Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 37 (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 37 Wie das judenfeindliche Märchen in verschiedenen Versionen verbreitet wurde, so ward auch das papstfeindliche in mannigfacher Weise ausgeschmückt und variirt. Das Interessanteste aber und für uns Wichtigste ist, daß man die verschiedenartigsten Beweise für dessen Wahrheit ansührte und daß es Jahrhunderte lang von frommen Katholiken, ja von Manchen noch in unserem Jahrhundert geglaubt wurde. Man bemerkte, daß die Päpste beiProcessionen zwischen Lateran und Vatican eine aus dem Wege befindliche Straße nicht betraten und einen Umweg machten. Dies erklärte man nicht mit der Enge der Straße, sondern mit dem Abscheu vorder Stelle, wo die Päpstin niedergekommen war. Und das wurde nicht blos vom Volke, sondern von den gelehrtesten Männern geglaubt. Ein berühmter Schriftsteller und großer Gelehrter des vierzehnten Jahrhunderts behauptete sogar die Processionen gingen durch noch engere Straßen, um dnse eine mit der fatalen Stelle zu vermeiden. Und gerade in dieser Straße fand man eine Statue mit der Figur eines Kindes und eine räthselhafte Inschrift Pap. Pater Patrum P. P.P. Die Statue, sagte man, stelle die Päpstin mit ihrem Kinde vor und die Inschrift bedeute: Parce Pater patrum papissae prodere partum. Pater Patrum war aber häufig der Titel der Mithraspriester und die drei P am Ende bedeuten propria pecunia posuit. Die Statue stellte wahrscheinlich einen heidnischen Priester mit einem dienenden Knaben oder eine heidnische Gottheit vor. Aus dem Jahre 1099 wird zuerst der Gebrauch erwähnt, daß der neue Papst bei der feierlichen lateranrschen Procession sich auf zwei steinernen durchbrochenen, wahrscheinlich in einem der antiken öffentlichen Bäder aufgefundenen Sessel niederläßt. Während er auf dem einen Sessel saß, ward ihm ein Gürtel angelegt und ein Stab in die Hand gegeben, aus dem andern Sessel ward ihm ein „dem j üd i s ch - h o h ep ri est e rlichen Ephod nachgebildeter Schmuck angelegt." Dieses Sitzen, bemerkt Dö lli nger, hatte die Bedeutung des Besitznehmens, und es war ganz zufällig, daß die Sessel durchbrochen waren. Aber das Volk legte sich die Sache anders aus: Auf diesen Sitzen wurde untersucht — nicht etwa ob der Papst Jude, sondern ob er nicht gar eine Papstin sei. Bei dem 1296 verstorbenen Dominikaner Robert d'Usez findet sich zuerst der Gebrauch der Sessel erwähnt und Historiker des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts beschreiben ausführlich die Untersuchung. Ja der Schwede Laurenz Bank, der bei der Inthronisation I n n o c e n z X. (1644) in Rom war, erzählt, er habe zwar die Untersuchung nicht selbst gesehen, aber sie finde doch statt. In der Thal war aber die Ceremonie des Sitzens aus den Sesseln damals schon seit mehr als hundert Jahre abgeschafft. Döllinger fragt: „Hat nun die dem durchbrochenen Sitze gegebene Bedeutung Einfluß geübt aus die Erklärung der Statue und fcer Inschrift oder haben umgekehrt diese beiden Gegenstände die Veranlassung gegeben, daß die Sage von den mit dem Stuhle verknüpften Ceremonien entstand?" „Das läßt sich natürlich nicht mehr bestimmen", antwortete er sich selbst, „wir sehen nur, daß die Erklärung der drei Objecte so alt als die Sage von der Päpstin selber ist." Für uns hat diese Frage der Priorität keine Wichtigkeit. Umso wichtiger ist der allgemeine, so lang dauernde Glaube an das Märchen, der das ähnliche Schicksal des Blutmärchens erklärt. Wir haben schon manche Schriftsteller aus früheren Jahrhunderten erwähnt, die so gut wie das gemeine Volk daran glaubten. Aber auch manche der frömmsten Katholiken theilten diesen Glauben: Papst P i u s II. meinte, die Geschichte sei doch nicht gewiß, „aber sein Zeitgenosse, der große Vertheidiger der päpstlichen Allgewalt, Cardinal Torrneremata, nimmt es als notorisch an, daß einmal ein Weib von allen Katholiken als Papst angesehen worden sei. Seite 715 