Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 658 Oestrrrrvtzifchr Wochrnschrist 0tr. 34 dann die Zeche getreulich bezahlet und sind noch selbigen Abend geruhig vor Nacht wieder auf Halle heimgekommen." Aus dem Briefkasten der „Ostdeutschen Rundschau": K. H. Wolf correspondirt: „Meo. Wir haben Ihr „Morgengebet" natürlich gleich auswendig gelernt und wollen die sinnigen Verslein, soweit sie nicht für das Erscheinen des Blattes gefährlich scheinen, unseren Lesern nicht vorenthalten. Sie, und sicherlich Tausende mit Ihnen, beten also: „Herr, send' uns den Moses wieder, Das; er seine Glaubensbrüder Führ' zurück in's heil'ge Land! Las;' das Meer sich nochmals theilen, Daß die beiden Wassersäulen Steh'n wie eine span'sche Wand. Wenn dann in der tiefen Rinnen Alle Juden stecken drinnen, Herr, dann — — —-- Daß die Christenheit hat Ruh!" Wir müssen es dem antisemitischen AhnungsvermLgen unserer lieben Leser überlassen, die durch Strichlein ersetzten Worte zu errathen; sie drück an einen frommen Wunsch aus." — Auch ein Beitrag zur antisemitischen Poesie. Entmenschte Horde das - Bestien in Menschengestalt! „Jüdische Thierquäler?" Prof. Försters „Freideutschland" brachte am 20. Juli folgende Notiz: Krefeld. Wie die „Deutsche Ztg." mittheilt, haben sich zwei Juden eine kaum glaubliche Thierqäulerei zu Schulden kommen lassen, indem sie eine Katze furchtbar mißhandelten und schließlich völlig auseinanderrissen. Als ein hinzukommender Deutscher, ein sehr geachteter Bürger, die Juden wegen ihrer Rohheit zur Rede stellte, wurde er von den frechen Fremdlingen noch beinahe geschlagen. Die Thierquäler sollen zur Anzeige gebracht werden. Das ist ja gerade einer der Hauptunterschiede zwischen Deutschen und Juden, der Deutsche erbarmt sich auch des Viehes, der Jude nicht einmal der Mitmenschen — er sei denn „sein Nächster", d. b. ein Stammesgenosse. Wir erhalten dazu folgende authentische Nachricht: Ich theile Ihnen ergebenst mit, daß ich zunächst inner' halb der israelitischen Gemeinde selbst genaue Erkundigung einzog, weil dort unbedingt von einem solchen Vorkommnisse etwas hätte zu Ohren kommen müssen. Da aber daselbst von einer von Juden verübten Thierquälerei nichts bekannt gewesen war, wandte ich mich an die Behörden, als die authentischeste Quelle, in der Annahme, daß in erster Linie bei denselben ein so ärgernißerregender Vorgang hätte zur Anzeige gebracht werden müssen. Aber weder im Polizeibureau noch bei der Amtsauwaltschaft konnte die Meldung des antisemitischen Blattes bestätigt werden. Es waren, soweit es sich in die letzte Zeit verfolgen ließ, verschiedene Fälle von Thierquälerei bei genannten Behörden angezeigt worden, in denen es sammt und sonders nur „Deutsche" waren, die sich' „des Viehes nicht erbarmt" hatten. Also ist die obige Meldung gänzlich aus den Fingern gesogen und nur ein Glied in der langen Kette unberechtigter Verleumdungen und Verdächtigungen. Von der Wahrheitsliebe der Crefelder „Deutschen Zeitung", die übrigens nur in dem intimsten Kreise ihrer Gesinnungsgenossen ein kümmerliches Dasein fristet, könnte ich Ihnen, falls Sie es wünschen, ein Pröbchen geben: Noch jüngst sprach sie gegen einen hier wohnhaften armen Hausirer eine böse Verleumdung aus, die sie nachher als gänzlich unbegründet zurückzunehmen gezwungen war. Antisemitische Ausbeutung der Arbeitskraft. In der Prof. Förster'schen Zeitung „Freideutschland" (Drucker: Muskalla, Wilhelmstraße 139), so schreibt mit Behagen das „Volk" am 11. August, legten heute sämmtliche Schriftsetzer die Arbeit nieder. Es wurde von ihnen verlangt, daß sie für das in Berlin ortsübliche Lohnminimum von M. 25'65 die sechsseitige täglich erscheinende Zeitung fertigstellen sollten. Da das für die 7 Setzer ein übermäßiges Satzpensum war, stellten sie ihre Thätigkeit sofort ein. Wenn das schon am grünen Holz geschieht... Wo bleibt da die „jüdische" Ausbeutung? Antisemitismus in Sportkveisen. Dem Vernehmen nach hat der Vorsitzende des Berliner Nachtclubs, Professor Aß mann, und mit ihm der bisherige Vorstand das Amt niedergelegt weil die Mitglieder des Nachtklubs zweimal die Aufnahme eines Juden abgelehnt haben. Bei