Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 37 (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 718 MeMvveutztptze Mmtzrnptzrtfl Nr. 37 die jetzige Gesellschaftsordnung, wer wagt sie nur für ein einziges Jahrhundert verbürgt zu halten? Es gehört nur wenig Hypochondrie dazu, daß sie einem wie zur Fratze verzerrt erscheine. Man sieht, daß der Verfasser dieser Schrift nicht durch die plumpen Schreckbilder von Anarchismus und Sprengbomben wirken will, sondern an die edelsten Gefühle appellirt, welche den ganzen Lebenswerth ausmachen. Oder sollten wir die Lösung der socialen Frage ruhig der weisen Regierung, den wohlberathenen Parlamenten und etwa den führenden Tagesblättern anheim stellen? Regierungen und Parlamente werden sicher nicht die Initiative zu einer Losung ergreifen, welche unbedingt eine völlige Umgestaltung aller Verhältnisse bedeuten muß. ehe machtvoll die Volksströmung andrängt. Die Regierungen sind stets nur die Resultirenden der sich im Volksgeiste kreuzenden Bewegungen, Parlamente nur oer Ausdruck der im Volke selbst laut gewordenen Bedürfnisse. Was werden soll, zumal es Großes und Eingreifendes umfassdn sollte, müßte Jahrzehnte hindurch eifrig und von Jedem beachtet, im Volke und aus dem Volke heraus vorbereitet werden. Dichter, Philosophen, F-akelträger jeder Art, müßten lange vorher die Geister geklärt und umgebildet haben. Man beachte nur die Rathlosigkect der tonangebenden Tagesblätter, die doch sonst in allen politischen Fragen so entschieden und selbstbewußt Stellung zu nehmen pflegen. Wie verlegen, nichtssagend, ja zweideutig zeigen diese sich, wo sie nicht umhin können, die sociale, die Arbeiter- und die Anarchistenbewegung anzurühren. Sie sinken da schon förmlich zur Rolle von Beschwichtigungs- Hofräthen hinab, oder sie erheben sich gar zur moralischen Entrüstung und kanzeln herzhaft die Anarchisten ab, ohne auch nur daran zu denken, wie lächerlich vornehm sich das ausnehmen muß. Selbst angenommen, daß manche dieser Blätter nur im Solde und Dienste des Capitolismus stehen, könnte man den Capitalismns nur beklagen, in einer Weise bedient zu sein, dabei es mit ihm alsbald so bestellt sein könnte, wie cs zur Zeit schon allenthalben mit dem Liberalismus bestellt ist. Die antisocialistische Journalistik hat eben noch kein Material zur Verfügung, um der öffentlichen Stimmung Ausdruck geben zu können. Es ist fürwahr durchaus noch nicht zu viel, sondern viel zu wenig über das Problem, um das die ganze Menschheit bangt, geschrieben worden, wenn wir von leeren Worten, Mahnungen und Zurechtweisungen abschen, die keine Thal bedeuten und nicht verfangen. Es klingt geradezu komisch, wenn ein Recensent gelangweilt ausruft, nicht weniger als drei Vorschläge zur Lösung der socialen Frage liegen uns vor! Nicht weniger als drei! Und mären es 100, cs wäre nicht zu viel, so lauge die richtige Lösung eben noch nicht gesunden ist. Selbst Vorschläge, die als Utopien beiseite gelegt werden müssen, verdienten da eingehende Beachtung, denn sie regen doch immerhin an, und selbst solche, alle zusammen genommen, könnten vielleicht ein Extract geben, das nicht zu verwerfen wäre. Und muß denn nicht selbst die richtige Lösung voraussichtlich dem ersten Eindrücke nach wie eine Utopie erscheinen? Sie wird sovieleradicaleUmgestaltungen bedingen, daß man vorerst sicher davor zurückschrecken muß. und so verheißungsvoll klingen, daß man augenblicks nicht daran wird glauben können. Hören wir nun, was Dr. M. L. Stern, der auch sonst schon als philosophischer Schriftsteller hervorgetreten ist. vorzuschlagen weiß Es ist eine altbiblische Idee, die der Verfasser aufgreift und nach gehöriger Umgestaltung und Anpassung an die Zeitverhällnisse als erlösend darzustellen sich bemüht. Etwas, was bereits, wenn auch in anderer Form ein- und durchgefübrt war, meint der Verfasser, kann doch gewiß nicht so leichthin als Utopie bezeichnet werden. Im alten Hebräerstaate sind nach Berechnung des Verfassers etwa zwei Zehntel der jährlich erzeugten Güter als Gemeingut der Gesellschaft erklärt und nur acht Zehntel dem individuellen Eigenthume überlassen worden. Wie wäre es nun, meint der Verfasser, wenn heute, den veränderten Verhältnissen entsprechend, statt der zwei Zehntel nun drei Zehntel oder ein Drittel aller jährlich erzeugten Güter als Gemeingut der Gesellschaft erklärt würde? Dieses Drittel käme in Form einer socialen Jahresrente von 100 fl. an jedes Mitglied der Gesellschaft, Kinder milgerechnet, gleichmäßig, ohne Unterschied des Standes als Existenzminimum zur Vertheilung, während der individuelle Wettbewerb um Privateigenthum bei Aufrechterhaltung der alten Gesellschaftsordnung sich zur Genüge über die anderen zwei Drittel ausbreiten und lebensfreudig gestalten könnte. Das ist die Quintessenz der vorgeschlagenen Lösung! Heute habet ihr die ungeheure Last der Steuern und Abgaben (die nach Siern's Berechnung bereits in dem einen Drittel gegeben wären) die Lasten der nach Millionen zu veranschlagenden Almosen, die gewaltigen Kosten der Verordnungen, Einrichtungen zur Beseitigung des Arbeiterelends, endlose Plackereien, hemmende und störende Einmischung der Behörden und trotz allem Noth, trostlose Zustände, Proletariat, allgemeine Unzufriedenheit, Zwist, Classenhaß, Socialismus, Anarchismus, polizeiliches Aufgebot, Dynamit, allgemeine Bedrohung, Unsicherheit und täglichen Schrecken, so nehmet doch die Hand vom Herzen, greifet einmal beherzt hinein und holet mit einem kräftigen Zuge die Dreizehntel heraus, die euch ohnehin ja stückweise abgenommen werden, und ihr habet die Menschheit mit einem Schlage erlöst. Man muß da auf die Schrift selbst verweisen, in welcher? Stern nachzuweisen sich bemüht, daß diese sociale Jahresrente thatsächlich die Eignung hätte, alle tief beklagten gegenwärtigen socialen Uebelstände zu beseiligen und ein Zukunftsbild in Aussicht zu stellen^ das er in sich selbstgefälliger Freude entwirft. Auch darüber ergeht sich der Verfasser mit großer Ausführlichkeit, wie eine solche Lösung aus- und durchzusühren wäre. Doch div Schwächen und Schwierigkeiten dieser letzteren Vorschläge scheinen ihm selbst nicht zu entgehen, da er schließlich diese Frage als eine Nebenfrage erklärt, über welche die Wissenschaft noch weitere Aufschlüsse geben könnte. Es bleibt nur zu bedauern, daß nicht Alle der maßgebenden Faktoren mit dem Verfasser der gleichen Meinung sein dürften, daß die von ihm wenigstens halbwegs offen gelassene Frage wirklich nur eine Nebenfrage sei. Stern hält mit Herz und Seele zum soliden Bürgerthume, wünscht die Bourgeoisie ausgedehnt von einem Ende der Menschheit bis zum andern, ist für eine Umgestaltung aber nicht für einen Umsturz; auch dem Capitalismns bleibt er zugethan. „Der Besitz", sagt er, „galt ehedem als Wahrzeichen der Tüchtigkeit, des Glückes, göttlicher Auszeichnung, vornehmer Geburt, als letzte Zuflucht der Bedrängten, als Quelle großartiger gemeinnütziger Werke, weiten Kreisen Verdienst und Erwerb gewährender Unternehmungen; galt, nach einem bekannten Volksworte als „ein goldenes Wägelchen", neben dem Jeder fand — sein „goldenes Nägelchen". In jedem Orte sahen darum ehedem auch die Armen mit Stolz auf ihre Reichen hin. Sollten die Besitzenden nicht wieder nach solcher Auszeichnung Verlangen haben, die den Besitz kaum weniger als die Genüsse, die er bietet, begehrenswerth macht?" Alles schon dagewrsen. War das ein Aufsehen, als vor ein paar Jahren die Kunde durch die Welt flog, eines der ältesien und reichsten Erzbisthümer der Welt, das von Olmütz, sei einem veritablen „Kohn" zugefallen! So was wäre wirklich noch nicht dagewesen, meinte man allenthalben, und die überraschte Welt behauptete ohneweiters: dem guten, alten Ben Akiba sei diesmal ein Schnippchen geschlagen worden, von dem er sich nicht sobald erholen würde! Und doch hat Uriel A costa's weiser Mahner vollkommen Recht. S. H. Sonnenschein erzählt nämlich in der Debora: Ich habe ihn persönlich gekannt (nicht den Ben Akiba,. dazu bin -ich nicht alt genug), aber den Mann, welcher von unmittelbarer jüdischer Herkunst gewesen und der, was die Hauptsache, mit nnverhüllten jüdischen Sympathien, vom Jahre 1851 bis zum Jahre 1874 aus dem Bischofsitz von „Heiligenkreuz" der uralten oberungarizchen Sohler Diöcese thronte. Und „Moyses" hieß er, ein Name, der heute noch zu den verbreitetsten und geachtetsteu unter den jüdischen Familien in Croatien zählt. Bischof Moyses war ein Mann, zum Kirchenfürsten wiegeschaffen. Eine Cavaliergestalt von Kraft und Adel, eine imposante geistige Persönlichkeit, voll gewinnender Suada und vielseitiger Gelehrsamkeit. Zur Zeit des Ansbruchcs der ungarischen Revolution war der dreißigjährige Priester bereits der populärste Professor am erzbischöflichen Seminar zu Agram,, und als Ban Jellacic die dynastische Fahne gegen die entfesselte Freiheitsströmung der edlen Magyaren ins Feld führte, schloß sich der für die croatischen Sonderinteressen begeisterte Moyses als redegewaltiger Volksführer den Gränzer-Schaaren an. Die siegreiche Dynastie vergaß ihren Getreuen nicht, und nach dem völligen Niedcrbruch der Revolution empfing Moyses als Lohn für seine Loyalität das slovakische Sohler Bisthum. In den Comitaten Bars und Sohl, welche den Haupttheil und die reichsten Pfründen seiner Diöcese bildeten, durften vormärzlich Juden nicht wohnen. Der Revolutionsstnrm aber hatte diese Ausnahmszustände hinweggefegt. Und Bischof Moyses war ein Freund, ein treuer, ein unentwegt treuer Freund der Juden. Er' machte seinen ganzen Einfluß geltend, um die jüdische Freizügigkeit zu fördern, die erbgesesseneu Vornrtheile zu bannen oder wenigstens zu dämmen, besonders aber den unduldsamen Fanatismus des niederen Clerns mit aller Macht entgegen-, zuarbeiten.