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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-08-31 · 35 (31.8.1894) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
35 (31.8.1894)
Date
1894-08-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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;•s^&aQai 9h. 35 Vom Jahrmarkt des Lebens. Der Wiener Saatenmarkt. Es war nicht viel mehr als der Schatten jenes Saatenmarktes, der seit zweiundzwanzig Jahren zum Vortheile der Producenten wie der Eonsumcnten und zum Nutzen der Stadt W ten stattgefunden hat, was in dieser Woche als solcher eröffnet wurde. Die Besucherzahl verschwindend, die Geschäftslust gleich Null. Man hatte die Erwartungen bezüglich des Besuches des heurigen Saatenmarktes nach den vielseitig und selbstvon bisherigen treuen Anhängern dieser Institution erfolgten Absagen wohl sehr herabgestimmt. Die Betheiligung war aber noch weit schwächer, als man für möglich hielt, und es mußte dies in den Riesenräumen der Rotunde noch mehr auffallen. Dabei stellte das Gros der Theilnehmer eben der Wiener Markt, während sonst nur noch Mähren und Böhmen in bemerkenswerther Anzahl vertreten waren, die Betheiligung des Auslandes sich jedoch auf wenige Mann beschränkte und Ungarn gänzlich fehlte. Ein trauriges Resultat der geradezu selbstmörderischen Erfolge, welche Wien, seit es sich der antisemltischen Führung überlassen, aufzuweisen hat. Das Bureau der Börse für Landwirthschastliche Producte hat nicht einmal seine Aufgabe zu erfüllen vermocht, den officiellen Bericht über die Ernte in Oesterreich-Ungarn zusammenzustellen, weil viele Vertrauensmänner die Bekanntgabe der verlangten Daten verweigerten. Der erstattete Bericht läßt sich über diese bedauerliche Thatsache folgendermaßen aus: „Die Agitation, welche seit mehreren Monaten gegen den -Besuch des Wiener internationalen Getreide- und Saatenmarktes stattfand, ist in der letzten Zeit auch gegen die Beistellung des Materials für die Erstattung des Berichtes über die Ernte Oesterreich-Ungarns gerichtet worden. Wenn auch nur theilweise von Erfö g begleitet, hat diese Bewegung doch dahin geführt, daß die Ausfüllung der von der Börseleitung verschickten Fragebogen von nicht wenigen Vertrauensmännern verweigert wurde, und nachdem eine verläßliche Schätzung des Ernte-Ergebnisses bei unvollständigem Urmateriale nicht gegeben werden kann, wurde seitens des Bureaus der Börse im laufenden Jahre von der Publicirung des seit dem Bestände der Wiener Saatenmärkte üblichen selbstständigen Referats abgesehen". Aber die Herren von der antisemitischen Partei haben einen Triumph zu verzeichnen, der freilich ein trauriger ist und dessen Kosten nicht zum geringsten Theile jene Gewerbetreibenden tragen, um deren Wohl diese Herren sich bei allen Gelegenheiten so sehr ereifern. Der Besuch des Saatenmarktes ist in Folge der Agitationen, welche die Antisemiten provocirt haben, ein äußerst schwacher geworden. Während bisher 5000 bis 6000 Anmeldungen Vorlagen, haben sich zum heurigen Saatenmarkt — 1552 Theilnehmer gemeldet, von denen thatsächlich sich ungefähr 500 Personen betheiligen. Von diesen 500 Getreuen des Saatenmarktes sind circa 400 Wiener, der Rest sind — Fremde. Der Saatenmarkt hat also ein Deficit von 5000 Besuchern. Dieses Deficit ist bedauerlich in erster Linie durch den empfindlichen Schaden, welcher der Stadt Wien durch das Fernbleiben dieser Gäste erwächst. Die Fremden, welche zum Saatenmarkt nach Wien kamen, haben Geld nach Wien gebracht. Sie wohnten in Hotels, speisten in Restaurants, sie fuhren im Fiaker, gingen ins Kaffeehaus und besuchten die Theater. Schließlich besorgte so Mancher seine Einkäufe, Schneider, Schuster und so mancher andere Gewerbetreibende fand einen Käufer für seine Waare. Und wenn der Fremde nach Hause fuhr, b. achte er wohl auch seiner Familie ein Geschenk mit. Da verdiente der Juwelier, das Kunstgewerbe. „Wozu soll der Gewerbetreibende verdienen?" ruft der Antisemit. „Verdienen ist gefährlich, da könnten die Leute am Ende gar zufrieden sein. Und wir brauchen Unzufriedene!" So ward geschimpft und gehöhnt, bis der Fremde nicht kam. Und jetzt Seite 673 triumphirt die edle Gesellschaft: „Wir haben einen Erfolg errungen!" O ja! Aber man kann ihnen diesmal den „Erfolg" ziffermäßig berechnen. Von den 5000 Gästen brauchte jeder durchschnittlich für die Reise zum Saatenmarkt und seinen Aufenthalt in Wien zweihundert Gulden. Es ist das im Durchschnitt nicht zu hoch berechnet, denn die Leute sparten nicht, wenn sie einmal nach Wien kamen. Da lebten sie und ließen leben! 