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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-09-07 · 36 (7.9.1894) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
36 (7.9.1894)
Date
1894-09-07
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 698 Veyrrrevtzyrtze WochrnlchrM Nr. 36 ewigem Gefängniß auf dem Castell von Csejthe internirt bleiben. Dort starb sie vier Jahre später im Alter von 54 Jahren. Die Zahl ihrer Opfer geht aus den Zeugenaussagen nicht genau hervor. Die niedrigste Ziffer ist 36, Ficzko spricht von 37 Ermordungen, die Kindsfrau von 51 und die Waschfrau von 50 Mordthcuen. Ein Mädchen gibt die Zahl gar auf 650 an. Letztere Aussage ist unglaublich, da laut derselben Elisabeth Bathory nach dem Tode ihres Gemahls allwöchentlich je zwei Mädchen hätte getödtet haben müssen. Fünfzig zu Tode Gemarterte in acht Jahren — das genügt auch! Wir modernen Menschen können uns gar nicht vorstellen, wie es möglich ist, daß Jemand solche Gräuelthaten acht Jahre lang ausführen konnte, ohne daß die Gerichte sich einmischten, ohne daß die Angehörigen der Todtgemarterten einen Versuch zur Lynchjustiz machten. Wir verstehen es nicht, wie die Bevölkerung so dumpf und gedrückt sein konnte, daß die Familien immer neue Opfer in das Castell von Csejthe abgehen ließen. Wir können cs kaum begreifen, wie durch den unsagbaren Druck der steten Kriegsnoty und die Barbarei der Kriegsgräuel solcher Stumpfsinn in der Tiefe der Gesellschaft, solche Hartherzigkeit auf ihren Höhen entstehen konnte, daß die Magnaten jahrelang zauderten, ihrer Verwandten ein ernstes- Halt zu gebieten. Weit eher verstehen wir noch, daß Elisabeth Bathory's Geist im Hochgefühle ihrer vornehmen Unantastbarkeit bis zu hausfraulichem Cäsarenwahnsinn verwilderte. Liest man das vorliegende Buch, so hat man ein ähnliches Empsinden, wie wenn man in einer Folterkammer herumwandert, und klappt man cs zu, so wird man von dem erlösenden Gedanken getröstet, daß die Wiederholung solcher Gräuel im modernen Rechtsstaate denn doch undenkbar ist. Mimisrach Umimaarab. (Von Ost und West.) Eine hebräische Monatsschrift. Innerhalb der höchst gebildeten Kreise herrscht die Ansicht, daß unser gesammte Geschichtsunterricht einer wesentlichen Umgestaltung bedürstig ist. So sehr auch schon die neuern Geschichtswerke der Cultur und dem Jntellect der Völler Rechnung tragen, so sind sie doch noch immer allzu sehr nach der hergebrachten Schablone aufgcbaut. Fürsten und Machthaber, deren Kriege, Siege, Niederlagen und Eroberungen bilden den Grundriß und die Eintheilungsmomentc, den Hauptinhalt, um den sich Alles dreht und bewegt. In Zukunst aber sollen cs die Völker selbst sein, deren Schicksale und Seelenstände zur Darstellung gelangen, innerhalb derer Heischerschicksale und hervorstechende Thaten Einzelner nur als Episoden eingekochten mären. Darnach ließe sich die in unfern Tagen unverkennbar neu auslodernde Begeisterung für's Judcnthum leicht begreifen. Während sich früher die Begeisterung in der Hingebung und Aufopferung für das religiöse Gesetz oder für die Hoheit der jüdischen Glaubenssätze kundgab, ist es heute mehr die Geschichte der Juden, welche die Geister fesselt und in der Anhänglichkeit erhält. Denn die Geschichte der Juden seit zwei Jahrtausenden stellt sich uns in einer Großartigkeit dar, mit der sich überhaupt nichts mehr auf Erden vergleichen läßt. Inhaltsvoll, sarbenbunt, mächtig bewegt, durchtvnt von so vielen Völkerstimmen und Stimmungen, eingreifend in so viele Reiche, hat