Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 11 (1894)
- Issue
- 34 (24.8.1894)
- Date
- 1894-08-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 34 Drsterretchifchr Mochrnfchrif! Seite 651 Ernst Schneider in Lemberg! Die Enkel werden sich noch vor Lochen schütteln und die Seiten halten, wenn ihnen die Großväter die tolle Geschichte vom Lemberger Gewerbetag zum Besten geben und vom grimmen Wehrwolf erzählen werden, der Alle fressen und zu Schanden beißen wollte und nicht einmal ordentlich sich zu kläffen getraute und sich als zuthunlich zahmes Hausthierchen entpuppte, das froh war, wenn man es nur bei Tische duldete unb ruhig seinen Wanst ansüllen ließ. _ Vielleicht werden wir noch die Ehre haben, Herrn Schneider bei T o n e l l o oder Kühner in W i en zu begrüßen. Das wäre ein ganz colossaler Triumph der koscheren Küche, wenn es ihr gelungen wäre, aus diesem grimmen Anti einen lahmen Philo zu machen und ihn eines Nahrhafteren zu bez hren. Wir hoffen ihn noch zu sehen, wie er — nach Julius Bauer's witzigem Wort — sich eine Kugel durch den Leib jagt. Sich selbst treu zu bleiben ist eine schöne Sache, aber von Stampiglius nicht zu verlangen, dessen Motto heißt: „Wo man trinkt, da laß' dich rrihig nieder" und der frei nach Martin Luther auf sein Wappenband als stolzen Wahlspruch die schönen Worte geschrieb.u: „Hier sitze ich — ich kann auch anders! O ja!" Ein kleines Geschichlchen aus längst vergangenen Tagen läuft uns da ganz gelegen in den Weg. Es zeigt deutlich, was Herr Schneider vor einigen Jahren war und wie er sich gar nicht verändert hat. Er ist noch immer der Alte. Lassen wir uns also von einem Freunde unseres Blattes ein wenig erzählen: Ein Führer darf sich nie lächerlich machen und wie feig hat sich Schneider in Lemberg benommen, wo ihm schon am Bahnhofe — nie ein Wiener-Blatt treffend bemerkte — ein Vorhängschloß von der En pfangsdeputalion, die doch gewiß zum größten Theile aus Nichljrrden lu stand, angelegt wurde, der sich von einen jüdischen Kutscher — die Juden haben die Zügel in Händen in Lemberg — noch der Stadt fahren ließ, der in Gesellschaft von zumeist jüdischen Gewerbetreibenden mit Koscherkosi sich bewirthen ließ rc. Wir fragen nun: Haben wir nicht Recht, wenn wir dies Feigheit nennen?. Denn jeder andere, von seiner Mission vollst überzeugte Antisemitenführer hältedoch die Pflicht gehabt, gerade in Lemberg einen consegaenlen Standpunkt in der Weise einzuhalten, daß er in Wahrung der antisemitischen Thätigkeit und Richtung sich unter Eclat mit seinen Gesinnungsgenossen nach W ien zurückbegeben hätte. Wer aber dies von einem Schneider oder Vergan i voraussetzt, ist gewaltig im Jrrthume, denn so wie Vergani in Kopenhagen erst nachdem eingenommenen Lunch bei dem jüdischen Gencralconsul sich darüber aufhielt, daß er in einem jüdischen Hause Gastfreundschaft genossen, ebenso wollte Schneider alle Freuden des irdischen Lebens auf fremde Kosten in Lemberg genießen, bevor er die gastfreundliche Stadt — wenn auch von Koscherdunst und jüdischen Gewerbecollegen durchsetzt — verließ. Was gilt Schneider seine heilige Mission als Antisemitenführer, wenn er derselben das Opfer der Entsagung der irdischen Genüsse bringen soll! Was winden Vergani und Schneider sagen, wenn ein dem Judenthume angehöriger Führer sich des leiblichen Wohles wegen solchen Demüthignngen aussetzen würde? Doch uns speciell, die wir das Leben, die Vergangenheit, alle Niederträchtigkeiten dieser Sippschaft und besonders dieses Antisemitenführers kennen und dessen Handel und Wandel in seiner Jug nd, im Aufsuchen, im Äufslöbern von zu Judenverfolgungen geeigneten Erzeugnissen (viele Kolinrc) mit aller Emsigkeit und nicht eben zu seiner Befriedigung verfolgen, wir sind in der Lage, diesen antisemitischen Helden an eine Episode in seinem Leben zu erinnern, die ganz geeignet ist, den geringen Grad persönlichen Muthes oder kurz gesagt seine notorische Feigheit zu illustriren. Vor etwa fünfzehn Jahren, als dieser gute Herr noch in bescheidenen