Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 36 (7.9.1894)
- Date
- 1894-09-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 36 Wochenschrift Vrsterretchifche Seite 693 Carl Scholl hinzu: Ist nicht der urjüdische Grundsatz „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", den die Wiener Schriftstellerin Marie Eb u er-Es ch e nb a ch in einem Aphorismus: „Liebe Deinen Nächsten mehr wie Dich selbst" variirt hat, gerade durch den Mund Christi auch das ethische Princip des Christenthums geworden?" Scholl geht von dem Angriff aus, den ein nun von der Abonnenten - Schwindsucht dahingerafftes antisemitisches Journal wegen eines Vortrages, den er im Hotel Strauß gehalten hatte, gegen ihn losließ. Das Antisemitenblatt brachte einen Artikel mit der Ueberschrift „Jndenschützer", welcher mit folgenden Worten beginnt: „Es ist ewig schade, daß der fromme P. Tetzel nicht nochmals mit seinem Ablaßkasten die Freundlichkeit haben kann, uns zu besuchen: hier nach. Nürnberg dürfte er ohnedies nicht herein, denn das beschlagnahmt und besorgt jetzt alles der Herr Carl Scholl. Sobald das Geld im Kasten klingt, der Scholl den Juden die schönsten Loblieder sinct. „Sonntag, den 27. Mai 1894, im „Strauß" öffentlicher Vortrag des Freireligiösen Carl Scholl über Antisemitismus vom sittlichen Standpunkt aus betrachtet", — so konnte man an den Plakatsäulen lesen. Gott, wie fain!! hat er es verstanden, die Juden aus dem grauen Alterthum bis zur heutigen Stunde mit der besten Moschusseife abzuwaschen, kein Fleckchen'ist an denen, sogar der Geruch ist auf ein paar Stunden weg. Es ist schon recht, wenn sich Einer einbildet, er hat das Recht. Andern Sand in die Augen zu streuen, — aber einen solchen Unsinn haben wir noch nicht gehört." Wer das Bewußtsein in und mit sich trägt, im Leben keinen Finger breit von seiner Ueberzeugung abgewichen zu sein, wer keinem materiellen Dortheile zu Liebe jemals gesagt hat, was irgend Jemand gerne hört, wer wie Scholl ans die fette Pfründe des Positivismus verzichtet hat und freireligiös gelehrt und geschrieben kn einer noch viel unfreieren Zeit als der unseren,. der kann ben Vorwurf, daß er sich durch den Klang jüdischen Goldes begeistern lasse, mit dem Stillschweigen der Verachtung übergehen und warten, bis, wie Hermann Lingg in seinen „Jahresringen" sagt, „die Gemeinheit an sich selbst verreckt." Allein Carl Scholl hielt sich verpflichtet, im Jnleresse der Verständigung und des Friedens über den Antisemitismus ein ernstes Wort zu sprechen, und das könne nach seiner Ansicht schon dadurch erreicht werden, daß er sich — ohne sich in die auf socialem Gebiet liegende Entstehung desselben und die danrit zusammenhängenden Einzelfragen einzulassen — ausschließlich an seine Kampfesweise halte, an die eigenthümliche Art, wie er in Versammlungen, Vorträgen und in der Presse seine Sache zu begründen und Anhänger zu werben sucht. Diese Ka'mpfesw'eise des Antisemitismus näherzu kennzeichnen, und zwar vom sittlichen Standpunkt aus, das war die Aufgabe, die er sich gestellt. Indem er die Geschichte des modernen Antisemitismus aufrollt, zeichnet er in scharfen Umrissen speciell die Wiener- Bewegung und widmet ein eigenes Capitel dem Processe Rohling, und gerade diese seine Ausführungen dürsten für die Leser der „Oesterr. Wochenschrift" von besonderem Interesse sein. Wir lassen den Schluß dieses Capitels hier wörtlich folgen: „Die sogenannten Enthüllungen Rohling's über die „sittlichen Grundsätze des Inder thums" hatten es thatsächlich soweit gebracht, daß, — um nur einen einzelnen Fall zu erwähnen — ein hochstehender und human denkender Richter beim Gerichtshof in Prag das Bekenntniß gblegte, „es muffe sM' gesichts dieser Enthüllungen für einen gewiffeiihaften Richterbedenklich sein, einen Inden zur Zeuaellaussage oder zuur Eid zuzulassen." „Solcher Läge gegenüber mußte nothwendig nicht nur auf Se^en des so leidenschaftlich angegriffenen Judenthums, sondern ebenso bei Allen, welche volle Wahrheit wollten, der Wunsch entstehen, es möchte ein entscheidendes Wort gesprochen werden, das diesem unseligen Treiben ein Ende mache. Und dieser Wunsch wurde erfüllt. Der Mann, der es sprach, und der, ausgerüstet mit allen