diese ergreifende Geschichte doch kein heimatliches Land, keine Herrscher und Fürsten, keine Kriegsznge und Schlachtengänge zur Grundlage. Es kann nicht fehlen, da muß früher oder später diesem Ideale einer Volksgeschichte die Bewunderung aller Verständigen angehören. Was hält das Volk der Israeliten eigentlich noch zusammen? Eine Nation wollen die meisten unter ihnen selbst nicht bilden, das Gesetz ist überwiegend gelockert, die Glaubenssätze haben sich zu Anschauungen und Theorien zersplittert; aber die Geschichte ist der Heros, der dem Zerfalle gebietet, der Kitt, welcher die Herzen bindet, ist das eigentliche väterliche Gut, an dem jedes bessere Gemüth noch Iheil haben will, von dem sich leichtfertig auch der Letzte nicht lossagen möchte. Abfall vom Jndenthume fühlt sich wie Abfall von dessen Geschichte, wie ein tiefer Fall aus zauberhaften Höhen. Trotz leicht zurückgedrängter Religiosität, trotz ossenknndiger Propaganda für die Kirche seitens der Verwaltungsbehörden als Ncbengeschäft, welche Aemter zu vergeben haben, steht der Abfall doch in keinem Verhältnisse zu der Größe der Versuchung. Der Einfluß der jüdischen Geschichte kommt auch, freilich zumeist unbewußt, in den verschiedenartigen Geistesströmungen zum Ausdrucke. Bei den Einen ist es der Zionismus, bei den Andern die jüdische Wissenschaft, wieder bei Andern eine schwärmerische Orthodoxie oder auch Reformsucht und nicht allerletzt der Eifer für die hebräische Sprache, worin sich ein neuerstarkendes Volksgefühl knndgibt. So halten wir erst vor Kurzem Gelegenheit, die hebräische Jahresschrift „Haassif" zu beleuchten, und heute ist es wieder eine nicht minder reichhaltige hebräische Monutsschrift, die wir vorznsühren haben. An dieser ist zunächst der geradezu staunencrrcgende Kraftaufwand hervorzubeben. Es macht den Eindruck, als ob mit dem höchsten Aufgebot an Kraft ein bereits verloren gegebener, überaus tvichtiger Posten wieder genommen werden soll. Nein, die hebräische Sprache soll nicht preisgegeben werden. Unsere Geschichte macht uns zu einem Volke und dieses' muß seine Sprache erhalten, lebensvoll diensttauglich, aus der Höhe aller andern Sprachen,, gelte es auch, noch so viel nachzuholen. Die Monatsschrift nimmt sich aus, als ob ein Heereszng mit starker Ausrüstung dahinzöge, der durch sich selbst den Sieg verbürgt. Nimisraeb umimaarab! Vom weiten Osten bis zunr fernen Westen wurden die Hilfstrnppen herbeigezogen, mitznkämpfeu unter den Helden den Kamps des Ewigen. Wer rühmt alle ihre Namen, ihre Bedeutung, den Werth ihrer Beiträge? Universitätsprosessoren, Natur-, Geschichts-, Sprachforscher von Rang und Ansehen, leuchtende Sterne am Himmel der Wissenschaft traten aus ihren Bahnen heraus, um in dieser Monatsschrift der hebräischen Sprache zu dienen. Es dürfte überhaupt keine Monatsschrift mehr von solchem Umfange so reich an Inhalt geben. Indessen macht sich diese übermächtige Anstrengung doch auch mannigfach zum Nachtheile geltend. In der Sucht, Außergewöhnliches und Besonderes zu leisten, geht der Monatsschrift die immer wünschenswerthe Einfachheit verloren, erscheint mancher Aussatz zu sehr gekünstelt^ Dazu kommt, daß manche Beiträge sich selbst in ihrer Wichtigkeit darthun wollen, darob nun. ans das Mangelhafte anderer Richtungen Hinweisen; das wirkt oft peinlich, führt zu mancher ungerechten Zurücksetzung und würde an manchen Stellen sogar geeignet sein, das Judenthum in ein schiefes Licht zu stellen, wenn die gute Absicht nicht anderweitig gar zu deutlich