Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 35 (31.8.1894)
- Date
- 1894-08-31
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 682 Drsterrektzifche Wochenschrifi Nr. 35 kennung ausgesprochen, ebenso wurde ihm laut Bataillonsbefehl i vor der Front Dank und Anerkennung ausgedrückt. Paris. Folgender Vorfall dürfte für die Frage, ob die Juden sich gerne der Militärpflicht entziehen, von Interesse sein. Am 20. August begannen vor einer vom französischen Kciegsminister ernannten Commission die Examina, denen sich alljährlich im Hospital St. Martin (Garnisonsspital von Paris) die Studirenden der Medicin nach abgelegtem Freiwilligenjahre zu unterziehen haben. Nur jene Candidaten, welche dieses Examen über die Organisation und Verwaltung der Armee, sowie des Sanitätswesens mit Erfolg bestanden haben, können nach erlangtem Doctor-Grade den Rang eines Militärarztes erhalten. Unter den Candidaten, zumeist im Alter von 20 oder 21 Jahren, befand sich auch ein Herr mit graumelirtem Haare. Als die Namen verlesen wurden, erfuhr die Prüfungs-Commission mit Erstaunen, daß letzterer Herr nicht ein „altes Haus", sondern der Träger eines als Forscher und akademischer Lehrer hochangesehenen Namens ist, der bei einem medicinischen Special-Congresse in Paris, im Mai, als Präsident fungirte. Verwundert fragte der Medicin-Major (Stabsarzt) Dr. Petit: „Was verschafft uns eigentlich die Ehre, Sie hier als Candidaten zu sehen", worauf demselben folgende Antwort zu Theil wurde: „Als ich französischer Staatsbürger wurde, hatte ich bereits das Alter erreicht, in welchem ich keinen Militärdienst zu leisten hatte. Ich richtete jedoch an den Kriegsminister die Bitte, mir zu gewähren, im Falle eines Krieges schon vom ersten Tage an in den vordersten Reihen auf dem Schlachtfelde als Arzt thätig sein zu dürfen, und mir, da in der Zone de 1’Avant nur Militärs Zutritt haben, den Rang eines Militärarztes zu ertheilen. Der Minister antwortete, daß er sehr gerne die Bitte gewähren wurde, aber es stünden leider formelle Bedenken entgegen, da dem Gesetze entsprechend ein mit Erfolg abgelegtes Examen über die Organisation der Armee und des Sanitätswesens nöthig sei, um den Rang eines Militärarztes zu erhalten, das von den Studirenden der Medicin bereits nach den Freiwilligen-Jahren abgelegt werde. Ich habe nun. soweit meine vielseitige Thätigkeit es mir erlaubte, aus Schriften über die Armee und das Sanitätswesen versucht, mir die nöthigen Kenntnisse, welche die andern Candidaten durch praktische Uebung erlangten, zu erwerben und ich scheue mich nicht, unter Leuten, die halb so alt sind wie ich. mich Ihnen gleichfalls als Candidaten vorzustellen und hoffe, daß es den Minister möglich sein wird, meine Bitte zu erfüllen, ohne den Buchstaben des Gesetzes verletzen zu müssen". — „Sie können darauf rechnen", antwortete der Medicin-Major Dr. Petit, „daß unsere Commission Ihnen nicht die geringsten Schwierigkeiten in den Weg legen wird und daß der Minister bereits nächster Tage Ihre Bitte wird gewähren können". Wir müssen leider, dem Wunsche des Candidaten entsprechend, den Lesern der ,,Oest. Wochenschrift" den Namen desselben vorenthalten, bemerken jedoch, daß derselbe ein gebürtiger Oesterreicher und Glaubensgenosse ist. London, 17. August. Der 23. Jahresbericht der Anglo- Jewish-Affociation für 1893/94 beginnt mit dem Ausdruck des Bedauerns darüber, daß die Lage der Juden in Rußland noch keine Besserung aufweist und daß die Einsperrung der jüdischen Bewohner in bestimmte Gebiete in Folge der daraus folgenden Uebervölkerung zu einer Verschlechterung in physischer und socialer Hinsicht führen muß. Erfreulicheres enthält der Bericht über die Juden in Bulgarien; das neue Schulgesetz muß als ein für jene Gegend liberales bezeichnet werden, die jüdischen Schüler besuchen die nationalen Schulen und erhalten nach den gewöhnlichen Schulstunden noch besonderen Unterricht im Hebräischen und in der jüdischen Religion. — Das Comite der Anglo-Jewish-Affociatian hebt bezüglich der mohammedanischen Länder hervor, daß die Negierung des Sultans an ihrem hochherzigen Verbalten gegenüber ihren jüdischen Unterthanen festhält. Ein Hauptaugenmerk hat das Comite, welches gute Beziehungen zum Auswärtigen Amt und zu den Consnlaten der britischen Regierung unterhält, stets aus die Lage der Juden in Marokko gerichtet. Der Regierungswechsel in Marokko ist indeß noch so jungen Datums, daß es unmöglich erschien, schon jetzt seine Folgen für die dortigen Juden zu überblicken. Die intimen Beziehungen zwischen der Association und der Alliance israelite universelle haben sich weiter gekräftigt. Die