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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-08-31 · 35 (31.8.1894) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
35 (31.8.1894)
Date
1894-08-31
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 35 Vesterrrichifche Wochenschrift Seite 685 Darum erachtete Redner es an der Zeit, den Nachweis zu erbringen, daß der Sterbetag unserer nationalen Selbstständigkeit der Geburtstag der Vaterlandsliebe überhaupt sei. Denn als der babylonische Heerführer Nebusaradon vie Juden ins Exil führte, forderte der Prophet Jeremias die Verbannten im Namen Gottes auf, das Wohl des Ortes zu fördern, wohin sie exilirt wurden, und für ihn zu Gott zu beten. Während also den Juden schon vor 2484 Jahren die Vaterlandsliebe geboten ward, ist die Völkerwanderung ein sprechender Beweis dafür, wie wenig Anziehungskraft die Heimat auf die heidnischen Arier ausgeübt hat. Allerdings will man es nicht eingestehen, die Gesittung von uns gelernt zu haben, ja, man scheut auch die Behauptung nicht, daß unsere Religion uns gebietet, unsere Mitbürger als Feinde zu hassen. Aber größere Feinde als die Babylonier, die uns in unserem eigenen Vaterlande mit Krieg überzogen, uns die Freiheit geraubt und alle Gräuel des Krieges an uns geübt, gibt es nicht. Und für diese Feinde gebot unsere Religion zu beten. So lehrt uns unsere Religion nicht blos die Vaterlandsliebe, die sich nach und nach über die ganze gesittete Welt verbreitete, sondern auch die Pflicht, für unsere Feinde zu beten, die bei den arischen Völkern immer noch blos einen papierenen Werth hat. Prag, 24. August. Löbliche Nedaction! Die in der letzten Nummer Ihrer geschätzten Zeitschrift enthaltene, , wahrscheinlich hiesigen Zeitungen entnommene Notiz, in welcher der von mir geleiteten Fachschrift „Reznicke Listy" Erwähnung gemacht wird, beruht auf falscher Information. Den hiesigen Blättern sandte ich keinen Widerruf, da dieselben bei der Kenntniß hiesiger Verhältnisse den innern Widerspruch dieser Notiz erkennen konnten. Es wäre ja sicherlich ein merklicher Widerspruch, wenn ein Abonnent der „Reznicke Listy" im Kreise anderer Abonnenten gegen dieses Blatt deswegen Stimmung machen würde, weil es bei einem jüdischen Drucker gedruckt wird, während er nur nebenbei bemerkte, daß der Herausgeber und Redacteur dieses Blattes, nämlich ich, Jude ist. Thatsächlich hat der Betreffende sich a u s nationalen Gründe n dagegen ausgesprochen, daß die „Reznicke Listy" in der bisherigen Druckerei gedruckt werden. Nachdem Sie die Freundlichkeit hatten, manche meiner hiesigen Berichte zu veröffentlichen, könnte die Meinung entstehen, daß ich auch bezüglich dieser Notiz Einfluß übte, und ersuche ich Sie daher, zu constatiren, daß diese Notiz nicht auf meine Inspiration veröffentlicht wurde, und sehe ich mich zu diesem Ansuchen um so mehr veranlaßt, da an diese Notiz eine Glosse geknüpft wird, die einen jeden czechischen Patrioten, ob Christ oder Jude, tief verletzen muß. Hochachtungsvoll I. S. Kraus, Herausgeber und Redacteur der „Reznicke Listy". Feuilleton. Im stillen Städtchen. Ein russisches Sittenbild von N. Navrnow. — Frei übersetzt von Louise Fokschancr. (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) „Da ... schon reif für's Grab und hat noch was angestellt, wie man sieht", bemerkte ein Handwerker, der geschäftlich auf den Jnspector wartete. Aus der Kanzlei kam der Schreiber, überzeugte sich, daß der Held des heutigen Morgens bereits hier sei und nickte zufrieden. Schloime richtete einen gedankenlosen, stummen Blick auf ihn und hustete. Man vernahm ein schrilles Klingeln ans dem Bureau — Kagailow schaute heraus — „ist hier!" rapportirte er laut und kam zu den Wartenden. „Steh' auf!" rief er Schloime zu. Dieser wandte langsam den Kopf nach ihm und erhob sich mit der Handfläche die Bank suchend. „Stellt ihn auf!" befahl der ungeduldige Kagailow den Polizisten, die sofort herbeieilten. „Ha! er ist da!" rief zornig Lavranti Ardalionowitsch, der jetzt auch erschienen war; und mich erblickend fügte er hinzu: „Da —apropos! Freuen Sie sich! Schloimke!" Schloime legte den großen Kragen seines Mantels zurück, hielt die Kopfbedeckungen unter