Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 654 Wochenschrift Vesterrrichlschr Nr. 34 zu erklären, daß man mit dem Beschluß, daß keine Discussion stattfinden solle, nicht gemeint hat, daß der Congreß sich sür oder gegen das Schächten ausspricht. (Beifall). Professor F ö rster: Auch ich bin gegen eine Discussion, auch ich glaube, daß, bona Läes vorn-isgefetzt, wir uns gegenseitig nicht bekehren werden, aber ich will, daß der Congreß zu dieser wichtigen Frage Stellung nehme. Daher beantrage ich: Der Congreß erklärt seine Zustimmung zu der gesetzlichen Regelung der Schächtfrage in Sachsen und der Schweiz und fordert alle Vereine auf, dahin zu wirken, daß die gleiche Regelung in allen Ländern durchgeführt werde. Generalarzt Decroix: Ich bin für die Discussion. Caviezel, Graubündten: Ich habe selbst gegen das Schächten agitirt, aber jetzt bin ich der Ansicht (Lärm bei den Schweizern), daß die Erörterung der Schächtfrage nicht den Programmpunkt bildet, sondern nur die Berichterstattung. (Schlußrufe). Ich bin ein freier Schweizer und lasse mir das Wort nicht nehmen. Ich bin gegen eine Discussion. Pfarrer Wolfs: Wir haben einzig die Berichte entgegengenommen und weiter nichts in der Frage zu thun. Ich beantrage: Der Congreß dankt den Berichterstattern Herrn Keller und Gmeiner-Benndors. Präsident Lienhard: Ihr Präsident hat in Uebereinstimmung mit dem schweizerischen Centralvorstand das Programm, wie es vorliegt, festgesetzt, weil er der Ansicht ist, daß auf schweizerischem Boden, nachdem das Volk gesprochen hat, es nicht gut angängig ist, die Schächtfrage für andere Länder unbefangen zu besprechen. Wir wollen weder nach der einen noch nach der anderen Seite hin Einfluß ansüben, wir wollten nur zeigen, wie sich ler Kampf in zwei Staaten entwickelt bat. Professor Förster wünscht, daß über seinen Antrag jedenfalls abgestimmt werde. Geh. Ober-Regierungsrath Dam mann: Ehe der Antrag Förster zur Abstimmung gelangen kann, müßte eine Discussion erfolgen. In diesem Falle bitte ich selbst gegen den Antrag um das Wort. Hartmanu, Köln: Als Präsident des Thierschutzverbandes des Deutschen Reiches betone ich. daß ich der erste war, der den Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung stellte. Bei der Abstimmung wird der Antrag Wolfs: „Die Borträge nur dankend entgegenzunehmen, ohne daran eine Stellungnahme zu knüpfen", mit außerordentlich großer Mehrheit angenommen. Bei der Gegenprobe sind nur fünf Stimmen für das Eingehen in die Discussion nach dem Anträge Förster. (Lebhafte Bewegung.) Unter der starken Erregung, die diese Debatte und Abstimmung im Saale hervorruft, verhallt das Referat des Herrn Keller über die Bestimmungen des Viehtransportes fast ungehört. Während der Debatte über das Schächten ist eine große Anzahl Schriften über das Schächten vertheilt worden, die lebhaft studirt werden. Stellenweise war die Erregung so lebhaft geworden, daß man eher geglaubt hätte, in einer Volksversammlung zu sein, als auf einem internationalen Delegirtencongreß: man bedauerte deshalb schließlich nicht, daß eine Discussion vermieden wurde, bei der die an Zähl fast gleichen Gegner und Freunde des Schächtens sich sehr bald unliebsam erhitzt hätten. Unter den Schweizern überwiegen die Feinde dieser Methode, unter den Deutschen hatten die Freunde die Majorität, die anderen Delegirten waren getheilt. Confervakiver Antisemitismus. Während die verschiedenen Schaltirungen in den antisemitischen Parteien in Deutschlai d sich gegenseitig bekämpfen und zerfleischen, weil jeder erster Führer — und sei es auch nur einer dreiköpfigen Gruppe — sein und das beste Geschäft machen will, — während dessen schreitet die größte antisemitische Partei Deutschlands, die sich nur noch aus Pietät und alter Gewohnheit conservativ nennt, immer fort. Stöcker sprach unlängst in Düsseldorf den ebenso bescheidenen, als trefflichen Gedanken aus: „Die conseroative Partei ist die eigentliche Fortschrittspartei im Deutschen Reich." Ja, sie