5000mal 200 ist eine Million. Und das ist der Schaden, den der Erfolg tzer gewissen antisemitischen Hetzer der Stadt Wien bereitet hat. Die Hoteliers, die Wirthe, Fiaker, die verschiedenen Geschäftsleute, welche in der todten Saison auf die Saatenmarkttage als Oasen in der geschäftslosen, stillen Zeit rechneten und harrten, mögen sich bei den „Volksfreunden", bei den „Gewerberettern" dafür bedanken, daß die Fremden nicht nach Wien kommen. Die Herren verstehen zwar trefflich die Phrase vom Volkswohl zu führen, aber es sind Worte, nichts als Worte, die sie großsprecherisch hinausrufen. Thaten sieht -man wenige oder wenn schon, sind sie so treffliche Erfolge, wie die Großthat von der Saatenmarkthetze und das Volk trägt den Schaden. Eine Million Deficit für Wien — das ist die neueste Großthat, deren sich die antisemitische Partei in ihrer Liebe für Wien rühmen darf. Mangel an Rechtspraetikanten. Trotz der großen Frequenz an der juridischen Facultät der Wiener Universität herrscht gegenwärtig bei den Wiener Gerichten ein so großer Mangel an Beamtennachwuchs, daß manche Referate gar keine Rechtspractikanten besitzen. Das Ober-Landesgericht sah sich daher veranlaßt, sich um Abhilfe an das Justizministerium zu wenden, und dieses ertheilte die Ermächtigung, absolvirte Juristen, auch wenn sie die vorschriftsmäßig erforderliche Nachweisung der abgelegten dritten Staatsprüfung nicht zu erbringen vermögen, doch in die Rechtspraxis aufzunehmen. Die Gründe dieses Mangels an Beamtennachwuchs bei den Wiener Gerichten sind gewiß materieller Natur, und die ungenügende Besoldung und die Schwierigkeit des Emporsteigens zu höheren Stufen mögen manchen Juristen von der Beamtenlaufbahn abschrecken. Dieser Zustand ist um so bedauerlicher, als er gewiß auch auf die Qualität des Beamtennachwuchses nicht ohne Einfluß bteibt. Nicht unerwähnt kann aber angesichts dieses Mangels an Nachwuchs bleiben, daß man unter sorgfältiger Umgehung des Staatsgesetzes über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger die Zulassung jüdischer Bewerber zur richterlichen Carriöre ganz zu verhindern gewußt hat. Man hat seinerzeit erzählt, Justizminister Graf Schönborn habe es als eine Ungerechtigkeit erklärt, daß die wenigen jüdischen Gerichtsbeamten, unter denen manche ausgezeichnet qualificirt und zum Avancement von ihren Vorgesetzten empfohlen waren, immer wieder bei der Vorrückung übergangen wurden, weil man sie nicht an höhere Stellen gelangen lassen wollte. Diese Ungerechtigkeit fortbestehen zu lassen, habe dem Gefühle des Justizministers widersprochen. Die Folge war, daß man einige im Justizdienste schon grau gewordene jüdische Beamte um eine Stufe vorrücken ließ, um sich aber künftig von ähnlichen Gewissensbissen zu befreien, die Aufnahme jüdischer Gerichtspractikanten seither ganz eingestellt hat. Antisemitische Hetzereien gegen die Armee. Ueber den Conflict zweier Officiere des 28. Infanterie-Regiments mit dem Redacteur des in Linz seit einiger Zeit erscheinenden antisemitisch-deutschnationalen Wochenblattes „Montagspost", Dr. Neumüller, erhält die „Reichswehr" folgende Darstellung aus zuverlässiger Quelle: „Die Auslassungen der ..Montagspost" gegen Lieutenant Spitzer bilden nur ein Glied in der langen Reihe von Hetzereien, welche dieses Blatt gegen das Regiment Nr. 28 und speciell gegen die Officiere schon publicirt hat. Der Bericht erzählt nun, wie gelegentlich eines früheren Angriffes des Dr. Neumüller auf Lieutenant Spitzer die Secundanten des Letzteren den Doctor aufforderten, ritterliche Genugthuung zu leisten, und wie zuletzt diese Secundanten, Hauptmann Rocek und Oberlieutenant B ozic, den Doctor für satisfactionsunfähig erklärten (und zwar nicht blos wegen der Verweigerung des Duells). Diese Erklärung wurde vom ehrenräthlichen Ausschüsse des Regiments gebilligt und die Sache schien abgethan. Vor einigen Tagen wurden nun Reservisten des Tiroler Jäger- Regiments (dem 28. Jnfanterie-Regimente zur Waffenübung Vestrrrrichiptzr WochenphrM

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