Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 37 (14.9.1894)
- Date
- 1894-09-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 37 OrstrrrrichMhr WochrnschrM_Seite 711 des H 0 liwan diente den Bezirks-Antisemitenführern als beliebter Zusammenkunftsort. Auch Dr. Lueger und seine getreuen Schildknappen waren wiederholt dort zu sehen, insbesondere dann, wenn es galt, irgend einen antisemitischen Handstreich auszuführen. H o l i w a n selbst war ein hervorragender „Gesinnungsgenosse". Das Buchhändler-Börsenblatt enthält die nachfolgenden „zeitgemäßen" Anzeigen: 15. August 1894: „Die sich mehrende Verunstaltung meines Namens, die auch Unzuträglichkeiten in der Brief-rc. Beförderung zur Folge hat, zwingt mich zu der Erklärung, daß ich als geborener Schleswig-Holsteiner und einer alten lutherischen Pastorenfamilie entstammend, nicht Jacobsohn oder Jacobson, sondern Jacobsen heiße, was ich bei Zuschriften rc. zu beachten bitte. Leipzig, August 1894. Carl Jacobsen." 18. August: „Die Verunstaltung von Namen und Firmen, die im Buchhändlerverkehr leider häufig vorkommt und I mir schon öfters Grund zu privaten Auseinandersetzungen verschiedener Art geben mußte, veranlaßt mich (Herrn C. Jacobsen in Leipzig folgend) mitzutheilen, daß ich weder Conitzer noch K o n i tze r, sondern daß ich einer altthüringer, evangelischlutherischen Familie entstamme und Koenitzer heiße. Frankfurt a. M. Carl W. Koenitzer." An diese Erklärungen, welche eine gewisse Schwachmüthigkeit gegenüber den Anfechtungen antisemitischer Hetzer durchblicken lassen, schließt sich unterm 1. September die nachfolgende Anzeige, welche nicht blos wegen ihres Inhaltes, sondern auch durch offene Kundgebung der Verachtung jener Hetzer auf die Unterzeichner der ersten beiden Erklärnugen aecht beschämend wirken muß: „Auch eine Erklärung! Die sich mehrende Verunstaltung meines Namens, die auch Unzuträglichkeiten in der Brief-^.Beförderung zur Folge hat, zwingt mich zu der Erklärung, daß ich nicht Kronbach, Crohnbach, Krombach oder C r o m b e rg, sondern C r o n b a ch heiße und meine Vorfahren Juden waren, die in D. Crone domicilirten, daß aber mein Vater, nachdem er in den Freiheitskriegen 1813 bis 1815 das eiserne Kreuz und den russischen St. Georgsorden vor der Front erhalten hatte, trotz seiner jüdischen Abstammung königl. preußischer Beamter wurde und als solcher starb. Berlin. Siegfried Cronbach." Man mutz die Feste feiern, wie sie fallen. In der „Germania" lesen wir: „Aus Albersloh, 4. September. Heute trat hier ein jüdisches Dienstmädchen zum katholischen! Glauben über. An den Taufact, welcher in der Kirche vollzogen wurde, schloß sich ein kleines Festmahl im Hause der Herrschaft des Mädchens. Verlogene Hetzer! Der Ahlwardt-Moniteur berichtete am 21. August aus Wongrowitz, daß der Besitzer D. Mühlbradt seinem 16jährigen Dienstmädchen das Genick umgedreht hat. Das Blatt macht hinter den Namen die Klammer (David?). Aus Breslau berichtete man von dem Schneidermeister Hesse einen Fall haarsträubender Aussaugung der Arbeitskraft. Eine Anzahl antisemitischer Blätter machte hinter Hesse die Klammer (Jude). In beiden Fällen handelt es sich um Christen von durchaus christlicher Herkunft. Natürlich keines dieser verlogenen Blätter hat die „deutsche" Ehrlichkeit, seine Nachrichten zu berichtigen. Ein antisemitischer Reichstags-Abgeordneter. Herr Hans L eu ß, der antisemitische Abgeordnete für Es chw eg e-S chma lka l d en, wird sich demnächst wegen Meineid zu verantworten haben. Den Meineid soll Herr Leuß in dem Ehebruchs-Processe geleistet haben, der gegen ihn wegen Verführung der Frau seines intimsten Freundes und Gesinnungsgenossen Dr. Schnutz in Hannover verhandelt wurde. Nebstdem schwebt gegen Leuß eine Untersuchung wegen Verleumdung und wegen Unterschlagung von Parteigeldern. Wie Ahlwardt feine Schulden zahlt. Einer Briefkastennotiz der „Antisemitischen Correspondenz" entnimmt die „Danziger Zeitung" die Mittheilung, daß der Judenflinten- Proceß an 14.000 Mark Gerichtskosten verursacht habe und Ahlwardt monatlich 3 Mark abzahle. Dann hätte Ahlward t rund 390 Jahre daran zu zahlen und würde auf dieser Erde wohl nicht damit fertig werden. Antisemitisches Pech. Mehrere antisemitische Tages¬ und Wochenblätter in Deutschland brachten letzthin nachstehende Mittheilung mit der Spitzmarke: „Angeborene jüdische Scham". „Hochverehrte Dame! Bitte diesen Brief anzunehmen und zu lesen!" Couverts mit dieser