Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 660 Drflerreichifche Wochenschrift Nr. 34 Pisek, 19. August. Das alte Sprichwort: „Die schlechtesten Frauen sind es nicht, von denen inan so selten spricht," kann auf die hiesige Cultusgemeinde, von der so spärliche Berichte in die Oeffentlichkeit gelangen, angewendet werden. Die Gemeinde Pisek hat in den letzten zwei Decennien einen mächä tigen Aufschwung genommen. Sie besitzt sämmtliche zur Erhal- ■ tung einer Cultusgemeinde erforderlichen Institutionen. Den j schönen Tempel, in welchem der moderne Choralgesang mit i Orgelbegleitung gepflegt wird, hat die Gemeinde vor ungefähr * 22 Jahren aus eigenen Mitteln, ohne die Unterstützung anderer Gemeinden in Anspruch zu nehmen, erbaut. Die Gemeindemitglieder sind stets opferwillig und der wackere Vorstand unablässig bestrebt, den Cultus zn heben. Ein wahrer Hochgenuß wurde uns am jüngsten Sabbath dadurch bereitet, daß der hier während der Ferien weilende Lehramtscandidat Herr Gotthold Friedländer, ein Schüler des bekannten Musikdirektors Herrn D. Rubin in Prag, Freitag Abends und Sabbath Morgens die cantoralen Functionen beim Gottesdienste versah. Herr Frie dlä nd er, der eine sympathische Stimme besitzt, hat sich seiner Aufgabe auf die beste Weise entledigt. Sämmtliche Anwesende waren entzückt von dem schönen Vortrage dieses jungen Sängers und konnten nicht umhin, ihm ihre Anerkennung auszudrücken. K. L. Wizrritz a. Czeremosz. Gestern besuchte der neuernannte Landeschef Se. Excellenz Graf Goeß auch unsere Stadt. Um die Mittagszeit angelangt, besuchte derselbe in Begleitung des Bezirkshauptmannes das Gemeindeamt, einige Kirchen und fuhr sodann zum hierortigen Rabbiner Herrn Israel Hager, woselbst der Cultusvorsteher, zugleich Bürgermeister, Herr Moses Schärf nebst mehreren Cultusräthen sich eingefunden hatte. Der Rabbiner erwartete die illustren Gäste am Fuße der Freitreppe, begrüßte dieselben mit einer kurzen Ansprache und geleitete sie in den Empfangssalon. Hier erkundigte sich der Landeschef leutselig nach dem Befinden des Rabbi und seiner Familie, fragte, wie lange er und dessen Vorfahren schon dieses Amt verwalteten, ließ sich über die Vcrbältnifie der Gemeinde informiren und sagte schließlich: „Von Ihrem Einflüsse, Herr Rabbiner, erwarte ich, daß, im Falle Ihre Gemeinde von der Choleragefahr bedroht werden sollte, Sie nichr nur die Leidenden und Bedrohten trösten und ermuthigen, sondern daß Sie auch dahin wirken werden, daß allen Anforderungen der sanitären Behörde Folge geleistet werde." Nach einem kleinen Imbisse, wurden Toaste auf das Wohl des Landes, der hohe > Gäste und des Rabbiners ausgebracht. Der jetzige Rabbiner ist ein noch junger, toleranter und talmudisch gebildeter Mann, der vor 2 Wochen in allen Bethäusern spontan verkündigen ließ, daß man in den 9 Tagen sich des Genusses von Fleisch und Wein nicht entziehen solle, daß man ebenso am 9. Abend nicht zu fasten brauche. Dieser Besuch galt dem Vertreter einer stets loyalen und dynastietrenen Bürgerclasse. die für das Wohl und den Frieden des Landes nicht nur betet, sondern auch eifrig bestrebt ist. Jenen Hetzmissionären aber, die als Wanderprediger und Volksbeglücker umherreisen, um für ihre den Frieden und die Wohlfahrt der Völker zerstörenden Ideen Propaganda zu machen, möchte ich anrathen, zur Nachcur für ihre Strapazen den Czeremosz zu übersetzen und in das reizend gelegene, romantische Wizenkathal zu reisen. Hier ist die Luft noch nickt verpestet, der Menschenschlag gesund und unverdorben. Sollte ihnen jedoch die Luft gar zu rauh sein, so ist die Grenze von Rumänien nicht weit von hier. Berlin. Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur feierte vorgestern Abend den 100. Geburtstag von Leopold Zunz insehrwürdiger und der Bedeutung des Mannes entsprechender Weise. Schon lange vor Beginn der Festsitzung war der große Saal des Friedrich-W erd e r'schen Gymnasiums trotz der glühenden Augusthitze bis auf den letzten Platz gefüllt. Um 8 Uhr begann die Feier mit dem Vortrage des bekannten Liedes: „Auf des Lebens höchstem Throne" durch den Männerchor der Lindenstraßen-Synagoge. Herr William Wolfs leitete den Chor. Hierauf folgte die Gedächtnißrede auf Zunz, die der erste Vorsitzende des Vereins, Herr Dr. Gustav Karpeles, hielt. Mit der Absingung des Liedes „Wahrheit.zu mehren" schloß die Feier. Berlin, 