Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 35 (31.8.1894)
- Date
- 1894-08-31
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 35 Drstrrreichftchr Wochenschrift Seite 681 läßlicher in Betreff der magyarischen Gesinnung, als irgend ein anderer Staatsbürger. Die Interessen des Gesammtstaates stehen aber doch schließlich höher, als die der Gesellschaft, welche sich im Genuß ihrer Privilegien erhalten will, und diese Interessen erfordern, daß bei der Vergebung wichtiger Aemter auch die Quolifieation der Beamten ins Gewicht fällt. Wenn insbesondere eine Universität die höchste Blüthe der nationalen Intelligenz repräsentiren soll, so dürfen bei der Beurtheilung und Berufung von Professoren nur wissenschaftliche Gesichtspunkte maßgebend sein. Ein wissenschaftlich hochstehender Professorenkörper kommt dann ja schließlich auch jenen Gesellschaftskreisen zu statten, welche engherzig die „Aemter" für sich monopolisiren wollten. Prag. (Die israelitischen F e r i e n c o l o n i e n in Prag,) die vor vier Jahren durch die leider allzufrüh verstorbene Frau Betty Lasch, hier, in's Leben gerufen und begründet wurden, erfreuen sich von Jahr zu Jahr einer immer größeren Frequenz und einer gesteigerten Anerkennung seitens des israelitischen Publicums, rechtfertigen also deren Bestand und Tendenz. Allenthalben bricht sich die Idee dieser äußerst wohlthätigen Institution Bahn in allen Gesellschaftskreisen unserer Gemeinde, und demgemäß läßt sich mit Zuversicht erwarten, daß der.Verein in die Lage kommen dürste, auch fernerhin in aufsteigender Richtung wirken zu können; denn gerade der Umstand, daß die Kinder während 30 Tagen in gesunder, waldreicher Gegend unter der Aufsicht und Erziehung bewährter, tüchtiger, pädagogisch gebildeter Lehrer auf dem Lande untergebracht tverden, woselbst sie nicht nur rituell verköstigt, sondern auch in religiöser Beziehung und systematischer Weise erzogen und zur Pünktlichkeit, Ordentlichkeit und Thätigkeit angehalten werden, ist der Vorzug, der die israelitischen Feriencolonien vor anderen bestehenden derartigen Institutionen auszeichnet, und es muß zur Ehre der betreffenden Herren Lehrer, als Coloniehälter hier constatirt werden, daß sie ihre übernommene Pflicht und Aufgabe nach jeder Richtung hin erfüllt haben, wofür ihnen seitens der Vereinsleitung nur Dank und Anerkennung gebührt. Aber auch der Vorstand und ganz besonders das Damencomite lassen es an Sorgfalt und rastloser Thätigkeit gegenüber den Kleinen nicht fehlen, damit die Kinder in die Colonie, mit allen nöthiqen Utensilien versehen, reinlich und ordentlich kommen. In unermüdlicher Weise waren hiebei die Damen und Obmännin des Damencomites Frau Louise P i cf, Frau Dr. Fanny Tauber, Frau Charlotte Angel, Frau A. Deutsch, Frau K ohn, Frau Kand er, Frau Teller, Frau Weiner und die Tochter der verstorbenen Frau Betty Lasch. Frau Leontine D e n h o f. thätkg. Sie leiteten in sehr umsichtiger Weise nicht nur die Expedition und Revision der Colonisten, sondern schafften auch Kleider, Wäsche. Schuhuerk und andere Ausstattungsstücke herbei, welche an schlecht ausgerüstete Kinder vertheilt wurden, wobei einzelne Damen persönliche materielle Opfer brachten. Es ist eine wahre Freude, den regen Wetteifer und die begeisterte Hingebung aller Factoren des Vereines zu sehen, mit welcher jeder Einzelne seines Amtes waltet. Ganz besonders verdient die rastlose, umsichtige Thätigkeit des Obmannes Herrn Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld und seines Stellvertreters Oberrabbiner-Stellvertreter Herrn Dr. Tauber und des Geschäftsleiters des Vereines Herrn Michael Wien rühmend hervorgehoben zu tverden. Herr MDr. Josef Men dl besorgte die mühevolle ärztliche Untersuchung der Kinder, wofür ihm Dank und Anerkennung in vollstem Maße gebührt. Auch die Jnspection sämmtlicher Colonien wurde heuer durchgeführt und ergab das befriedigendste Resultat. Am 16. Juli wurden 6 Colonien in die Colonieorte Rakonitz, G o l t s ch—I e n i k a u, H e r m a n m e st e c, L o b o s i tz, W e lwarn und Ledetsch und am 1. August die 7. nach Choteb o r abgesandt. Im Ganzen waren Heuer 140 Kinder, und zwar 56 Mädchen und 84 Knaben des Genusses der Ferieneolonie theilhaftig. Am 15. August d. I. kamen die Kinder, empfangen von einigen Vorstandsmitgliedern in Begleitung d?r Lehrer wieder in Prag an. Man sah es den angekommenen Kindern deutlich an, wie wohlthnend der Landaufenthalt für dieselben war. Lebensfrische, Munterkeit, körperliches Wohlbefinden und eine bedeutende Gewichtszunahme waren fast bei sämmtlichen Kindern wahrzunehmen und wahrlich, es ist doch kein leerer Wahn, die Gründung von Feriencolonien. In den Colonien selbst erfreuten sich die