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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-08-24 · 34 (24.8.1894) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
34 (24.8.1894)
Date
1894-08-24
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 34 Vestrrrrvtzische Wmtzrnsrtzrtfl Seite 665 Die Juden überlegten richt lange, ob sie den Kreislauf | von Neuem beginnen sollen, sicher eingedenk der Schläge im Schottenhofe, sondern eilten nach Wien und stellten sich vor den Nuntius Delfins. Dieser fand die Beschwerde gerecht und befahl kurz und gut dem Official, den drei Juden Recht zu verschaffen und ihm darüber zu berichten. Official Pald erstein überlegte sich die Sache und fand, daß der Nuntius sich nicht in die Jurisdiction seines Herrn zu mischen habe, daß er sich hier aber gar in die kaiserlichen „Gerechtsame" gemengt, denn die drei Juden seien allerdings Juden, aber auch kaiserliche Kammerknechte. Er schickte den Befehl des Nuntius an die niedcrösterreichische Regierung. Jetzt gerieth Alles in Bewegung. Die Bitte der Juden vor dem Nuntius wurde als Appellation an eine auswärtige Macht angesehen und mit einer geharnischten Beschwerde an den Nuntius beantwortet. Der Vicedom von Stockerau kam „mit bewehrter Hand" nach Gaunersdorf, d. h. führte bewaffnete Knechte mit sich; er selbst hatte ein Faustrohr in der Hand, „ein Püchsle unter der Kleidung und im Hosengefäß (Hosintasche)" und blanke Wehr an der Seite, nahm Waare. Roß und Wagen, den Pfarrer, den Richter und des Richters Buben, der mit der Hacke gestanden nach Wien. Der Pfarrer kam in enstockiam, d. h. in das § chergenstübchen des Officials, der Richter und sein Bub in den Stadtgraben. Der Proceß begann. Die Gefangenen wurden nach einigen Tagen ivieder entlassen. Am 10. September 1574 eefloß die Sentenz. Weil der Pfarrer sich an einem kaiserlichen Kammerknechte vergriffen, kaiserliches Gut gestohlen, wurde er und sein Lehnsherr zu einer Pöu von 1000 Goldgulden verurthcilt und die Gemeinde ongehalteu, an den Festungswerken zu Korneuburg zu roboten. Die Inden kamen nach Wien, um Tuch, Roß und Wagen zu holen und etwas von der Pöu zu erhalten. Da bedeutete der gestrenge Statthalter den Juden: sie hätten nach auswärts appelurt, Strafe verdient, deßhalb seien Tuch, Leinwand, Roß und Wagen und die 1000 Goldgulden „zur Artollerie an die hungarische Gränitz geschickt worden". Verdrießlich war Johann Schretel, der Schottenprälat, er mußte 1010 Goldgulden bezahlen; verdrießlich war der Pfarrer Johann Oberdörfer, denn er wurde beurlaubt, d. h. davongejagt; verdrießlich waren Mathes Krieg ler und die Gemeinde Gaunersdorf, denn sie mußten schanzen; verdrießlich waren Adam Leser und David Jüdl, die Juden von Nikolsburg, denn Tuch und Leinwand waren bei den Landskuechteu; verdrießlich war Adam Jüdl, der Jud zu Mattersdorf, denn Roß und Wagen waren bei der Artillerie an der ungarischen Grenze; vergnügt waren nur Lazarus S ch w e n d i, der Kriegsoberst, denn er hatte 1000 Goldgulden, und Official Pal der st ein, denn er hatte dem Nuntius ein Schnippchen geschlagen. Literatur. Predigten von Tr. S. Horowih, Rabbiner in Bielitz. Selbstverlag. Im Laufe der Jahre sammelt sich eine große Anzahl Bücher, welche Predigten enthalten, auf unserem Lesetiiche, denn fast alle Prediger haben den Ehrgeiz oder die Eitelkeit, sich gedruckt zu sehen — was wir wohl zu begreifen, aber nicht zu billigen vermögen. Vieles, kaum Werth, gesprochen zu werden, schaut sich nun aus dem Papiere dürftig und armselig an; wo die Geste, das Pathos, das Organ oder Temperament des Redners zur Wirkung beitrugen — dort starrt es uns kalt, blüthenlecr und öde entgegen. Zwischen dem geschriebenen und dem gesprochenen Worte gähnt eine klaffende Schlucht. Die Predigten, die vorerst wörtlich genau concipirt und memorirr wurden, machen von der Kanzel gewöhnlich einen schwächlichen Eindruck. Sie greifen nicht durch. Gedruckt nehmen sie sich etwas besser aus. Die freien Improvisationen nach einem zu Grunde liegenden Schema greifen im Moment der Inspiration kräftig durch — verlieren aber, nachträglich ausgeschrieben, viel von ihrer Intensität. Die H o r ow i tz'schen Predigten zählen wir zu dem Besten und Gediegensten, das uns seit Langem Vorgelegen. Er wird dem gesprochenen und geschriebenen Worte in gleichem Maße gerecht. Diese Reden sind werth, gedruckt, gelesen und wieder gelesen zu werden. Der rethorische Schwung ist kein gewöhnlicher, die Auslegungskunst darin keine gewaltsam erklügelte, aber dennoch reich an unerwarteten, überraschenden Wendungen, die anregen zum Selbstdenken. Diesen