Kreisen für die neue Heilslehre wirkte, wo ihm noch nicht jene bedeutenden Geldmittel von clericaler Seite und von seinem Gebieter, dem Fürsten Liechtenstein, zur Verfügung standen und er aus diesem Grunde auch noch nicht in der Lage war, im ganzen Reiche seine Thätigkeit zu entfalten, begnügte er sich, mit einem kleinen Ausfluge nach Jedles e e, bekanntlich ein kleiner Jndustrieort nächst Wien, wo auch jüdische Industrielle Etablissements besitzen, um in der dortigen Bahnhofrestauration mit einigen Gesin' ungsgenossen Ausfälle über die Schädlichkeit des jüdischen Wirkens in Wien und Umgebung zu machen. Ein zufällig dort ansässiger Fabrikant jüdischen Glaubens, Namens F., verwahrte sich feierlichst gegen diese allgemein gehaltene Verunglimpfung, und nachdem Schneider den dortigen Boden für eine Auseinandersetzung nicht genug sicher fand, schwieg er, um den bald anlangenden Zug zur Heimreise nach Wien zu benutzen, in welchem sich übrigens auch der erwähnte Fabrikant befand. In Wien am Nordbahnhofe angekommen, fühlte er sich plötzlich (— wie Antäos) auf heimischem Boden, stellte sich beim Ansgarge dem besagten Herrn F. mit energischer Miene entgegen, herrschte ihn mit Stentorstimme in so beleidigenden Worten*und Ausfällen an, daß der sonst b sonnene Fabrikant — ohne ihn auch nur eines einzigen Wortes zu würdigen — dem damals noch wenig bekannten Antisemitenzögling eine derbe Ohrfeige versetzte, welche selbstredend in der Bahnhoshalle Aufsehen und Zusammenlauf verursachte. Der Jnspeclionscommissär führte sofort beide Herren in das Bahnhof-Polizeiinfp'ctorat und machte von dem Geschehenen Meldung. Herr F., ein muihiger Ungar, gegenwärtig bestrlnommi'rter Fabrikant in Budapest, scheute sich nicht, seine Missethat als im Widerspruche mit den Gesetzen stehend unumwunden einzubekenmn und mußte auch Schneider das beschämende Bekenntnis; ablegen, daß er diesen wohlverdienten Backenstreich thalsächlich erhalten und sich keine Satissaclion dafür genommen habe. Herr F. war zufüllig dem amtireuden Commissär im besten Sinne seit Jahren bekannt. Der L tztere fonnie nicht umhin, Schneider als Kleingewerbetreibenden darauf aufmerksam zu machen, daß sein Gegner sich gewiß nur in Folge einer Provocation zu einer Thätlichkeit auf öffentlichem O.te Hinreißen ließ und empfahl Herrn Schneider — ihm die schädlichen Folgen eines werteren gerichtlichen Verfahrens für ihn und seine Interessen als Kleingewerbetreibenden vor Augen haltend — Herrn F. einfach für die in Jedlesee gemachten Ausfälle gegen die Juden — um Enlfehuldigung zu bitten. Schneider, zunächst fein materielles Interesse als Mechaniker, da er verschiedene hohe Staatsämter und auch zahlreiche jüdische Kundschaft bediiute, sich vor Augen haltend, lieferte auch damals schon den Beweis der Ritterlichkeit und des persönlichen Muthes, indem er in aller Form Herrn F. Abbitte t e i st e t e, um seine materiellen Vortheile nicht in G fahr zu bringen. Wir haben oft Beweise geliefert, daß die Antisemiten nur so lauge Muth besitzen, so lange ihre wert e Persönlichkeit nicht gefährdet erscheint und daß sie sofort das Hasenpanier ergreifen, wenn ihnen muthig und energisch entgegengetreten wird. Herr F. hatte seine Entschuldigung — Schneider seine Ohrfeige. Die Sache war somit in der schönsten Ordnung beigelegt. * Wir erhalten aus Lemberg nachstehenden Bericht: Die Deputation, die beim Gewerbetag gewäblt wurde, den Kleingewerbetreibenden Schutz und Beistand zu erflehen von dem erhabenen Monarchen, unserem geliebten Kaiser, kann mit einem Wort leider illnstrirt werden: „antisemitisch". 1. Herr W al i ch i ew i cz, ein bekannter Judenfresser, will sich nicht erinnern, daß er einst als armer Sattler in zwei Dachzimmern, Sixtuskagasse 2, beim sel. Jacob Her,; Bernstein wohnte und von dort aus Vermögen gemacht hat. spuckt jetzt bei jeder Gelegenheit auf Juden, so viel er nur kann. In seinem Cafe Central, dessen Eigenthümer er ist, wird einem Inden nichts verkauft. Ja, als er beim Reseriren der Gewcrbeände-