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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1894-08-24 · 34 (24.8.1894) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
11 (1894)
Issue
34 (24.8.1894)
Date
1894-08-24
Page
– (sequence 17)
Language
German
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'^LL -'L8KFM >«*;•' r*V'..:?' Nr. 34 Vrstrrreirhifchr Wochenschrift Seite 663 Feuilleton. Im stillen Städtchen. Ein russisch cs Sillenbild von N. Nar mow. — Frei übersetzt von Louise Fokschancr. (Fortsetzung) (Nachdruck verboten.) Dm ganzen Weg lang schwiegen wir . . . die Kälte hatte zugenommen; es erhob sich ein Schneegestöber — der arme Synagogendiener zitterte vor Kälte, er eilte, was er nur konnte. Bei dem Scheine seiner Laterne sah ich, daß er traurig war und daß Thränen seine Augen füllten. Er wandte sich einigemale um, ein Gespräch anznknüpfen, aber aus irgend einem Grunde unterließ er es. „Das ist ein Mensch!" ries er endlich, als wir in den Corridor eintraten. „Gute Nacht!" „Kommen Sie herein, erwärmen Sie sich!" Ec hüstelte vor Vergnügen, löschte den Stumpf in der Laterne aus und stellte seinen Stock in den Winkel, womit er zeigte, wie gerne er meine Einladung annahm. Als' wir ins Zimmer traten, ging er sofort zum Ofen und wärmte die Hände. „Herrlich!" entzückte er sich. Was gibt es Besseres! . . . „Sie heizen gewiß mit Holz! Was ich Sie fragen will!" — setzte er fort, als ich mich an den Tisch begab, „Sie sind doch ein gelehrter Mensch .... warum sind die Menschen unglücklich?" „Das ist schwer zn sagen" . . . „Eh, so tappt man im Finstern ... wie eine Kuh . . . Haben Sie bemerkt, draußen ist es kälter geworden . . . Vorherbestimmung! . . . Man sieht, Ihr Dienstmädchen schließt zur Zeit die Ofenröhre . . . Nun ja, wenn man Holz hat, wird jeder Dummkopf auch heizen!" „Ich begann unter den Büchern zu stöbern, um den Graetz zu finden." Wissen Sie, welche schöne Geschichte ich Ihnen erzählen werde? . . . Ich werde heute bei Ihnen übernachten! Ja! . . draußen ist es kalt und finster ... ich habe keine Familie . . . In der Synagoge ist es auch kalt, man heizt nicht gehörig. . . Ich werde mich hier auf den Boden hinlegen . . ." „Bitte! Es wird mir angenehm sein." „Das habe ich vorher gewußt. . . Oh. ein Dummkops bleibt ein Dummkopf, wie ein Vieh ... der Ofen ist aber aus Ziegel ... ich werde mich hier hinlegen . . ." Er nahm seinen „Mantel" ab, benützte die Matte vom Fußboden als Matratze und streckte sich aus. „Ach! Gott sei Dank auch dafür! ... Nu es ist nichts zu machen . . . das „T" stört, sagt er . . . wahrscheinlich weiß er was er sagte . . . Aus der Luft wird er's nicht greifen . . . Gut geheizt . . . was gut ist, ist gut. Oh! he, he. he!" Ich saß noch lange über dem geschlossenen Buche — das verhängnißvolle „T" ließ mich nicht schlafen.... ich war geärgert. Was wäre denn, dachte ich, wenn es anders geschrieben stände und Schloime nicht vom Wege abbringen würde, ihm so den einzigen Trost raubend.. .. den einzigen Trost, den ein jüdischer Träumer finden kann! Am nächsten Tag besuchte ich Schloime wieder, las ihm einige Seiten aus Graetz vor, in denen die Rede von den Chazaren ist und von einem Briefe, d^n ein spanischer Minister — ein Jude, an den letzten Chazarenherrscher Josef richtete. Als ich zu Ende war, dankte mir Schloime mit Thränen in den Augen: „Sie haben mich buchstäblich neu belebt, ich habe nicht so viel davon gewußt. Was alles in der lieben Welt geschehen kann!" Am Abend desselben Tages wiederholte ich meinen Besuch, bewog Schloime's Frau, ein wenig Geld anzunehmen, und fand den Kranken sehr guter Laune. Er saß sogar aufrecht und erzählte etwas. Um ihn waren seine gewöhnlichen Gäste versammelt — bei meinem Eintritt rief er freudig: „Anu, kommen Sie 'mal her! Das betrifft auch Sie! Vor Allem setzen Sie sich. Beten Sie? Sagen Sie aufrichtig, wir sind doch unter uns . . . Gewiß nicht?" Er sprach zu mir" wie zu einem Kinde, dem man in wenig