von der Affociatiou unterhaltenen Schulen im Orient und in den großbritannischen Colonien sind in stetigem Aufschwung begriffen, neuerdings haben Baron Alfred v. Rothschild und Leopold v. Rothschild diesem Humanitätswerk ihre besondere Aufmerksamkeit zugewendet. Das Comite hat jetzt die vollständige und ausschließliche Verwaltung der Eveline v. Rothschild-Schule in Jerusalem übernommen. Unter Aufsicht eines besonderen Damen-Comites will die Association noch mehr als bisher den Mädchenschulen des Ostens ihre Aufmerksamkeit zuwenden und die jungen Mädchen, nachdem sie die von der Association eingerichteten Elementarkurse durchgemacht haben, zur Hausindustrie erziehen und so ihre Erwerbsfähigkeit und ihren Bildungsgrad heben. Mit großem Erfolg hat das Frauen-Comite bereits in Adrianopel, der zweitgrößten Stadt der europäischen Türkei, gewirkt. Die Zahl der Knaben, welche ihre Erziehung in den dem Comite unterstellten Schulen erhalten, beziffert sich auf 4691, die der Mädchen 2338. Die Zweigvereine der Association erstrecken sich über ganz Großbritannien und alle englischen Colonien. Während die Zahl der Beiträge in London, dem Hauptsitze der Gesellschaft, so ziemlich constant geblieben ist, fließen die Mittel aus Australien, in Folge des dortigen wirthschaftlichen Niedergangs, spärlicher. Die Gesellschaft hat zur Zeit 36 Zweigvereine, 24 in den Vereinigten Staaten, 11 in den Colonien und fremden Ländern und einen in Indien. Das Comite fühlt sich dem Chief Rabbi, dem Oberst Goldsmid und den Rabbinern Dr. Löwy und S. Singer zu besonderem Dank verpflichtet für die Ansprachen, welche dieselben zur Förderung der Interessen der Gesellschaft gehalten haben. Präsident der Gesellschaft ist Baron Julian Goldsmid, Mitglied des Parlaments, zu den Vice-Präsidenten gehören der Oberrabbiner Dr. Adler, F. F. Mocatta, Lord Rothschild, Baron Albert Sassoon; unter den 24für die nächsten zwei Jabre gewählten Comitemitgliedern befinden sich Rabbiner Dr. Gaster, Rabbiner A. Löwy, Lieut.-Col. Montefiore, Edward Montefiore Micholls, Arthur Sebag-Montefiore und der um die Hebung der weiblichen Arbeitsschulen im Orient verdiente Hermann Landau. Tetuan (Marokko), im Juli. Die Anglo Jewish-Association und ihr Marokko-Hilfsfonds gewähren der hiesigen jüdischen Mädchenschule eine jährliche Unterstützung, chie Knabenschule wird von der Alliance Jsraelite unterhalten. Herr Elkan N. Adler hat kürzlich im Auftrag der Anglo Jewish-Association diese Schulen besucht und einen inl Hinblick auf die gegenwärtigen Verhältnisse in Marokko besonders interessanten Bericht erstattet. Das Schulgebäude ist ans Frankreich in natnra mit einem Kostenaufwand von 80.000 Franken hierher geschafft worden, obwohl ein Drittel dieser Summe genügt hätte, um einen hiesigen maurischen Palast zu einem modernen Schulhause einzurichtcn. Daß ein solcher Umbau keineswegs unzweckmäßig ist, hat man bei der englischen Schule in Tanger erprobt, welche mit ihren offenen Galerien auf den unteren Stockwerken und einem breiten Mittelraum (Atrium), bei dem die Schulräume offen sind, den hiesigen klimatischen Verhältnissen angemeffen ist. Indeß wenn auch kostspielig, ist die israelitische Schule in Tetuan doch ohne Frage sehr praktisch gebaut. . Sie hat nur ein Stockwerk, acht Clasienräume gehen um einen mit Lindenbäumen bepflanzten Hof und nehmen zwei Seiten desselben ein, die Waschräumlichkeiten liegen auf der dritten Seite, während das Amtsgebäude des Direktors und eine Buchhandlung die vierte Seite in Anspruch nehmen. Der Director heißt Nissim Levy und verwaltet sein Amt seit zwei Jahren und hat 6 Lehrer unter sich, welche 356 Knaben, von denen 176 Schulgeld bezahlen, unterrichten. Unter den Zöglingen befinden sich 2 Katholiken und 1 Araber. Nur in der untersten Classe wird der spanische Jargon, der die Landessprache der meisten maurischen Juden ist, gesprochen, sonst wird französisch und hebräisch gesprochen. Der englische Reisende findet in der obenerwähnten Buch* Handlung kein englisches Buch, wohl aber französische Uebersetzungen von Kompert's Ghettogeschichteu und Grätz's jüdischer Geschichte. Er ist der Ansicht, daß die Schule auch einen englischen Lehrer erhalten muß. Heute sind angesichts der marokkanischen Wirren die einzigen Abzugspforten für jüdische Emigranten von Tetuan, Algier und die spanischen Theile von Südamerika. Herr Elkan Adler spricht die Ueberzeugung aus, daß wenn die Zöglinge der Schulen etwas Englisch lernten. Egypten ihrer Energie ein weites Feld bieten würde. Mit ihren Kenntnissen, Raschi und „Dinim" mit inbegriffen, war er außerordentlich zufrieden. Das ist weniger überraschend,