Reden zu folgen muß ein hoher Genuß sein. Seine Gelehrsamkeit, der hohe Flug seiner Gedanken und der Adel seiner Sprache stellen ihn in die vorderste Reihe. R— n. Wie sott der isracl. Religionsunterricht an Gymnasien erlheilt werden? Bon Dr. Ad. Bi ach, Brüx. Die Broschüre, welche ein Separat ab druck aus dem Jahresberichte des k. k. Ob?rgy.nnasütins in B r ü x für 1894 ist, verdient die Ausmerksauikeit der belheiligten Kreise in vollem Maße, da der Autor werthvolle Anregungen aus seiner eigenen Praxis zur allgemeinen Ke.lntniß bringt. Sein Vorschlag, bei den Vorträgen über jüdische Geschichte und Literatur die parallelen politischen und Geistesströmungen zu berücksichtigen, hat unsere vollste Billigung. „Waruin sollte z. B. bei den Kämpfen nach dem Tode des Maim onides nicht darauf hinaewiesen werden, daß um jene Zeit, wenn auch nicht dieselben, so doch ähnliche Erscheinungen durch das Auftreten der Waldenser zu Tage traten? Bei Besprechung des Mystikers „I e h u d a des Frommen" (13. Jahrh.), welcher die Liebe zu Gott und das Versenken in seine heiligen Geheimnisse als Ideal ansstellte, wird man auf den wenige J.ihrzehnte später lebenden Meister Eck hart Hinweisen können, bei dem sich ähnliche Gedanken ausgesprochen ftnbcit. An eine Entlehnung braucht jedoch nicht gedacht zu werden, da die Mystik eine Geistesrichtung jener Zeit war." Mißtöne aus dem neuen Chaos. Von Lyncens dem Thnrmcr Bndapest. Singer und Wolfner 1895. Actuelle Zeitsragen werden in gewandter Form Poetisch und satyrisch behandelt. Das Citat. „Ein potitisch Liev, ein garstig' Lied" wird Lügen gestraft. „Lyncens" ist ein tüchtiges poetisches Talent, dem zwar noch einige Unklarheit anhastet, ans der ks sich aber bald losringen dürste, und von dem wir noch Gutes erwarten. Sein Büchlein kann empfohlen werden. K. Moses Mend.lssohn uud seine Jcit. Von Dr. M. £>. Frleblander. Dieses mit Liebe und Sachkenntnis geschriebene Buch verdient einen ansehnlichen Leserkreis. Der Autor versteht cs, seinen Stois anziehend zu gestalten, das Leben und Wirken des großen Mannes mit, plastischer Anschaulichkeit an unserem geistigen Auge vorüberzuführen. Die ganze Epoche taucht vor uns auf; die bedeutcudeir Menschen, mit denen Mendelssohn verkehrt, lernen wir kennen und erfahren, wie sie über den ersten und größten Inden ihres Jahrhunderts gedacht. Dr. Friedländer hat die große Literatur über Mendelssohn um einen tverihvollen Betrag bereichert, für den ihm alle seinen Leser Dank wissen werden. Briefkasten. An mehrere Einsender: Anonyme Zuschriften werden nicht berücksichtigt. N. Eh. Wir danken für Ihre freundlichen Aufklärungen, die wir gelegentlich benützen werden. W. B. in R. Für den Abdruck derartiger Mittheilungen beanspruchen wir keine Vergütung. Herrn Fr. N., Bankbeamter. Wer die antisemitische Bewegung recht erwägt, der wird sie nicht für einen Kampf des Christentlptms gegen das Judenthum ansehen, denn das Christenthum wurzelt ja tief im Judenthum, sondern nur für einen Kampf des rohen Selbstbewußtseins der Nationalitäten gegen Christen und Juden zugleich. Fr. P. in P. Was wir von den Borträgen der Leo-Gesellschaften halten? Viel Geschrei und sehr tvenig Wolle, und das was z. B. auch das berufenste Organ zur Begutachtung der von G e ßm a n n vorgeschlagenen Mitteln zur Bekämpfung der Socialvemokratie, die „Arbeiterzeilung", in ihrer vorletzten Nummer sagt: ,,Die specisisch G e ß m a n n'sche Methode zur Bekämpfung der Socialdemokratie, die übrigens allen Christlich-Socialen eigenthümlich, ist also die L ü g e". Herrn Ober!, von P. Sie thnn uns doch Unrecht! Zum Beweise dessen, daß wir auch dem Gegner Achtung entgegenbringen, bekennen wir hier unumwunden, daß, trotz der ausgesprochensten und bittersten Feindschaft, wir mit der ,,Ostdeutschen Rundschau" mit mehr Vergnügen polemisiren, als mit einem Blatte von der Sorte ,,ReichspostO Herrn Robert F—1, hier. Sie sind ganz richtig infvrmirt. Die Kadimahner schlagen sich und famos noch dazu. Herrn Dr. D . . .. in M. Wohl sagt Körner, „es sei kein Schurke so dumm, daß er nicht einen Grund für seine Niederträchtigkeiten fände" — doch bei den von ihnen genannten Herren trifft dies dennoch nicht zu. Herrn Franz B. in Wr.-Nustadt. Was Sie uns mittheilen, bekräftigt nur neuerdings unsere Ansicht, daß die gelehrigsten Recruten des Antisemitismus jene Leute sind, die eben durch Juden verhindert werden, in entsprechende Stellungen zu gelangen oder vermöge der höheren Intelligenz eines jüdischen Cvncurrenten aus einer solchen verdrängt werden.

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