Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 37 (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 714_»esterreichtschr Da mag nun mancher unwissende Landmann sich denken: „Wenn so viel von den Ermordungen von Christenkindern durch Juden erzählt und gedruckt wird, so muß doch etwas Wahres daran sein. Und gar erst das schreckliche Bild, auf dem zu sehen ist, wie die häßlichen Juden dem armen Kinde das Blut ab zapfen! Die ehrwürdigen Bernhardiner sind doch gelehrte Leute. Wäre die Geschichte nicht wahr, so hätten sie das Bild nicht in ihrer Kirche ausgestellt und gar noch im Jahre 1870 renovirt." Höchlich erbaut und entrüstet spendet das Bäuerlein seine paar Groschen an die Kirche und denkt sich vielleicht, das bringe ich mir ein, wenn ich einen Juden prelle oder ausraube, gegen solche Bösewichter ist ja Alles erlaubt. Würde man den Bernhardinern, denen die Kirche gehört, Vorhalten, daß sie zum Judenhaß aufreizen, so würden sie wahrscheinlich sich entschieden dagegen verwahren, und auch ich bin weit entfernt, sie dessen zu beschuldigen. Ich halte mich lieber an das Motiv, das sie selbst angegeben haben sollen. Als sich vor zwei Jahren infolge eines Artikels in diesem Blatte die Juden mit einer Beschwerde über diese Gemälde - Ausstellung an den Statthalter von Galizien wendeten, leitete dieser die Beschwerde an den Bezirksvorsteher von Krakau, dieser wendete sich an die kirchliche Behörde und da soll diese geantwortet haben: „Sie könne das Bild nicht entfernen, da sonst die Einkünfte des Klosters sehr abnehmen würden!" Ich bin nicht in der Lage, zu untersuchen, ob diese Antwort wirklich gegeben wurde, die mit unseren, freilich beschränkt jüdischen Anschauungen von Moral und Religion nicht recht übereinstimmen will. Aber was soll ich denn glauben? Etwa, daß die Statthalterei die Beschwerde der Juden gar nicht berücksichtigt und bei der kirchlichen Behörde gar nicht angesragt hat oder daß diese geantwortet habe, man stelle das Bild aus, um Judenhaß zu erregen? Da denkt man doch lieber an das Wort eines polnischen Deputaten: „Nie honorowy ale zdrowy“, oder an das des römischen Kaisers „nonolet.“ Unter der Regierung dieses Kaisers und durch' seinen Sohn wurde Jerusalem zerstört, und er nahm das Geld, wo er es finden konnte. „Es stinkt nicht", sagte er, wenn es auch aus den Cloaken kam. Es ist doch eigenthümlich, daß die ärgsten Judenfeinde gewöhnlich die größten Geldfreunde sind. Doch kehren wir zu unseren Bernhardinern zurück. Sie könnten vielleicht antworten: „Warum sollen wir nicht die Abbildung eines wahren Vorfalles ausstellen dürfen? Wenn das Bild schon so alt ist, wenn der Vorgang, den es darstellt, schon so oft in so vielen' Schriften und Zeitungen erzählt wurde, wird er doch wahr sein?" Darauf will ich den hochwürdigen Herren und allen Leichtgläubigen, die an das Märchen vom Kindermorde glauben, weil es ihnen mündlich und gedruckt so oft erzählt wurde, ein anderes Märchen erzählen, das viele Jahrhunderte lang geglaubt und gar viele hundertmal erzählt, ausgeschrieben und gedruckt wurde. Geglaubt nicht blos von ungebildeten, unverständigen ' Leuten, sondern von Päpsten, Concilien und gelehrten Historikern; verbreitet, nicht wie das Blutmärchen von gehässigen Judenfeinden, die an dessen Verbreitung Interesse hatten, sondern von frommen Christen, die alle Ursachen hatten, es todtzuschriften; gedruckt, nicht in antisemitischen Hetzschriften obscurer Schmierer, sondern in ihrer Zeit hochgeschätzten Geschichtswerken, in mit Bewilligung der päpstlichen Censur in Rom und anderswo gedruckten Büchern; plastisch dargestellt nicht in einer galizischen Dorfkirche, sondern in der Hauptstadt der Christenheit und in einer Kirche in Siena. Päpste haben den angeblichen Ritualmord als Märchen erklärt, das Märchen, das ich erzählen will, als wahr anerkannt, durch eine mehrere