Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 36 (7.9.1894)
- Date
- 1894-09-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XV' - •:L2SKLA«' >» ijpv ■»<.«>• „-v.* Nr. 36 Veverretttziptze VoürenMxrM Seite 695 Delinquenten, der in namenloser Angst vor der öffentlichen Hinrichtung in der eigenen Zelle sich erhängt, so hat Professor Rohling, um der moralischen Hinrichtung vor dem Schwurgericht zu entgehen, selber das Urtheil an sich vollzogen." „So endete das Maulheldenthum dieses fanatischen Judenfeindes, und mir haben absichtlich es unfern Lesern etwas ausführlicher geschildert, weil er gerade eine der ersten und gefeiertsten Autoritäten des Antisemitismus ist und weil er insbesondere auf den massenhaft verbreiteten Flugblättern desselben als der unfehlbare Ueberseyer des Talmud hingestellt und gepriesen wird." „So sieht es also aus mit den Beschuldigungen gegen das Judenthum auf Grund von Geboten oder Gesetzen, die sich in den jüdischen Religionsbüchern finden sollen'." „Wollte man von antisemitischer Seite einwenden, daß eben doch von all den vielen Gelehrten, die Herrn Rohling feine Lügen und Fälschungen nachgewiesen, keiner den von ihm ausgesetzten Preis von 1000 Thaler für seine Widerlegungen erhalten habe, so ist darauf zu erwidern, daß dieser Preis an eine Claufel gebunden war, die gar nicht erfüllt werden kann. Er soll ausgefolgt werden, wenn die „Deutsche morgenlandische Gesellschaft" erklärt, daß Rohling im Jrrthum sei oder daß er thatsächlich gelogen und gefälscht habe. Diese Gesellschaft hat aber auf alle an sie ergangenen Gesuche in einer „Gesammt-Erklärung" sich dahin ausgesprochen, daß sie „ganz außer Stande sei, eine solche zu geben, weil sie eine große Anzahl Mitglieder zählt, die sich mit dem Talmndstudium, überhaupt der hebräischen Literatur, gar nicht beschäftigen, die im Sanskrit, in der egyptischen Sprache, in der chinesischen 'wohl zu Hause sind, aber nicht ebenso in der „hebräischen"; diejenigen, welche in letzterer bewandert, könnten daher nur für sich, aber nicht im Namen aller andern eine Erklärung abgeben; und das ist auch thatsächlich geschehen, indem von der Gesellschaft mehrere solcher Gelehrten als Sachverständige empfohlen wurden, und einer derselben, Professor Nöldeke, thatsächlich sein Gutachten auf Verlangen des k. k. Landesgerichtes abgegeben hat, womit aber die Claufel nicht erfüllt ist, daß es — eine „Gesammt-Erklärung" der ganzen Gesellschaft sein müsse." „Wir schließen unsere Auseinandersetzungen, indem wir mit wenigen Worten noch auf einen einzigen Punkt aufmerksam machen. Der Antisemitismus beruft sick, als letzten Rückhalt für seine Bestrebungen, auf das Ehristenlhum und beweist auch damit, wie wenig streng er es mit der" Wahrheit meint. Wäre es ihm Ernst mit seiner Berufung, wäre sein Christenthum mehr als bloße schöne Redensart, wäre feine Verehrung für den Gründer desselben eine wirklich aufrichtige, lebendige, dann müßte er schon aus diesem einzigen Grunde sich besinnen und schämen, in so namenlos gehässiger Weise gegen Juden- und Semitenthum aufzutreten. Denn — wer war denn Jesus? Wer waren alle seine Jünger, alle feine Apostel? Sie waren Juden und wollten nichts anderes sein: „Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen." Die ganze christliche Glaubens- und Sittenlehre gründet sich wesentlich auf die jüdische, und aus diesem hat sie auch jenen Grundsatz herübergenommen, der selbst den „Feind" uns als unfern Bruder betrachten und behandeln lehrt, — ein Grundsatz, dem das ganze Gebühren des Antisemitismus geradezu Hohn spricht!" „Mit Recht hat darum ein sehr gläubiger Christ, der Prof, der Theol.Dr.Baumgar tner, seinem geistlichen Collegen, dem antisemitischen Hofprediger Stöcker zugerufen: „Und ihr wollt Christen sein, die berufen sind, den Namen ihres Herrn als weltüberwindende Kraft Gottes zu bewahren vor Juden und Heiden! Ihr. macht ja dem Namen unnennbare Schande! So hört doch auf, Euch Christen zu nennen, und sprecht wie Strauß: „wir sind keine Christen mehr!"