Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 36 (7.9.1894)
- Date
- 1894-09-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 36 Vesterrrichifchr Wochenschrift Seit 691 Eine bemerkenswerthe Stelle ist die Betrachtung des Zusammenhanges semitischerund hellenischer Cultur. Prof. Curtius sagt da u. A.: Semiten und Arier sind, soweit wir denken können, die wichtigsten der geschichtbildenden Völkergeschlechter, die unter sich verschiedenartigsten, die zu allen Zeiten als nächste Nachbarn am meisten auf einander eingewirkt und ihren Volksbesitz mit einander ausgetauscht haben in Frieden und Unfrieden, zu Vortheil und Schaden. Semitisch ist die älteste Cultur am Mittelmeer, und doch sträubt man sich noch immer, in Religion und Cultur anregende Einflüsse derselben anzuerkennen, man begegnet noch immer der Vorstellung, es gereiche den Hellenen zur Ehre, daß man ohne Anerkennung irgend welcher Abhängig, keit von auswärtigen Factoren auskommen könne, und man weist, was von mir und Andern in dieser Beziehung geltend gemacht worden ist, mit Mißbehagen zurück, ohne die Thatsachen zu widerlegen." Cur tius erörtert dann des Weitern, wie semitische Einflüsse zu verschiedenen Zeiten in den hellenischen Bolkscharakter eingedrungen sind. Zur Schächthetze. Eine Abfertigung. Wie wenig wissenschaftliche Argumente auf die Gesinnungen unserer Antisemiten einen Einfluß auszuüben vermögen, beweisen die tumultuarischen Scenen, die bei dem in der Schweiz tagenden internationalen Congreß der Thierschutzvereine aufgeführt wurden. Trotz aller Gutachten der wissenschaftlichen Koryphäen hält die Schächtfrage nach wie vor unsere von christlicher Nächstenliebe für das Vieh erglühten Antisemiten in Athem und Bewegung. Ich glaube darum, daß dieser Sorte von Bannerträgern christlicher Nächstenliebe am besten durch eine Abfertigung beizukommen sei, wie ich sie Einem von diesem Schlage habe zu Theil werden lassen. Vor Jahresfrist ungefähr ließen sich auch hierorts einige Antisemiten etwas vorlaut über die Grausamkeit des Schächtens vernehmen. Kaum daß die Kunde davon zu meinen Ohren gedrungen. als ich einen ihrer Matadore eine Lection ertheilte, die ihm, wie es den Anschein hat, die Lust benahm, die Schächtfrage weiter zu discutireu Bei der ersten Straßenbegegnung leitete ich meine Conversation mit der Frage ein, ob ihn sein Weg auf die Jagd führe, und als er meine Frage verneinte, legte ich ihm die Mahnung dringend ans Herz, sein Gewehr niemals mit einem Schächtmesser anstatt mit Schrotkörnern zu laden. Nach dieser tendenziösen Einleitung erbat ich mir von ihm Aufklärung über den eigentlichen Beweggrund, der die Herren Antisemiten so sehr gegen unsere Schächtmethode einnehme. „Thierschutz!" war die lakonische Antwort. „Diese Erklärung", bemerkte ich darauf, „nehme ich mit besonderer Befriedigung entgegen. Ich bin zwar nicht so boshaft, zu constastiren, daß die christliche Nächstenliebe unserer Antisemiten bereits auf den Hund gekommen. Denn Hunde sind, wie Ihnen wohl bekannt, vor dem jüdischen Schächtmesser sicher. Daß aber die antisemitische Nächstenliebe beim Hornvieh sich zu äußern beginnt, hat für mich wie für jeden Geistlichen einer positiven Religion einen unschätzbaren Werth." Und als mein etwas verblüffterZuhörer näheren Aufschluß über den logischen Zusammenhang des antisemitischen Thierschutzes mit jeder positiven Religion von mir verlangte, machte ich ihm meinen Standpunkt zur Schächtfrage in einer Weise klar, die ihn die ganze Jämmerlichkeit ihrer Bestrebungen erkennen ließ. „Die Zahl der Gottlosen" sagte ich, „ist nicht gering, die den Menschen — rassenreine Arier inbegriffen — zum Nachkommen des Orang-Utang degradiren will. Ich darf aber voraussetzen, daß die neueste antisemitische Analyse der christlichen N ä ch st e n liebe, die Abstufung von nächst, näher und nahe — auch Ihnen bekannt ist. Wenn nun unsere antisemitischen Thierschützler ihre christliche Liebe auf das Hornvieh übertragen, liegt darin nicht das Zugeständniß, daß sie diesem sich am nächsten wissen? Ist ihnen aber das geistlose Rind das Nächste, so ist die Behauptung von deren Verwandtschaft mit dem gescheiteren Affen gründlich widerlegt." Doch bei dem intellectuellen Tiefstände der Antisemiten allein wollte ich es nicht bewenden lassen. Vielmehr lag mir daran, ihm