie man ihn allgemein nannte, mochte ungefähr 45 Jahre alt gewesen sein, sah aber bereits wie ein Greis aus. Er war eigentlich nicht stabil im Dorfe, denn seine Familie wohnte in Tismenice, sondern lediglich von dem Arendator und noch einigen anderen Juden, die in den angrenzenden Dörfern wohnten, auf beschränkte Zeit ausgenommen worden, schien aber dennoch bereits mehrere Jahre im Dorfe zu sein. Kost und Wohnung erhielt er vom Arendator, wo auch der Unterricht ertheilt wurde. Bei seiner Familie weilte er nur zweimal im Jahre und zwar: „Ostern und an den hohen Feiertagen." Reb Awrom, war einsehr sympathischer, gescheidter Mann und wohl auch ein ausgezeichneter Talmudlehrer. Trotzdem ihm jede profane Bildung fremd war, befaß er dennoch eine gewisse angeborene Intelligenz, die in ihm den angeborenen Melamed nicht erkennen ließ. In der That, erzählte er mir bei Gelegenheit, daß er als „choschiber Bachur", im jugendlichen Alter, die Tochter eines reichen Arendators geheiratet habe, sich aber, so lange seine Schwiegereltern lebten, nur mit „Lernen" befaßt hatte, und als diese gestorben waren, sich entschließen mußte, deren Geschäft zu übernehmen. Da er aber keine Geschäftskenntnisse besaß, und .feine Frau nicht genug kräftig war, den Bauern, die wohl trinken, aber nicht zahlen wollten, zu imponiren, so ging es immer mehr abwärts mit ihnen; sie verarmten, und da er nichts anderes als „Lernen" konnte, so sah er sich um eine Melamedstelle um, die zwar wenig eintrug, aber dennoch leben ließ, da er bei seiner Anspruchslosigkeit mit allem Röthigen versorgt war, und seiner Familie feinen ganzen Gehalt zukommen lassen konnte. Kein Wunder, daß Reb Awrom in mir einen Schicksalsgenossen erblickte, und da auch ich ihn mit meinen Verhältnissen bekannt machte, reichte er mir sichtlich gerührt die Hand, und wir wuiden warme Freunde. Sein Anerbieten jeden Abend mit ihm eine Plauderstunde zu verbringen, nahm ich bereitwillig an. In den ersten Tagen benützte ich meine freie Zeit, um mich mit den Oertlichkeiten des Dorfes vertraut zu machen. Benevice war ein ziemlich großes, von Ruthenen bewohntes Dorf, und machte mit seinen bunten Wiesen und schönen Wäldern auf mich, den Naturfreund, einen angenehmen Eindruck. Als ich eines Tages durch die schmalen Gassen des Ortes schlend-'rte, bemerkte ich, daß ich mich vor einem großen schloßartigen Hause befand, welches bei näherer Betrachtung aber als ein eigentliches Hintergebäude, das nur durch einen kleinen Garten von der Hinterfront des Schlosses, und wie es schien absichtlich getrennt worden war, angesehen werden konnte. Denn, ich erinnerte mich jetzt in diesem Garten einmal gewesen zu sein und bemerkt zu haben, daß derselbe Spuren hatte, die mich voraussetzen ließen, daß an dieser Stelle einst ein Hofraum gewesen sein müsse. Das Gebäude selbst, machte mit seinen verwitterten Mauern einen unheimlichen Eindruck. Oesterrrichifche Wochrnfchrist