*) .*) Dr. Iheol. M. Baumgartner, Reichstagsabgeordneter: „Wider Herrn Hofprediger Stöcker". Eine christliche Stimme über die Judenfrage. Berlin 1881. 3 Aust. S. 14, 15, 20, 21 und 24. „Freilich die Berechtigung dieses Vorwurfs können sie nicht ganz absprechen; — sie haben deswegen ein Mittel gesunden, einen Ausweg, auf dem sie ihm zu entrinnen suchen, — aber wetches ist der? Sie leugnen, daß Jesus ein Jude war! Das antisemitische Blatt, dessen wir eingangs Erwähnung thaten, „Die Wahrheit", .— cs brachte in seiner vierten Nummer vom 5. Mai 1894 einen Aussatz unter dem Titel: „Waren Christus und seine Apostel nicht Inden?" und in diesem stand zu lesen: „Es ist kennzeichnend, daß Jesus aus dem armen Volke hervorging und daß sein Vater ein Zimmermann war, — ein Handwerk, das ein Jude doch nie ausgeübt hat. Und dann betrachte man die Gestalt Jesu, wie sie geschildert wird und überliefert ist! Sein Haar soll rothblond gewesen, seine Auge blau, nach Andern gelbbraun. Seine Nase war gerade, griechisch, sein ganzes Profil, seine ganze schlanke aufrechte Gestalt war entschieden arisch, ja fast germanisch zu nennen. Und wenn man von alledem absieht, der Geist, der aus ihm sprach, die echt menschliche Milde in seinem Wesen, die in so schroffem Gegensatz zu der rachsüchtigen und niedrigen Inden-Gesinnung stand, sie tragen das Gepräge des arischen Geistes .... Nein Christus und seine Familie können nur als arische Menschen gedacht werden, nur so erhält die Entstehung des Christenthums Sinn und Vernunft, wenn man es als einen Protest des arischen Geistes gegen die überwuchernde jüdische Unsittlichkeil aussaßt. Auch die Jünger I e s n waren keine Semiten: nur ein einziger unter ihnen scheint ein Jude gewesen zu sein, den man deswegen auch kurzweg den „Juden" nannte, — „Judas" — der ihn verrieth!" „Wir glauben, unsere Abwehr des Antisemitismus nicht besser schließen zu können, als mit diesem Meisterstück von Lüge und Fälschung. Das heißt denn doch nichts anderes, als Entstellung und Verdrehung der offenkundigsten Geschichte, absichtliche Verleugnung und Verhöhnung der Wahrheit, Irreführung und ganz gemeiner Betrug des Volkes, wie er noch nicht dagewesen! Der Antisemitismus hat hier ein taschenspielerisches Kunst- oder Gaunerstückchen zu Stande gebracht, im Vergleich mit welchem alle dem Judenthum von ihm vorgeworfenen Schwindeleien und Spitzbübereien nichts sind. „Wenn darum etwas noch gefehlt hat, sein Gebühren vom sittlichen Standpunkt aus in's rechte Licht zu setzen, hier ist es! Mit diesem Meisterstück „deutsch-christlicher Wahrheitsliebe" hat er sich selber übertroffen!"*) Die Vlutgräfin. In Nr. 45 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom Jahre 1888 publicirten wir an erster Stelle einen größeren Essay „Ueber den Zauber mit Menschenblut und anderen Theilen des menschlichen Körpers", welcher in französische und englische Blätter überging. Der Grundgedanke des Aufsatzes gipfelt in dem Satze: ,,Die Beständigkeit des Vorwurfes beweist die Zähigkeit des Glaubens an den Blutzauber und die unausgesetzte U e b u n g desselben unter den Christen: das ist die einzig wahre psychologische Löiung des sonst räthselhaften Fortbestandes der Blutiüge. Es ist wirklicher, d. b. heidnischer Volksglaube, der dieses Gespenst galvanisirt?' So richtig ist diese Bemerkung, daß man sie sogar bei den Kirchenvätern trifft. - Auf die gegen die alten Christen häufig erhobene Anklage des Kindermordes antwortete Tertultian, daß die Heiden nur aus dem Grunde von den Chriften Aehnliches glauben, weil sie selber dergleichen noch heutzutage üben. In seinem Werke: „Der Aberglaube des Mittelalters," Basel 1884, S. 194, schreibt Professor Karl Meyer von *) Das Nähere siehe in: ,,Akten und Gutachten in dem Processe Rohling contra B l o ch", Band I, Wien 1890, und in: „Zur Judenfrage",nach den Akten des Procenes Rohling-Bloch. Bon Dr. I. K o p p, Hof- und Gerichtsadvocat. Abgeordneter des n.-v. Landtages und des österr. Reichsrathes. — Leipzig 1386.