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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-09-07 · 36 (7.9.1894) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
36 (7.9.1894)
Date
1894-09-07
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 704 Vrflrrrelchiptze Wochenschrift Nr. 36 Feuilleton. Im stillen Städtchen. Ein ruffisches Sittenbild von N. Naurnow. — Frei übersetzt von Louise Fokschaner. (S ch l u ß.) (Nachdruck verboten.) VI. „Ich bitte dringend. Erwarten Sie meine Nückknnft in meinem Zimmer. Ich bin heute ganz aus den Fugen und fühle das unabweisliche Bedürsniß, wenigstens eine Stunde in der Haut eines Menschen zu stecken. Junger Freund, wundern Sie sich nicht über meine Stimmung! Sie verstehen mich vielleicht ... ich selbst weiß nicht, was mit mir vorgeht . .. Nerven, alles Nerven. Sie werden mit mir sein — ich will das Alte auffrischen, ich bin einsam .. . und heute wird es mir durch Ihre Anwesenheit leichter werden. Sie regt Ihr Schloimke mit verschiedenen Erinnerungen an — nun und Sie regen mich an! Was läßt sich thun? Glauben Sie wirklich, daß ich außer dem Schimpfen zu nichts Anderem fähig bin? Ach, junger Freund! Ich schimpfe auch — „aus aufrichtigem Herzen" — wie mein schätzbarster College, der Polizeimeister bei Gogol sagt. Wie Sie sehen, befinde ich mich in der Periode der Buße und das ist viel bequemer im Gespräche. .. . Ich erwarte Sie und hoffe! Ihr Lawrenti Aleksejow." Dieses Schreiben übergab mir Andrej, als ich in das Polizeibureau mit den Papieren, kam und fügte mit besonderer Liebenswürdigkeit hinzu — der Herr habe Auftrag gegeben, „Sie nicht fortzulassen, wenn möglich, sollen Sie auch hier zu Mittag speisen, der Herr kehrt Abend zurück." Ich war gerührt und beschloß, der Laune Lawrenti Ardalionowitsch's zu entsprechen. „Nun, nehmen wir also das Mittagsmahl!" „Sofort, wie es beliebt! ... da ist Wein, ein Fläschchen für Sie und das andere hat der Herr dem alten Juden geschickt." „Dem Schloime, der heute hier war?" „Ihm selbst ... auch Thee, Zucker und einen Zettel . .. durch Kagailow, er hat es übergeben." Ich beendete das Mahl und äußerte den Wunsch, auszuruhen, um den redseligen Andrej abzufertigen. Das Wetter verschlimmerte sich, ein Schneesturm wüthete, die fast menschenleeren Gassen, die Hütten mit ihren weißen Dächern machten einen traurigen Eindruck. Eine tiefe Schwermuth bemächtigte sich der Seele — Alles erschien so trostlos! Wieder Schnee, wieder Heulen des Windes. ... Es fing zu dämmern an. Ich rief Andrej und ließ ihn Lampe und Samovar bringen. „Andrej!" hörte man im Flur die laute Stimme des zurückkehrenden Lawrenti Ardalionowitsch, „geh' zu den Pferden." „Ach, Sie sind hier!" sagte er freundlich, iu's Zimmer eintretend. Er nahm den Mantel ab, rieb sich die Hände und kam auf mich zu. „Nu, das ist gut, daß Sie hier sind! Hier ist es warm, gemüthlich — draußen ist es furchtbar! Und der. Thee, wie willkommen ist er jetzt!" „Wünschen Sie — dann gieße ich sofort ein?" Lawrenti Ardalionowitsch machte eine lästigeHandbewegung. „Ausruhen, vor allem ausruhen! . . . Verdammtes Fahren! Irgend ein Mord ist dort . . . einen Leichnam hat man ge. funden, es ist nicht bekannt wessen, wer gemordet . . . Ich schrie, der Untersuchungsrichter schrie, beide schrieben wir, fragten herum . . . nun — wie immer . . . mein Gott!" Andrej trat wieder ein und reichte den Thee. Lawrenti Ardalionowitsch mischte zerstreut mit dem Löffel im Glase. „Ja", begann er und zog Tabaksdose und Cigarrenspitze aus der Tasche und rauchte an — „das ist von Gott!" „Alles von Gott!" antwortete ich. „Ich erinnere mich vor fünfzehn Jahren", sagte er mit müder Stimme nach einiger Unterbrechung, senkte den Kopf und blickte zu Boden: „Da kam der Befehl an mich, Einen in Ketten zu legen und ihn „unverzüglich" abzuschrcken — in einer ähnlichen Nacht, wie heute ... der Alte, er war Christ, zitterte ... so ein Gebrechlicher ... Er hat sich irgend wo und wie und warum, ich erinnere mich nicht mehr, versteckt ... er weinte, bekreuzigte