Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 35 (31.8.1894)
- Date
- 1894-08-31
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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<Sfit 678 VesteLLLurrrsüre -pooxenMrm 5ix. 35 Die jüdische Lsndwirthschaftsfchule des Consuls Simon in Hannover hat uns schon wiederholt Gelegenheit gegeben, auf dieses vortreffliche Institut hinzuweisen. Dadurch daß Consul Simon mit großer Mühe und vielen Kosten jüdischen Knaben die Möglichkeit gewährt, Landwirthschaft zu ^ernen, hat er die beste Admehrthätigkeit übernommen, die cs gibt. Von seiner Plantage und seiner Schule schreibt der „Hann. Anzeiger" vom 26. Juni: „Der Provinzial Gartcnbauverein war am Freitag zahlreich versammelt, aber nicht, wie sonst, in der Nadelberger Bierhalle, sondern auf dem Goetheplatz. Mit der elektrischen Bahn fuhren über 50 Mitglieder unter Leitung vom Stadtgarleninspector Trip nach Ahlem, um die vom Landwirthschaftslehrer Maier auf der Planlage des Consuls'S imo n vorgenommenen künstlichen Düngungsversuche zu besichtigen. Die Plantage hat sich in den kaum zwei Jahren ihrcs Bestehens mächtig entwickelt; über 30 Morgen sind im Anbau, ein hübsches Naturholzstacket mit blumengeschmücktem Portale schließt sie ein, landschaftsgärtnerische Anlagen liegen an der Chaussee, dann kommen die Wohn- und Gewächshäuser und ringsherum liegen weite Beete, Felder und Banmreihrn. Ueberall angebrachte Flügelpumpen liefern das nöthige Wasser, der Boden ist erster und zweiter Classe und zum Theil auch Sandboden. Die Düngungsversuche an Ob st bäumen und Beeren fruchten sind hier in diesem Frühjahr in großartigem Matzstabe betrieben worden, wie sonst noch nirgendwo. Ein wirkliches Resultat ist erst beim Abwiegen der Ernteerträge an Erdbeeren, Johannisbeeren, Baumobst und Kartoffeln zu erzielen; aber besonders die Rosen mit Düngung ließen die ungedüngten an Jntensivität der Blatt- und Blumenfarbe bedeutend zurück und auch die gedüngten Erdbeeren standen besser. Die Besucher, die zum Theil aus Hildesheim, Banteln und Gleidingen zur Besichtigung dieser interessanten Versuche gekommen waren, zeigten großes Jntcresse. Die Düngungsversuche werden natürlich fortgesetzt, sowohl mit Naturals Kunstdünger. Sehr viel Beifall fand die sorgfältige Pflege der schwarzen Johannisbeere, eines feinen Obstes, welches leider in Hannover so ganz vernachlässigt wird. Sodann fübrte Consul Simon die Besucher in die Erziehungsanstalt für jüdische Knaben, die er hier gegründet hat. 24 Schüler und 12 Lehrlinge arbeiten jetzt hier, die bis auf 2 Handwerker alle Gärtner und Ackerbauer werden. Die Schüler sahen alle recht munter und gebräunt aus und zeigten ein recht fideles Wesen; man sah, die Arbeit gefiel ihnen. Sie wird ihnen auch durch Liebe angenehm gemacht. Es gibt tüchtig zu thun, aber auch Spiel und Unterhaltung. Die Schüler müssen um 6 Uhr aus den Federn, jeder macht sich selbst sein Bett in dem gemeinsamen Schlafsaale, daun kommt die Betstunde, das Frühstück, abwechselnd Kaffee. Roggenbrei oder Schrotgrütze. In der meblclassigeu Volksschule der Anstalt unterrichten 2 Lehrer dann von 7 bis 12 Uhr mit den nvthigeu Pausen, um 9 Ubr wird wieder gefrühstückt; nach dem Mittag, wo jeder Knabe nach der Reihe Aufwarte- und Abräumcdicnfle leistet, folgt leichte gärtnerische Arbeit, von 4 bis 6 werden die Schularbeiten gemacht, um 6 wird in derFösse gebadet oder in der Turnhalle geturnt um 7'/, gibt es Abendessen, dann wird noch gespielt und um 8% liegt Alles im Bett. Die Lehrlinge arbeiten im Sommer von 6 bis 6 und haben im Winter alle Tage, im Sommer Sonnabends und Sonntags Fortbildungsschule, die sie später mit der Kunstgewerbeschule besuchen werden. Schon fetzt werden Schüler und Lehrlinge mit allerlei nützlichen Handarbeiten beschäftigt. Die Anstalt bestehr aus zwei großen mehrstöckigen getrennten Baulichkeiten, in denen außer den Kindern zwei Schlosser und ein Tischler. e;n Obergärtner und zwei Gehilfen wohnen. Arbeitsraum. Warm- und Kalthaus. Scheune und Remise mit Boden, Schlosserei. Bäckerei und Tischlerei und Stallungen enthält der eine Bau, der andere die freundlichen Schulstmmer, den Speise- und Schlafsaal, beide freundlich und praktisch, das Bureau, die Lehrerwohnungen, eine schöne Küche, ein Brausebad und eine nette Turnhalle. Alles ist überaus praktisch und bei aller Einfachheit doch hübsch eingerichtet und wurde mit so großem Interesse besichligt, daß der Aufbruch zum Limmerbrunnen nur langsam erfolgte. Bon dort besuchte man den großen Landschaftsgaiten des Consul Simon an der Herrenhäuser Allee, den derselbe dort aus einer Sandwüste geschaffen hat. Es