Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 36 (7.9.1894)
- Date
- 1894-09-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 696 Orstrrrrichifttzr Wochenschrift Nr. 36 den Vorstellungen, welche man sich noch jederzeit von den Juden gemacht hatte: „Man übertrug aber den Haß und die Verachtung, welche man selber den Juden gegenüber empfand, auch aus sie und nahm an, sie seien von denselben Gefühlen wie die Christen beherrscht." Tranken Juden und Christen gemeinschaftlich, so glaubte man, jene pflegten in die Kanne zu speien, damit diese ihren Speichel mit Ln den Mund bekämen. (Marcus Lombardus, „Gründlicher Bericht und Erklärungen von der Juden Handlungen und Ceremomen," Basel 1574, Fol. XX.) Als im Jahre 1066 Erzbischof Eberhard von Trier plötzlich während der Osterseier starb, hieß es, die Jaden hätten ein von einen', abtrünnigen Priester geweihtes Wachsbild, das den Prälaten vorstellte, wahrend des Festgottesdicnstes angezündet und durch dessen Dahinschmelzen den Tod des Erzbischofs bewirkt." (Brower, Autiquitates Trevir. üb. XI, pag. 539.) Hier sieht man, wie das Volk seine eigenen dogmatischen Voraussetzungen und Vorstellungen aus die Juden überträgt. Die Blutlegenden sind bei allen arischen Völkern noch heute verbreitet. Von Napoleon dem Großen erzählt der schwarze Diener bei Thackeray: „Er verzehrt jeden Tag drei Schafe und alle kleinen Kinder, die er in seine Gewalt bekommen kann." (Tackera y die vier George, deutsch, I!. Cap. I.) Das Alles ist blos erklärlich, wenn man weiß, daß der Glaube an den Blutzauber durch das ganze Mittelalter ging und sich noch heute in den niederen Volksschichten erhallen hat. Im vorigen Jahrhundert verursachte der Glaube daran in Paris unruhige Scenen. Es ging nämlich ein Gerücht, daß Ludwig XV., um sein Leben wieder auszusrischen, Bäder von Menschenblut veranstaltet habe. Es führte dies zu wilden Austritten. So sammelten sich leise die Anfänge der Revolution. (Vergl. Louis Blanc, Geschichte der sranz. Revolution 1, 319.) Zu oiesen romantischen oder richtiger gesagt, Romanegenden gehört die von der schönen und blutdürstigen Gräfin Elisabeth Bathorn. In halbverflossenen Geschichtswerken über das Königreich Ungarn, so noch in Feßler's berühmtem und verdienstvollem Buche wird erzählt, die Gräsin habe nicht weniger als sechshundectsünfzig junge Mädchen ihren Gelüsten geopfert und in den großen Kellern, die sie unter ihrem Castell zu Csejth'. im Waagthale habe erbauen lassen, blutige Orgien gefeiert. Ein paar dutzcndmal haben sich die Romanciers dieses Stoffes bemächtigt; in Balladen und in Dramen wurde derselbe verarbeitet. Es gab eine Zeit, in welcher der Wiener „Volkscoman" sich mit der „Bluthere" aus beut Waagthale noch angelegentlicher beschäftigt hat als mit der Ausweitung und Ausschrotung der Legenden von Kaiser Joses. In diesen phantasiereichen Erzählungen, welche als historische Romane posiren, suchen Poeten durch Hinweis aus ein paar documentarisch erhärtete, meist aber gar nicht zur Sache gehörige Daten ihrem Machwerk sogar einen ernsteren Anstrich zu geben. Stetslag diesen Erzählungen, welch' von den Lesern der Wiener Volksblätter in den Fünfziger-Jahren verschlungen wurden, die heute noch von den Slovaken des Waagthales wie ein religiöser Lehrsatz sestgeglaubte Sage zu Grunde, die gräfliche Hexe habe sich durch das Bad im warmen Blute junger Mädchen jugendliche Schönheit angezaubert, um Männer an sich locken und ihrer unersättlichen Sinneslust sröhnen zu tonnen. In einem Gemache oberhalb des Badezimmers, heißt es in einer der Erzählungen, sei eine eiserne Jungfrau angebracht gewesen. In diese habe man die armen Opfer gesteckt und aus den Wunden, welche die zahllosen, langsam in den Körper eindringenden Messer den Unglücklichen beigebracht, sei das Blut langsam aus die in der Badewanne besindliche bestrickend schöne Tcuselin niedergetropst. Davon habe ihre Haut immer wieder von Neuem die blendende Frische der Jugend erhalten. Diesen Grundzug der Sage hat die historische Forschung völlig