hervorträte. In dem Bestreben, weit auszuholen, konunen auch Dinge in einer ganz ungerechtfertigten Ausführlichkeit oder wenigstens nach einer uns wenig interessirenden Richtung zur Besprechung. Alle Hochachtung vor Tolstoi! Auch eine Darstellung seiner Werke muß nach der Tendenz dieser Monatsschrift nicht gerade ausgeschlossen lverden, tviewvhl andere bedeutende jüdische Denker mehrdes Interesses boten und den Vorrang verdient hätten. Diese Wärme aber und Befürwortung befremdet uns. Tolsto i's Weltanschauung ist doch verzerrt, wenig philosophisch und noch weniger im Geiste der Aujklärung. Er zaubert wohl wie aus einer Zauberlaterne räthselhaste Gestalten mit einigen Zügen ans der Wirklichkeit hervor, die uns anregen und beschäftigen; aber ein Fackelträger und Menschheitserlöser ist er doch nicht. Seine Anschauungen sind doch, ich möchte sagen, aus russischer und christlicher Befangenheit heraus. Man vergleiche ihn nur mit den deutschen Geistesheroen. Ein Lessing steht wohl auch unter den deutschen Classikern einzig da, und letztere waren nicht alle jndenfreundlich. Aber weil sie doch Alle im Lichte der Hellen Vernunft wandeln, so hat selbst der bösartigste unter ihnen mehr zur Milderung dar Sitten, zur Menschenbesreinng und Verbrüderung, ' für Tol'ranz, und Aufklärung gewirkt, als selbst der gutartigste Tolstoi. Tolstoi war und ist Zeuge der unerhörten Gräuel, die in Rußland an den Inden und auch on Andern ausgeiibt wurden und noch werden; wo ist da der Idealist und Menschenbildner, lvo cs zu donnern, zu beschwören, zu beleuchten, die Grmüther einznnehmen gibt? Sein Kittel, den er trägt, sein langer Bart, sein Tüfteln über ursprüngliches und corrnmpirlcs Christenthum und alle seine sonstigen Absonderlichkeiten entschädigen fürwahr für solchen Wegfall keineswegs. In einer solch weitangclcgtcn Zeitschrift, die überdies die Zulänglichkeit der hebräischen Sprache ans jedem Gebiete darthun soll, mögen, ja sollen hervorragende Geistcsproducte. ob nun von Inden, Christen oder Muselmännern Aufnahme und Beachtung finden, aber ein Tolstoi sollte nur kritisch beleuchtet und keineswegs im verklärenden Lichte vorgeführt werden. Aehnliches wäre auch noch über manch andern Artikel der Monatsschrift zu sagen. Indessen enthalten selbst diese und auch der über Tolstoi auch Rühmenswerthes, klare und schön geschriebene Darstellungen. Und für alle solche Mängel, die nicht ganz mit Stillschweigen. übergangen werden konnten, entschädigen die ausgezeichneten Beiträge ' von Prof. Dr. David Kaufmann, Prof. Moses, Reichstagsabqeordneten Dr. Bloch, Epstein, Horowitz mit seinen schönen Gedichten und von Dr. Schapira, Pros, der Mathematik in Heidelberg, welch letzterer uns überaus werthvolle und beherzigungswerthe erkenntnißtheoretische Anleitungen in seinem herrlichen Aufsatze gibt. Die Geschichte der Hygiene aller Völker von Dr. Alfred Nossig ist großartig angelegt und verspricht sich in den weiteren Fortsetzungen höchst lehrreich zu gestalten. Herr I. H. Weiß glänzt auch in der schönen Schlachtreihe tapferer Kämpfer für die hebräische Sprache des Llimmraob umimaarab mit einem schön geschriebenen und angenehm zu lesenden Artikel. Die Auslegungen Müller's über die ersten Verse der Genesis können mir von meinem philosophischen Standpunkte aus wenigstens nicht besonders zusagen. Ich möchte die philosophische Verirrung des Mittelalters über den gottähnlichen Urstosf (Obomsr- Hajuli) nicht durch die Bibel besiegelt wissen.

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