Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 35 (31.8.1894)
- Date
- 1894-08-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 672 OrsterrrichMr Wochenschrist Nr. 35 den Anderen voraus, daß er sie übertrifft. (Lauter Beifall.) Wir haben aber für all' das nur Ein Wort: Unsere Stellung zum Antisemitismus wird nie eine andere werden. Wir werden immer die Niedertracht bekämpfen, wo immer sie steht. (Stürmischer Beifall.) Namens der minderjährigen Arbeiterinnen, die Pater Biederlack so heftig angegriffen hat, ergreift nun ein Frl. Rozek das Wort. Sie sagt unter Anderem: Wir minderjährige Mädchen müssen oft unsere Eltern erhalten, die der Staat erhalten sollte. — Arbeiter Krump wendet sich gegen Dr. Lueger und sagt: Als ich ihn fragte, was er mit seinen Diäten thue, forderte er die Seinigen verblümt auf, uns zu prügeln, und Dreihundert fielen über uns her und thaten wie er befahl — das ist Rohheit, das ist christlich-social! Nun, wir haben darüber unser Uribeil: Ist Einer ein Lump, so ist er auch als Christlich-Socialer einLump — wer immer er sei. Nächstenliebe predigen und zugleich rufen: „Freßt's die Juden auf!" das ist Schurkerei — Arbeiter Henkel ruft: Wo ist die Sittlichkeit der Christlich- Socialen? Im Franziskanerkloster zu Villach? In der Theobaldgasse bei T u s ch l? (Stürmische Heiterkeit.) Darauf meldet sich der christlich-sociale Arbeiter S ch o l e y zum Wort. Er sagt, weder Lueger noch Liechtenstein seien das Ideal seinerPartei. Wir wollen die Christianisirung des gesammten öffentlichen Lebens. Er selbst wisse Religion und Clerus wohl zu trennen und sei der entschiedenste Gegner des letzteren. Daraufserwidert Schrammt, die gemäßigte Rede des Vorredners werde die Versammlung nicht täuschen, die Herren verstehen es trefflich, sich der Stimmung anzupassen; das wird uns aber nicht täuschen, wir kennen und erkennen unsere Feinde. (Stürmischer Beifall.) Damit war diese Versammlung zu Ende. Arbeiterführer S chu m e i e r, der Redner in der B e r s ammlungbeider „goldenen Bretze" in N eule rch enfeld (auch dieses Local war bis auf den letzten Platz gefüllt) erklärte, Zweck der Arbeiterversammlungen sei es, den clericalen Kuttenträgern zu beweisen, daß die Arbeiter ihnen keine Gefolgschaft leisten werden. Er erinnert an die kläglich gescheiterten Versuche der Christlich- Socialen, die Socialdemokraten an sich heranzuziehen. Die Arbeiter sind eben für das Freibier dieser Herren nicht zu haben. (Stürmischer Beifall.) Durch den socialen Cursus der Leo-Gesellschaft sollte ein Leitfaden gegeben werden zur Bekämpfung des Socialismus; in Wahrheit war es aber ein Ersatz für den Katholikentag, den die Clericalen nicht abhalten wollten, weil sie fürchteten, miteinander in Streit zu gerathen. Aus den Präsenzlisten ergibt sich, daß an dem Cursus kein einziger Arbeiter, sondern nur Geistliche und Hetzcapläne aus der Provinz theilgenommen haben, sowie die „Durchlaucht des christlichen Volkes" — einfach Durchlaucht genügt den Clericalen nicht mehr — Prinz Liech 1 enste i n (Rufe: Der Loisl!), der bald schwarz, bald roth, bald wieder schwarz und roth zugleich ist. Er hat nicht versäumt, aufzuzählen, wie viele reiche Juden es in Amerika gibt. Von den aristokratischen Millionären hat er aber nichts gesprochen, deren es ebenso viele und vielleicht noch reichere gibt. Niemand kann es der Socialdemokrarie nachsagen, daß sie die Juden in Schutz nehme, aber das Capital ist interconfessionell. Prinz Loisl habe auch den Pferdefuß des socialen Cursus gezeigt durch seine Klagen über die irdische Machtentkleidung des Papstes. Von P. Biederlack sagte er: Er