zerstört. Von romantischen Abenteuern ist nichts übrig geblieben. Kein Anhaltspunkt bietet sich, der vermuthen ließe, Elisabeth Bathory habe mit dem Blute ihrer Opfer an sich oder an Anderen Zauberkünste ausüben wollen. Das Hexen hat sie unter Anleitung einer professionellen Dorfhexe allerdings ein paarmal versucht, aber nicht um Liebest-, änklein zu brauen, sondern in der Absicht, verhaßten Personen mit ihrem Hexenküchen schweres Leid anzuthun. Als sie aber ihr Gebäck verkostete, gewann dieEdeldame dieErkenntniß, daß solchesSchandzeng niemand essen würde, wenn man es ihm vorsetzte, und ließ die Sache fürderhin auf sich beruhen. Die Blittthateu dieses Unholdes hatten gar keinen „höheren" Zweck, als ihre Bosheit an armen Dienstmädchen auszulassen. Gräfin Elisabeth Bathory war die zur höchsten Potenz erhobene böse Frau von jenem Schlage, den man, allerdings in sehr reducirten und abgeblaßten Epigoneu- Exemplaren, noch heutzutage alljährlich ein paarmal vor den Schranken der Wiener Gerichte und im „Gerichtssaal" der Wiener Zeitungen begegnen kann, wenn ein Dienstmädchen klagt, sie sei von ihrer Gnädigem mit Maulschellen und Haarausreißen wegen einer angebrannten Speise oder einer zerschlagenen Lieblingstaffe häuslich gezüchtigt worden. Daß bei Elisabeth Bathory die Handhabung dieses häuslichen Züchtigungsrechtes so ins Ungeheuerliche gehen und nahezu ein Jahrzehnt ohne gerichtliches Einschreiten fortgesetzt werden konnte, das lag in der Zeit und in den localen Verhältnissen ihres Wohnsitzes^in der politischen Constellation ihres Landes, in der exemten Stellung der vornehmen Magnatensrau begründet. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, bildet die Darstellung der Gränelthaten der Blutgräsin und des Criminal- ProceffeS, der denselben schließlich ein Ende gemacht, einen sehr interessanten Beitrag zur Culturgeschichte Oesterreich- Ungarns im Anfänge des siebzehnten Jahrhunderts. Als solchen will auch der Verfasser eines neuen Buchest) über Elisabeth Bathory, Herr R. A. v. Elsberg, sein Werk gewürdigt sehen. Dasselbe greift ziemlich weit aus, um daö Milieu zu schildern, in dem solche Erscheinungen entstehen konnten, wie die Elisabeth Bathory, und in dem ein verbrecherisches Treiben, wie die Folterungen und Ermordungen von einem halben Hundert Dienstmädchen, lange ungestraft bleiben und schließlich mit einer für unsere modernen Rechtsbegrifse und unser modernes Rechtsgesühl kaum begreiflich milden Strafe abgethan werden konnte. Der Verfasser führt uns in die Geschichte der Kämpfe in den damals au das türkische Occupationsgebiet von Ungarn anstoßenden Grenzdistrictcn ein, nachdem er einen Ueberblick der politischen Geschichte Ungarns nach der Schlacht bei Mohacs und der Zeit gegeben, in welcher das Haus Habsburg aus ungarischem Boden festen Fuß faßte. In dieser Zeit hatte Thomas Nadasdy Ferdinand von Oesterreich große'Dienste geleistet; er war einer der rührigsten, einflußreichsten und unermüdlichsten Förderer der Anerkennung Ferdinaud's als König. Im Kriege ein tüchtiger Feldherr, im Rathe ein durch seine humanistische Bildung und sein diplomatisches Talent die meisten seiner landsmännischen Genossen überragender Kops, durch Vergabungen des Königs und durch die Heirat mit der reichen Erbin Katharina Kanizsai einer der meistbegüterten Landherren geworden, erreichte er auch das höchste Amt im Lande, das eines Palatins. Sein Dohn Franz Nadasdy war an Geiftesgaben seinem Vater 'ungleich, ober ein tüchtiger Kriegsmann, ein Recke von außergewöhnlicher Körperkrast und Tapferkeit; als der „schwarze Beg" war er bei den benachbarten Türken gefürchtet und auch zugleich geehrt. Franz Nadasdy gehörte bereits zu den vornehmsten Magnaten in dem damals unter *) R. A. v. Elsberg: Die B! u t g r ci f i it (Elisabeth B at h o r y). Ein Sitten- und Charakterbild. Mit Illustrationen. Breslau, Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Vcrlagsanstalt von S. Schottl ä u d e r. Leipzig, E. F. S t e i n a ck e r. Nelvyor k, Gustav E. S t ech e r t. 1895.