Zeit widmet, weil man mit ihm zufrieden ist, — er selbst war heute mit sich zufrieden und ließ sich zu mir geistig Armen herab . . . „Wissen Sie, daß es Sünde ist, nicht zu beten?" Er wollte mich offenbar beschämen. „Wie die Strenggläubigen, betet er mit zwei Paar Tefillin (Gebetriemen)" — witzelte Chaim Beer über mich — „was kann man thun, er ist so gewöhnt." . . . „Nu, und das Fasten halten Sie genau?" „Welche Frage!" setzte Chaim Beer fort — „muß man denn erst fragen!" „Es kann ja auch sein, daß er einer von den geheimen Gerechten ist", sagte der Cantor, welchen auch die scherzhafte Stimmung der Andern erfaßte. „Erlauben Sie, meine Herren, ich weiß noch nicht . . um was handelt es sich eigenltich?" fragte ich. Keiner antwortete mir; Schloime sah mich freundlich an, auf seinem Gesichte drückte sich Mitleid für mich aus, aber er hatte offenbar kein Verlangen, mit mir wie zu Seinesgleichen zu sprechen und sich in Erörterungen einzulassen. „Erklären Sie mir Neb Chaim Beer!" bat ich, „welchen Sinn haben Ihre Fragen? Ich möchte doch wissen!" Chaim Beer saß halb zu mir gewendet, glättete sein Kinn und erwiderte lässig: „Das ist nicht Turgeniew — was kann es also Gutes gcben?" „Aber bitte, antrvorten Sie!" „Ach wozu, das geht Ihnen von einem Ohr hinein und zum andern hinaus . . . Poesie! . . Mag er es Ihnen sagen, wenn er will!" Er zeigte aus den Cantor. Dieser erwies sich nachgiebiger, — nicht ohne einigem Tact erklärte er mir, daß Reb Schloime kürzlich einen Commentar gemacht habe. — Da heißt es unter Anderem: Drei Dinge fordert man von den Juden: Gebet, Buße und Wohlthätigkeit." Wer keine einzige von diesen drei erfüllt, begeht eine schwere Sünde — dem Bösewichte gleich." „Jetzt haben Sie ihn aber ganz glücklich gemacht!" bemerkte Chaim Beer verächtlich. „Sind Sie zu Ende? Nun! at er eine neue Haut, er wird gewiß diese Nacht nicht schlafen können — keine Kleinigkeit!" . . . Der Kranke blickte noch immer freundlich . . hörte aber scheinbar nicht, wovon die Rede war. Ich ging, befriedigt über die günstige Wendung in Schloime's Stimmung, fort und nahm an, daß meine ferneren Besuche überstüssig seien. Am Morgen darauf wurde ich durch em heftiges Klovfen an die Läden aufgeschreckt. Ich sprang auf und lief zum Fenster; auf mein Fragen folgte ein heftigeres Pochen. Ich verlor die Geduld — mit einer kräftigen Bewegung riß ich die Lädcn auf und erblickte den mit Schnee bedeckten, vor Kälte zusnmmengeschrumpften Synagogendiener. Ich schob den Riegel von der Thür weg. Burich stürzte mit verzerrtem Gesicht herein. Ohne Gruß und ohne auf meine erzürnte Bemerkung: „Warum antworten Sie nicht, wenn man Sie fragt" zu achten, schlug er die Thür zu, sah mich feindselig an, näherte sich mir und sagte stotternd, mit vorwurfsvoller Miene: „Man hat.. . ihn . . . wieder . . . arretirt!" „Wen?" „Wen? Wen! ... Sie müssen .. . bis neun Uhr schlafen. . . gebildeter Mensch! . . ." „Warum man ihn arretirt hat?" „Wen, Schloime?" „Sie wissen nicht? Ja, Reb Schloime — Sie sehen doch, daß nicht m i ch!. . Soeben haben ihn zwei Polizisten bei Ihrer Wohnung vorbeigeführt . . . aus dcm BUl . . einen kranken Menschen ... bei diesem Schneegestöber." „Warum hat man ihn festgenommen Han?" „Ich verstand von alldem nicht viel. . kleidete mich rasch an und eilte zur Polizei. „Ich werde hier warten. . . Wenn Sie gehen, so gehen Sie ... So etwas darf nicht geschehen .. . Was ist das. ist die Welt keine Welt? S' ist doch ein Mensch!!..." Ich ließ ihn seine Rede für sich halten, und holte knapp vor dem Polizeihause den Arretirten ein. Bon zwei Polizisten leicht gestützt, schleppte sich Schloime mühsam fort, er wankte . . . sein Gesicht war fahl, der Unterkiefer zitterte, die Augen sahen ins Leere — nur von Zeit zu Zeit blickte er auf seine Begleiter, die, sich ihrer großen Verantwortung bewußt, vorwärts gingen. Daß sie ihrer zwei waren, zeigte wie ernst die Sache war. CN BP

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