Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 664 Oesterreichilche Wochenschrift Nr. 34 Ich fragte Schloime, weshalb er geholt worden sei, weshalb er sich nicht auf seine Krankheit berufen habe? Er warf einen kurzen Blick auf mich und beschleunigte seine Schritte. Ein Polizist erklärte : „Der Befehl lautet, Schloime sofort einzuliefern." Schloime sah mich wieder an und dann den Sprechenden. Ich verließ sie und eilte in die Kanzlei des Lawrenti Ardalionowitsch; aber da sagte man mir, daß er Auftrag gegeben habe, Niemanden vorzulassen, weil er heute viel beschäftigt sei. Ich wartete im Vorzimmer. Schloime trat ein, er fiel auf die Bank, sich mit beiden Händen an dieselbe klammernd, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Er saß zusammengekauert, den glatt geschorenen Kopf in den Kragen seines fadenscheinigen Tuchmantels vergraben — die entzündeten Mauseaugen funkelten und schauten von einem Gegenstand auf den andern. (Fortsetzung folgt.) Die Judenverfolgung zu Gaunersdorf. ' Eine Criminalgeschichte aus alter Zeit. Im Frühjahr 1573 zogen zwei Juden, Adam Leser „der Jüdl" und David Jüdl „der Jud", beide wohnhaft und hausgesessen zu Nikolsburg, mit Tuch gen Wien. Es waren Kaufleute. Adam Jüdl, Jud zu Mattersdorf, stellte Roß und Wagen bei und war ihr Fuhrmann. Gegen eine „Ergetzlichkeit" oder im modernen Sprachgebrauche gegen ein Trinkgeld durften die Nikolsburger Juden auf dem Wagen des Mattersdorfer Juden sitzen und fahren, sonst hätten sie sollen „zu Schirm und Wehr" neben Roß und Wagen gehen. Die Israeliten zogen friedlich ihres Weges, kamen eines Abends nach Gaunersdorf und suchten Herberge. In Gaunersdorf amtirte damals der Pfarrherr Johann Oberdörfer;, in dem Schottenprälaten zu Wien verehrte er seinen Lehnsherrn. Kaum wurden die Juden erblickt und die Waare erkannt, als Pfarrer und Richter herbeiliefen, ftuchend und scheltend den mit einer Decke überzogenen Wagen aufschnitten und das Tuch sich aneigneten. Die Juden schrieen und lärmten, setzten sich aber nicht zur Wehr, denn ein Bursche mit einerscharfen Hacke hielt sie in Respect. Oft und vielmals suchten die Juden durch Bitten und güte Worte ihr Tuch zurückzubekommen. Es war umsonst. Nun schritten sie zur Klage. -Lite Juden aus Nikolsburg bestätigten dem von Mattersdorf und der von Mattersdorf denen von Nikols bürg den Verlust. Hatten Pfarrer' und Richter das Tuch an sich gezogen, so hatten die übrigen Bauern Roß und Wagen sich angeeignet. Die Juden von Nikolsburg bezeugten den Raub wie folgt: ..Ich Adam Leser, Jud, David Jud, wohnhaft und hausgesessen seiend in der löblichen Stadt Nikolsburg, bekennen für Männiglich, daß wir den Adam Jüdl, Jud von Mattersdorf, gebeten haben, daß er uns soll führen auf seinem Wagen uns obbemelte Juden gen Wien mit seinem Roß und Wagen. Da sein wir dahingefahren bis gen G a unersdorf. Nachdem die Roß müd sein gewesen und auch übles Wetter vorhanden war, da haben wir zwei obgedachte Jüden suchen wollen um eine berumbte Herberg. Wir haben gesucht, da ist gekommen der Matthes K r i e g l e r und der Herr Pfarrer zu G aunersd orf, zu uns ist gekommen mit fluchen und schelten, und des Mathes Kriegler Sohn mit einer Hacken, hat sie lassen stehen wieder und als sie vermeint haben, wir wollten uns gegen ihnen zur Wehr stellen, haben sie von unL Jüden abgelassen, sind geloffen zu unfern Wagen, darauf wir gefahren sein, haben aufgeriffen und ausgeschnitten, und diese Waar, die sie genommen haben, die auf dem Wagen gewesen ist, die haben sie genommen wider Gott, Ehr und Recht, und auch wider Kaiserliche Freiheit zuwider gehandelt haben, deß wir Jüden doch gegen ihnen in keinerlei Weg verwirkt haben. Solches wir obgedachte zwei Jüden oft ersucht haben, dieser Gewalt und Unbild, der uns so geschehen ist zu Gaunersdorf von dem Herrn Pfarrer und Mathes Krieg ler, so ist es Gott erbarms große Krankheit und auch große Theuerung und viel Ungewitters mit Wasser und mit Schnee vorhanden gewesen, das wir's bisher bleiben haben müssen lassen. So kommt aber jetzt unser Fuhrmann und bitt uns Jüden um Gotteswillen der Adam