14. August. Die Berliner Universität stellt für 1894—95 die folgenden Preisaufgaben, welche für jüdische Kreise ein besonderes Interesse haben; für den Königlichen Preis die Aufgabe: „Recht und Schranken der Behauptung, daß als das betende Ich in den Psalmen nach der Absicht der Dichter die israelitische Gemeinde anzusehen sei, sind am exegetischen Thatbestande darzuthun.". Die Aufgabe für den städtischen Preis der theologischen Facultät lautet: „Es ist die Bedeutung Hosea's innerhalb der alttestamentlichen Propheten darzulegen." Petersburg. Einige Mitglieder der Rabbiner-Commission, die vor Kurzem in Petersburg getagt hat, haben an den Minister der Volksanfklärung, De lj a n ow, ein Gesuch gerichtet: „1. Die Zahl der jüdischen Elementarschulen zu erweitern, 2. den Juden den Eintritt in die Volks- und Realschulen zu erleichtern, 3. ein speciell jüdisches Religions-Lehrerseminar zu errichten." — Wie verlautet, hat das Gesuch Aussicht auf Berücksichtigung. In Japan existirt nur eine einzige jüdische Gemeinde in der Hafenstadt Nagasaki, die aus englischen, amerikanischen holländischen, deutschen, österreichischen rc. Emigranten besteht und die auch eine Synagoge und einen besonderen Friedhof besitzt. Kleinere jüdische Ansiedelungen gibt es dann noch in den Hafenstädten Kobe und Iokohama und in der Residenz, stad Ieddo (Tokio). Was China anbelangt, so befinden sich in dessen Hauptstadt Peking, in der keine Fremden geduldet werden, gar keine ausländischen Juden. Dagegen gibt es in Tien-tzin, der Hafenstadt Pekin g s, eine ansehnliche Colonie ausländischer Juden. Dann gibt es in der Hafenstadt Schang-hai und auf der zu England gehörenden Insel Hongkong kleine jüdische Gemeinden mit Gotteshäusern und Friedhöfen. In den chinesischen Hafenstädten Ca n to n, Futschbu und Amoy gibt es gleichfalls kleinere, jüdische Ansiedelungen. Im Königreiche Korea, um das der Krieg zwischen Japan und China entbrannt ist, befinden sich gar keine Juden. Jerusalem. Vor einigen Jahren — so schreibt man der „Kreuzzeitung" — kam eine Anzahl yemenitischer Inden nach Jerusalem und ließen sich in großer Armuth an den Abhängen des Oelberges nieder. Sie empfingen von den Missionären der Londoner Judengesellschaft und Anderen viel Freundlichkeit. Diese Freundlichkeit machte auf sie einen tiefen Eindruck. Ej.ner ihrer Anführer schrieb an ihren Rabbiner in Jemen und schilderte ihm in lebhaften Farben die Christen und ihre Lehre. Der Rabbiner Ihya (?) erwiderte hierauf: „Was die Christen angeht, so sagst Du, sie seien fromme und wohlthätige Leute. Wir können nichts sagen, denn wir haben noch nie einen Christen gesehen; es gibt in ganz Jemen keinen einzigen. Und was das Buch betrifft, was Du uns geschickr hast (das Neue Testament), so haben wir nie etwas Aehnliches gesehen. Diese Religion ist uns ganz etwas Neues, und seit der Zerstörung des ersten Tempels, als unsere Auswanderung aus dem Lande Israel stattfand, haben wir nichts davon gehört." Es gibt jetzt mehrere yemenitische Niederlassungen in der Nähe von Jerusalem, die Pastor I. Jamal regemäßig besucht. Er schreibt, daß sie mit großer Bereitwilligkeit das Evangelium hören. Nachdem sie ihm "gebeten hatten, zu einer yemenitischen Gemeinde zu sprechen, die zwei Stunden lang ohne Unterbrechung zuhörte, hörte man einige sagen: „Wenn dieser christliche Rabbiner in unsere Heimat Jemen ginge, so sind wir überzeugt, daß Hunderte unserer Landsleute seinen Glauben annehmen." Die Judenmission von Mildmay (London) hofft nun, bald einen Missionär in dieses hoffnungsvolle Arbeitsfeld in Arabien senden zu können. (Also aufgepaßt! D. Red.) In der „Zeitschrift des deutschen Palästina- Vereines" ist eine Zusammenstellung des gegenwärtigen Bestandes der jüdischen Colonien in Palästina erschienen, welche auf einer genauen und umfangreichen Benützung aller zugänglichen Quellen beruht. Zum ersten Male gewinnt man einen wirklichen Ueberblick über den besonders seit Anfang der Acht-! ziger-Jahre bedeutend gewachsenen Besitzstand der Juden im ' Lande ihrer Väter. Die gesammte jüdische Bevölkerung Palä- , stinas belief sich nach der Zusammenstellung auf 64.944 Seelen i mit einem Areal von 6'/. Quadratmeilen, während Palästina auf 395 Quadratmeilen geschätzt wird. Einige der aufgeführten | israelitischen Colonien bestehen schon über 10 Jahre und weisen zum Theile recht bedeutende Pflanzungen auf.