Aufschrift wurden jüngst in Berlin den Damen auf der Straße von einem jüdischen Jüngling in die Hand gedrückt. Darin befindet sich ein Schreiben voll glühender Liebesbetheuernngen. Der Judenknabe versichert: „Als ich Sie sah, fühlte ich mich sehr zu Ihnen hingezogen, und möchte Sie, falls ihr Herz wirklich noch frei ist, für mich zu gewinnen suchen." Man denke sich nur diese Frechheit. Der Jude muthet einer deutschen Frau zu, eine ''Annäherung an ihn zu suchen! Im Weiteren heißt es: „Ich bin gut situirt und bekleide eine angesehene Stellung mit gutem Gehalt. Alles Weitere werde ich Ihnen mittheilen, sobald Sie mir Ihre werthe Adresse mitgetheilt haben werden. Haben Sie bitte Vertrauen zu mir, Sie haben es mit einem Ehrenmann zu thun." Leider scheint dem dunklen „Ehrenmanne", der sich Hermann Mai in Stralau nennt und hinzufügt: „Die Adresse genügt" die richtige Antwort noch nicht zntheil geworden zu sein. Man kann allen deutschen Frauen und Jungfrauen, denen ein solcher Wisch in die Hand gesteckt wird, nur rathen, den frechen Burschen festzuhalten und ihm die Antwort zu theil werden zu lassen, die eine deutsche Frau einst mit schlagfertiger Hand auf die Wange eines frechen Preßjuden zeichnete, der ihre Ehre angegriffen. Einen anderen Schutz gibt es gegen solche Unverschämtheiten nicht, die nur der Ausfluß jener jüdischen Anschauung sind, welche unsere deutschen Frauen und Mädchen als „goische Waare" betrachtet. Nun erklärt der Herr Hermann Mai, im „Berliner Tagblatt", katholischer Christ zu sein, von katholischen Eltern, Anhänger der antisemitischen Partei, ein Witwer, der mit der Absicht umgeht, sich wieder zu verheiraten. Da er nun. wie er versichert, dem weiblichen Geschlechts gegenüber zaghaft ist, versuchte er es, sich auf brieflichem Wege der Dame zu nähern, die seine Aufmerksamkeit erregt hatte. In gleicher Weise hatte er seine erste Gattin, mit der er in glücklicher Ehe aelebt, kennen gelernt. Er lvar durch die Erscheinung jener Dame, die er öfters gesehen, gefesselt worden und übermittelte ihr durch einen Sßoten einen Brief, in welchem er ihr Herz und Hand anbot. Die unverjudete rassenreine arische Moral hat bekanntlich in Rußland, dem Ideal unserer antisemitischen Parteien, die höchste Spitze erreicht. Bon anderen schönen und pikanten Dingen zu schweigen, wollen wir nur an die Behandlung der weiblichen Sträflinge in der russischen Berbrechercolonie Sachalin erinnern. Wie wir einem Artikel Tschekosf's in der „Revue des Revues" entnehmen, werden die weiblichen Sträflinge, sobald eine Frachtladung dort ankommt je nach Alter, Kraft und Aussehen in Kategorien eingetheilt: die hübschesten werden in die öffentlichen Häuser gesteckt, die übrigen, die nicht zu abstoßend und arbeitsfähig sind, werden an Colonisten als Halbeheweiber und Arbeitsthiere abgegeben und der Rest muß tagelöhnern oder wird sonst untergebracht, wie es eben geht. Wir sagten als Halbeheweiber — das heißt, es wird ein Zivilehecontract gemacht, der aber, da in Rußland nur die kirchliche Ehe Giltigkeit hat, blos eine heuchlerische Formalität zur Verdeckung der von den Behörden eingeführten freien Liebe und „Karnickelwirthschaft" ist. „An ihren Werken sollt Ihr sie erkennen!" Nochmals die Antisemiten honoris causa Clieser und David Münzer aus Drohobycz. Das Berliner Organ des Abwehr-Vereines schreibt: In Köln besteht eine Fabrik unter der Firma: „Rheinisches Sensen - Bersandthaus, A. Würtenberg & C o." Gegen diese Firma, deren Inhaber als rechtliche Leute gelten, werden gegenwärtig Circulare mit dem gemeinsten antisemitischen Inhalt versandt. Unter Anderem Folgendes: „Besonders warnen wir vor jenem galizischen Schwindler, welcher schlauer Weise nach Deutschland ausgewandert ist, wo er seinen patriarchischen Namen hinter der urdeutsch und patriotisch klingenden Firma: „Rheinisches Sensen-Bersandthaus" verbirgt und gegen ausländische Sensenfabriken mit Warnungen anstritt, um dadurch von sich selbst jeden Verdacht abzulenken. Zudem beschäftigt sich dieser galizische Lump das ganze Jahr mit dem Verkauf von Zahnstochern und Spielpuppen in seinem zehn Pfennig-Bazar u. s. w." Gegen eine andere Firma lauten die Circulare: „Den Ruhm unserer Karpathensensen bestreben sich in diesem Jahr zwei „Talmudjuden" in Tarnopol (Galizien), der eine gewesener Kellner, der andere ein Talmudlehrer in einer jüdischen Schule, Beide ohne Vermöge» und Fachkenntnisse, ans eine betriigerische Art für sich auszunutzen.