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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-09-07 · 36 (7.9.1894) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
36 (7.9.1894)
Date
1894-09-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 692 Desterreichischr Wochrnschrtfl Nr. 36 Noch vor Beendigung der Liedertafel entfernte sich der Gefertigte und begab sich in das nebenan befindliche Gasthaus Schweighofer zurück, um der Ruhe zu Pflegen. Nach einiger Zeit wurde derselbe jedoch in seinem Zimmer im ersten Stock durch laute Musik und starkes Singen am Schlafe gehindert. Weil wegen der lauten Musik ein Schlafen nicht möglich war, begab sich der Gefertigte hinunter in das Gastzimmer, dessen Thüre offen stand, und fand hier einen großen Theil derselben Gesellschaft von Herren und Damen, welche bei der Liedertafel gewesen waren, vor. Durch den I. k. Bezirksgerichts-Adjuncten in Mur eck, Herrn Victor Pfeifer, wurde der gefertigte Ingenieur mit Namen und Dienstcharakter der Gesellschaft vorgestellt und nahm neben Herrn Pfeifer Platz. Gleich nachher kam ein Herr in das Zimmer und nahm am Tische, wo der Gefertigte faß, demselben gegenüber Platz. Dieser Herr wurde allseits mit „Herr Bürgermeister" angesprochen. Der Unterzeichnete stellte sich aus Höflichkeit, entgegen dem Gebrauche, dem später gekommenen Herrn Bürgermeister Anton Mravlag von Sanct Leonhard in Windisch- B üh e lu mit Namen und Dienstcharakter als Landes-Jngenieur speciell vor. Herr Bürgermeister Mra vlag verließ alsbald seinen eingenommenen Platz und gleich darauf hörte der Unterzeichnete halblaute Worte, Salomon, Jacob, Moses, der reinste Aron. Mich etwas wendend, wem wohl diese Zurufe gelten, bemerkte ich, wie an dem Tische, von wo die Rufe S alo m o n, Moses rc. kamen, Herren, bei denen auch Herr Bürgermeister Mrav lag Platz genommen, auf mich zeigten und die Worte halblaut sprachen: „Schauts ihn an, den Juden, den S al o m on, den Mo se s rc." Anfangs halb belustigt, daß man mich für einen Juden hatte, sagte ich zu dem neben mir sitzenden Herrn k. k. Gerichts-Adjuncten Pfeifer: Das ist aber komisch, jetzt halten die mich für einen Juden und besonders der Bürgermeister M rav lag, wie mich der angeht, worauf Herr Pfeifer mir erwiderte, Herr Ingenieur, ich werde die Sache gleich planiren, stand auf, ging zu Herrn Mravlag und sprach auf denselben ein, worauf dieser laut wurde und sagte: Beweisen Sie mir, daß er kein Jude ist, er ist ein Jude. Andere Herren am selben Tische riefen, er ist ein Jud, er spricht wie ein Jud, er ist braun wie ein Jud und er ist em Jud und andere laute Zurufe an mich ertönten. Besonders Herr Bürgermeister Mravlag schrie mir eifrig zu: Jud, Jud! Auf das stand ich auf und sagte zu Herrn Mravlag und den übrigen Herren gewendet: Und wenn ich auch zehnmal ein Jude wäre, was übrigens nicht der Fall ist, so ist ein solches Benehmen, wie Sie es mir hier gegenüber an den Tag legen, unter gebildeten Leuten nicht Sitte. Ich war zum erstenmale in Mur eck und habe alle die Herren, welche mich so beleidigten, in meinem Leben nicht früher gesehen.' Auf das ertönten die Worte: „Jud, Semit, er ist ein Jud" rc. nur noch lauter, worauf ich sprach, wenn ich durchaus ein Jude sein soll, so bin ich wenigstens ein frommer Jude, ich war heute hier schon in der Kirc' <*, Sie können den Herrn Pfarrer fragen, worauf mir Bürgermeister Mravlag zurief, wir brauchen keinen Pfarrer, ich bin selber Pfarrer und Papst, wenn Sie kein Jud, sind Sie ein getaufter Jud und sind schlechter wie ein Jud, Sie sind kein Deutscher, wir sind deutsch, urdeutsch, erscholl es dazwischen. Sie sind Semite. Da sagte ich zu Herrn Mravlag, Sie scheinen nicht mehr zu wissen, wer ich bin, mein Name ist Alois Franz Heide und ich bin steiermärkischer Landes-Jngenieur und kein Jude, weil ja der steiermärkische Landesausschuß keinen Juden anstellt. Ach, was Landesausschuß! rief mir Bürgermeister Mravlag im höhnischen Tone zu, der Landesausschuß handelt auch manchmal jüdisch. Als so der Landesausschuß vom Bürgermeister Mravlag