Jahrhunderte lang bei der Einsetzung der Päpste beobachtete Ceremonie indirect den Glauben daran gefördert. Ist das Blutmärchen glaubhaft, dann ist hundertmal Wochenfchrifl Nr. 37 glaubhafter das fast gleichzeitig mit diesem entstandene Märchen — von der Päpstin Johanna. Und die hochwürdigen Bernhardiner von K a l w a r y a müßten eigentlich am meisten daran glauben, denn es ward in ganz Europa verbreitet durch die Chronik des Martin Polonus, eines polnisch-schlesischen Dominikaners, päpstlichen Caplans und ernannten Erzbischofs von Gn e sen. „Seine Chronik galt gewissermaßen als die officielle, von der Curie selbst ausgegangene Papstgeschichte" sagt der berühmte Kirchenhistoriker Döllinget*) und Wattenb ach meint, er sei bald fast Her ausschließliche Geschichtslehrer für die katholische Welt geworden. Döllinger weist zwar nach, daß die Erzählung von der Päpstin sich im Originalwerke Martin's nicht fand, sondern in der Zeit von 1278 bis 1312 in die Manuscripte seiner Chronik „mit auffallendem Eifer" eingeschoben wurde. Da aber Martlnus im Jahre 1279, nach manchen Angaben erst 1320 starb, so scheint die Interpolation noch bei seinen Lebzeiten erfolgt zu sein. Uebrigens findet sich eine Notiz über die Päpstin schon in einem Werke des 1261 verstorbenen französischen Dominikaners Stephan de Bourbon, der sie aus der Chronik eines andern Dominikaners Jean de Mailly genommen haben will. Döllinger meint, daß das Märchen von den Dominikanern und Minoriten so eifrig verbreitet wurde, aus Feindschaft gegen Papst B o n i f a c i u s VIII., der diesem Orden nicht gewogen war. Aber es ist nicht begreiflich, was diesem Papste die Erfindung oder Verbreitung eines Aergernisses, das viele Jahrhunderte vor seiner Geburt geschah; schaden könnte. Auch ist es kaum anzunehmen, daß diese dem römischen Stuhle sonst so ergebenen Mönchsorden ein Märchen erfunden haben, das auf das Papstthum überhaupt ein so schlechtes Licht warf. Ueberdies lebt.n Step han von Bourbon und Jean d eMail ly, bei denen sich die erste Erwähnung der ärgerlichen Geschichte findet, lange bevor Bonis a eins Papst war. Mailly hat, wie Döllinger annimmt, das Märchen aus dem Volksmunde geschöpft, und ich vermuthe, daß es' am Anfänge des dreizehnten Jahrhunderts, während der heftigen Verfolgungen der südfranzösischen Ketzer (Albigenser) durch die katholische Küche in den papstfeindlichen Kreisen dieser Secten erfunden oder nach irgend einer mißverstandenen Anekdote zugestutzt wurde; gerade zu der Zeit, als von Judenfeinden die Anklagen der alten Heiden gegen die ersten Christen zu dem Märchen von den Blutopfern der Juden umgearbeitet wurden. Manchen ketzerischen Secten wurden von den orthodoxen Katholiken unter andern Gräueln auch die grausame Ermordung von Kindern und die Verehrung sittenloser Weiber vorgeworfen. Wäre es da nicht möglich, daß sie, die auch judenfeindlich waren und das alte Testament verwarfen, auf diese Anklagen antwortet^, indem sie den Kindermord den Juden zuschoben und ein Märchen erfanden oder verbreiteten von einer Frau, die als Mann verkleidet nach Rom kam, Cardinal ward und nach dem Tode Leo IV. i. I. 855 zum Papste gewählt wurde. Sie ergab sich dann einem sittenlosen Lebenswandel, dessen Folgen nicht ausblieben. Bei einer Procession auf dem Wege zur Laterankirche erfolgte ihre Niederkunft, worauf sie an die Füße eines Pferdes gebunden zur Stadt hinausgeschleift und vom Volke gesteinigt wurde. Nach einer anderen Version kam sie mit dem Leben davon, wurde nur excommunicirt und mit Schimpf und Schande fortgejagt. Was mit dem Kinde geschah, wird nicht erzählt. Vielleicht wurde es den Juden zur Abschlachtung übergeben? *) Die Papst-Fabeln des Mittelalters! Ein Beitrag zur Kirchen geschichte von Joh. Jos. Jgn. v. Döllinger. München 1663. Ein zweite Auslage dieses Buches ist vor einigen Jahren erschienen.