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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-09-14 · 37 (14.9.1894) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
37 (14.9.1894)
Date
1894-09-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 37 Vesterretchlfche Wochenschrift Seite 713 aus Wien — es wird gut sein, wenn wir Beide uns in Lemberg anständig betragen." Sprach's, griff mit seinen gewaltigen Fäusten an den Hut und trat wieder ruhig in die Reihen seiner Genossen zurück. Und der S ch n e i d e r aus Wien hat während seines ganzen Lemberger Aufenthaltes den Schneider aus S t a n i s l a u nicht vergessen, er hat sich wirklich mäuschenstill verhalten und sich ausschließlich auf Studien und Beobachtungen beschränkt. Das Resultat dieser Studien über die „jüdische Rasse" in Galizien hat er nun den Grazern zum Besten gegeben, deren Gutmüthigkeit er allerdings weniger zu fürchten hat als jene des knochenstarken jüdischen Schneiders aus S t a n i s l a u. Allerdings mußte Herr Schneider auch in Graz erst seine Visitkarte abgeben. Er beklagte sich darüber, daß man ihn „Dieb, Mörder, Stampiglienfälscher, Einbrecher u. s. w." nenne und erklärte, daß ihm diese ehrenvollen Titulaturen nur von Wiener jüdischen Journalisten beigelegt werden, die er selber des Diebstahls, der Fälschung, des Betruges, ja selbst eines Raubmordes beschuldigte. Wir bedauern, diese reizende Selbstbiographie ein kleinwenig richtig stellen zu müssen. Daß ihn Jemand Mörder und Einbrecher genannt hätte, ist eine notorische Uebertreibuug, um durch dieselbe auch die übrigen berechtigten Anschuldigungen minder glaubhaft zu machen. Dafür verschweigt Herr Sch neide r, daß er zu wiederholten Malen Schuft und Schurks genannt wurde und daß diese lieblichen Bezeichnungen nicht von jüdischen Journalisten, sondern von seinen Gesinnungsgenossen Schönerer. Vetter und Hollomay ausgingen. Zu seiner Reinwaschung berief sich Ritter Stampiglius auch darauf. daß ihm „im österreichischen Abgeordnetenhause durch den höchsten Hüter des Gesetzes, durch den Justizminister, unaufgeforderter Weise Satisfaction wurde, wie eine solche kaum Jemanden je zu Theil geworden." Wir gratuliren dem Herrn Grafen Schönborn zu der ehrenvollen Rolle, die ihm da Pom Ritter Stampiglius zugewiesen wurde, — es kann doch in der That einem österreichischen Justizminister nichts Angenehmeres passiren, als von einem Schneider als Eideshelfer aufgerufen zu werden., Graf Schvnborn hat seinerzeit den Ritter Stampiglius herausgehaut. und er muß es sich nun stillschweigend gefallen lassen, daß ihn dieser dafür ordentlich hineinreitet. Nach dieser seiner edlen Persönlichkeit gewidmeten Einleitung ging Herr Schneider zur Schilderung der Juden in Galizien über. Daß er selbst mit ihnen pocultrt und fraternisirt, davon schwieg er natürlich wohlweislich. Wohl aber erzählte er, daß in der Casimirstraße oft zwei bis drei jüdische Familien in einem einzigen Cabinet von 7 Schuh Breite und 8 Schuh Länge wohnen, und als die „gutmüthigen" Grazer von diesem entsetzlichen Elend der galizischen Juden hörten, mit welchen das Elend unserer Proletarier keinen Vergleich aushält, da lachte ihnen das Herz im Leibe! Der jüdische Einfluß, erzählte Ritter Stampiglius weiter, ist in Galizien und der Bukowina so groß, daß es geradezu lebensgefährlich ist, in den Straßen herumzugehen, wenn man als Antisemit bekannt ist. In diesen Worten kommt noch die zähneklappernde Angst vor dem hünenhaften Schneider aus Stanislau zum Durchbruch. Uebrigens — ländlich, sittlich! In Galizien ist es für Antisemiten .lebensgefährlich und in Steiermark für christliche Landes-Jngenieure! Welche Praxis für die Hebung des Fremdenverkehres die geeignetere ist, müssen die „gutmüthigen" Grazer selber entscheiden. Zum Schluffe versicherte Ritter Stampiglius, daß die Juden aus Galizien einen indirecten Einfluß auf ganz Oesterreich ausüben und endigte seine Rede mit den Worten: „Rücken Sie Ihren Abgeordneten ordentlich an den Leib, und wenn sie in Hinkunft die Judenfrage nicht in energischerer Weise behandeln, so jagen Sie.". Hier bricht leider der Bericht des „Deutschen Volksblatt" ab. Es ist merkwürdig, welche gewaltige Courage der Ritter Stampiglius in G raz entwickelt hat. Aber mit dem Davonjagen hat es sein eigenes Bewandtniß! Wenn