Kinder der lebhaftesten Theilnahme und der besonderen Beliebtheit der israelitischen Bevölkerung und in H e r m a n m e st e c, in L o b o s i tz veranstalteten die Damen den Colonisten Ausflüge. In Hermanmestec zeichneten sich die Mädchen bei den Ausflügen durch Veranstaltung von Declamationen, Liedervorträgen und Spielen aus, sämmtliche Ortsdamen und alle israelitischen Schüler und Schülerinnen betheiligten sich an denselben und bekundeten die Sympathie auch dadurch, daß sie die Kinder wegen ihres munteren anstelligen Wesens auch reichlich mit Kleidern, Wäsche und Schuhwerk beschenkten. Alle Gönner und Freunde können des Dankes der Kinder und aller Gleichgesinnten versichert sein. Mögen diese thatsächlichen Darstellungen die gesunde Idee, „israel. Feriencolonien" zu gründen, propagiren, ihr Eingang und Sympathie in allen ihr noch fernstehenden Kreisen verschaffen, damit der Verein in die Lage komme, allen ansuchenden Familien und deren schwächlichen Kindern Gewährung angedeihen zu lassen, und das Bewußtsein segensreichen Wirkens wird der Lohn dieser Thätigkeit und Unterstützung sein und bleiben. Hannover. (A n t i s e m i t i s ch e W a h r h e i t s l i e b e.) Am Freitag, den 10. August d. I. veröffentlichte die „Hann. Post" unter der Spitzmarke 8. einen Bericht aus Blankenburg a. H., in welchem unter den üblichen antisemitischen Randbemerkungen behauptet wurde, der Stadtrath Glaser in Blankenburg, ein getaufter Jude und Besitzer von halb Blankenburg, der sich selbst als Nationalliberaler bezeichnet hätte, habe den Socialdemokraten in Blankenburg das Geld zur Erbauung eines socialdemokratifchen Casinos gegeben unter der Bedingung, daß diese ihr Bier ausschließlich von der dortigen Brauerei „Glückauf", deren Hauptactionär er wäre, bezögen. Diese ganze Geschichte beruht auf Schwindel. Einmal ist der Stadtrath Glaser auch heute noch Jude und hat bisher noch nicht daran gedacht, sich taufen zu lassen; ferner ist derselbe nicht Besitzer von halb Blankenburg, sondern es gehört ihm außer feinem Geschäftshause in der Stadt nur noch ein Wohnhaus vor derselben; endlich haben die Blanke n bürg er Socialdemokraten weder ein Capital von ihm persönlich verlangt noch erhalten. Die Führer der Socialdemokraten haben an den Aufsichtsrath der Brauerei „Glückauf", dessen Vorsitzender der Stadtrath Glaser ist, das Ansuchen um Überlassung eines Capitals zu dem erwähnten Cafinobau gestellt, sind aber von demselben abschlägig befchieden worden. Berlin. (Anrüchigkeit der antisemitischen Führer.) Der „Reichsbote" schreibt: „In Eg gen stein ist der Führer der reinen Rassenantiseiniten, Huber, wegen Sittlichkeitsverbrechen angeklagt worden. Auch im politischen Lebenslauf dieses Mannes tritt die Thalsache hervor, daß er früher ein freisinniger Agitator war. Es erklärt sich daraus die Erscheinung, daß so viele politische Fehler, welche früher den Fortschrittsphilister auszeichneten, namentlich Scrupellosigkeit, Engherzigkeit und Beschränktheit, heute gehäuft im Lager der Rassenantisemiten anftretcn. Ahlwardt war bekanntlich auch freisinniger Parteigänger, ehe er durch seine gewiß nicht unverschuldeten Wuchererlebnisse „reiner" Antisemit wurde. Der „Reichsbote" gibt also damit zu, daß der Kampf gegen die Juden besonders begeisterte Zustimmung bei vielen zweifelhaften Charakteren gefunden hat. Sie haben es in der freisinnigen Partei nicht ausgehalten und sind ins antisemitische Lager abgeschwenkt. Württemberg, 19. August. Der heutige „Staatsanzeiger für Württemberg" meldet: „S. Kgl. Majestät haben am 12. d. M. allergnädigst geruht, dem israelitischen Kirchenpfleger Hirsch K a h n in B a i s i n g e n die Verdienstmedaille des Friedrich- Ordens zu verleiben." Herr Kahn führt schon feit fünfzig Jahren ununterbrochen das Amt des Gemeinderechners und es herrscht unter den Mitgliedern der israelitischen Gemeinde zu Baisingen einmüthige Freude über die Auszeichnung, die dem alten Herrn widerfahren ist, der in früheren Jahren auch Mitglied des Kirchenvorsteheramtes war und in beiden Aemtern durch Treue und Gewissenhaftigkeit sich nicht nur die allgemeine Achtung und Beliebtheit bei feinen Gemeindegenossen, sondern auch bei den Orts- und Staatsbehörden erworben hat. Mögen dem Jubelgreise noch viele Jahre geschenkt sein, in denen er rüstig seines Amtes weiter walten und feiner Auszeichnung sich freuen kann! Posen. Am 7. August rettete der Reservist. Tambour- Gefreite Georg Goldner (1. Bataillon des 19. Jnfant.-Reg.) als er mit seinem Bataillon durch die Steingasse marfchirte, einen zehnjährigen Knaben, welcher unter einen Pferdebahnwagcn gekommen war, mit eigener Lebensgefahr vom Tode. Herrn Goldner wurde von feinem Major wiederholt volle Aner-