ist ein origineller Park geworden. Tiefe kühle Schluchten sind entstanden, Tropfsteinhöhlen, eine Burg mit Burggrabeu, Wasserfälle und Springbrunnen. eine kleine Hochalpe mit Knieholz und Edelweiß, auch die Bienen haben ihr Revier. Weite Rasenflächen wechseln mit Gebüschen und Blumenbeeten ab und zeigen, daß man mit Fleiß und Ausdauer sogar auf Sand bauen darf." Diese Anstalt ist auch für unsere Glaubensgenossen in Oesterreich von hohem Interesse. In derselben sind derzeit bereits 9 Zöglinge aus Galizien und zwar aus den Städten Kolomea und Stanislau. Es wäre zu wünschen, daß die leitenden Persönlichkeiten der österreichischen Judenheit dieser ausgezeichneten Anstalt in Hannover ein wohlwollendes Interesse widmen. „Wiener Anstchten." Wir erhalten von einem Leser unseres Blattes folgende bemerkenswerthe Zuschrift: „Geehrter Herr Redacteur! Gestatten Sie einem langjährigen Freunde Ihrer Zeitung, Ihnen von einer kleinen Scene Mittheilung zu machen, Wieste sich letzthin auf einenl Bahnhofe einer größeren Südbahnstation zugetragen hat. Daselbst ist ein Automat aufgestellt. Man wirft bekanntlich ein 10-Hellerstück ein und erhält Kalodont, Seife, Bonbons, Zündhölzer — kurz unterschiedliche schöne Dinge. Eine Gruppe von Wiener Ausflüglern umstand den Automaten. „G'wiß wieder so a jüdischer Schwindel!" hörte ich einen höhnisch rufen. „Aber an halberten Schestak reskir i auf a Paar Kartln Briefpapier und Couverts. Wiener Anstchten werd'n a versprochen — alsdern eint mit der Cassa!" Gesagt, gethan, der Nickel wird in die Spalte gezwängt, schlägt aus dem Boden an — ein Ruck am Handgriff — ein kleines winziges Päckchen kollert dem Enttäuschten in die Hände. Dasselbe enthält ein einziges Kärtchen mit einem abscheulichen, grellfarbigen Bilde beklext ä la alter Wiener Mandelbogen, ferner ein Stücklein Bleistift 2 Centimeter lang und eine schäbige Enveloppe für Visitkarten. Das Ganze wäre mit iya Kreuzern genügend bezahlt gewesen. „A so a jüdische Bagage" brummte der Gefoppte, „das is ja der reine-" das letzte Wort entging mir, aber ich hörte noch deutlich, wie ein Anderer ihn schroff unterbrach: „Halt's Maul, Schani. Dös is ja von Häufler, Sch mutte rer u. Comp. Da steht ja deutlich Name und Adreß d'rauf — das sein ja stramme Antisemiten. Aber schon wia! G'wiß a no!" Der Andere schwieg und die Juden hatten für heute Ruhe. Das dankten sie offenbar der Solidität einer arischen Firma. Durch Veröffentlichung der Thatsache, welche zugleich eine Art Warnungssignal vor dem pompös angekündigten „Briefpapier mit Wiener Ansichten" bilden wöge, würden Sie mich, Herr Redacteur, sehr verbinden, und viele Andere vor Spott und Schaden behüten. Ob eine solche Zum-.Narrenhalterei wie diese nicht auf irgend eine Weise ganz aus der Welt zu schaffen wäre, entzieht sich meiner Beurtheilung. Ihr ganz ergebenster. Dr. Theodor F. EorreMiräenMn. Wien. Anläßlich des Krieges, welcher zwischen China und Japan zum Ausbruche kam, werden Nachrichten über die Juden in diesen beiden Reihen gewiß von Interesse sein. In Japan besteht nur eine Judengemeinde, nämlich die Na-gasaki. Dieselbe besteht aus amerikanischen, englischen, holländischen, deutschen und österreichischen Juden und besitzt eine Synagoge nnd einen Friedhof. Kleine jüdische Niederlassungen sind in Kobe, A okohama nnd Aed do. In der Hauptstadt von China, Pecking, gibt es kerne fremden Juden, weil daselbst allen Fremden die Ansiedlung verboten ist. In Tientsin dagegen ist eine ganz ansehnliche Colonie fremder Juden und in Schanghai sowie in Hongkong gibt es reguläre Gemeinden mit Synagogen und Friedhöfen. In den Hafenstädten Cantsn, Futschu und Amoy sind kleine Niederlassungen von Juden. In Korea gibt es keine Juden. Wien. (Die Segnungen des Antisemitismus.) Die nach der Amtsenthebung des bisherigen antisemitischen Obmannes der Krankencasse der Gastwirthegenossenschaft vorgenommene Cassenrevision ergab zwar keinerlei Abgänge in den Cassenbeständen, auch erwies sich die Buchführung als correct, dagegen stellte sich heraus, daß die Caffe mit rund elftausend Gulden passiv sei, während sie, um den gesetzlichen Anforderungen zu genügen, heute schon über einen Refervefond von rund hunderttausend Gulden verfügen müßte. So sehen die Bestrebungen der Antisemiten für das Gewerbe und die redliche Arbeit in praxi au§. Die Strafanzeige, welche der gewesene antisemitische Obmann gegen den Krankencassearzt Dr. Roth wegen eines angeblichen Sittlichkeilsvergehens erstattete, wurde von der Staatsanwaltschaft in Wien zurückgelegt, da dieselbe keinen Anlaß gefunden hat, auf Grund jener Anzeige auch nur irgend welche Vorerhebungen zu treffen.