Der heilige Antonius, der ebenfalls im fünfzehnten Jahrhundert lebte, zweifelte auch nicht an der Existenz der Päpsiin und meinte nur, daß die von ihr ordinirten Bischöfe und Priester von Neuem ordinirt werden müssen. Martin le Franc, um 1450 Propst zu Lausanne und Secretär der Päpste Felir V. und Nicolaus V., besang die Päpstin in einem langen französischen Gedichte und rühmte ihre Gelehrsamkeit. Als Huß auf dem Concil zu Constanz, um zu beweisen, daß die Kirche-längere Zeit ohne Papst existiren könne, sich auf den Fall mit der Päpstin Johanna berief, während deren Regierung von dritthalb Jahren es ja keinen rechten Papst gab, da wendete ihm Niemand ein, daß diese ganze Geschichte erlogen sei und daß es nie einen weiblichen Papst gegeben habe. Die Geschichte von der Päpstin I o h a n n a sinder sich in der 1474 dem Papste Sixtus IV. gewidmeten Papstchronik des Ricobaldo, und Platin a erwähnt ihrer, wenn auch mit einigem Zweifel, in seinen Vitae Pontificum (Venedig 1479). Pico von M i r a n d o l a, der Cardinal I a c o b o z z i, Papst Hadrian VI (F 1523) und viele Andere beriefen sich auf die Geschichte und flochten sie in ihre theologischen Erörterungen ein. Als in der Kathedralkirche zu Sie n a die Büsten der Päpste aufgestellt wurden, durfte auch die der Päpsiin J ohanna nicht fehlen. Sie stand dort zweihundert Jahre und wurde erst auf Verlangen Papst Clemens VIII. im Jahre 1600 in die des Papstes Zacharias umgewandelt. In manchen mittelalterlichen Geschichtswerken fand sich auch ihr Porträt oder die Abbildung ihrer Procession, welche einen so schlimmen Ausgang hatte. Noch in unserem Jahrhundert hat ein niederländischer Professor K i st die Existenz der Päpstin zu beweisen gesucht, und auch der deutsche Historiker Luden, Professor in F e n a, war geneigt, das Geschichtchen für wahr zu halten. In seiner „Geschichte des deutschen Volkes" (Gotha 1825) sagt er: „Es cst nicht zu begreifen, wie irgend Jemand auf den Gedanken gekommen sein könne, eine solche tolle Lüge zu erfinden. Er müßte doch entweder aus reinem Muthwillen, um das Papstthum zu verhöhnen, seine Lüge ersonnen oder er müßte irgend einen Zweck mit derselben zu erreichen gesucht haben. Aber unter dem halben Hundert von Schriftstellern, welche der Päpstin Johanna und ihres Unfalles gedenken, ist auch nicht ein einziger, den man einen Feind des Papstthums nennen dürfte. Sie sind Geistliche, Mönche, arglose Männer, und merken diesen Vorgang in derselben trockenen Weise an, in welcher sie andere Dinge anmerken, die ihnen sonderbar, wundervoll, löblich, häßlich, überhaupt beachtenswerth vorgekommen sind .... Auch ein Zweck lasse sich nicht denken, der irgend einem Menschen durchweine solche Lüge hätte erreichbar scheinen können." Freilich wurden schon im sechzehnten Jahrhundert von manchem Gelehrten Zweifel an der Wahrheit der Geschichte von der Päpstin Johanna erhoben; aber erst in neuester Zeit hat, wie bereits erwähnt, Döllinger sie als das, was sie ist, nämlich als Märchen, erwiesen, erwiesen für Alle, welche sich durch vernünftige Argumente überzeugen lassen wollen. Wenn es trotzdem noch Leute gibt, die daran glauben, so ist es begreiflich, daß cs noch mehr Leute gibt, die an den Kindernrord durch Juden glauben. Was Luden als Argument für die Wahrheit der Geschichte von der Päpstin anführt — es lasse sich kein Zweck denken, der irgend einen Menschen zu deren Erfindung veranlassen könnte — das entfällt beim Märchen vom Ritualmord: . Hier ist der Zweck des Erfinders sehr deutlich zu sehen und ebenso leicht begreift man, warum so viele Leute es gern glauben wollen — es ist ja manchmal ein einträgliches Märchen. Man kann wohl streiten, welches dieser Märchen unglaubwürdiger oder alberner ist, aber unbestritten ist es, daß das von der Päpstin ein verhältnißmäßig harmloses ist und noch Niemanden geschadet hat. Das Blutmäichen aber hat viel Jammer, Noth und Blutvergießen verursacht. Oestrrreichischr Wochenschrift