Waffen der Wissenschaft, als berufener Anwalt des Judenthums auftrat und dem Wortfnhrer ..der Antisemiten, trotz dessen beständiger Berufung auf die eidliche Erhärtung seiner Aussagen, Schritt für Schritt seine Lügen und Verleumdungen nachwies, war Dr. I. S. Bloch, Bezirksrabbiner in Floridsdorf, einem Vororte Wiens, gleichzeitig Reichstagsabgeordneter. „Von ihm erschienen vom December 1882 an, zuerst in der „Wiener Allgemeinen Zeitung", eine Reihe Artikel gegen Rohling, in deren Einleitung es hieß: „Uns scheint es, daß diesem Menschen die öffentliche Züchtigung nicht erspart werden dürfe. Es ist nicht mehr „Zeit des Schweigens" und jede öffentliche Beleidigung erfordert öffentliche Sühne." „Ich bilde mir nicht ein, Herrn Rohling, „gegen dessen eigensinnigen Verschluß der Augen", nach dem Zengniß eines christlichen Gelehrten, „kein Kraut gewachsen ist", eine bessere Einsicht, eine mildere, humanere Gesinnung beibringen zu können; allein das öffentliche Urtheil über diesen Mann, seinen Charakter und seine Gelehrsamkeit will ich, soweit es noch nöthig ist, ausklären. Die gelehrte Maske will ich ihm vom Antlitz reißen, daß seine vollste Ignoranz von aller Welt erkannt werde." „Dr. Bloch begann seine „Züchtigung" damit, daß er von vornherein dem Rohlin g geradezu in's Gesicht sagte, „ihm fehle nicht nur die wissenschaftliche, sondern auch die moralische Eignung," in Sachen des Jndenthums, insbesondere in Beziehung auf den Talmud, ein Urtheil abzugeben. Er wies ihm nach, wie seine Behauptung, „der Talmud erkläre die Christen für „Hunde, Schweine und Esel", er gebiete dem Juden in aller Form den Betrug des Christen, namentlich beim Eid, er stelle Christus einem Zauberer gleich, er lehre den „rituellen Mord" eines Christen u. s. w.", wie diese und alle anderen reinster Schwindel, nackteste Lüge, Fälschung und Verleumdung seien. In Beziehung insbesondere ans diesen letzteren, den am schwersten wiegenden Vorwurf des Blutmordes rief er ihm zu: „Bei Ihrer notorischen Unwissenheit kennen Sie sicherlich nicht alle Päpste und Bischöfe, Könige und Fürsten, Gelehrte und Theologen des Christenthums, welche diese infame Beschuldigung gründlich abweisen. Allein davon haben Sie erfahren, daß die theologischen Facultäten zu Amsterdam, Utrecht, Kopenhagen und Leyden, daß die eigentlichen Fachmänner auf dem Gebiete der hebräischen Alterthümer, die christlichen Professoren De litzsch in Leip z i g, N 5 ld eke in Str a ß b urg, Merx in Heidelberg, Siegfried in Jena, Stade in Gießen, jene Beschuldigung als eine „Erfindung der Bosheit, welche von der Dummheit geglaubt wird", der gelehrte Kirchenfürst Bischof Dr. Kopp als eine „-mtschieden freventliche Unwahrheit, die weder durch die jüdische Reliaion, noch durch die Geschichte zu begründen ist", öffentlich gebrandmarkt haben! Wie widerlegen Sie alle diese Anssagen und Erklärungen? . . . Herr Roh l in q! Der berühmte evangelische Theologe, Professor der hebräischen Literatur, Dr. A. Merx, bat Sie „einen böswilligen Verleumder" genannt, „dem gegenüber die Strafparagraphen in Anwendung zu bringen sind", — warum schwiegen und schweigen Sie dazu?" „Seine vollständige Unwissenheit in Beziehung ans den Talmud im Allgemeinen wirft er ihm schonungslos mit den Worten vor: „Sie sind kein Gelebrter, sondern ein Abschreiber, dessen einzige sogenannte wissenschaftliche Leistung ein Plagiat bildet; besitzen nicht die wisstnschastliche' Vorkenntniß, auch nur eine einzige Seite des Talmudiei'les zu lesen; Sie haben selbst den deutlich geschriebenen Eiffnmenger nicht sinngemäß erfaßt und darum verunstaltet: Sie n'no in der katholischen und protestantischen Literatur nicht bewandert; Stellen der beiliaen Schrift alten und neuen Bundes haben Sie übersehen; Sie wissen nicht zu unterscheiden, was aus der Bibel, was ans dem Talmud herrührt. Dennoch haben Sie sich amtseidlich über den Talmud geäußert." Ja. im rollen Gfübl und Bewußtsein, daß das Rocht und die Wahrheit ans seiner Seite, erklärt Dr. Bloch „so laut, daß es in sedem Gerichtsiaal und Regierungscabinet vernommen werden kann", daß „Sie, Hm k. k. Professor Rob l ing, nickt eine einzige Seite im Talmudtext je gelesen haben und zu lesen nicht die wissenschaftliche