sprach gegen die Maschinen; aber die Socialdemokraten finden, daß je besser die Maschinen, umso besser für die' Menschheit. Die Arbeiter, sagte dieser Pater B i e d e r! a ck: wie meinte er das? sollten sittlich besser werden — sollen wir etwa so werden, wie der Franziskaner in Villach? (Stürmische Heiterkeit.) Er sprach von der Religion als Mittel gegen die Socialdemokratie; aber die Kirche hat in Frankreich die Republik bekämpft und sich ihr dann doch angeschmiegt und wird sie gegebenenfalls auch den Versuch machen, sich dem socialdemokratischen Staat anzuschmiegen und den Arbeitern nichts vorwerfen, um sie zu beherrschen. Ueber Dr. Geßm ann sagte Schumeier: Geßmann redete von den Schandthaten der Socialisteuführer; das ist eine — Unwahrheit, die nicht genug angenagelr werden kann. Dr. Lueger erklärte, daß man die Socialdemokraten mit Geld, Bajonneten und Kerker bekämpfen kann. Das erste ist eine bewußte — Unwahrheit; Dr. Lueger möge sich darüber nicht wundern, wie er in Arbeiterversan.mlungen tractirt wird. (Redner gebraucht einett viel energischeren und — feuchteren Ausdruck.) ©dj um ei er schloß mit der Erklärung, daß es den Christlich-Socialen nie gelingen werde, einen Socialdemokraten auf ihre Seite zu bringen, wohl aber umgekehrt. Da sich Niemand — und trotz wiederholter Aufforderung auch kein Christlich-Socialer zum Worte meldete, wurde die Versammlung geschlossen. Unter Absingung des Arbeiterliedes verließen die Zuhörer, unter denen sich auch viele Frauen befunden hatten, das Local. Im „Hotel Union" in der Nußdorferstraße sprach Frau Adelheid Dworzak-Popp in einer Frauenversammlung, der auch zahlreiche Arbeiter anwohnten. Hier waren auch die Christlich-Socialen, die in diesem Bezirke, dem' Stammsitze des L gitationsvereines „Christliche Familie" und dem Wahlbezirke des antisemitisch-christlich-socialen Gemeinderathes P. Latschka, eine Rolle spielen, ansehnlich vertreten. Auch einen geistlichen Herrn bemerkte man in ihren Reihen. Den Vorsitz hatte der Arbeiterführer F e i g l. Die Rednerin erklärte, sie werde nickt Gleiches mit Gleichem vergelten und nicht in jener Weise über die Christlich-Socialen herfallen, wie diese es gegenüber den Socialdemokraten gethan. Die Theilnahme, welche die clericale Partei so urplötzlich für die Arbeiter an den Tag lege, sei nach mehr als einer Richtung bedenklich. (Rufe: So ist's!) Die Theorien, die im „socialen Cursus" entwickelt wurden, seien grau und fadenscheinig und nicht geeignet, im Lager der Socialdemokraten Proselyten zu machen. Die Rednerin erwähnt darauf, daß der Papst seine Capitalien bei den R o t h s ch i l d's placirt habe, erörtert die Encyklika über die Arbeiterfrage und fährt fort: Das Um und Auf allen Heils, welches die Christlich-Socialen der Arbeiterpartei bringen wollen, sei Buße und Gebet. Selbst der vom reinsten Menschlichkeitsgefühle dictirten Forderung, daß Weiber und Kinder nicht in den Fabriken verkümmern mögen, stehen die Christlich-Socialen kalt gegenüber. Sie wollen nicht etwa, daß der Lohn des Mannes hinreiche, um Weib und Kind zu ernähren, sondern — sondern daß die Geschlechter in den Fabriken getrennt werden, damit die Unsittlichkeit nicht zunehme. (Heiterkeit.) Sie sind so großmüthig, uns das Paradies im Jenseits zu überlassen. (Rufe: Sie aber haben es hier!) Rednerin kam dann auf Dr. Geßmann und seine Rede in der Leo-Gesellschaft zu sprechen. Sie müsse es ablehnen, sich mit Geßmann, der sich als Feind der Wahrheit bewiesen, näher zu befassen. Den Mann könne man beim besten Willen nicht ernst nehmen. Allein auch Doetor Lueger, der so Gesinnungstüchtige, der niemals