Jüdl Jud von Mattersdorf und bitt uns Jüden von wegen der Wahrheit Adam Jüdl Jud von Mattersdorf, als die zwei Männer Mathes Krieg ler und der Herr Pfarrer zu Gaunersdorf vermeinten, sie hätten dem Adam Jüdl Jud von Mattersdorf nichts genommen, hätten ihn nie gesehen. So gaben wir zwei Jüden Adam Leser Jud und David Jud von wegen der Billigkeit und Wahrheit auf sein Anrufen, daß Roß und Wagen und auch die Waar von Tuch und Leinwand sein ist gewesen. Wenn aber die zwei Männer Mathes Kriegler und der Herr Pfarrer vermeinten, daß diese Waar sei unser gewesen als der zwen Juden als des Adam Leser Jud und auch David Jud so geben wir ihm aber als dem Adam Jüdl, Jud von Mattersdorf, Allen vollmächtige Gewalt was er handelt und thuet, das soll auch bei uns gehandelt sein als ob wir selbst in eigner Person selbst gegenwärtig stunden. Zur Urkund haben wir unser eigen Petschier bei der hochlöblichen Stadt Nikolsburg hierfür gedruckt und mit unser Hand nach jüdischer Ordnung mit ebreischen Buchstaben unterschrieben. Datum Nikolsburg den 20. August n. Ehr. gebürt 1573 Jahr". Folgen die hebräischen Unterschriften: „Aron Sohn des Pinchas, gesegnet sei sein Andenken, David Sohn des Ascher, gesegnet sei sein Andenken, mit der entsprechenden deutschen landesüblichen Uebersetzung: Von uns Adam Leser Jud und David Jud, beide wohnhaft zu Nikolsburg. Wiederum haben wir Adam Leser und David Jud die Jüdin mit Fleiß erbeten den ehrsamen Jacob Kranperger zu Nikolsburg, daß er neben uns Jüden sein eigen Petschier hierfür gedruckt hat, doch ihm und seinen Erben und seiner Petschaft ohne Schaden." Ein ähnliches Document stellte Adam Jüdl, Jud zu M a t t e r s d o r f, den beiden Juden zu Nikolsburg aus. — Mit dieser „Kundschaft" versehen, gingen die drei Beraubten nach Wien, zogen still und ruhig durch das Salzgries nach Maria am Gestade zum gestrengen Herrn Officiale des Bischoffs von Pas sau, dem hochwürdigen und edlen Marquard P alberst ein. Der Official ließ sich von den drei Juden im „Schergenstüblein" die Kundschaft geben. Das „Schergenstüblein" war die Wohnung des Cursors, der im Pass an'scheu Consistorinm den amtlichen Namen „Psaffenscherg" führte und eine Art von Stabsprofeß vorstellte. P a ld er stein bedeutete den Dreien, der Fall gehöre vor den Lehensherrn der Pfarrei G a un e r s d o r f, den Prälaten der Schottenabtei. Demüthig gingen die Juden hinaus, hielten Rath und wunderten der Schottenabtei zu. Der Schottenprälat Herr Johann Schretel war ein gar gewaltiger Mann. Neben seiner Insel und seinem Stabe führte er auch das Scepter über den Klosterrath, denn er war Präsident dieser Behörde und stand als solcher mit den Consistorien Wien .und Pass au auf dem gespanntesten Fuße. Er ließ die Juden in „Hitz und Wetter" lange warten. Dieses Warten hatte noch andere Unannehmlichkeiten als Hitz und Wetter. Die „Schottenweiber", als „die Hofmeisterin, die Schulmeisterin, die Leutgebin (Wirthsfrau)" neckten die Juden, zogen sie an Bart und Kleidung und „trieben allerlei spöttlichen Muthwillen". Endlich erschien der gestrenge Herr. Hatte Official Pald e r st e i n die Juden im Schergenstübel empfangen, so empfing sie Herr Prälat S chretel zwischen derThüre des großen Thores „las die Kundschaft, ließ die Juden mit Schlägen tractiren, was gar unleidlich gewesen", und hinauswerfen. Das Hinauswerfen war auch nicht sonderlich süß, wurde aber gesteigert durch allerlei böse Bengel, welche die Juden höhnten und „publice schimpfirten." Die Hinausgeworfeneu schlichen stille, soweit es der Janhagel gerade zuließ, in eine Herberge, rathschlagten und marschirten dann, ohne zu zögern, nach K ö n i g st e t t e n. In König stetten weilte gerade der Bischof Urban von P a s s a u. Urban, aus dem Geschlecht der Herren von Trennbeck, war ein milder, freundlicher Herr. Er ließ die Juden in einen „Gaden" (Zimmer) führen, (war ja sein Leibarzt selbst ein Jude aus Sitzend orf), nahm die Kundschaft, bedeutete aber, sich an den Official zu wenden. Um von den Bösen in König stetten nicht gepeinigt zu werden, mußte sie der „Scherge" bis vor den Burgfrieden führen.