schreitet fort mit Riesenschritten, diese konservative Partei, aber auf schiefen Bahnen, und ihr letztes Ziel ist der krasse Egoismus, der häßliche Rassen- und Classenhaß. Männer wie M o l t k e und M e y e r - A r e n s w a l d e, vor denen auch der politische Gegner einen gewissen Respect hatte, sind heute für diese Partei nur noch sagenhafte Gebilde; nicht die vornehmen, sondern die unverschämten Naturen führen da jetzt das Scepter. Das soeben in zweiter Auflage erschienene „Conseroative Handbuch", das eigentliche Bekenntnißbnch der „mit Gott für Kaiser und Reich" kämpfenden Partei, spricht eine gar beredte Sprache und läßt den Leser in dieser Beziehung nicht im Unklaren. Während der antisemitische Geist in der eisten Auflage von 1892 sich noch im Tricot zeigte, erscheint er in der gegenwärtigen neuen Auflage ganz nackt, in seiner ganzen jämmerlichen Blöße. Sogar das von vielen Antisemiten selbst als bubenhaft und abscheulich bezeichnete Agitationsmit el, der tapfere Kriegsruf „Kaust nicht bei Juden!" ist diesen Aristokraten gut genug. Es heißt in diesem Buche: „Die Deutschen sollten grundsätzlich keines der zahlreichen jüdischen Geschäfte in Nahrung setzen, von denen cs notorisch sei, daß sie ihre Arbeiterinnen aus den Weg des Lasters verwiesen; wenn es in der Judenfrage eine „Schmach" gebe, so liege sie in der Thatsache, daß deutsche Frauen und Männer der höchsten Kreise sich nicht scheuen, solche Geschäfte zu betreten. Man müsse aber auch denjenigen Juden gegenüber Zusammenhalten, die sich in ihrem bürgerlichen und geschäftlichen Leben vichts zu Schulden kommen lassen. Der christliche Deutsche soll unbeirrt auch im geschäftlichen Leben in erster Linie seinesgleichen unterstützen." Das ist doch deutlich. Nun, wenn man bei einem jüdischen Ladenbcsitzer nicht kaufen will, der unanständig und unreellist, das wird Jeder billig und vernünftig finden; wenn man aber ein Geschäft grundsätzlich meidet, weil auf dem Schilde ein jüdisch klingender Name sigurirt, so ist das eine traurige Culturerscheinung. Die Juden sollen also in aller Form bopcotiirt werden und zu Grunde gehen, denn daß sie bei der heutigen Zusummensehung der Bevölkerung von den jüdischen Kunden allein n'cht existiren können, ist doch klar. Und warum sollen diese Kanfleute gemieden werden? Weil sie Juden sind! Und diese Parole ertheilcn dieselben Herren, die über die Boycottirung der Berliner Bierbrauereien in moralische Entrüstung geralhen! Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Freilich, die Gerechtigkeit ist ein fremdes Wort in der modernen, politischen Conversation. Man verwandelt einfach den Capitalismus in den jüdischen Mammonismus, gibt ihn eine lange Nase und einen jüdischen Charakter, um dann gemüthlich über den ewigen Sündenbock, das Judenthum, herzufallen, während man die armen, gedrückten Gutsbesitzer unter seine Fittige nimmt — das ist modern, aristokratisch und bequem. Welch' elende Heuchelei gehört dazu, wenn die Herren Junker, die das ins primae noctis zwar formell nicht mehr besitzen, in der Praxis aber noch, so gut es geht, ausüben, — wenn diese moralischen Helden sich darüber beklagen, daß die jüdischen Geschäfte — erwiesen ist es natürlich nicht — ihre Arbeiterinnen auf den Weg des Lasters verweisen. Wozu in die Ferne schweifen? Siehe das „Gute" liege so nah. Fanget doch mit der sittlichen Reform bei Euch selbst an! Schreitet nur fort ans dieser ruhmvollen Bahn, ihr edlen Kreuzzeitungsritter, die Geschichte wird bald auch über Euch zur Tagesordnung übergehen und mit ehernem Griffel Euch folgendes Zengniß schreiben: Partei für Jntercffenpolitik und verschämten Antisemitismus, erzeugt unb gestützt durch die Gnade der Regierung — und doch undankbar gegen die Hand, die sie gepflegt, gegen den Busen, der sie gewärmt hat. F. S. Vom Jahrmarkt des Lebens. Georg Brandes über Ernst Renan. — Der hellenische Geist war Renan damals noch so ziemlich fremd, und noch gar manches Jahr verging, ehe er das