auch deren sittliche Gesunkenheit ad oculos zu führen. Und so ertheilte ich ihm nachstehenden wohlmeinenden Rath. „Die V-rwandtenmorde unter den Ariern mehren sich in wahrhafterschreckender Weise. Dazu kommt noch der Umstand in Betracht, daß diese Berwandtenmorde so kannibalischer Art sind, daß unser grausames Schächtmesser den unglücklichen Opfern eine wahre Wonne sein müßte. So unbestritten ich auch den Antisemiten ihr Einbekenntniß lasse, daß das Rindvieh ihnen am nächsten ist, so kann doch nicht geleugnet werden, daß ihre Blutsverwandten noch berechtigtere Ansprüche auf ihre Nächstenliebe haben. Thäten die Antisemiten nicht viel besser daran, dahin zu wirken, daß Eltern, die ihre Kinder oder umgekehrt, oder Gatten und Geschwister, die einander morden wollen, sich des jüdischen Schächtmessers zu bedienen?" Diese Abfertigung gab meinem Zuhörer Anlaß, mir die christliche Civilisation entgegenzuhalten. Ich aber verbat mir entschiedenst, die christliche Gesittung, die Jesus gelehrt, mit der christlichen Gesittung der Antisemiten in einen Topf zu legen. Denn Jesus, der seine ersten Jugendjahre in den Lehrhäusern der Pharisäer verbracht, propagirte dasselbe Gesetz der Sittlich, keit, das im viel gelästerten Talmud aufgespeichert ist. Dagegen stehen unsere christlichen Antisemiten mit den alten Egyptern auf gleichem Niveau der Civilisation. Denn der sittliche Tiefstand der alten Egypter manifestirt sich hauptsächlich darin, daß sie es über sich vermocht, Menschen zu knechten und Thiere zu vergöttern. Und wer aus zartsinniger Liebe für Thiere die religiösen Gefühle seiner Mitmenschen mißachtet, befindet sich aus dem besten Wege nach Egypten. Daß diese Abfertigung unsere Antisemiten bekehrt hätte, kann ich nicht behaupten, wohl aber will ich constatiren, daß seitdem die Schächtfrage nicht mehr auf die Tagesordnung der hiesigen Antisemiten gesetzt wurde. Lomnitz, den 26.' August 1894. Dr. Simon Wolffsohn, Rabbiner. Erlebnisse eines steierm. Ingenieurs in Mureck im Herzogthum Steiermark. Der Bezirksausschuß M u r e ck in Steiermark hat mit Note vom 26. Juli 1891. Zahl 305, an das steiermärkische Landesbauamt in Graz das dringende Ersuchen gerichtet, zur Untersuchung schadhafter Constructionstheile der Murbrücke bei M u r e ck auf der Mureck-Radkersburger Bezirksstraße zweiter Classe einen Landes-Jngenieur ehethuulichst nach Mur eck abordnen zu wollen. Mit Verordnung vom 27. Juli d. I., Zahl 1735, wurde vom Landes-Bauamte in Graz der unten gefertigte Landes- Jngenieur Alois Franz Heide zur Vornahme der Untersuchung und Aufnahme der Murbrücke bei Mur eck beauftragt und gleichzeitig der Bezirksausschuß in Mureck von dem Eintreffen des genannten Ingenieurs in Mur eck verständigt. In Entsprechung des bauämtlichen Auftrages begab sich der gefertigte Ingenieur.Sonntag den 5. August Mittags mit dem Schnellzuge von Graz nach Mur eck, stellte sich dem dortigen Bezirksobmanne Herrn Schweighose r vor und wurde von diesem sodann zur Murbrücke bei M u r e ck begleitet. Der gefertigte Landes-Jngenieur Alois Franz Heide nahm sogleich eine flüchtige Untersuchung der Brücke behufs Gewinnung eines Ueberblickes wegen der etwa vorzunehmenden Rüstungen für die spätere, erst Montag stattfindende genauere Untersuchung und Ausnahme vor. Nach Beendigung dieser Untersuchung kehrte der Gefertigte in Begleitung des Bezirksobmannes nach Mur eck zurück und wurde von diesem, sowie vom Obmann-Stellvertreter, Herrn Dr. Hofstädter, Gerichtsadvocaten in Mur eck, zu der am Sonntags Abends stattfindenden Liedertafel des Männergesangvereines in Mureck eingeladen. Als der gefertigte Landes-Jngenieur im Wirthshause des Sch weighofer (Pächter I ab l) sein Abendbrot verzehrte, kamen zwei Herren mit Sängerabzeichen an der Brust zu ihm und wiederholten die Einladung zu dem Besuche der Production des Murecker Gesangvereines, welche in einem nebenan befindlichen Gasthause abgehalten wurde. Diesem neuerlichen Ansuchen wurde von Seite des gefertigten Ingenieurs entsprochen, indem derselbe nach Zahlung von 50 Kreuzern Eintrittsgeld an dem Tische des Obmannes, Herrn Schweighofer, Platz nahm. Während der Liedertafel wurden dem gefertigten Landes- Jngenieur durch den Bezirksobmann, Herrn Johann Schweigho fer, der k. k. Bezirksgerichts-Adjunct Victor Pfeifer vorgestellt.