seine Ueberzeugung gewechselt hat (Stürmischer Beifall. Rufe: Na so was!), habe plötzlich sein Herz (Rufe: Sein Beuschel!) für die Arbeiter entdeckt. Er habe die Frauen der Arbeiter aufgefoidert, zu seiner Fahne zu schwören, und gesagt, wenn er einmal die Frauen gewonnen habe, so habe er auch die Männer in der Tasche. Die Frauen der Arbeiter jedoch werde er niemals gewinnen, und wenn er ih nenauch zehnm al in einem Athem predige, es sei eine Forderung der Socialdemokraten, daß jeder Mann so viel Weiber habe, als er will. Die Frauen der Arbeiter wissen, wo dieses Verlangen thalsächlich herrscht und auch befriedigt wird — bei den Arbeitern nie. (Rufe: So ist's!) Mit der Ermahnung, den socialdemokratischen Principien treu zu bleiben und den Lockungen der Christlich-Socialen nicht auf den Leim zu gehen, schloß die temperamentvolle Rednerin unter übergroßem Beifalle. Es meldete sich hierauf der Christlich-Sociale Krampusch zum Worte. Unter allgemeiner Verblüffung der Versammlung erklärte er, alle Ausführungen der vorzüglichen Rednerin und Genossin zu theilen. Allein darin habe sie unrecht, daß sie so heftig gegen den kleinen Geistlichen aufgetreten. Meine Herren und Damen, rief Herr Krampusch, der kleine Geistliche ist Blut von unserem Blute und Fleisch von unserem Fleische! Auch er ist ein Proletarier, so wie wir; auch er bekommt für seine Arbeit einen kärglichen, armseligen Lohn und ist nicht immer mit den reichen Bischöfen eines Sinnes; er hält es mit uns! Sollen wir ihn dafür verachten? — Herr Krampusch kam dann auf die sociale Revolution zu sprechen, auf Panama und Cornelius Herz. — Frau Dworzak- Popp, die dem Redner erwiderte, sagte, so ganz genau entspräche seine Ausführung nicht der Wahrheit. Der kleine Geistliche sei das Sprachrohr des großen, man habe ihn für die Bekehrung der Arbeiterschaft mobilisirt, allein, was er wolle, wisse man genau. — Die Versammlung wurde hierauf unter Absingung des Liedes der Arbeit geschlossen. In der Versammlung beim Dreher war Broo der Referent. Er bezeichnete die Christlich-Socialen als das Weihwasser/, mit welchem man die Herrschaft der Aristokratie einweiht. — In den „Dre i Engcl"-Sälen auf der Wieden fand eine Versammlung czechischer Arbeiter statt, in welcher der Arbeiter Nemec sprach. Wenn Prinz Liechtenstein das mobile Capital bekämpft und gegen die niedrigen Löhne, die dasselbe zahlt, Stellung nimmt, so verschweigt er die elenden Löhne von 25 bis 80 kr. täglich, die der Großgrundbesitz zahlt. Die im 10. Bezirke in RaPp l's Rosensälen stattgefundene Versammlung war von circa 1500 Personen besucht. Arbeiter Ferand i sagte hier: Wie schweigsam sind die Herren heute! Warum meldet sich keiner zum Wort? So sind sie, die Christlich-Socialen, welche am liebsten im Dunkeln arbeiten. Derselbe Arbeiter theilte mit, daß in einer Versammlung in Klosterneuburg, in welcher er gesprochen, die Christlich-Socialen faustgroße Steine durch das Fenster nach der Rednerbühne geschleudert hätten. Eine derartige Partei verdiene den Namen einer Bu b enpartei. (Stürmische Zustimmung.) — Arbeiter Waniek wies an der Hand von Beispielen nach, wie die Christlich-Socialen nur das D enunci antenthum in den Fabriken züchten und aus diese Weise die Arbeiterschaft corrumpiren. Im „Chinesischen Salon" in Hernals versammelten sich etwa 1000 czechische Arbeiter. Auch hier wurde der Kampf gegen die Christlich-Socialen in der schärfsten Form angekündigt. Denket, rief ein Arbeiter ans, an die Schlacht vom weißen Berg, an die Bartholomäusnacht, an die Indianer in Amerika, an die Inquisition — das sind die Spiegel des christlichen Socialismus.