sich und fiel zu Füßen . . . brrr! . . . Schafskopf! wo er nur den Thee kauft, der Teufel hole ihn! Abwaschwasser, kein Thee!" „Euer Gnaden, es ist derselbe Thee wie gestern Abend — ich habe heute keinen gekauft!" oertheidigte sich Andrej. „Marsch hinaus, Dummkopf! Man fragt Dich nicht!" Der Polizist ging — Lawrenti Ardalionowitsch trank mit Wuth seinen Thee zu Ende und schob das Glas weg. „Und mein Kreisrichter ärgert sich noch immer; er läßt es mich in der letzten Zeit fühlen, daß ich alt bin, daß ich ihm nicht mehr nütze. Da hat man sich das ganze Leben geplagt, aufgeregt und was hat man am Ende? Unzufriedenheit:" „Es ist gar nicht gut Lawrenti Ardalionowitsch!" „Nicht gut! . . . Wie alt sind Sie?" In Ihrem Alter war ich voller Hoffnungen . . . Und wie noch! . . . Ich war dümmer und die Jugend! Jetzt sind meine Kräfte in Kleinigkeiten erschöpft — und wofür? Ist der Vorgesetzte nicht zufrieden ... so ist ein Strich durch das ganze Leben! Man braucht einen Andern! Kann wohl fein! . . . So ist es! . , . Und was ist mir geblieben? „Das süße Bewußtsein der erfüllten Pflicht!" Ha, ha, ha! der Teufel hole mich, wenn ich weiß, welche Pflicht ich eigentlich erfüllt habe . . . Ach, kommen Sie mir nicht, mein Freund, mit modernen Worten! Ich bin kein Kind! . . . Bis zum Grabe sich einsam hingeschleppt, ohne Familie, verwaist — das ist ein Los . . .- Und es ist schwül, einen lebendigen Menschen will ich sehen, menschlich fühlen — man hat ja doch Gehirn — glauben Sie nicht? Man wird hölzern, friert ein und die Natur verlangt das ihrige . . . 65 Jahre! ... Ich sehe mir manchmal den Kagailow an — ist doch Schade um ihn — sieht man näher zu: ein glücklicher Mensch, eine ganze Natur! Ich beneide ihn! Es befremdet Sie, mich so sprechen zu hören; ist doch merkwürdig, daß ein Polizeiinspector über Enge, über Mangel an Befriedigung klagt? Da sehen Sie!"und er zeigte auf das Bild, das an der Wand hing: „der Empfang beim Fürsten". Er nahm das Bild herab und brachte es mir. Gut?" „8(j, gut!" ",Diese Gesichter! Wie viel Seele! Sehen Sie doch!" „Ich sehe." „Und der Fürst selbst und seine Beamten, und die Bittsteller! Nein, das Ganze, diese Ursprünglichkeit, diese Treue!" „Ja, ich sehe, ich fühle!" „Sehen Sie ... Sehen Sie gut?... das ist auch von Gott!" Er hing das Bild wieder auf, ging zum Tisch und schenkte zwei Gläschen Wein ein. „Was glauben Sie — bin ich ein Judenfresser?" fragte er. „Ja, wahrscheinlich, es ist etwas davon .. ." „Nun also, trinken wir.... Trinken Sie!" „Hat Sie das unangenehm berührt, Lawrenti Ardalionowitsch?" „Ich danke Ihnen für die Frage; sie schließt in sich die Voraussetzung, daß eine Beleidigung von meiner Seite möglich ist .... und auch das ist schon gut. . . ich denke mir in solchen Augenblicken, daß dieses Wort ein Schimpf ist ... Ich bin — pliob (Fresser) ohne meinen Willen, fast unbewußt, vor Allem, wenn ein beliebiges „Papier" mich „aufhetzt." Ich sehe beispielsweise auf der Gasse einen Krämer — sofort kommt mir der Gedanke: es ist Befehl da, Handelsdocumente zu revidiren. Den Schwindler hat gewiß kein Document ... der Teufel hole ihn ... Nun und so fort ... Ich sage, so lange Jahre nach solcher Facten .. . und verstehen Sie mich, ganz unwillkürlich gewöhnt man sich an den Gedanken, daß es in der Welt kein ärgeres Vergehen als das gegen Documente gibt und man betrachtet die Menschen nur von diesem einen Gesichtspunkt" — er lachte auf. — „Werden Sie es glauben? Man vergißt oft, daß es lebendige Menschen find, daß sie etwas Höheres, als meine Documente interessiren kann". Und gar die Juden! Dreißig Jahre habe ich mit ihnen zu thun; ich kenne sie nur oberflächlich, mehr vom Hörensagen, aber als ehrlicher Staatsdiener-verfolge ich sie besonders, weil gerade sie eine Menge von Verstößen begehen. Woher es kommt — ist es die Noth oder bedingen es ihre Umstände — das zu untersuchen, lasse ich mich nicht ein. Nur manchmal, wie heute frägt man eingehender nach allgemeinen Ursachen. Unter dem

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