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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-09-07 · 36 (7.9.1894) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
36 (7.9.1894)
Date
1894-09-07
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 36 Oesterrrichifche Wochenfchrifl Seite 705 Eindrücke des „Aktenstückes" aber ist der Jude ein schrecklicher Verbrecher für mich. In meinen Augen ist er ein Geschöpf, das unaufhörlich mit der Umgehung des Gesetzes beschäftigt ist, als ob er keine anderen Interessen hätte, keine Familie, keine Liebe, weder Hoffnung noch Schmerz, als ob er nur dazu geboren wäre das Gesetz zu umgehen und die Polzeibeamten zu ärgern ... Zu dieser Logik gelangt man! . . . Ein Grund! Gut, nicht wahr? Dies sind die Ideen des Lawrenti Aleksojew, der einst Schtschedrin gelesen und höhere Ansichten hatte!" Er trank noch ein Gläschen und fuhr fort: „Ich muß noch dafür dankbar sein, daß Herz und Verstand sich von Zeit zu Zeit regen und daß ich in solchen Momenten, wie eben jetzt, einer innern Bewegung fähig bin! . . . Der Funke Gottes ist also da, man muß nur die Schlacken entfernen, um ihn zu finden. Und wie habe ich mich über sie geärgert . . . Da, dachte ich bei mir . . . kommt er, er wird hier leben, rege sein, er wird wirken, etwas leisten . . . und ich! . . . bin lebendig begraben . . . Es ist ja möglich, daß die abscheuliche Protokollaufnahme nur deshalb geschehen! .... Ach was nützt das Reden! Ich kann nicht mehr zurück . . . Ich kann nicht! ..." Er schlug mit der Faust auf den Tisch und seine Augen wurden feucht . . . „Eine Maschine! Ein Lappen bin ich ... nichts weiter!" „Ein schweres Gespräch Lawrenti Ardalionowitsch, lassen wir es!" „Schwer? Ich freue mich, daß es schwer ist; ich segne diesen Zustand, wenn er sich bei besondern Anlässen meiner bemächtigt — ich bin dem alten Juden Schloime vom Herzen dankbar. Mit einem Satz hat er mich zur Besinnung gebracht! Für mich war er nur Schloimke „ohne Erlaubniß", Schloimke der Schlaue, der Flüchtling . . . Und jetzt! Ist Schloimke ein Mensch, ein Schloime mit Ueberzeugungen, Schloime mit einer traurigen Vergangenheit, Schloime mit dem Namen Gottes auf den Lippen! Dieses Unerwartete ist etwas, wie aus alten Büchern, die ich in der Jugend gelesen habe . . . Schloimke krank, Schloimke athmet kaum, man hat ihn iu's Gefänguiß geschleppt. . . Alles von Gott! Wie kommt Ihnen das vor?! . . . Krankheit, Unheil, Kerker — und darunter Lawrenti Alekfojew's Befehl: „Bringt ihn!" . . . Alles von Gott! . . . Dem Lawrenti Aleksojew hat Schloimke weh gethan . . . das ist wahr . ." Er schwieg, trank noch einen Schluck und mit schwermüthigem Blick wiederholte er: „Weh gethan, das ist wahr. Aber was nun? Eine momentane Erregung" . . . „Lawrenti Ardalionowitsch", sagte ich, wird es nicht zu „human" sein, wenn . . ." „Was denn?" „Sie selbst geben zu, daß Sie Schloime gegenüber schuldig sind" . . . „Ohne Zsveifel!" „Und zwar darin, daß Sie in ihm den Menschen nicht anerkannten." „Und zwar — so reden Sie doch zur Sache!" „Beweisen Sie ihm und den Andern, daß Sie jetzt den Menschen erkannt! Gehen wir zusammen zum Kranken. Der Jude wird es schätzen!" Lawrenti Ardalionowitsch öffnete weit die Augen, dieser Vorschlag kam ihm unerwartet... er dachte ein wenig nach und rief: „Ja, fahren wir! Andrej, den Schlitten!" „Sehen Sie dazu, daß er nicht etwa erschrickt," sagte er mir, als der Schlitten vor der Hütte, in der Schloime wohnte, hielt. Andrej blieb bei den Pferden; durch die Fugen der zerbrochenen Läden sehen wir die Gäste, die das Bett des Kranken umstanden. Beim Knarren des Pförtchens erschien der Synagogendiener beim Fenster und, uns erblickend, lies er zum Bett. Die Folge davon war, daß wir im Vorhaus auf Schloime's Gäste, die sich fortzukommen beeilten, stießen. Ich ging voran und Lawrenti Ardalionowitsch folgte mir nach. Schloime lag auf reiner Bettwäsche, mit einer alten Decke und seinem Wintermantel zugedeckt. Bei ihm stand seine Frau mit einem Medicament in der Hand und weinte. Hinter dem Ofen