beleidigt wurde, sprang der Gefertigte auf und wollte aus dem Zimmer eilen, wurde daran aber vom Bezirksgerichts-Adjuncten Pfeifer und von der mir unweit sitzenden Gemalin des anwesenden k. k. Bezirksrichters Herrn Morocutti in St. Leonhard gehindert, weil selbe befürchteten, daß es mir draußen schlecht ergehen könne. Sab ich doch selber, wie verschiedene, mir leider nicht bekannte Herren in verdächtiger Weise Biergläser und Schilcherfläschchen hoben. Vielleicht um zu trinken, vielleicht um die Gläser und Flaschen mir, als den verhaßten Juden, an den Kopf zu werfen; wer kann es wissen. Jetzt erschollen aber die Rufe: „Hinaus, Jud, Jud hinaus!" und besonders Herr Bürgermeister Mravlag war es, der mir zurtef: „Sie sind ein Jud, hinaus Jud, Jud hinaus!" Ich sah, daß kein Nachgeben zu erzielen war und wurde beim Verlassen des Zimmers von vielen Herren, welche aufstanden, mit den Worten begrüßt: „Schauts ihn an, wie er geht, wie ein Jud, hinaus Jud!" Manche Herren und Damen lachten dazu, und so mußte ich schmählich eine Gesellschaft verlassen, die bei offenen Wirthshausthüren in Jedermanns zugänglicher Wirthsstube mich so gröblich beleidigte. Es waren Herren und Damen aus Mureck, Sanc * Leonhard in Windisch-Büheln und Radkersburg zugegen, und in meiner Gegenwart erhob sich Niemand, der dieses pöbelhafte Benehmen, besonders des Bürgermeisters Anton Mravlag, gerügt und verdammt hätte; auf meinem Zimmer angekommen, fielen mir die Schlußworte in Seume's Gedicht „Die Gastfreundschaft" ein, „Seht, wir Wilde sind doch bessere Menschen". Graz, 29. August 1894. Alois Franz Heide, steiermärkischer Landes-Jngenieur und Commissär des Landes-Straßencommissariates Leibnitz. Dqr Antisemitismus, betrachtet vom sittlichen Standpunkte. Mit besonderem Hinweis auf den Meineidsproceß des Dr. Bloch, Rabbiner und Reichsrat hsa b g eord neter in Wien, gegen Dr. Rohling, Verfasser des „T a l m u d j u d e n". Von Carl Scholl, Pr ediger der freireligiösen Gemeinde in Nürnberg. Verlag der Handelsdruckerei in Bamberg. Carl Scholl, der 74jährige Prediger der freireligiösen Gemeinde in Nürnberg, publicirt diese Streitschrift gegen die Antisemiten in Baiern und wer diese mit Feuersgluth geschriebene Broschüre näher ansieht, der begreift das Aussehen, welches dieselbe in Baiern erregt. Der „Nürnberger Anzeiger" vom 28. August l. I. widmet dieser Broschüre einen Leitartikel und bemerkt mit Recht: „Man merkt aus jedem Worte, aus jedem Gedanken Carl Scholl's, daß er, wie er die Wahrheit liebt, die Niedrigkeit der Gesinnung verachtet, das Ewig-Gestrige und Gemeine verabscheut, den Haß gegen Andere selbst haßt mit einem Ingrimm und ehrlichem Zorn, als fühle er sich selbst ein Jude; nur vermochten solche Gegner mit ihren Pfeilen ihn nicht zu vergiften, sein Denken nicht zu verbittern, wie leider das bei vielen Juden der Fall ist, die ruhig die Schmähungen ihrer Feinde auf sich sitzen lassen, statt sich einem Scholl an die Seite zu stellen und seine Bücher mit verbreiten zu helfen zur inneren Mission unter all Denen, die am Ende des neunzehnten Jahrhunderts die von Kaiser Friedrich als „Schmach" gekennzeichnete Bewegung theoretisch und praktisch mitmachen." „Gerade das Judenthum hat so ideale Gestalten unter seinen Söhnen aufzuweisen, von Moses Mendelssohn bis Ferdinand Lassalle und von diesen und Berthold Auerbach bis heute, da Julius Nodenberg noch lebt mit seinen unsterblichen Sang: „Die reinen Frauen steh'n im Leben Wie Rosen in dem dunklen Laub-, Auf ihren Wünschen, ihrem Streben Liegt noch der feinste Blüthenstaub. In ihrer Welt ist reine Fehle, Ist alles ruhig, voll und weich: Der Blick in eine Frauenseele Ist wie ein Blick ins Himmelreich." daß seine Bekenner nur diesen Vorbildern nachzueifern brauchen, um S ch o l l's wohlgemeinten Rath in Thun und Lassen zu befolgen. Weil das Judenthum solche Männer aufzuweisen hat, schrieb vor Jahren der Abgeordnete v. V o l l m a r einmal in der „Münchener Post", ist das Wort „verjudet" keine Schande, und fügen wir wieder mit

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