einer Neuwahl hat jetzt der Stadtverordnete Rentier Mertens den ersten Vorsitz übernommen; zu stellvertretenden Vorsitzenden sind Kaufmann O. Zander und Rentier V o l l m a r und zum Schriftführer der Gemeindevorsteher von Eichwalde, Fondsmakler Paul Schmidt gewählt worden. Zur Hebung der Industrie in Galizien. Anläßlich der galizischen Landesausstellung erscheint es zeitgemäß, die Frage zu erörtern, warum in Galizien die Industrie noch so wenig entwickelt ist? Die Erklärung ist bald gefunden. Die Classe der Capitalisten in Galizien ist nicht zahlreich, denn die Reichen sowohl wie die ganz Armen gehen außer Landes, die Einen, um zu genießen, die Anderen, um Brot zu suchen. Von den im Lande Verbliebenen aber haben die Wohlhabenden keinen Sinn und kein Berständniß für industrielle Unternehmungen, diejenigen aber, welche den Sinn dafür hätten — wiewohl ihnen Schulung und Praxis fehlt — können sich den nöthigen Credit nicht verschaffen. Daß in Galizien die Verhältnisse für industrielle Unternehmungen sehr günstig sind, braucht wohl nicht erst erwiesen zu werden!. Ich hatte in meiner geschäftlichen Thätigkeit Gelegenheit, mir eine Uebersicht zu verschaffen über die ungeheueren Massen von Fabrikaten und Halbfabrikaten, welche ans und über Wien, aus Böhmen nnd aus Deutschland nach Galizien expedirt werden. Diesem ungeheuren Consum steht eine Production gegenüber, die gleich Null ist. Bei einer kurzen Geschäftsreise durch Galizien, war ich bemüht, mir Aufklärung über die merkwürdige Erscheinung zu verschaffen, daß die als speculativ geschilderte, jüdische, handeltreibende Bevölkerung sich nicht daraus verlegt, Jndustrieen ins Leben zu rufen. Die erhaltene Aufklärung war durchaus nicht stichhältig. Angeblich soll die Arbeiterbevölkerung derart unzuverlässig sein, daß ein regelmäßiger Fabriksbetrieb schwer durchzuführen ist. Der wahre Grund ist das nicht, denn in jeder neu begründeten Industrie werden im Anfänge geschulte Kräfte — technische Beamte und Arbeiter — von auswärts bezogen, bis die heimische Bevölkerung genügend geschult ist. Das wäre also sicher kein Hinderniß. Und geschulte Kräfte findet man heutzutage in den großen Städten unter der Reservearmee der Arbeit haufenweise! — Von der eminenten Wichtigkeit und dem Segen zu sprechen, den eine rasche, industrielle Entwicklung Galiziens für die große Masse der Bevölkerung, für jüdisches und christliches Proletariat verbreiten würde, erscheint ganz überflüssig. Es ist gewiß nicht Uebermuth, welcher die Bevölkerung dazu treibt, nach Amerika und nach Rußland auszuwandern. Die Roth aber würde aus den Leuten auch mit der Zeit verwendbare Fabriksarbeiter machen. Uebrigens könnten ja die Fabriken vorwiegend in kleinen Orten in guter Lage eingerichtet werden. In Galizien ist ja Alles billig, der Arbeiter, der Platz, der Transport, das Bau- und Heizungsmaterial, kurz Alles,° so daß der ländliche Arbeiter sich leichter hineinfinden könnte, warum sollte man nicht in einzelnen Artikeln concurrenzfähig werden können! Es ist kein Zweifel, daß in Galizien Industrien sich ebenso gut entwickeln könnten, wie in Ungarn, wenn sie von Oben gehörig unterstützt werden. Es wäre daher sehr im Interesse der Sache gelegen, wenn die General-Direction der Lemberger Ausstellung durch prompte Herausgabe eines übersichtlich auf Grund amtlicher statistischer Daten zusammengestellten Handbuches (auch in deutscher Sprache), welches besonders die wirthschaftliche und culturell Entwicklung Galiziens in den letzten Jahrzehnten zu bebandeln hätte und das auf Grund der Gewerbe-Enquete und sonstiger Verhandlungen auch bezügliche Anregungen geben würde, für die Idee Propaganda machen wollte. Diese Zeilen haben nur den Zweck, allen Besuchern der Ausstellung, besonders den auswärtigen, unternehmungslustigen einerseits und den Patrioten in Galizien anderseits, welche für den materiellen und culturellen Fortschritt des Landes und der Bevölkerung ein Herz haben, die Beschäftigung mit dieser Frage nahezulegen. Sollte es mir gelingen, das Interesse derOeffentlichkeit für diese vitalen Fragen angeregt zu haben, dann wäre mein Zweck mehr als erreicht! M. Schapira.