man einmal anfängt, die Judenfrage anders, als mit „akademischen Tiraden" zu lösen, so könnte es vielleicht gar einmal dem Schneider Ros engarten aus St anislau einfallen, einen kleinen Abstecher aus Galizien nach Wien zu unternehmen und mit Herrn Schneider nähere Bekanntschaft zu machen. Schließlich noch ein Wörtlein in eigener Sache. Herr Schneider behauptete, der Abgeordnete Bloch habe eine große Anzahl von Exemplaren der „Oesterr. Wochenschrift" nach Graz geschickt, um ihn bei den Grazern zu verunglimpfen. Das war nicht nothwendig. Wir haben nur die gewöhnliche Anzahl von Exemplaren an unsere Grazer Abonnenten versendet. Zur Kennzeichnung des Ritters Stampiglius bedarf es unseres Hinzuthuns nicht, man kennt ihn auch in Graz aus seiner eigenen Thätigkeit. Märchen gegen Märchen. „Die Päpstin Johanna". Wenn wir sehen, wie das Märchen von der Ermordung von Christenkindern durch Juden trotz aller von den unverwerflichsten Zeugnissen unterstützter Widerlegungen immer wieder aufgewärmt, durch immer neu erfundene Lügen zu unterstützen gesucht wird, so wundern wir uns sowohl über die Bosheit der Menschen, welche solche Lügen erfinden und verbreiten, um den Juden zu schaden, als über die Leichtgläubigkeit derjenigen, welche solchen Lügen Glauben schenken. Untersuchen wir aber diese Vorgänge näher, so finden wir, daß sie eigentlich gar nicht so wunderbar sind. Böse und neidische Menschen hat es zu allen Zeiten gegeben, und zu allen Zeiten haben sie, wo sie mit der Wahrheit allein nicht schaden konnten, zu Lüge und Verleumdung ihre Zuflucht genommen. Waren sie noch dazu, wie es bei schlechten Menschen häufig der Fall ist, feige, so wagten sie sich mit ihren Erfindungen nicht an die Starken und Mächtigen, sondern an die Schwachen und Unterdrückten. Und das sind seit mehr als anderthalb Jahrtausenden die Juden. Die Juden anzuklagen, ihnen von Andere begangene oder ganz erfundene Verbrechen zuzuschreiben, war ziemlich gefahrlos und nebenbei auch recht einträglich. Man konnte sich damit einen lästigen jüdischen Gläubiger vom Halse schaffen oder einen Krawall mit Begleitung von Juden-Ausplünderung Hervorrufen und sich dabei betheiligen. Einen Vorwand zur Judenverfolgung zu finden war aber nicht immer so leicht. Epidemien, bei denen man die Juden der Vrunnenvergiftunq anklagen konnte, waren ja auch im Mittelalter nicht so häufig, wie es die Judenfeinde gewünscht hätten und die alte Anklage, daß die Juden Christum gekreuzigt hätten, war eben doch schon zu alt geworden. Gar mancher den Juden nicht 'geneigte aber redliche Christ mag sich gedacht haben, daß es doch nicht recht sei, seine Nebenmenschen wegen einer Sünde zu verfolgen, die ihre Vorfällen vor vielen hundert Jahren begangen haben sollten. Da bot sich denn den Judenfeinden das Märchen vom Ritualmord als bequemes Auskunftsmittel dar. Da konnte man lebende Juden beschuldigen, da konnte man den Christenbaß und die Bosheit der Juden demonstriren, die Leichtgläubigen überzeugen. Ein todtes Christenkind war nicht schwer zu finden und fand man keins, so todtete man eins. Es ist wiederholt vorgekommen, daß ein christlicher Vater sein Kind todtete, um dann das Verbrechen den Juden in die Schuhe zu schieben. Hatte man einmal einige Juden als verdächtig eingekerkert, so konnte man vielleicht durch die Tortur ein Geständniß erzwingen oder mit falschen Zeugen nachhelfen. Dann wurde das Ereigniß durch Flugschriften und Abbildungen in aller Welt verbreitet und damit der Boden für neue Anschuldigungen vorbereitet. War ein Freispruch erfolgt, so erfrechte man sich, die christlichen Richter als bestochen darzustellen. Solche Fälle sind auch in neuester Zeit vorgekommen und in der Wallfahrtskirche zu Kalwarya bei Krakau wird noch immer alljährlich Mitte August das Bild ausgestellt mit der Aufschrift: „Das Martyrium des Kindes Simon, das im Alter von 372 Jahren am Charfreitag von einem Juden geraubt und am Sonnabend zur Nachtzeit auf grausame Weise im Markus-Wirthshause bei Zytomir von Juden ermordet wurde. So geschehen am 26. Mai 1475*) Kenovatum a. v. 1870." *) Im Jahre 1475 fiel der Charfreitag auf den 24. Mär; und die ehrwürdigen Patres Bernardini, denen die Kirche gehört, sollten doch w'ssen, daß Charfreitag nie im Mai sein kann.

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