schauten schmutzige, ungekämmte Kinderköpfe hervor. Die Hausfrau sah verzweifelt auf den Inspektor und siehte mit stummen Blick, ihr den kranken Mann nicht zu entreißen. . . Schloime bewegte sich, riß die Augen auf und machte eine Anstrengung, sich zu erheben, aber Lawrenti.Ardalionowitsch deutet, ee solle sich nicht rühren. „Der Herr Inspektor ist gekommen, um Sie zu besuchen", erklärte ich ihm. Er schien nicht recht zu verstehen, wandte den Kopf zum Inspektor und sagte mir: „Er soll sich setzen!" Ich stellte einen Stuhl neben Lawrenti Ardalionowitsch und bat ihn, sich zu setzen. Er that es, nahm die Mütze ab und betrachtete mit aufrichtiger Theilnahme den Kranken, sein Familie, das Fenster, den Lehmboden, die Thür, die feuchten Wände. . . „Was fehlNJHnen, Schloime?" „Er soll lauter sprechen!• bat mich Schloime, „was sagt er?" Ich erklärte wieder im Jargon. Er nickte dem Inspektor zu und legte sich wie zuvor. Seine Frau lief geschäftig zum Ofen und flüsterte mit den Kindern. „Beunruhigen Sie sich nicht Schloime!" sagte Lawrenti Ardalionowitsch, „Ihnen thut jetzt Niemand etwas zu Leide!" Der Kranke erhob die Augen zu mir — ich errieth und wiederholte den Inhalt des Gesagten. Schloime runzelte die Stirne, bewegte die Lippen, und ich erinnerte mich an seine Worte: „Der Mühe werth, sich über irgend etwas zu beunruhigen!" Diese Bewegung verstand auch der Gast, er fühlte, daß seine Kraft hier ohnmächtig sei. Schloime fürchtete jetzt ^Niemanden, er war völlig theilnahmslos.Lawrenti Ardalionowitsch wurde es unbehaglich. . . . Der Kranke hustete, näherte den Kopf zur Schale, die auf dem Stuhle stand, spuckte hinein und legte sich auf den Rücken. Plötzlich drehte er sich wieder auf die Seite, sah uns an und sagte mir mit einem Anflug von Herablassung und Bitterkeit, den Blick auf den Inspektor forschend gerichtet, fast befehlend: „Anu, fragen Sie ihn: Was lehrt Gott?" Ich wurde verwirrt, der Inspektor merkte es und forderte dringend die Erklärung von dem, was Schloime gesagt und ich kam seinem Verlangen nach. „Liebe ... alle Menschen, wie Dich selbst! Das wissen Sie doch!" sagte Lawrenti Ardalionowitsch. Ich wiederholte Schloime auch das; er öffnete den Mund, riß die Augen breit auf, starrte, wie seiner Sinne nicht mächtig und lächelte bitter — er streifte mit müdem Blick den Inspektor, dann den Ofen ... die Frau, sein Bett und lächelte wieder. . .. Dieses Mienenspiel war nur zu beredt; er drückte sich darin alles Vergangene und Gegenwärtige aus. Schloime athmete schwer, er legte sich wieder aus den Rücken, blickle zur Decke auf und zog langsam ein Tuch, das unter dem Kissen lag hervor, und trocknete sich die Augen. . . „Schloime!" rief Lawrenti Ardalionowitsch, und erhob sich, „höre, was ich Dir sage!" Aber der Kranke hörte nicht, und der Inspektor wandte sich zu mir: ' „Ich bitte Sie, sagen Sie ihm . .. ." Ich konnte nichts mehr mittheilen. . . Schloime las aus einem Buch in Flüstertöne und schlug sich mit unterdrücktem Schluchzen bei jedem Wort auf die Brust... „Es ist das Todtengebet!" sagte ich mit Schaudern und ging aus dem Zimmer, der Inspektor folgte mir. Als wir uns im Hofe befanden, hörten wir das laute Wehklagen seiner Frau und der Kinder. „Gehen Sie zu Schloime", rief ich den Juden zu, die durch die Läden schauten. Wir kehrten nach Hause zurück, sprachen kein Wort miteinander, jeder war mit seinen Gedanken beschäftigt. Im Ofen pfiff und heulte der Wind . . . wir legten endlich die Kleider ab und drehten die Lampe zurück. Gegen Mitternachl schlief ich ein; ich wurde aber bald durch Lawrenti Ardalionowitsch, der mit wirrem Haar, in Pantoffeln im Zimmer umherging, geweckt. Er bemerkte, daß ich erwacht war und und sagte rauh: „Der Teufel hole sie! Schlafen Sie., wenn Sie können!" .... Ich that, als ob ich schliefe, aber auch ich konnte keine Ruhe finden und wälzte mich bis zum Morgen auf meinem Lager. Gegen sieben Uhr stand ich auf. Auf der Straße gingen Arbeiter, man horte Hundegebell und das Gerassel von Fuhr-

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