dem Arme und brachte es zu Wege, sich zu verbeugen. „Stutzer!" spottete der Jnspeetor. . . „Meine ergebenste . . . Hochachtung! ... He, wirst Du schießen?" Die Anwesenden lachten auf. Schloime runzelte iie Stirne und schloß die Augen vor Anstrengung. „Antworte! Wirst Du schießen?" Abermals erschallte eine Lachsalve. Schloime bewegte leise die Lippen — wahrscheinlich, um sein übliches, unterwürfiges Lächeln hervorzubringen. „Lawrenti Ardalionowitsch!" — nahm ich mich des Gefragten an — „er ist ja krank! Kann man denn das nicht verschieben?" „Nein! Man kann nicht. Kagailow, lesen Sie das eingetroffene Document. . . Sie sollen es hören!" . . . Kagailow begann zu lesen. . . O Schrecken! Es war die Forderung der Augustower Bürger, Schloime Mayerow Jerotzki, unverzüglich zu verhaften und ihn mit dem nächsten Etappentransport auszuweisen, da er sich vor ungefähr dreißig Jahren durch Flucht der Militärpflicht entzogen hat. Diese Nachricht überraschte Alle und Keiner lachte jetzt über den kaum athmenden „Krieger". Schloime hörte, wie es schien nichts von dem verlesenen Schriftstücke, blickte gedankenlos den Plafond und die Wände an und hustete. . . „Nun also, was wirst Du sagen?" fragte der Jnspector sich ihm nähernd. Schloime erwachte. . . Er lächelte traurig, machte einen Schritt gegen den Jnspector hin, sah ihm unverwandt in die Augen und sagte mit schwacher Stimme, aber deutlich, mit dem Ton eines Menschen, der endlich begreift, um was es sich handelt: „Das ist von Gott!" . . . Der Jnspector schaute erstaunt auf. Nicht einer solchen Antwort bedurfte es, um die ironische Stimmung zu erhalten. Lawrenti Ardalionowitsch, im Grunde gutmüthig, fühlte sofort die Unschicklichkeit seiner Intonation. . . Schloime gab ihm mit seiner Antwort den Schlüssel zum besseren Verständniß dieses „Typus". Ich kannte Lawrenti Ardalionowitsch gut — seine Empfänglichkeit und sein gutes Herz —ich bemerkte auch bald eine Veränderung in ihm. Er blickte mit wachsender Neugier und Befremdung auf die unansehnliche Gestalt des Juden und in seinen Äugen zeigte sich etwas wie Achtung . . . „Alles von Gott!" ' murmelte er zwischen den Zähnen. „Hm, jawohl! . . . Und Ihr, was wollt Ihr hier?" wandte er sich zu den Umstehenden. „Fort! Wozu seid Ihr hergekommen? Setzt ihn auf die Bank!" befahl erden Polizisten. „Setz' dich Schloime! ... Ich werde gleich , . ." und er gab mir ein Zeichen ihm in sein Zimmer zu folgen. Ich trat ein, er schloß hart hinter mir die Thür und rief: „Ja. das ist eine Ueberraschung, Jacob Prigoriewitsch! Und selbst wenn . .. unterthänigsten Dank! . . . Hier ist noch etwas, er ist wegen der verdammten Schule angeklagt und jetzt, ich bitte Sie. . . einen Kranken, Gebrechlichen ... Er wird es doch nicht aushalten... Wie soll man ihn jetzt per Schub fortschicken. . . 2000 Werst... bei solcher Kälte!" „Verzeihen Sie Lawrenti Ardalionowitsch, warum haben Sie beauftragt, ihn zu bringen; wenn er krank ist?" „Der Teufel weiß etwas von ihm! . . . Uebrigens wäre das schon sehr „human" — er lächelte — und dann, wie konnte ich Krankheit voraussetzen? Schloimke ist Alles im Stande.. . Einen Juden kann man immer vorführen lassen; ich war überzeugt, daß er ein Betrüger, ein Schwindler sei. .. da heißt es: „unverzüglich" „für die Flucht" wer weiß, wie es dazumal bei jener Recrutirung zuging und gar bei den Juden! Mag sein, daß ich selbst bei solcher Ordnung davongelausen wäre. Schließlich . . ." er lächelte verwirrt — „das Alles sehen Sie... erweist sich als „von Gott!" „Was wird jetzt geschehen?" „Warten Sie — mir fällt etwas ein . . . man muß in dem Recrutengesetz Nachsehen. Erlauben Sie!" und er blätterte in einem Buche, das er von der Etagere genommen hatte. „So ist es auch! Wie Hab' ich das nur früher nicht bemerkt! Schloime darf weder vorgeführt, noch einer Strafe unterzogen werden, die Sache ist verjährt. Das hat man in einem Anfall von: „ohne Nachsicht" übersehen, die haben dort Schriftstücke, Papiere vor sich . . . und hier ist ein lebendiger Mensch... Es ist schwer; ich alsUntergeordneter in der Hierarchie wage nicht zu rechten und muß erfüllen was . . . ach Du mein Herrgott!" ...

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